Digitale Nomaden

oder: Warum ich ihnen nicht glaube…

Über das Thema mit den Digitalen Nomaden stolperte ich vergangenen Juni, als ich einen Bericht las über Backpacker und wie man seinen Koffer ordentlich packt. Mit so wenig wie möglich zu reisen und am besten überhaupt nur noch mit Handgepäck. Das geht; sollte man nicht glauben, aber geht echt. Einige dieser Berichte kamen von Leuten, die man unter dem Überbegriff Digitale Nomaden zusammenfasst. Das hört sich interessant an und die Jungs und Mädchen sind zumeist sehr selbstsicher und kommunikativ. Trotzdem tat sich für mich ein Graben auf, als ich ein wenig auf deren Blogs las, wie sie ihre Reisen, ihre Beweglichkeit finanzieren und wie sie über die Runden kommen.
Der Begriff des Nomaden ist für mich noch immer aufgeladen mit Eigenschaften, die mit Wildheit, Freiheit, Grenzenlosigkeit zu tun haben, aber auch mit Ungebundenheit, Heimatlosigkeit, Verlorenheit. Und ich sehe vor meinem geistigen Auge Wanderer, die durch völlig menschenleere Landschaften ziehen, um das unentdeckte Land zu finden.
Dabei sind Digitale Nomaden mehr noch als alle anderen von Infrastruktur abhängig, denn sie verdienen ihr Geld unterwegs mit elektronischem Equipment: Laptop, Tablet, Smartphone. Sie sind örtlich eingeschränkt ungebunden, das stimmt, aber sie sind nicht frei von Zivilisation und Andockmöglichkeiten. Die Digitalen Nomaden arbeiten im Marketing, als Übersetzer oder betreiben andere Geschäfte im Internet, wie zum Beispiel die Flug- und Reisesuche für Privatpersonen und/oder Unternehmen, die nicht selbst suchen wollen und Alternativen zu herkömmlichen Reisebüros suchen.
Der Begriff des Nomaden beschönigt, dass es sich um Menschen handelt, die zumeist von der Hand in den Mund leben und obwohl sie so tun als ob sie frei wären, niemals von der Zitze der Internetverbindung getrennt werden können. Sie sind Nomaden im digitalen Kuhstall, könnte man sagen, und der Großteil von ihnen lebt dabei nicht wirklich gut. Natürlich kann man das beschönigen und frei nach Thoreau sagen, dass der Ärmste der Reiche ist, den sein Hab & Gut an einen Ort binden, und wirklich reich ist der, der alles, was er hat, mit sich führen kann, doch das ist eine Lüge gegen sich selbst. Die Freiheit des Nomaden beinhaltet auch immer Hunger und die Sehnsucht, nach Hause zu kommen. Nicht jetzt, später vielleicht, aber irgendwann einmal doch.

Jay Alvarez
Ein Digitaler Nomade (und so nomadig ist der gar nicht), der es geschafft hat, ist Jay Alvarez. Der gebürtige Hawaianer brachte es mit seinen hedonistischen Fotografien und Videos zum Millionär, das heißt, er kann sich seine Reisen überallhin sehr wohl finanzieren. Im Rücken hat er eine sehr relevante Anzahl von Unternehmen, die ihn als Werbeträger sponsern. Alles, was er veröffentlicht, sieht mühelos aus, versprüht Lebensfreude und Sorglosigkeit. Allerdings ist Jay die absolute Ausnahme. Seine Voraussetzungen waren und sind ideal: Er kommt aus einer exotischen Gegend, sieht sehr gut aus und ist extrem zeigfreudig. Die deutschen Digitalen Nomaden hingegen, über die und von denen ich gelesen habe, dampfen die Suche nach Einkommensmöglichkeiten geradezu aus. Und das zertrümmert den Eindruck vom langhaarigen, bärtigen Nerd, der femininen, selbstständigen Frau, die mit dem Smartphone und Laptop durch die Landen ziehen und frei sind.
Und mir scheint es nicht frei, wenn man einen erheblichen Teil seiner Zeit aufwenden muss, um Einkommensmöglichkeiten zu finden, von verdienen rede ich noch gar nicht. Da verbringe ich lieber meine Arbeitszeit an einem mir vertrauten Ort und wenn ich auf Reisen gehe, konzentriere ich mich allein auf die Reise selbst, auf das “dort” sein. Und nicht darauf, den nächsten Accesspoint zu finden, um Business zu machen.