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NATHSCHLÄGER

Ein Schriftsteller & Herumtreiber

Politische Korrektheit

Im Grunde genommen handelt es sich bei politischer Korrektheit um nicht mehr oder weniger, als um den Willen, durch Sprache, Gestik und Mimik allen Menschen grundsätzlich das gleiche Maß an Würde, Ehrerbietung und Freundlichkeit zuteil werden zu lassen. Für Bürger, die sich dadurch definieren, dass sie Sprachcodes, Symbole und Manierismen entwickeln, um andere Menschen gering zu schätzen, mag allein schon der Wille, alle in der Kommunikation und Ausdrucksform gleich gut zu behandeln, wie ein Affront sein. Gleich erschallt da der vielstimmige Ruf, man würde Denkverbote erteilen, den Menschen einen Maulkorb umhängen oder die Meinungsfreiheit mit Füßen treten, denn immerhin sei die Meinungsfreiheit, das Recht zu sagen, was man denkt, Teil der europäischen Kultur, die es zu schützen gilt.
Spielen wir das doch einmal anhand eines Beispiels durch. In einer geselligen Runde im Fischerbräu sagte einmal einer, den ich zu meinen Freunden zählte, er müsse nun einen Neger abseilen gehen. Gekicher am Tisch, ein Klaps aufs Handgelenk von der Ehefrau, die aber auch grinste. Ach mein Mann, was für ein prächtiger alter Witzbold. Bei einer anderen Gelegenheit sagte er, als er sich zum selben Anlass vom Tisch verabschiedete, er ginge nun, einen Neger ins weiße Haus setzen.
Wenn ich in Gesellschaft bin, und ich denke, so geht es sehr vielen Menschen, ist mir wenig daran gelegen, die anderen am Tisch, die vielleicht auch noch gerade essen, darüber aufzuklären, warum ich nun aufstehe, wohin ich nun gehe und was ich dort mache, wenn ich angekommen bin und die nötigen Vorbereitungen getroffen habe. So weit ich das beurteilen kann, sagt man das auch nicht, um die Anwesenden darüber aufzuklären, dass man nun ginge um den Darm zu entleeren, sondern um alle Anwesenden mehr oder weniger originell auf die eigene, politische Gesinnung hinzuweisen. Es ist meiner Überzeugung nach keine Einschränkung der Meinungsfreiheit, wenn ich sage: „So etwas sagt man nicht. Das ist unanständig und widerlich!“ Mit nur einem Hauch guter Erziehung entschuldigt man sich, wenn man aufsteht, um irgendetwas allein zu tun, sei es, eine rauchen zu gehen oder wenn man sich erleichtern muss. Es ist zum besseren Verständnis nicht nötig zu sagen, man gehe nun scheißen. Oder, um beim vermeintlich witzigen Bild zu bleiben, man ginge, um einen Neger abzuseilen oder einen Neger ins weiße Haus zu setzen. Denkt man das Beispiel konsequent zu Ende, sieht man vor dem inneren Auge einen Neger, dessen äußere Beschaffenheit wie Scheiße ist, die aus dem behaarten Arsch eines Mannes gedrückt wird. Man setzt Menschen mit einer bestimmten Hautfarbe mit Kot gleich und tut dies mit dem Recht auf Meinungsfreiheit.
Ein anderes Bild prägte ein etwa siebzehnjähriger KFZ-Lehrling, der unter ein Foto von einem syrischen Mädchen, das im Hochsommer durch einen Sprühstrahl Wasser aus Feuerwehrschläuchen lief und glückselig lachte, Flammenwerfer wären besser gewesen. Auch gedeckt durch die Meinungsfreiheit. Politisch korrekt wäre es gewesen, zu schweigen, anständig wäre gewesen, so etwas nicht einmal zu denken. Zu sagen, dass man so etwas nicht sagt oder schreibt, führt aber gleich wieder zu dem Aufschrei, man versuche, die Meinungsfreiheit einzuschränken, Denkverbote zu erteilen, man dürfe nicht einmal mehr sagen, was man denkt, in unserem von Ausländerhorden bedrohten Europa.
Meine Vermutung ist die, dass gerade die, die sich am meisten über mögliche Denkverbote erregen, über Maulkörbe und dergleichen mehr, in Wirklichkeit nur eines wollen, nämlich zu sagen, was sie sagen wollen, ohne dafür mit Kritik belästigt zu werden. So wie es vielleicht noch in den Siebzigern war, als der Mann, das Oberhaupt in der Familie, sagte, was richtig und was falsch war, und zwar, ohne mit Kritik rechnen zu müssen.
Möglicherweise waren diese Menschen spießbürgerlicher als wir, und vielleicht auch moralisch absurder, aber sie hätten vermutlich nicht geduldet, dass einer kleine Mädchen mit dem Flammenwerfer bearbeitet oder schwarze Menschen mit Scheiße gleichsetzt.
Besonders verwerflich am Beispiel mit der Gleichsetzung von Schwarzen mit Scheiße ist, dass gerade die, die sich solcher witziger Herrenmenschen-Bonmots bedienen, absolut nichts dagegen einzuwenden hätten, mit einer hübschen Schwarzen oder einem schönen Neger im Bett zu landen und zu ficken, bis die Geschlechtsorgane glitschen und das Bettzeug nach Proteinen und Orgasmus riecht. Denken wir das wieder zu Ende, wenn auch nur für den Moment. Die Menschen, die sich vor Meinungsverboten, Denkverboten und der Diktatur der politischen Korrektheit fürchten, suhlen sich in der Vorstellung, mit Scheiße geilen Sex zu haben, weil die von ihnen durchaus begehrten Schwarzen in ihrem Sprachgebrauch Scheiße gleichgesetzt werden.
Politische Korrektheit war im Grunde genommen nie mehr, als der Versuch, das, was man als anständig umschreibt, zu beschreiben. Es sind keine Gesetze, es sind Best practice Vorschläge, die uns allen helfen sollen, gut und richtig miteinander umzugehen.
Wenn ich mit Freunden am Tisch sitze, wenn wir Bier oder Wein trinken, lachen und scherzen oder uns auch mal lautstark über ein Thema ereifern, dann interessiert mich kein politisches Commitment, und es interessiert mich auch nicht, ob nun einer aufsteht, um scheißen zu gehen, zu pissen oder draußen eine zu rauchen.
Die Menschen, die sich so vor dem Diktat der politischen Korrektheit fürchten, sehen darin eine Methode, um ihnen die Möglichkeiten aus der Hand zu nehmen, zu protestieren, Stellung zu beziehen. Das ist nicht wahr. Es geht viel tiefer. Die Ansätze der politischen Korrektheit beruhen im Grunde genommen auf dem, was wir uns als Gesellschaft in vielen Jahrzehnten der Entwicklung als gut, anständig, ordentlich und gedeihlich erarbeitet haben. Diese selbst ernannten Warmer und Rufer, die Neger mit Scheiße gleichsetzen oder kleine Kinder mit Flammenwerfern bearbeiten möchten, geben vor, die europäische Kultur vor dem Einfluss hereinströmender, kulturloser Unmenschen bewahren zu wollen.
Erlaubt mir bitte die Frage: Wie kann man Menschen, die kleine Mädchen verbrennen, oder mit Scheiße Sex haben möchten, denn für sie sind Neger Scheiße, und kleine Mädchen Ungeziefer, das verbrannt gehört, als Bollwerk zum Schutz der europäischen Kultur sehen?