Bitterkeit

Hab gerade einen Artikel in der TAZ gelesen, in dem es um ein Asyl für verfolgte Schriftsteller, Karikaturisten und alle anderen Intellektuellen geht. Allein schon, dass es so etwas gibt, ein Asyl für Schriftsteller im Herzen von Mexico City, Mann! Ein Iraner lebt dort. Und ein Afrikaner, und andere Menschen, die für das, was sie schrieben und schreiben, verfolgt wurden. Sie schrieben nicht Beliebiges, Fades und Austauschbares, sie schrieben etwas, wofür sie verfolgt wurden und werden. Das, was sie schrieben, hat Bedeutung.

Irgendwann, wenn man schreibt, kommt man in das Zimmer der Fragen. Und zwar jener Fragen, denen man sich stellen muss, um glaubwürdig weiterschreiben zu können. Warum schreibe ich? was habe ich mitzuteilen? Habe ich denn irgendetwas mitzuteilen? Wie lange kann ich mich mit der Ausrede motivieren, ich will doch nur unterhalten?
Schreiben ist, wenn ich Stephen King glauben will, nichts anderes, als ein Akt gewollten Verstehens. Glaube ich Mario Vargas Llosa, ist Schreiben ein Akt der Unzufriedenheit mit dem was ist. Man spiegelt, verzerrt und macht dadurch deutlich.   
Gemein scheint den Autoren, die ich mag, zu sein, dass sie stets in größter Not schrieben, fliehen mussten für das, was sie schrieben, und dass sie genau deshalb ihre Spuren in der Geschichte hinterließen oder hinterlassen. Ernest Hemingway war ein unglücklicher Mann, der statt zu weinen, große Prosa schrieb. Reinaldo Arenas versteckte sich vor seinen Häschern auf Kuba auf glühend heißen Dächern, wo er schwitzte und Zeilen in die Maschine brüllte, oder er schrieb im Schein der Parklaternen im Leninpark. Poe ertrank in Worten und Alkohol, Juan Rulfo wird totgeschwiegen, obwohl man weiß, dass er mit seinen beiden Büchern den lateinamerikanischen magischen Realismus begründete. Stephen King kämpfte gegen Kokain und Alkohol, er ließ sich von seinen Geistern reiten und schüttelte sie alle ab bis auf die paar, die er braucht, um weiterschreiben zu können. 
Was tun wir? Was tue ich? Egal, wie sehr ich es liebe, Geschichten zu schreiben, nichts von dem, was ich schreibe, hat Bedeutung. Es bewegt nichts, es ist kein Drama mit der Entstehung der Geschichten verbunden, und ich kann nichts Intellektuelles zu irgendetwas beitragen. Ich kann nicht einmal einen Diskurs führen über das, was mir wichtig ist, weil ich die schmerzhafte Lektion gelernt habe, nichts wichtig zu finden, um nicht verletzt zu werden.
Ich bin, wie es scheint, gerade nach den letzten sehr produktiven Monaten im Zimmer aus Fragen und Bitterkeit angekommen, ein Zimmer voller Rasierklingen, einem Raum ohne Antworten. 
Die großen Geister ziehen an den Geschichten vorbei, und nichts von dem, was ich geschrieben habe, löst in ihnen das Gefühl von Verbindlichkeit aus. 
Die Reaktion der Welt auf mein Schreiben gibt es nicht. Sie lässt zu, dass ich schreibe, und so bin ich nicht mehr oder weniger wie alles andere, das in der Gnade der Welt leben und atmen darf. 
Solche Fragen wecken den Wunsch, ein Schriftsteller zu sein, der so wichtig ist, dass er fliehen muss, einer von denen zu sein, für die andere ein Asyl schaffen. So zu fühlen ist dumm und unsensibel das ändert jedoch nichts daran, dass ich so empfinde. Ich schreibe ja nicht einmal gegen eine Wand an, denn die würde zumindest ein Echo zurückwerfen. Das, was ich tue, was meine Geschichten bewirken, ist vielleicht zu vergleichen mit dem echolosen Geschrei eines Mannes, der durch die Wüste wandert und dabei verrückt wird.
All das ist Gejammer auf hohem Niveau, denn mir geht es gut. Erstens habe ich Freude am Schreiben. Die Freude ist immer da, unverbrüchlich, wild und feurig. Und meine Geschichten finden ihre Leser. Manche schreiben mir und berichten, dass es mir gelungen ist, zu ihnen durchzudringen. Durch Zeit, Raum und Zeilen. 
Es geht mir nicht um Erfolg. Erfolg ist die größte aller Huren. Mir geht es um Bedeutung. Sie zu erlangen, wäre ein Ziel, aufs Innigste zu wünschen, um mit Shakespear zu reden.