Edle Gedanken

 

Kuba 2011

An einem Nachmittag kamen wir vom Strand zurück nach Havanna. Ich ging zum Hotel Presidente, das direkt neben dem Edificio Presidente liegt, um für einen Freund Zigaretten zu besorgen und um einen oder zwei Mojito zu trinken. Richard plante, ein Nickerchen zu machen, und ich wollte das Zeitfenster nutzen, mich ins Foyer des Hotels setzen und ein paar Gedanken aufschreiben. Es handelte sich dabei um ein paar Ideen, wie ich ein bestimmtes Thema bei meinem damals aktuellen Romanprojekt angehen kann. Die Einrichtung des Hotel Presidente ist dem Namen angemessen, sehr schön und edel eingerichtet. Es ist altmodisch und es gibt im Foyer keine Klimaanlage. Dafür weht eine stete Brise durch die Marmorhalle, streicht über die fein lackierten Kolonialmöbel und kühlt den Schweiß auf der Haut. Ich sitze auf einem der breiten Sofas, und da sind nur mein Herzschlag, das Kratzen des Stifts auf dem Papier und das Klimpern der Eiswürfel im Glas, während der Wind die Vorhänge bauscht. Als ich nach etwa zwanzig Minuten aufblicke, sehe ich an einem der runden, höheren Tische eine elegant gekleidete Dame (ein anderes Wort wäre unangemessen), die ebenfalls schrieb. Auch, wie ich, in ein Moleskin-Notizbuch. Aber meine Herren, war die edel. Alles an ihr strahlte nicht nur Stil und Würde aus, sondern auch das Wollen, edel und elegant zu wirken. Ihre Mundwinkel waren nach unten gezogen, die Lippen im Ansatz geschürzt, die Brille an der Goldkordel saß tief auf der Nasenspitze und ihre Locken waren silberblau getönt. Und da saß ich: Unrasiert, tiefbraun vom Strand, verschwitzt, mit feuchtem, ungebügelten T-Shirt und dem verwegenen Grinsen eines Wahnsinnigen, dem Mojitos, Literatur und Sonne das Hirn gegrillt hatten. Unsere Blicke trafen sich auf halben Weg, könnte man sagen. Vielleicht befürchtete ich, Verachtung in ihrem Blick zu sehen, aber wir grinsten uns an. Wir erkannten uns durch die Masken. Meine, verschwitzt, salzig und unrasiert, ihre, elegant, edel und dezent geschminkt. Ich dachte, während wir uns für eine Sekunde freundlich ansahen, dass wir tun können, was wir wollen. Wir werden beim Schreiben nie wie unsere Vorbilder aussehen, wir werden dabei nie edel sein oder elegant, nie verwegen und abenteuerlich. Wenn wir schreiben, werden wir immer nur Süchtige sein, die sich von ihren Geistern reiten lassen. In ihrem Blick erkannte ich dasselbe, alte Wissen, der Blickkontakt riss ab und wir widmeten uns wieder unseren Zeilen. Unsere Vorbilder und literarischen Ahmen wussten von den Geistern, und wie man sich von ihnen reiten lässt. Und in dieser bedienungslosen Hingabe liegt vielleicht das Geheimnis aller großen, guten Texte vergraben.