Wer ist Herr X?

Neben der längeren Erzählung (Ab in den Himmel) schreibe ich gerade einen Roman mit dem Arbeitstitel HERR X. Der Großteil der Geschichte spielt in Wien, und zwar in der Leopoldstadt zwischen 1978 – 1979 und erzählt die Geschichte eines Jungen, der dort nach dem gewaltsamen Tod seines besten Freundes aus dem Tritt gerät und schon mit knapp dreizehn Jahren in die Stricherszene des Wiener Praters abrutscht, ohne dass dies jemand in seiner Familie merkt.

Der Junge ist verträumt und fantasiebegabt und erfindet eine bedrohliche Welt, in der Außerirdische und dämonische Wesen aus ihren Sphären in unsere Wirklichkeit dringen und ihre Agenten ausschicken, um Kinder zu töten, die hinter ihr Geheimnis gekommen sind. Am Anfang mehr wie ein Nebenstrang, wird über eine Reihe von Morden berichtet, die zunächst nichts miteinander zu tun zu haben scheinen. Für den Jungen verbinden sie sich jedoch durch das merkwürdige Wesen Herr X, der weder Dämon noch Geist noch Außerirdischer ist, sondern mehr wie ein Riss im dünnen Gewebe der Wirklichkeit, der nur zufällig die Umrisse eines Menschen hat.

Natürlich strotzt der Roman – so, wie ich ihn bisher angegangen habe – vor Symbolen. Herr X ist also ein zufälligerweise menschenähnlicher Scherenschnitt zwischen unserer Wirklichkeit und einem verheerten Land, velleicht ist er aber auch nur das Ende der Unschuld und der Beginn der Schuld, die Wegemarke, an der man sich entscheidet, ob man sich gegen oder für moralische Werte entscheiden will. Eine Frage, die ich mir erst stellen werde, wenn ich mit der Rohfassung durch bin ist die, ob es angemessen ist, die Sexualität Heranwachsender zu thematisieren ohne sie moralisch einzuordnen und zu werten. Ich tendiere stark dazu, „Ja“ zu sagen, ja, man kann und soll sie thematisieren, wenn dies ein integraler Bestandteil des Roman ist und nicht allein für sich steht, wegen der Sensation, dem Skandal. Ich verwende die Bilder aus der Fantasie des Jungen, um seine sexuelle Verwirrung und Träume und Sehnsüchte zu umschreiben.

Herr X ist dann vielleicht auch der, der diese Art der Verklärung nicht nur zulässt sondern auch unterstützt, um die wahren, finsteren Hintergründe zu vernebeln.

Herr X ist aber auch die Vorgeschichte zu meiner längeren Erzählung Mistah Zumbee, die sowohl als Hörbuch wie auch als gedruckter Text in der Anthologie Wo die verlorenen Worte sind erschien.

 

Fotos mit freundlicher Genehmigung von Michael Aspen Taylor – http://michaelsalerno.blogspot.co.at/)