Alles begann mit einem Radfahrer am Strand von Mi Cayito im Juni 2010, als wir zum ersten Mal auf Kuba waren. Unsere erste Reise in Fidels Tropensozialismus war das Ergebnis einer fortlaufenden Diskussion mit unserem besten Freund Darek, der seit knapp zwanzig Jahren dorthin fliegt und in eine Tour von den Menschen schwärmt, dem Rum, den Zigarren, dem Wetter und ganz allgemein dem Lebensgefühl der Kubaner, die sich in der Enge aus politischen Zwängen und dauerhaften, wirtschaftlichen Engpässen ihr gelungenes Leben ertrotzen.

Der Radfahrer war sexy, hieß Frank Montalvo und er arbeitete hauptberuflich in einem heruntergekommenen Industriegebiet am Rand von Cotorro, einem Außenbezirk Havannas als Nachtwächter. Und er war eben Radrennfahrer. Zu seinem täglichen Leben gehörte das tägliche Training, das ihn nicht rein zufällig jeden Tag an jenen Strandabschnitten vorbeiführte, wo er Touristen kennenlernen konnte. Weil er mich nachhaltig beeindruckte, mit seiner sehr eigenen Mischung aus Jungmännlichkeit, Kindlichkeit und mit seiner muskulösen, geerdeten Seele, schrieb ich noch in jenem Sommer eine Kurzgeschichte über einen Radfahrer, der während seiner Trainingsfahrt von Cidra in Matanzas nach Mi Cayito in der Provinz Havanna von einer Vision heimgesucht wird, die ihn an den Idealen des Tropensozialismus zweifeln lässt und ihn am Ende des Trainings zu einem reinen Hedonisten verwandelt, der für die brüchig gewordenen Ideale des Kommunismus nur noch Spott empfinden lässt.

Das war der Grundstein für den Roman Der Falke im Sturm und bei keinem früheren Romanprojekt habe ich so konsequent daran gearbeitet, Schicht um Schicht die Handlung zu erweitern und zu verdichten, bis aus der Wandlung des Radfahrers Franco zum Hedonisten die Wandlung von einem jungen Burschen zur neuen Ikone einer fiktiven zweiten Revolution gereift war. Frank Montalvo mochte ich wirklich sehr gerne und ich bedauere es sehr, dass er im Frühjahr 2016 bei einem tragischen Verkehrsunfall ums Leben kam, den er selbst verschuldet hatte.

Der zweite Roman der Kuba-Trilogie, Im Palast des schönsten Schmetterlings, verfasste ich 2011 bis 2012, und die drei Standbeine der Grundidee waren folgende: Im Februar 201, als Richard und ich zum zweiten Mal auf Kuba waren, erfuhren wir durch einen Freund von den unzähligen Kommissionen, die es auf Kuba zu mehr oder weniger jedem Thema gibt, so auch zur Erforschung und Katalogisierung von Ernest Hemingways Leben und Wirken auf Kuba. Das zweite Standbein war die Geschichte eines unbekannten Mannes, der kurz, bevor wir im Februr nach Havanna kamen, der vor der Küste Havannas ertrunken war. Alex, unser Freund, der uns auch von den vielen Kommissionen erzählte, verdeutlichte uns, wie seltsam und unerhört es war, dass die Behörden nicht herausfinden konnten, wer dieser Mann gewesen war und dass er niemandem abging. Der dritte und vielleicht wichtigste Punkt aber waren die Namen von zwei Jungen, die auf einen Felsen eines Wellenbrechers in der Bcht von Cojimar eingeritzt sind wie für die Ewigkeit.

Gerardo y Felipe, Todavia estamos aqui, 5-10-1964

Obwohl die Handlung komplex erzählt wird, schrieb sich die Geschichte wie von selbst, sie fühlte sich vom ersten Wort an lebendig an und die Arbeit erschöpfte mich ganz außerordentlich. Thematisch und auch stilistisch ist sie stark geprägt von Reinaldo Arenas, der es wie kaum ein anderer kubanischer Schriftsteller verstand, das Absurde mit dem Tragischen, das Lächerliche mit dem Erhabenen zu verbinden.

Der dritte Band der Trilogie ist keine reine Kuba-Geschichte. In ihrem Kern arbeite ich die tragische Hinrichtung von Ayaz Marhoni und Mahmoud Asgari auf, zwei iranische Jugendliche, die im Sommer 2005 in der Stadt Mashad am Galgen hingerichtet wurden, weil sie ein Liebesverhältnis miteinander hatten. Um der tragischen Unasweichlichkeit ihres Todes einen magischen Funken Hoffnung entgegenzusetzen, packte ich ihre Geschichte in einen Roman über karibische Magie und stellte ihnen sie schützende und stützende Personen zur Seite. Auf einer Handlungsebene bleibe ich den Ereignissen treu, auf einer anderen Ebene zeichne ich einen Ausweg auf, den die beiden im Roman dann auch nehmen. Im Grunde genommen geht es in Fluchtgemälde um Magische Malerei und wie man sie sich zu nutze machen kann, um sich ein eigenes Exil zu malen. Der in Paris lebende, iranische Antiquar Kourosh, Onkel von Ayaz, findet auf seiner Suche nach einer alten Ausgabe des Koran auf Kuba ein handgeschriebenes Ntizbuch mit Anweisungen zur Magischen Malerei, nimmt es mit und transkribiert es in Paris zuerst ins Französische und dann auf Farsi. Damit löst er einen schleichenden Weltuntergang aus, bietet aber auch seinem Neffen und dessen Geliebten einen Ausweg aus dem Gefängnis, in dem sie auf ihre Hinrichtung warten.

Kuba erweist sich in diesem Roman nicht nur als Dreh- und Angelpunkt der ganzen Geschichte, sondern am Ende auch als das ermalte, erträumte Ziel der Flucht; nicht ausformuliert aber durch die Handlung spürbar ist, dass die letzte, gemalte Version von Kuba die ist, in der auch der Roman Der Falke im Sturm spielt.

Damit wäre die Trilogie an und für sich zu Ende erzählt – aber irgendwie bin ich mit dem Thema Fluchtgemälde noch nicht ganz durch, denn gerade schreibe ich an einem Roman, in dem ich die Handlungsfäden aus Fluchtgemälde aufnehme und sie mit einigen Handlungssträngen aus dem epischen Roman Die Inseln im Westen verknüpfe.