Abgesehen davon, dass Medien neverever sozial sein können, so etwa wie nie etwas Sinn machen, sondern nur Sinn haben oder nicht haben kann, gibt es zahlreiche Gründe, sich aus den Fesseln der Lotosesser zu befreien. In den Medien werden immer wieder unterschiedliche Gründe genannt, warum es Zeit wäre, sich aus Facebook, von Instagram und Twitter zu verabschieden: Meinungsblasen, Gehässigkeit, Datensicherheit, das trügerische Evangelium vollkommener Transparenz werden als Gründe genannt. Aber auch die Unmenge an Zeit, die man aufwendet, um sich mit Nichts zu beschäftigen. Denn das ist es letztendlich, was all diese Social Media Plattformen bieten: Ein bedeutungsvolles, anheimelndes, das infantile Ego belohnendes Nichts.

Was meine zahlreichen Abschiede aus den Sozialen Medien betrifft geht es mir wie Mark Twain, der sagte: „Sich das Rauchen abzugewöhnen, ist die leichteste Sache der Welt. Ich habe das schon gewiss hundertmal getan!“

Nichts an FB, IG oder TW ist tatsächlich von Bedeutung, wichtig oder unumgänglich. Die klassischen Medien tun nur so als ob, weil sie selbst ihre titenschwarzen Metastasen in die Social-Media-Welt ausgestreckt haben und zum Beispiel parallel zu ihren Onlineausgaben auch auf Facebook und Twitter zu finden sind. Diese Entwicklung beruht darauf, das der Mensch immer und immer wieder Bestätigung sucht und Recht haben will. Man äußert etwas scheinbar Bedeutungsvolles und wird mit „Likes“ belohnt, man wird quasi gemocht – wobei ein „Like“ nicht mehr ist, als dem Impuls, zuzustimmen, nachzugeben – und sei es nur, um „die anderen“ zu brüskieren. „Likes“ und Debatten in Social Media haben mehr mit Eitelkeit und Befriedigungslust zu tun als mit der Suche nach Erkenntnis und Klarheit oder kritischer Auseinandersetzung mit irgendeinem Thema. Gerade bei den sozialen Medien überwiegt absolut der Anschein, nicht die Fakten. Das Ankündigen und nicht das Erfüllen. Die leere Behauptung als Pose, für die man geliked werden will.

Was mich schlussendlich dazu bewogen hat, alle Social-Media-Kanäle samt Putz und Stingel auszumerzen, beruht auf einer ganz anderen Überlegung.

Ich bin Schriftsteller. Und als Schriftsteller sollte das Lesen für mich an erster Stelle meiner Freizeitbeschäftigungen stehen. In den letzten Monaten stelle ich an mir aber eine immer stärker werdende Lese-Unlust fest, die ich mir nicht erklären konnte, bis ich eine Rezension auf Gabriel Garcia Marquez´s Roman „Liebe in Zeiten der Cholera“ verfasste. In dieser Rezension beschrieb ich, dass ich das Buch nur häppchenweise genießen konnte und nicht wie sonst, und großen Bissen. LIZDC ist kein Buch, das man verschlingt, man sauft ja auch keinen Cabernet. Man genießt, oder?

Der wahre Grund für mein häppchenweises Lesen allerdings war nicht der Genuss kleiner Bissen sondern meine wachsende Ungeduld mit literarischen Werken, die man um ihrer selbst Willen liest und nicht, um sich von Reiz zu Reiz zu hanteln. Kurz: Ich gebe bis zu einem gewissen Grad dem Wesen der Sozialen Medien mit Schuld daran, dass mir der lange Atem für literarische Werke ausgeht – eben, weil sie den Leser in ihrer Gesamtheit belohnen und nicht wie ein Bonbon-Regen, der in den SoMe ständig auf einen herniederprasselt, „Likes“ und Smileys als ständige Belohnung für nichts versprechen und geben.

Ich habe alles gelöscht – FB wird erst in 80 Tagen wirklich dahin sein, aber egal, ich logge mich nicht mehr ein. Es ist nicht nur wegen der literarischen Kurzatmigkeit, mit der ich immer öfter zu kämpfen habe, sondern auch die Zeit, die ich mit Nichtstun und doch Beschäftigtsein verschissen habe, statt gute Bücher zu lesen oder konzentriert an einem neuen Buch zu schreiben.

Michael Harris beschrieb das Problem mit dem Belohnungsmechanismus und wie sich das auf das Leseverhalten auf ihn auswirkt, sehr ausführlich in einem Artikel in Theglobeandmail.

Und gleichzeitig will ich auch wieder das Rauchen aufgeben, dass ich saudummerweise nach neun Jahren Abstinenz im späten Oktober 2017 wieder angefangen habe.

Stürmische Zeiten kommen auf mich zu – aber ich erwarte mit dem Herz eines Helden den Sturm zu durchsegeln und am Ende die goldbeleuchtete See vorzufinden, wo ich echten Müssiggang finde und Zeit und Lust, mich wieder in dicken Schwarten zu verlieren und das verdammte Buch fertigzuschreiben.