Ein Blog-Update aus dem Krankenhaus, sowas aber auch.

Ich habe am vergangenen Dienstag recht schmerzhaft gelernt, dass es einen erheblichen Unterschied gibt zwischen über einen Unfall schreiben und einen Unfall zu erleben. Am Dienstag nach der Arbeit habe ich auf der Schnellbahnstation Handelskai einen Unfall erlebt, der ein Selbstverständnis ein wenig eingedellt und mich verunsichert hat.

Kurz und schlecht, beim Runtergehen von der oberen Fahrtrasse der Schnellbahnstation Handelskai zum Bahnsteig der S45 bin ich auf der vorletzten Stufe irgendwie ins Leere gestiegen, nach vorne gestürzt und habe mit dem linken Knie eine Punktlandung hingelegt. Der Schmerz war umfassend und eindringlich, verbunden mit Schock und Verwirrung. Überrascht war ich von der Hilfsbereitschaft vieler Passanten. Vier von ihnen sind bei mir geblieben, haben meine Sachen zusammengeklaubt und eine Art Schutzwall um mich aufgebaut, damit niemand über mein verdrehtes und fuchtbar angeschwollenes Knie stolperte. Überrascht war ich von der Dreistigkeit einer etwa dreißigjährigen Frau, die mich ungeniert mit dem Smartphone gefilmt hat, während sie so tat, als ob sie Musik hörte. Viele Leute blieben stehen und fragten, ob schon die Rettung verständig sei. Ein paar Jugendliche gingen vorbei und sahen hochmütig zu mir nach unten. Der Hochmut in diesen Blicken verfolgt mich bis jetzt, weil er auf einer emotionellen Kälte geparkt ist, die mir persönlich fremd ist.

Hatte ich zuerst noch die Hoffnung dass schlimmstenfalls das Knie aus dem Gelenk gesprungen sein könnte, wurden meine Hoffnungen im Lorenz Böhler Krankenhaus zerschlagen: Das Knie war in drei Teile zerbrochen. Die launige Schwester dort teilte mir mit, ich hatte den Jackpot gemacht und für mindestens fünf Tage Vollpension bei ihnen gewonnen, so ein Seelchen 🙂 Noch am selben Tag wurde ich operiert, und zwar mit einer lokalen Narkose, die beide Beine vollkommen gefühllos machte (Kreuzstich) und mit einer Infusion, die in mir allergrößte Wurschtigkeit auslöste. Für mich war damit bedauerlicherweise klar, dass der für Ende Mai geplante Kuba-Urlaub storniert werden muss, was ich dann auch am nächsten Tag gleich getan habe.

Der Operationsschmerz war zu ignorieren, was ein bißchen zwiebelte, war die Trainage, mit der aus dem Knie Blut abgesaugt wurde. Das tat dann noch mehr weh, als sie gestern den Schlauch rauszogen; eine Erfahrung, die ich neben dem Knochenbruch auch nicht noch einmal machen muss.

Das Personal, die Verpflegung, die Unterbringung im Lorenz Böhler Krankenhaus, all das ist hervorragend. Da es ein Arbeitsunfall war, wurde ich in der Abt. 4 untergebracht, in der es maximal Zweibettzimmer gibt. Hier war ich bis heute, also Freitag, allein. Gerade eben bekam ich einen Zimmernachbarn, einen zwölfjährigen Asiaten, der sich beim Frisbee-Spielen den linken Arm gebrochen hat. Morgen bei der Visite werde ich fragen, ob ich Samstagnachmittag in häusliche Pflege entlassen werden kann. Zu Hause kann ich auch nichts tun, aber da kann ich wenigstens in einer gewohnten Umgebung nichts tun. Den Gips habe ich nun für rund 6 Wochen, dann beginnt die Physiotherapie. Wenn alles gut geht, kann ich bis August wieder gehen ohne zu humpeln, da muss ich mich halt ranhalten.

Ich habe viel Besuch bekommen und meine Arbeitskollegen haben sich auch gerührt und mir alles Gute gewünscht, ich danke Euch allen für Eure Anteilnahme.

Ein paar Sachen habe ich gelernt:

  • Aufs Knie fallen tut echt böse weh
  • Die Mitmenschen sind hilfsbereiter, als man glauben möchte
  • In den Unfallkrankenhäuser geht es viel friedlicher und menschlicher zu, als es uns die Boulevard-Medien verklickern wollen
  • Im Krankenhaus habe ich Zeit und Muße, am Buch weiterzuschreiben, obwohl ich durch den Medikamentencocktial immer wieder wegdämmere.