Ntürlich kenne ich die geschriebenen und ungeschriebenen Regeln der Schriftstellerei, und genausogut weiß ich, dass sich hervorragende Romane von guten Romanen darin unterscheiden, dass sie die Regeln kunstvoll brechen, sie unterlaufen und infrage stellen.

Bisher hatte bei mir jeder Roman einen Protagonisten, also eine Hauptfigur, die entweder durch die Geschichte wuchs, unverändert blieb oder an den Problemen scheiterte. Der Antagonist kann, muss aber nicht ein Mensch sein. Vielmehr kann der Antagonist auch das Problem selbst sein, die Situation, das Ereignis, gegen das er bestehen muss. Ein Erdbeben, ein Vulkanausbruch, der Tod eines geliebten Menschen, der Geist eines Verstorbenen. Aber wie ist das mit dem Protagonist? Muss ein Roman in jedem Fall und unbedingt einen einzelnen, klar definierten Protagonist haben? Und wenn das nicht zutrifft, ist der Roman dann deshalb per se schlecht?

Ich glaube nicht.

In dem Roman, an dem ich gerade arbeite, gibt es einen Antagonist (die übergeordnete Gefahr der Vernichtung von Glaube und Hoffnung), vertreten durch einen verkrüppelten Jungen, der sich willentlich in den Dienst der bösen Sache stellt, weil er den Schmerz, den er erlitten hat, ausbreiten will. Aber er selbst ist nicht der Antagonist, er ist bestenfalls die Sockenpuppe des „Gegners“, ohne dass ich ihn dabei der Lächerlichkeit preisgebe. Denn an diese eine Maxime halte ich mich nach wie vor: Verrate nie deine Figuren! Nimm sie ernst!

Der Protagonist meines neuen Romans ist demnach auch keine Person, sondern ein Ereignis, zu dem es kam, weil eine Gruppe von Menschen im besten Wissen und Gewissen es unbeabsichtigt herbeigeführt hatten. Dieses Ereignis hat seine Hauptfiguren: einerseits die, die es bwirkten und nun nach Möglichkeiten suchen es rückgängig zu machen, bzw zu beenden, und andererseits die Menschen, die trotz der Folgen des Ereignisses versuchen, das aufrecht zu erhalten, was wir landesüblich als Menschlichkeit bezeichnen, und alles, was wir positiv damit verbinden: Barmherzigkeit, Sozialismus, Mitgefühl, Hilfsbereitschaft.

Somit ergeben sich zwei Gruppen, die keinen definierten Protagonisten in Form eines Menschen haben, und das Zünglein an der Waage: einen Mann, der in Raserei und Gruppenzwang ein Verbrechen beging und seither, um Buße zu tun, über eine der (kanarischen) Inseln pilgert, sich als Helfer und Knecht verdingt und die Menschen vor dem Stellvertreter des Antagonisten warnt.

Ich könnte ja dick und fett „EPOS“ drüber schreiben, aber dazu fehlt es dem Ding an Umfang. So wie ich die Geschichte abschätzen kann, wird sie die dreihundert Seiten gerade erreichen und mit Ach und Krach überschreiten.

Die Frage, die ich mir stelle: Kann ein Roman ohne klar erkennbaren Protagonisten funktionieren? Ich versuche es einfach mal und schaue, was passiert. Mich jedenfalls treibt die Geschichte voran, eitdem ich zu Hause auf der Couch liege, das Bein im CAST-Verband und Zeit habe, konzentriert daran zu arbeiten 🙂