Lucian wirft seinen Schatten voraus

Auf der Seite buch-findr.de gibt es bereits eine erste Ankündigung meines neuen Romans „Lucian im Spiegel“, der im Frühjahr 2018 im Größenwahn-Verlag als Hardcover erscheint

Der letzte Tag im Leben von Lucian Trujilo-Ortiz begann mit einer großen, schweigsamen Hitze, die sich silbern in der Stadt ausbreitete. Sie schloss Fenster, zog Vorhänge zu und begrub das Leben unter sich. Ein windstiller, grau bewölkter Sonntag, der Tag nach dem Lärm der Regenbogenparade in Wien … Lucian Trujilo-Ortiz führt ein Doppelleben. Tagsüber der wohlhabende Sohn des kubanischen Botschaftssekretärs und nachts der begehrteste Stricher der Donaumetropole. Mit den Gefühlen seiner Freunde und Freier spielt er ebenso so gerne wie mit seiner Identität. Am meisten leidet darunter der junge Daniel, der Lucian so sehr liebt, dass er ihn irgendwann nur noch hassen kann. Und Daniel wünscht seinem Liebsten den Tod. Jetzt, 15 Jahre später, kommt ein gewisser Richard Grier zurück in die Stadt. Er war damals nicht nur der erste Polizist am Tatort, er war selbst Kunde in der Stricher-Szene. Und von Lucian fasziniert. Doch Richard Grier belasten Fragen, die nach Antworten schreien. Was genau ist vor 15 Jahre passiert? Und wie konnte es zu der Tat kommen? Peter Nathschlägers neuestes Werk beleuchtet die Nachtseite Wiens. Zwischen Gier und Geld offenbart sich Schritt für Schritt das Leben der flammenden Herzen. Herzen, die sich nichts anderes wünschen, als geliebt zu werden. Doch Liebe braucht Hingabe, Opferbereitschaft und Vertrauen. Eigenschaften, die vor dem Spiegel der Eitelkeit missverstanden werden – auch wenn Spiegel immer die Wahrheit zeigen. Manchmal eine unerträgliche.

Zauder frisst Fieber

Natürlich ist es nur eine Ausrede, wenn ich mir selbst einrede, ich würde am neuen Roman nicht weiterschreiben, weil ich nun die Betaversion von Scrivener for Windows III testen müsse – ein albernes Spiel mit mir selbst. Momentan breitet sich sowieso eine lähmende Passivität aus. Ich geh seit drei Wochen nicht mehr zum Training (ok, da kann ich mich auf die Verkühlung rausreden) und ich komme mit dem Buch nicht weiter. Was das Projekt betrifft, habe ich die Entscheidung getroffen, es nicht in drei, sondern in zwei Teilen zu erzählen, die je in etwa einhundetdreißig Seiten haben werden und die das Thema der elysischen Isolation eines Teils unserer Welt aus zwei vollkommen unterschiedlichen Perspektiven betrachten, die am Ende vereint werden.

Stimmt. Die Handlung hat entfernte Ähnlichkeit mit dem Inhalt des SF-Films Elysium, doch versuche ich, mich in der Herangehensweise an Saramago´s Roman Das steinerne Floss zu orientieren.

Irgendwie warte ich noch darauf, dass mich das Fieber wieder packt und ich nicht anders kann, als weiterzuschreiben

 

Evernote Produktivität

Evernote ist mein wichtigster Zettelkasten, könnte man sagen. Ich mag das Tool, ich mag sein Design, es ist wie ein kleines Büro, in dem ich mich wohlfühle. Die Nutzbarkeit erstreckt sich über mehrere Geräte (Handy, Laptop, Tablet), ich kann damit Informationen von Webseiten speichern und Rechnungen und Lizenzen an einem Ort speichern. Tatsächlich habe ich zB meine Jahreskarte und den Personalausweis als PDF eingescannt und in Evernote abgelegt.

Evernote hat inzwischen eine recht große Community, die in Diskusionsforen bei Evernote selbst und auf Facebook aktiv ist und es entsteht zur Zeit auch so etwas wie eine Gemeinschaft der Evernote-Evangelisten. Dass sind Leute, die über diverse Online-Kurse im Umgang mit Evernote geschult werden, um dann mit diesem Wissen ihre Mitmenschen für Evernote zu begeistern. Ich habe den ersten Kurs abgelegt und die Evernote-Foundation Prüfung bestanden, weiche aber jetzt ein wenig irritert von den Communityaktivitäten zurük, weil sie mir inzwischen zu sektenhaft erscheinen. Der Nutzen einer Software, die Anwendung eines Programms sollte keine Glaubensfrage sein. Und auch nicht eine Frage der Produktivität, sondern allein eine Frage der Effektivität.

Für die meisten Evernote-User und Influencer scheint der Begriff Produktivität über allem zu stehen: Sei produktiv! Evernote unterstützt Deine Produktivität!

Für mich ist das der falsche Ansatz. Als ich bei UPC arbeitete, konnte ich jahrelang die Tätigkeiten einer Consulting-Firma beobachten, und leck mich am Arsch, waren die produktiv. Was die an hundertseitigen Powerpointpräsentationen rausjubelten, war nicht schlecht. Sie waren produktiv, sie produzierten wahnsinnig viel Schall & Rauch. 

Evernote führt mich nicht dazu, produktiver zu sein, das könnte nur ich selbst, wenn ich einen Sinn darin säe, produktiv zu sein. Nein, Produktivität ist es nicht, was ich mir von Evernote erwarte, es soll mich nicht darin unterstützen, produktiv zu sein, sondern effektiv. Und das ist ein großer Unterschied. Das klappt überraschend gut. Das Begriffsbiotop um das Wort Produktivität beinhaltet auch ein dauernd beschäftigt sein, ein Herumtun und werkeln, die eigene Leistungsfähigkeit an der Produktivität zu messen und nicht am Output. Evernote ist kein magisches Haus, kein aus Bits & Bytes geborenes Wunder. Es ist ein Werkzeug, und es soll nicht mehr tun können, als mich dabei zu unterstützen, meine Aufgaben so effektiv wie nur irgend möglich zu erledigen. Eine Gefahr, die von solchen wohldesigneten Tools wie Evernote ausgeht ist, dass man sich Aufgaben und Beschäftigungen erfindet, um öfter und mehr mit dem fancy Tool zu arbeiten. Ich schätze, dafür gibt es ein Fachwort, aber ich kenne es nicht.

Also: Löst Euch vom Begriff Produktivität, wenn es um die Nutzung von Softwarelösungen geht, ud wendet Euch lieber dem Oberbegriff Effektivität zu. Vielleicht unterstützt dieses Umdenken Euch dabei, das Tool Eurer Wahl neu einzuordnen.

 

Eine kleine Polemik gegen Schreibratgeber

Unlängst wieder mal beim Drüberzappen irgendeine dieser erzieherischen Sendungen auf einem der RTL/Pro7/VOX/Kabel 1 Sender gesehen und kopfgeschüttelt. Diese Sendungen verkleiden sich als Infotainment, dienen aber längst nur noch zweierlei: Der Erziehung der einfach gestrickten, und nur manchmal aufmüpfigen Bevölkerung, und der Befriedigung primitiver Neidgelüste. Eine Sendung beispielsweise, in der gezeigt wird, wie Reisende, die in Deutschland am Flughafen ankommend, vom Zoll gerupft werden (mit wie absichtlich eingestreuten Fehlinformationen wie zum Beispiel, dass bei der Einreise auch Inhalte von Digitalkameras kontrolliert werden, denn es könnte ja, ach Du meine Güte …) Hier kann sich der, dem jede Reise zu teuer scheint, genüsslich zurücklehnen und stolz denken: Mir kann sowas nicht passieren, dat sind ja lauter Idioten, sind dat.

In anderen Eriehungssendungen wird am laufenden Band gezeigt, wie Menschen von Angestellten des Kontrollamts betreten werden, und natürlich zuerst laut und selbstbewusst, immer kleiner werden, bis sie samt Hut und Stock unter der Bordsteinkante verschwinden, so winzig sind die auf einmal.

Daneben gibt es Ratgebersendungen en masse  für jede Lebenslage – Da gibt es die: Wie findet man einen Partner, Wie erzieht man Kinder, Wie nimmt man ab, Wie wird man ein Star, Wie wehrt man sich im Urlaub gegen was weiß ich, Wie schlichtet man einen Familienstreit, Wie wird man jung und schön und begehrenswert, Wie kriegt man einen hoch, und Wie kriegt man ihn wieder runter, wenn er dauersteht … das Fernsehen suggeriert, dass wir alle inzwischen zu einem satt brabbelnden Volk von lebensunfähigen Dauerkonsumenten verkommen sind, eine graue Plörre dummgrinsender Erdnusslocken und Bier vertilgenden Idioten, die dankbar sind für jede Lebenshilfe in unserer herzverfettenden Passivität.

Genau den gleichen Scheiß gibts auch in der Schriftstellerei: Es gibt unzählige Bücher zum Thema, wie man Schriftsteller wird, wie man Texte überarbeitet, wie man Gedichte schreibt, wie man einen verdammt guten Roman schreibt, wie man Selbstmarketing betreibt, wie  man einen Stil entwickelt, den die Leser mögen, wie man einen Bestseller schreibt – Freunde, dass ist alles Onanie und Schalmei!

Keiner der abgedrehten Zeilenschinder, die einen dieser Ratgeber schrieben, hat je selbst ein literarisch bedeutsames Werk verfasst, und diejenigen, die literarisch bedeutsame Werke verfassten und verfassen, haben in ihrem Leben weder je einen Literaturratgeber gelesen, noch einen verfasst. Die Sehnsucht und die verquere Logik zu glauben, man könne gut schreiben, wenn man sich an bestimmte Anweisungen hält, deckt sich mit der obszönen, selbstzufriedenen Brustwarzendreherei der Bürger, die sich die Ratgebersendungen im Fernsehen ansehen, weil sie längst den Schritt vom Leben zum Dahinvegetieren vollzogen haben. Dieser Ratgeberszene liegt eine verschlagene Faulheit zu Grunde, die Erfolg verspricht, wenn man gehorcht.

Manche Tipps in den Schreibratgebern sind so schlecht auch wieder nicht, aber ungefähr so selbstverständlich wie der Rat des Vaters an seinen Sohn, im Freien nicht gegen den Wind zu pissen, da verliert man immer. Jeder Nutzer und Leser und Konsument von Ratgebern will den bequemen Weg gehen, den widerstandslosen Weg, den anspruchslosen Pfad wählen – dahin schlendern wo andere sich plagen, um am Ende der Schlenderei erfolgreich und berühmt zu sein. Kurz und knackig: Wer mehr Schreibratgeber liest als Romane, wird eines Tages auch nicht besser schreiben können als der Schreibratgeber dies tat, als er seine zusammengepfriemelten Weisheiten aufs Papier warf.

Schreiben jenseits der Ratgeberei hat auch sehr viel mit Mut zu tun, und mit Arbeit. Mut, auch mal zu scheitern, sich festzuschreiben, zu verzagen, aber nicht aufzugeben. Schriftsteller müssen in Nächten, in denen keine Sterne am Himmel sind, nach denen sie sich richten können, wackere Herzen haben, die unverdrossen weiterschlagen – Laufen lernen, indem man stürzt und aufsteht und weiterläuft. Etwas, dass in den Schreibratgeberbiotopen irgendwie regelmäßig untergeht und bestenfalls pro forma erwähnt wird.