NATHSCHLÄGER

Ein Schriftsteller & Herumtreiber

Kategorie: Lesen

Achten Sie nicht auf den Mann hinter dem Vorhang

Anfang dieses Jahres wurde ich durch Zufall auf einen Schriftsteller aufmerksam, der vor allem die Plattformen Facebook und Instagram nutzte, um Texte zu veröffentlichen. Auf Facebook zum Großteil in Form von Textpostings, auf Instagram in Form von Texten, die auf Stimmungsbilder gelegt werden. Hüben wie drüben hatte Deno Licina zigtausende Fans, die ihm mit großer Aufmerksamkeit und Zuneigung folgten. Er bekam auf jedes Posting dutzende, wenn nicht sogar hunderte Reaktionen mit Zustimmung, Rosen und Herzen.

Gleichzeitig verkaufte er die gesammelten Texte in zwei Bänden über Amazon. Verlag ist oder war in einem Fall CreateSpace, also der Printverlag von Amazon selbst. Da gibt s keine Qualitätskontrolle außer der, die man selbst dem eigenen Werk angedeihen lässt. Und damit komme ich zur Crux der ganzen Geschichte: Die banalen Allgemeinplätze, verschwiemelten Belehrungs- und Mutmacherverse, die Motivations- und bedeutungsschwangeren Kalenderweisheiten stammen nicht von Deno Licina selbst. Große Teile der Texte kopierte er ohne zu fragen aus Twitter und gab sie als eigene Werke auf Facebook und Instagram aus. Das fiel einer Userin auf Twitter auf, weil sie in einem auf Facebook veröffentlichten Text den einer Twitterfreundin entdeckte. Ich dachte Mitte Januar, dass es keine schlechte Idee wäre, den Hastag #denolicina auf Twitter zu etablieren. Ein paar Wochen später wurde der Hastag aufgenommen und verselbstständigte sich erfreulicherweise. Ich war hin- und her gerissen von den Reaktionen, der Empörung und der Inbrunst, mit der weitere Vergehen von Deno Licina akribisch ans Tageslicht gebracht wurden. Hin- und her gerissen deshalb, weil es irgendwo auf dem Weg von Twitter zu Facebook oder Instagram eine Transformation der Texte gab. Nicht deren Inhalte, sondern der Wahrnehmung. Waren die Texte auf Twitter originelle Bonmots, witzig, klug und smart, wurden sie von den #denolicina Jägern auf Facebook als billiger Stuss gewertet. Als bedeutungsschwangeres Gesülze eines selbsternannten Poeten. Das gab mir zu denken: Was passierte mit der Wahrnehmung der Texte? Warum wurden sie auf Twitter als mit Herzblut verfasste Weisheiten gewertet, auf Denos Profilen aber so arg abgewatscht? Sind die Leute schizo? War der Zorn auf ihn so groß, dass man nicht einmal mehr die Qualität der gestohlenen Texte anerkennen wollte?

Nein, das war es nicht, das ist es nicht. Was sich auf dem Weg der Inbesitznahme durch Deno Licina änderte, von Twitter weg nach Facebook, auf Instagram und in die Bücher, war und ist die Etikettierung der Texte. Auf Twitter wollten und wollen die Texte nie mehr sein, als witzige Anmerkungen, Überlegungen, manche zum Schmunzeln, manche zum Nachdenken. Deno stahl die Texte nicht nur, sondern er fügte sie in das von ihm gestaltete Universum ein und änderte dadurch die Etikettierung maßgeblich: Er postete sie mit großer Geste, mit dem Habitus des lebensklugen Poeten, der die Menschen an seinen gewonnenen Weisheiten teilhaben lassen will und gleichzeitig die Marketing-Orgel bediente wie der Mann hinter dem Vorhang im Film „Der Zauberer von Oz“ seine Zaubermaschinen. Und das war der Punkt, an dem sich kluge und witzige Twitter-Postings in fadenscheinige Besserwisserei verwandelten: durch die schiere Masse, verbunden mit Marketing und den geradezu unterwürfigen Reaktionen seiner Leserschaft – die im Übrigen aufreizend passiv auf die Postings reagierte, in denen klargestellt wurde, dass die bejubelten Texte gestohlen waren. Die Vermassung von Alltagspoesie und hübschen Weisheiten, locker verstreut auf Twitter; auf den Profilen von Deno Licina verdarb die Textblumen, und verrotteten durch schiere Vermassung.

Darüber hinaus hege ich den Verdacht, dass ein nicht unerheblicher Teil von Licinas Followern gekauft sind, was, wie man inzwischen weiß, für Amazon-Rezensionen ebenso simpel ist wie für Facebook- oder Instagramprofile.

Deno Licina erwies sich für die Texte also nicht nur als Dieb, der sich an den Gedanken anderer mästete, sondern auch als Verschrotter der Einmaligkeit. Manche Poesien und Lyriken müssen in ihrem Universum bleiben, um Wert und Gültigket zu bewahren. Robert de Niro bezeichnete Trump einmal als „König des Scheißdrecks“. Dieses Prädikat kann ich an Deno weitergeben. Er ist ein König des Scheißdrecks, weil seine Inbesitznahme von fremden Zeilen ebendiese Texte mit einer unangenehmen Patina aus beliebiger und austauschbarer Scheiße überzieht.

Quellen:

 

 

Das habe ich jetzt davon, wenn ich mich von José Saramago inspirieren lasse. Bei ihm ist es die iberische Halbinsel, die im Roman Das steinere Floss auf reisen geht. Bei mir sind es die Kanaren. Beim Saramago treibt die Halbinsel davon und bei mir … siehe Postingtitel.

Und es wird kein Roman sondern bestenfalls eine längere Erzählung.

#schreiben #literatur #inspiration

Raspail – Das Heerlager der Heiligen

61eT01meiWL._SX300_BO1,204,203,200_Bisher habe ich immer die Meinung vertreten, dass Oscar Wilde recht hatte als er sagte, es gäbe keine moralischen Bücher sondern nur gut oder schlecht geschriebene. Das war auch in so gut wie allen Diskussionen über Literatur stets mein Credo und ich habe mich nun ertappt, dass ich davon abwich, in dem ich einen Roman, den ich noch nicht gelesen hatte, als Schundroman bezeichnete, weil er von der von mir aus gesehen falschen Richtung Applaus kam und hochgejubelt wurde.

Um das Buch wirklich beurteilen zu können, werde ich es lesen müssen, soviel ist klar. Die Frage ist, ob ich es lesen will. Dabei geht es mir gar nicht darum, ich könnte mit „unangenehmen Wahrheiten“ und „Dingen, die man so nicht schreiben darf“ konfrontiert zu werden. Herrgott, ich habe W.S.Burroughs weinerlich-selbstgefällige Drogenprosa ausgehalten, in der er einerseits die Pose des literarischen Revolutionärs und linken Allesverstehers einnimmt, in Wirklichkeit aber bewies, dass er ein schwules, chauvinistisches Arschgesicht war, für den halbwüchsige Mexikaner und Marokkaner nur einen Lebenszweck hatten, nämlich ihn zu vergöttern und im Bett bei Laune zu halten – wenn er nicht gerade zu dicht für diese Art der Vergnüglichkeiten war. Er unterschied sich in dieser Haltung in keinster Weise von den Großgrundbesitzern in den Südstaaten, die genau jene Schwarzen fickten, denen sie jegliche Menschlichkeit absprachen.

Nein, Moral und Sittlichkeit haben für mich noch nie ein Buch definiert. Was mich tatsächlich stört, ist der Applaus der falschen Seite, die Vereinnahmung eines literarischen Werkes durch Menschen, mit denen ich neverever auf ein Bier gehen würde, weil ich andauernd den Eindruck hätte, dass sie mich missionieren wollten. Und natürlich schmeckt mir die generelle Ausrichtung des Verlags nicht mit seiner Sammlung verschwörungs-salbungsvoller-rechtsnationaler Literatur. Und dass sie den elenden Pirincci im Programm haben, der sich durch nichts mehr von dem Rotz unterscheidet, den er auf die Literatur spuckt.

Ich werde Jean Raspails Buch lesen, und sei er noch so monarchisch-katholisch-alteuropäisch. Wenn es gut geschrieben ist, werde ich meine Freude daran haben.

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