Der Falke ist tot

Frank Montalvo ist tot

Der junge Cubaner, Radsportler und im Sicherheitsdienst tätig, als ich ihn 2010 kennenlernte, ist laut Zeugenaussagen und nach Aussagen seiner Freunde, die ich kenne, im Mai 2016 bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen, den er selbst verschuldete.

Frank hat seit Anfang 2016 in den USA gelebt, irgendwo in Miami. Im Mai war er auf Besuch in Kuba, borgte sich ein Auto aus und besuchte eine Diskothek in einem der Außenbezirke Havannas (vermutlich Cotorro, wo er früher lebte und arbeitete. Er setzte sich betrunken ans Steuer und als er von der Polizei angehalten werden sollte, raste er davon, verlor nach einer wilden Verfolgungsjagd die Kontrolle über den Wagen und krachte in ein Sammeltaxi mit sechs Insassen. Bei diesem Unfall starben alle sieben Personen.

Frank inspirierte mich 2010 zu der Figur von Franco Garcia Lopez und ein Foto von ihm, das ich machen durfte, zierte auch das Cover des Romans „Der Falke im Sturm“

Es ist schwer, eine Person, die ich so idealisierte und in einem Roman zum Helden einer Revolution machte, als Verursacher eines Unfalls anzuerkennen, der für den Tod von sechs Menschen verantwortlich ist. Aber vielleicht ist gerade diese Bitterkeit ein Merkmal der Schriftstellerei, wenn man erkennt, dass das eigene Wirken nicht mehr bleibt als ein Statement, dass man mit dem, was ist, nicht einverstanden ist …

Gute Reise, Frank. Ich hoffe, die anderen können Dir drüben vergeben, und ihre Familien hier, in dem Land, auf dessen Boden ich Dich im Roman schreien ließ: „Ich bin Kuba! Ich bin Kuba! Und ich bin die Erde, auf der ich gehe und das Wasser, in dem ich schwimme!“

Der grüne See

Manche Schönheiten des eigenen Landes entdeckt man wirklich oft erst dann, wenn man sie Gästen zugänglich machen will. Vor zwei Monaten, in den ersten warmen Tagen dieses Frühlings, waren Richard und ich mt den irakischen Brüdern Mohammend und Osama bei den Myrafällen und konnten beobachten wie sie sich in diese zerklüftete Postkartenlandschaft verliebten. Heute legten wir noch eins drauf und fuhren mit ihnen frühmorgens in die Steiermark und zwar zum Grünen See bei Tragöß-Sankt Katharein. Um das zu bewerkstelligen, haben wir sie eingeladen, bei uns zu übernachten.

Die Fahrt verlief schnell und reibungslos, und das Wetter gab sich besser als vorausgesagt; als wir in Oberort Trögöß ankamen, hatte es zwanzg Grad und die Sonne schien; am Horizont bildeten sich Wolken. Im ORF kann man lesen, dass der Grüne See zum schönsten Ort Österreichs ausgerufen wurde, das war 2014, aber ich schätze, seither hat sich da nichts geändert.

Etwas außerhalb von Oberort gibt es einen Schotterparkplatz mit jeder Menge Platzeinweiser, die ber gegen 10:00, als wir dort ankamen, noch unterbeschäftigt waren. Vom Pakplatz führt ein bekiester Wanderweg in Richtung Gebirge, und nach etwa zwanzig Minuten ereicht man den See – wir brauchten länger, weil jede Menge Fotos geschossen, und gleich in Facebook und Instagram hochgeladen werden mussten. Wir waren mit Mineralwasser und belegten Broten gut ausgerüstet, und während wir durch die wirklich berauschend schöne Landschaft am Ufer des Sees entlang wanderten, wurde der Strom der Wanderer immer dichter. Gegen Mittag zog der Himmel zu und über den Bergen türmten sich dunkle Wolken auf, was uns dazu veranlasste, etwas schneller in Richtung Parkplatz zurückzugehen.

Der Punkt ist, dass man einen Ort wie den Grünen See nie für sich allein hat, und ich glaube, dass man die spirituelle Erfahrung, die man hier machen könnte, denn alles dort atmet ernsthafte Spiritualität aus, nur allein machen kann. Vielleicht ist es wrklich so, dass es Orte gibt, in denen sich die Schöpfungskraft ballt und uns zuückwirft ins kindliche Staunen und Freuen.

Die Rückfahrt verlief im Regen, jedoch schneller als die Hinfahrt Unsere Gäste schliefen auf der Rückbank ein, und wenn mich Richard nicht immer wieder geschubst hätte, wäre ich auch ein wenig eingenickt.

Anmerkung:

Man muss den Kassenautomat am Parkplatz beim See mit Münzen füttern, den Schein ziehen und aufs Amaturenbrett legen. Wenn man keine Münzen hat, geht man über das kleine Brückchen zu dem Holzhaus, in dem eine kleine Kantine und das Tourismuszentrum untergebracht ist. Dort ann man bei einem Automat Geldscheine in Münzen umwechseln, jedoch keine Fünfziger die nimmt der Automat nicht.

Jetzt geht es zuerst einmal nach Kuba, von wo auc ich erstmals direkt Instagramfotos posten werde, und wenn wir zurück sind, werden wir einen schönen Wanderausflug auf die Rax machen.

Edle Gedanken

 

Kuba 2011

An einem Nachmittag kamen wir vom Strand zurück nach Havanna. Ich ging zum Hotel Presidente, das direkt neben dem Edificio Presidente liegt, um für einen Freund Zigaretten zu besorgen und um einen oder zwei Mojito zu trinken. Richard plante, ein Nickerchen zu machen, und ich wollte das Zeitfenster nutzen, mich ins Foyer des Hotels setzen und ein paar Gedanken aufschreiben. Es handelte sich dabei um ein paar Ideen, wie ich ein bestimmtes Thema bei meinem damals aktuellen Romanprojekt angehen kann. Die Einrichtung des Hotel Presidente ist dem Namen angemessen, sehr schön und edel eingerichtet. Es ist altmodisch und es gibt im Foyer keine Klimaanlage. Dafür weht eine stete Brise durch die Marmorhalle, streicht über die fein lackierten Kolonialmöbel und kühlt den Schweiß auf der Haut. Ich sitze auf einem der breiten Sofas, und da sind nur mein Herzschlag, das Kratzen des Stifts auf dem Papier und das Klimpern der Eiswürfel im Glas, während der Wind die Vorhänge bauscht. Als ich nach etwa zwanzig Minuten aufblicke, sehe ich an einem der runden, höheren Tische eine elegant gekleidete Dame (ein anderes Wort wäre unangemessen), die ebenfalls schrieb. Auch, wie ich, in ein Moleskin-Notizbuch. Aber meine Herren, war die edel. Alles an ihr strahlte nicht nur Stil und Würde aus, sondern auch das Wollen, edel und elegant zu wirken. Ihre Mundwinkel waren nach unten gezogen, die Lippen im Ansatz geschürzt, die Brille an der Goldkordel saß tief auf der Nasenspitze und ihre Locken waren silberblau getönt. Und da saß ich: Unrasiert, tiefbraun vom Strand, verschwitzt, mit feuchtem, ungebügelten T-Shirt und dem verwegenen Grinsen eines Wahnsinnigen, dem Mojitos, Literatur und Sonne das Hirn gegrillt hatten. Unsere Blicke trafen sich auf halben Weg, könnte man sagen. Vielleicht befürchtete ich, Verachtung in ihrem Blick zu sehen, aber wir grinsten uns an. Wir erkannten uns durch die Masken. Meine, verschwitzt, salzig und unrasiert, ihre, elegant, edel und dezent geschminkt. Ich dachte, während wir uns für eine Sekunde freundlich ansahen, dass wir tun können, was wir wollen. Wir werden beim Schreiben nie wie unsere Vorbilder aussehen, wir werden dabei nie edel sein oder elegant, nie verwegen und abenteuerlich. Wenn wir schreiben, werden wir immer nur Süchtige sein, die sich von ihren Geistern reiten lassen. In ihrem Blick erkannte ich dasselbe, alte Wissen, der Blickkontakt riss ab und wir widmeten uns wieder unseren Zeilen. Unsere Vorbilder und literarischen Ahmen wussten von den Geistern, und wie man sich von ihnen reiten lässt. Und in dieser bedienungslosen Hingabe liegt vielleicht das Geheimnis aller großen, guten Texte vergraben.