NATHSCHLÄGER

Ein Schriftsteller & Herumtreiber

Kategorie: Schreiben (Seite 1 von 2)

Abschied von den sozialen Medien

Abgesehen davon, dass Medien neverever sozial sein können, so etwa wie nie etwas Sinn machen, sondern nur Sinn haben oder nicht haben kann, gibt es zahlreiche Gründe, sich aus den Fesseln der Lotosesser zu befreien. In den Medien werden immer wieder unterschiedliche Gründe genannt, warum es Zeit wäre, sich aus Facebook, von Instagram und Twitter zu verabschieden: Meinungsblasen, Gehässigkeit, Datensicherheit, das trügerische Evangelium vollkommener Transparenz werden als Gründe genannt. Aber auch die Unmenge an Zeit, die man aufwendet, um sich mit Nichts zu beschäftigen. Denn das ist es letztendlich, was all diese Social Media Plattformen bieten: Ein bedeutungsvolles, anheimelndes, das infantile Ego belohnendes Nichts.

Was meine zahlreichen Abschiede aus den Sozialen Medien betrifft geht es mir wie Mark Twain, der sagte: „Sich das Rauchen abzugewöhnen, ist die leichteste Sache der Welt. Ich habe das schon gewiss hundertmal getan!“

Nichts an FB, IG oder TW ist tatsächlich von Bedeutung, wichtig oder unumgänglich. Die klassischen Medien tun nur so als ob, weil sie selbst ihre titenschwarzen Metastasen in die Social-Media-Welt ausgestreckt haben und zum Beispiel parallel zu ihren Onlineausgaben auch auf Facebook und Twitter zu finden sind. Diese Entwicklung beruht darauf, das der Mensch immer und immer wieder Bestätigung sucht und Recht haben will. Man äußert etwas scheinbar Bedeutungsvolles und wird mit „Likes“ belohnt, man wird quasi gemocht – wobei ein „Like“ nicht mehr ist, als dem Impuls, zuzustimmen, nachzugeben – und sei es nur, um „die anderen“ zu brüskieren. „Likes“ und Debatten in Social Media haben mehr mit Eitelkeit und Befriedigungslust zu tun als mit der Suche nach Erkenntnis und Klarheit oder kritischer Auseinandersetzung mit irgendeinem Thema. Gerade bei den sozialen Medien überwiegt absolut der Anschein, nicht die Fakten. Das Ankündigen und nicht das Erfüllen. Die leere Behauptung als Pose, für die man geliked werden will.

Was mich schlussendlich dazu bewogen hat, alle Social-Media-Kanäle samt Putz und Stingel auszumerzen, beruht auf einer ganz anderen Überlegung.

Ich bin Schriftsteller. Und als Schriftsteller sollte das Lesen für mich an erster Stelle meiner Freizeitbeschäftigungen stehen. In den letzten Monaten stelle ich an mir aber eine immer stärker werdende Lese-Unlust fest, die ich mir nicht erklären konnte, bis ich eine Rezension auf Gabriel Garcia Marquez´s Roman „Liebe in Zeiten der Cholera“ verfasste. In dieser Rezension beschrieb ich, dass ich das Buch nur häppchenweise genießen konnte und nicht wie sonst, und großen Bissen. LIZDC ist kein Buch, das man verschlingt, man sauft ja auch keinen Cabernet. Man genießt, oder?

Der wahre Grund für mein häppchenweises Lesen allerdings war nicht der Genuss kleiner Bissen sondern meine wachsende Ungeduld mit literarischen Werken, die man um ihrer selbst Willen liest und nicht, um sich von Reiz zu Reiz zu hanteln. Kurz: Ich gebe bis zu einem gewissen Grad dem Wesen der Sozialen Medien mit Schuld daran, dass mir der lange Atem für literarische Werke ausgeht – eben, weil sie den Leser in ihrer Gesamtheit belohnen und nicht wie ein Bonbon-Regen, der in den SoMe ständig auf einen herniederprasselt, „Likes“ und Smileys als ständige Belohnung für nichts versprechen und geben.

Ich habe alles gelöscht – FB wird erst in 80 Tagen wirklich dahin sein, aber egal, ich logge mich nicht mehr ein. Es ist nicht nur wegen der literarischen Kurzatmigkeit, mit der ich immer öfter zu kämpfen habe, sondern auch die Zeit, die ich mit Nichtstun und doch Beschäftigtsein verschissen habe, statt gute Bücher zu lesen oder konzentriert an einem neuen Buch zu schreiben.

Michael Harris beschrieb das Problem mit dem Belohnungsmechanismus und wie sich das auf das Leseverhalten auf ihn auswirkt, sehr ausführlich in einem Artikel in Theglobeandmail.

Und gleichzeitig will ich auch wieder das Rauchen aufgeben, dass ich saudummerweise nach neun Jahren Abstinenz im späten Oktober 2017 wieder angefangen habe.

Stürmische Zeiten kommen auf mich zu – aber ich erwarte mit dem Herz eines Helden den Sturm zu durchsegeln und am Ende die goldbeleuchtete See vorzufinden, wo ich echten Müssiggang finde und Zeit und Lust, mich wieder in dicken Schwarten zu verlieren und das verdammte Buch fertigzuschreiben.

Achten Sie nicht auf den Mann hinter dem Vorhang

Anfang dieses Jahres wurde ich durch Zufall auf einen Schriftsteller aufmerksam, der vor allem die Plattformen Facebook und Instagram nutzte, um Texte zu veröffentlichen. Auf Facebook zum Großteil in Form von Textpostings, auf Instagram in Form von Texten, die auf Stimmungsbilder gelegt werden. Hüben wie drüben hatte Deno Licina zigtausende Fans, die ihm mit großer Aufmerksamkeit und Zuneigung folgten. Er bekam auf jedes Posting dutzende, wenn nicht sogar hunderte Reaktionen mit Zustimmung, Rosen und Herzen.

Gleichzeitig verkaufte er die gesammelten Texte in zwei Bänden über Amazon. Verlag ist oder war in einem Fall CreateSpace, also der Printverlag von Amazon selbst. Da gibt s keine Qualitätskontrolle außer der, die man selbst dem eigenen Werk angedeihen lässt. Und damit komme ich zur Crux der ganzen Geschichte: Die banalen Allgemeinplätze, verschwiemelten Belehrungs- und Mutmacherverse, die Motivations- und bedeutungsschwangeren Kalenderweisheiten stammen nicht von Deno Licina selbst. Große Teile der Texte kopierte er ohne zu fragen aus Twitter und gab sie als eigene Werke auf Facebook und Instagram aus. Das fiel einer Userin auf Twitter auf, weil sie in einem auf Facebook veröffentlichten Text den einer Twitterfreundin entdeckte. Ich dachte Mitte Januar, dass es keine schlechte Idee wäre, den Hastag #denolicina auf Twitter zu etablieren. Ein paar Wochen später wurde der Hastag aufgenommen und verselbstständigte sich erfreulicherweise. Ich war hin- und her gerissen von den Reaktionen, der Empörung und der Inbrunst, mit der weitere Vergehen von Deno Licina akribisch ans Tageslicht gebracht wurden. Hin- und her gerissen deshalb, weil es irgendwo auf dem Weg von Twitter zu Facebook oder Instagram eine Transformation der Texte gab. Nicht deren Inhalte, sondern der Wahrnehmung. Waren die Texte auf Twitter originelle Bonmots, witzig, klug und smart, wurden sie von den #denolicina Jägern auf Facebook als billiger Stuss gewertet. Als bedeutungsschwangeres Gesülze eines selbsternannten Poeten. Das gab mir zu denken: Was passierte mit der Wahrnehmung der Texte? Warum wurden sie auf Twitter als mit Herzblut verfasste Weisheiten gewertet, auf Denos Profilen aber so arg abgewatscht? Sind die Leute schizo? War der Zorn auf ihn so groß, dass man nicht einmal mehr die Qualität der gestohlenen Texte anerkennen wollte?

Nein, das war es nicht, das ist es nicht. Was sich auf dem Weg der Inbesitznahme durch Deno Licina änderte, von Twitter weg nach Facebook, auf Instagram und in die Bücher, war und ist die Etikettierung der Texte. Auf Twitter wollten und wollen die Texte nie mehr sein, als witzige Anmerkungen, Überlegungen, manche zum Schmunzeln, manche zum Nachdenken. Deno stahl die Texte nicht nur, sondern er fügte sie in das von ihm gestaltete Universum ein und änderte dadurch die Etikettierung maßgeblich: Er postete sie mit großer Geste, mit dem Habitus des lebensklugen Poeten, der die Menschen an seinen gewonnenen Weisheiten teilhaben lassen will und gleichzeitig die Marketing-Orgel bediente wie der Mann hinter dem Vorhang im Film „Der Zauberer von Oz“ seine Zaubermaschinen. Und das war der Punkt, an dem sich kluge und witzige Twitter-Postings in fadenscheinige Besserwisserei verwandelten: durch die schiere Masse, verbunden mit Marketing und den geradezu unterwürfigen Reaktionen seiner Leserschaft – die im Übrigen aufreizend passiv auf die Postings reagierte, in denen klargestellt wurde, dass die bejubelten Texte gestohlen waren. Die Vermassung von Alltagspoesie und hübschen Weisheiten, locker verstreut auf Twitter; auf den Profilen von Deno Licina verdarb die Textblumen, und verrotteten durch schiere Vermassung.

Darüber hinaus hege ich den Verdacht, dass ein nicht unerheblicher Teil von Licinas Followern gekauft sind, was, wie man inzwischen weiß, für Amazon-Rezensionen ebenso simpel ist wie für Facebook- oder Instagramprofile.

Deno Licina erwies sich für die Texte also nicht nur als Dieb, der sich an den Gedanken anderer mästete, sondern auch als Verschrotter der Einmaligkeit. Manche Poesien und Lyriken müssen in ihrem Universum bleiben, um Wert und Gültigket zu bewahren. Robert de Niro bezeichnete Trump einmal als „König des Scheißdrecks“. Dieses Prädikat kann ich an Deno weitergeben. Er ist ein König des Scheißdrecks, weil seine Inbesitznahme von fremden Zeilen ebendiese Texte mit einer unangenehmen Patina aus beliebiger und austauschbarer Scheiße überzieht.

Quellen:

 

 

Retrospektive

Es ist Herbst, fast Winter, es ist nasskalt und der Wind und der Regen holen die letzten Blätter von den Bäumen. Traditionell ist das die Zeit der Schriftstellerei. Andererseits schrieben meine Vorbilder auch bei Hitze bestens, besser als ich auf jeden Fall. Der Herbst ist auch die Zeit der Neuerungen bei Tools und Apps. Nach einigen Hin & Her halte ich es jetzt so, dass ich den Entwurf eines Romans in Scrivener plane und erstelle und das Finish mache ich dann in Papyrus Autor. Vor kurzem erschien eine neue Version von Softmaker Office, von der habe ich mir das Upgrade gegönnt. Damit kann ich das Manuskript in einem Format zu bearbeiten, dessen Export aus Papyrus Autor noch nicht perfekt klappt, nämlich docx.

Das Manuskript „Lucian im Spiegel“ hat seinen letzten Durchlauf im Lektorat hinter sich und der Verlag lässt nun das Cover für die bevorstehende Publikation als Hardcover designen. Zwölf Entwürfe habe ich schon gesehen, von denen mit zwei recht gut gefallen. Das letzte Wort haben in diesem Fall aber der Verlag und die Berater der Grossisten, die das Buch in die Buchhandlungen bringen.

Ich habe derweil einen weiteren Korrekturlauf im bislang nicht angebotenen Manuskript Herr X vorgenommen und dabei recht tief in die Handlung gegriffen, um sie besser fließen zu lassen. Die hier eingearbeitete Version von Mistah Zumbee fokussiert nun voll und ganz auf die Ereignisse von 1976 und 1977 – ich habe die Handlung aus dem Jahr 1980 in der Originalversion vorverlegt, um direkt an die Vorgeschichte anschließen zu können. Ich halte die Geschichte für wirklich gruselig, obwohl sie ziemlich harmlos und fast süßlich beginnt. Wie jeder Horrorroman ist auch Herr X in Wirklichkeit eine Tragödie.

Jetzt kann ich mich darauf konzentrieren, mein neues Romanprojekt voranzutreiben, dem ich den Arbeitstitel Coda unter den Wolken gegeben habe. Hier versuche ich, einen zeitgemäßen Gegenentwurf zu Raspails „Heerlager der Heiligen“ zu schreiben. Vielleicht ist Gegenentwurf das falsche Wort, ja, es ist das falsche Wort. Ich mache mich viel eher daran, seine Geschichte ins Absurde zu überhöhen, um sie zu demaskieren: Einerseits Raspails Buch und andererseits die Menschen, die sich die moralische Deutungshoheit unter den Nagel gerissen haben ohne zu wissen, was sie damit eigentlich wirklich wollen.

Ähnlich wie in Fluchtgemälde wird der Roman in drei Teilen erzählt, aus drei unterschiedlichen Perspektiven und mit unterschiedlichen Personen und Handlungsorten. Nach den langen Korrekturarbeiten beginnt nun wieder eine lange, schreibintensive Zeit, auf die ich mich sehr freue.

 

Forecast

Letzte Woche habe ich den Verlagsvertrag für das Manuskript Lucian im Spiegel unterschrieben an den Verlag geschickt, und der neueste Stand ist nun, dass das Buch im Frühjahr 2018 erscheinen soll, also rechtzeitig zur Leipziger Buchmesse. Das freut mich alles wirklich sehr – vor allem aus den folgenden Gründen: Ich kann wieder mit Thomas Pregel arbeiten, dessen Lektorat ebenso verständnisvoll wie scharfsichtig ist, weil ich mich in der Verlagsfamilie vom Größenwahn-Verlag sehr wohl fühle, und weil die Jungs dort wirklich schöne Bücher machen. Ich würde ja gerne ein bisschen aus dem Nähkästchen plaudern, worum es im Roman geht, möchte aber den Klappen- und Werbetext des Verlags abwarten.

Von April bis Juli dieses Jahres habe ich einen kurzen Roman verfasst, der die Vorgeschichte von Mistah Zumbee erzählt. War schon Mistah Zumbee wie ein Hieb in die Magengrube, dann zieht einem die Vorgeschichte, die den Arbeitstitel HERR X hat, vollends den Boden unter den Füßen weg. Mistah Zumbee ist in den neuen Roman als eigenes Kapitel am Ende eingearbeitet, Details wurden angepasst, wie zB die Zeit, in der die Geschichte spielt. Und ich erzähle hier Mistah Zumbee ganz und nicht in der verkürzten Version, wie sie im Kurzgeschichtenband Wo die verlorenen Worte sind, veröffentlicht wurde.

Da ich nicht davon ausgehe, dass einer meiner Hausverlage diese kleine, grausige, unappetitliche und bitterböse Geschichte veröffentlichen wird, überlege ich, den Roman im Selbstverlag herauszubringen. Dazu werde ich Testleser brauchen, die das nötige Literaturverständnis haben und einen guten Magen.

Darüber hinaus denke ich darüber nach, einen Kurzgeschichtenband selbst herauszubringen und darin die Geschichten zu versammeln, die es nur in diversen Anthologien gibt. Das wäre vielleicht eine nette „Rundschau“ über meine kürzeren Texte, die ich in den letzten Jahren verfasst habe. Mal schauen.

Die Hand aus dem Gewitterhimmel

Gestern schrieb ich eine Szene, in der ich Rafael Kaminer (oder eine Version aus einer anderen Realität) in die Handlung meines neuen Romans einführte. Die französische Student aus Israel, der schon in meinem Roman Fluchtgemälde eine wichtige Hauptnebenrolle spielte (gibts das überhaupt?), verbringt seinen Sommer auf Gran Canaria, als alles … in Bewegung gerät. Während ich die Szene schrieb, stellte ich fest, dass ich allein schon durch den episodenhaften Anfang zu viele Personen eingeführt habe, die alle aufgrund der Art, wie sie dargestellt werden, für die weitere Handlung von Bedeutung sein könnten. Es ist eine alte Weisheit in der Schriftstellerei: Man erwähnt nicht auf Seite sowieso ein Messer, wenn es nicht irgendwann später bedeutsam wird. Und man führt keine Figuren ein, die nicht relevant für die Geschichte sind. Tut man nicht.

Doch die Einführung von Figuren muss nicht per se später handlungsrelevant sein sondern sie kann durchaus einfach auch nur dazu dienen, um das Setting zu umreißen. Aber was macht man dann mit ihnen, wenn das Setting steht und die Stimmung aufgebaut ist? Ich habe jetzt zu viele Personen in der Geschichte und ich fange grad erst an, zu erzählen. Jedenfalls ging ich dann kurz vor den Abendnachrichten aufs Klo und da kommen mir ja immer die besten Ideen, ne? Du musst die Leute einfach umbringen, so schaut´s aus. Da habe ich mindestens vier Charaktere, die später nicht mehr benötigt werden – da trifft es sich gut, dass im Zuge der Geschichte ein Mob über die Insel zieht um die Schuldigen an der ganzen Misere aufzuspüren und nicht davor zurückschreckt, Menschen einfach abzumurksen, allein schon wenn sie in Verdacht geraten. Bei dem Gedanken fühlte ich mich wie ein herzloser Affenarsch, aber ich meine, das könnte funktionieren! Ich bin den erzählerischen Ballast los und gleichzeitig kann ich dem Leser vermitteln, dass die große Gefahr nicht von der absurden Situation ausgeht, in der sich die Kanaren befinden, zumindest nicht unmittelbar, sondern dass wieder einmal der Mensch selbst zu seinem größten Feind wird.

Und dann fiel mir noch eine ganz besonders fiese Art ein, wie ich einige von ihnen sterben lassen kann. Das wird beim schreiben zwiebeln … und hoffentlich auch beim lesen.

Ulysses APP

Ich weiß ich weiß, so wie ein guter Musiker auch auf einem Kamm Musik machen kann, so sollte auch ein Schriftsteller allein mit Bleistift und Papier zurecht kommen wenn es darum geht, eine Geschichte zu erzählen.

Aber:

Ich betrachte das so: Die Software, die ich ich benutze, um einen Roman zu schreiben, ist für mich das, was früher einmal, als es noch keine Computer gab, die ideale Schreibumgebung für den Schriftsteller war. Ein Raum voller Bücher im Kerzenschein? Oder ein Raum in einer Hütte am See mit Blick auf das nebelverhangene Ufer? Ein Klapptisch in der Savanne oder ein tonnenschwerer Schreibtisch in einer Bibliothek?

Weder das Eine noch das Andere macht das Schreiben besser, aber vielleicht doch angenehmer und komfortabler. Ich habe einige Programme ausprobiert, manche sogar längere Zeit benutzt und nur bei Wenigen bin ich wirklich über sehr lange Zeit hängen geblieben. Einen relativ kurzen Einsatz hatte bei mir Ulysses. Damit habe ich zwei Reiseberichte verfasst und rund die Hälfte meines vorletzten Romans. ich mag Ulysses nach wie vor sehr gerne, sehe mich aber außerstande, mit den aus der Architektur des Programms resultierenden Einschränkungen zu leben. Dazu kurz mal mein Hardwaresetup:

  • Asus Zenbook mit Windows 10
  • DELL Inspiron Desktop mit Windows 10
  • iPad Air 
  • Huawei P10+ (privat)
  • iPhone 7 (Firma)

Eine recht heterogene Mischung, könnte man sagen. Ulysses lief bei mir auf dem iPad und auf dem iPhone. Seit Mai habe ich das Huawei, weil ich private und berufliche Angelegenheiten strikt getrennt haben möchte. Damit fiel aber auch die Nutzung von Ulysses auf dem iPhone flach – wo ich es eh nie benutzt habe. Somit hatte ich Ulysses nur noch auf dem iPad und damit war es für mich eine Insellösung. Und das taugt mir nicht. Im Idealfall habe ich von jedem Gerät aus Zugriff auf die Files, an denen ich arbeite und wenns ganz pipifein abgeht, habe ich sogar auf jedem Device die gleiche Software, um an den Texten zu arbeiten.

Derzeit – und auf lange Sicht gesehen – benutze ich Scrivener für das Verfassen meiner Texte. Das habe ich auf den Zenbook, dem DELL, ich habs auf dem iPad. Und wenn ich wirklich mal dem Wahn verfalle, kann ich auf dem Huawei über JotterPad auf die Textfiles zugreifen, die erzeugt werden, wenn man ein Scrivenerprojekt mit einem externen Ordner synchronisiert. Das klappt sehr fein.

Dabei finde ich Ulysses wirklich totschick und mir gefällt die Simplizität dahinter; auch, dass die Texte als Textfiles vorliegen. Eh witzig, jetzt, wo man Terabyte an Speicherplatz haben kann, begeistere ich mich für Apps, die eben wenig Speicherplatz benötigen und Files, die kein Gewicht haben. Ich könnte mit Ulysses weiterarbeiten, wenn es ein Webinterface gäbe oder ein Windows Derivat. Da aber weder das Eine noch das Andere in Aussicht gestellt wird, muss ich auf Ulysses verzichten. Obwohls wirklich sehr schick ist, das Ding …

 

Acosta Danza – Eine Sache des Tanzes

Stellen wir uns für einen Moment vor, ich hätte durch Zufall oder auch unterbewusst oder ganz und gar bewusst meine Romane so verfasst, dass sie untereinander verknüpft sind. Zumindest seit Im Palast des schönsten Schmetterlings. Dreh- und Angelpunkt dieser Verknüpfungen bildet der dreiteilige Roman Fluchtgemälde, wo ich die Möglichkeit thematisiere, sich durch selbst gemalte Bilder in eine alternative Realität nach eigenen Vorstellungen zu flüchten – was im Roman in einer der Wirklichkeiten katastrophale Folgen hat.

Stellen wir uns vor, den Goldenen Riesen, als Golem der Schöpfung, der einsam im Raum der Väter schwebt, gibt es wirklich, dann wird es im Golem, der aus allen Fluchtgemälden aller Zeiten und Welten besteht, auch ein Bild geben, das eine Momentaufnahme einer Realität zeigt, in der Richard, der im Roman Die Inseln im Westen gestorben ist, lebt, und der anstelle seines Mannes Frank auf Gran Canaria lebt und dort ein Abenteuer zu bestehen hat, das … haarsträubend ist.

Dann hätten wir ja schon fast die Grundeinstellungen für das neue Romanprojekt.

Richard Ostrowski lebt allein in seiner Finca auf Gran Canaria in der Gemeinde Tejeda. Sein Mann Frank ist seit zwei Jahren spurlos verschwunden und Richard will sich nicht mit dessen Tod abfinden. Er malt aufsehenerregende Bilder, die er überall auf den Kanaren verkauft und die ihm neben seiner Rente ein recht sorgloses Leben ermöglichen. Zwei Monate, bevor das Haarsträubende sich ereignet, kommt eine kubanische Tanzkompanie nach Teneriffa, der Manager macht sich mit den Einnahmen aus dem Staub und die Company steht ohne Geld und Papiere da, dazu verdonnert, sich irgendwie über Wasser zu halten. Sie entschließen sich dazu, dass zu tun, was sie sowieso am besten können, und inszenieren Tanzshows, in die sie zunehmend Santeriatänze und Erdtänze einbauen, um den Aufführungen mehr Dramatik zu verleihen. Es ist dieselbe Santeria-Magie, durch die es möglich ist, Fluchtgemälde zu malen. Und hier geht es nicht um einen Maler, der mithilfe der Magie ein Fluchtgemälde malt, sondern um sieben Tänzerinnen und Tänzer, die voll erbitterter Leidenschaft um ihr Leben tanzen. Die Auswirkungen sind ebenso dramatisch wie enorm.

Ich freu mich schon richtig drauf, diese Geschichte zu schreiben …

Der Falke ist tot

Frank Montalvo ist tot

Der junge Cubaner, Radsportler und im Sicherheitsdienst tätig, als ich ihn 2010 kennenlernte, ist laut Zeugenaussagen und nach Aussagen seiner Freunde, die ich kenne, im Mai 2016 bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen, den er selbst verschuldete.

Frank hat seit Anfang 2016 in den USA gelebt, irgendwo in Miami. Im Mai war er auf Besuch in Kuba, borgte sich ein Auto aus und besuchte eine Diskothek in einem der Außenbezirke Havannas (vermutlich Cotorro, wo er früher lebte und arbeitete. Er setzte sich betrunken ans Steuer und als er von der Polizei angehalten werden sollte, raste er davon, verlor nach einer wilden Verfolgungsjagd die Kontrolle über den Wagen und krachte in ein Sammeltaxi mit sechs Insassen. Bei diesem Unfall starben alle sieben Personen.

Frank inspirierte mich 2010 zu der Figur von Franco Garcia Lopez und ein Foto von ihm, das ich machen durfte, zierte auch das Cover des Romans „Der Falke im Sturm“

Es ist schwer, eine Person, die ich so idealisierte und in einem Roman zum Helden einer Revolution machte, als Verursacher eines Unfalls anzuerkennen, der für den Tod von sechs Menschen verantwortlich ist. Aber vielleicht ist gerade diese Bitterkeit ein Merkmal der Schriftstellerei, wenn man erkennt, dass das eigene Wirken nicht mehr bleibt als ein Statement, dass man mit dem, was ist, nicht einverstanden ist …

Gute Reise, Frank. Ich hoffe, die anderen können Dir drüben vergeben, und ihre Familien hier, in dem Land, auf dessen Boden ich Dich im Roman schreien ließ: „Ich bin Kuba! Ich bin Kuba! Und ich bin die Erde, auf der ich gehe und das Wasser, in dem ich schwimme!“

Wer ist Herr X?

Neben der längeren Erzählung (Ab in den Himmel) schreibe ich gerade einen Roman mit dem Arbeitstitel HERR X. Der Großteil der Geschichte spielt in Wien, und zwar in der Leopoldstadt zwischen 1978 – 1979 und erzählt die Geschichte eines Jungen, der dort nach dem gewaltsamen Tod seines besten Freundes aus dem Tritt gerät und schon mit knapp dreizehn Jahren in die Stricherszene des Wiener Praters abrutscht, ohne dass dies jemand in seiner Familie merkt.

Der Junge ist verträumt und fantasiebegabt und erfindet eine bedrohliche Welt, in der Außerirdische und dämonische Wesen aus ihren Sphären in unsere Wirklichkeit dringen und ihre Agenten ausschicken, um Kinder zu töten, die hinter ihr Geheimnis gekommen sind. Am Anfang mehr wie ein Nebenstrang, wird über eine Reihe von Morden berichtet, die zunächst nichts miteinander zu tun zu haben scheinen. Für den Jungen verbinden sie sich jedoch durch das merkwürdige Wesen Herr X, der weder Dämon noch Geist noch Außerirdischer ist, sondern mehr wie ein Riss im dünnen Gewebe der Wirklichkeit, der nur zufällig die Umrisse eines Menschen hat.

Natürlich strotzt der Roman – so, wie ich ihn bisher angegangen habe – vor Symbolen. Herr X ist also ein zufälligerweise menschenähnlicher Scherenschnitt zwischen unserer Wirklichkeit und einem verheerten Land, velleicht ist er aber auch nur das Ende der Unschuld und der Beginn der Schuld, die Wegemarke, an der man sich entscheidet, ob man sich gegen oder für moralische Werte entscheiden will. Eine Frage, die ich mir erst stellen werde, wenn ich mit der Rohfassung durch bin ist die, ob es angemessen ist, die Sexualität Heranwachsender zu thematisieren ohne sie moralisch einzuordnen und zu werten. Ich tendiere stark dazu, „Ja“ zu sagen, ja, man kann und soll sie thematisieren, wenn dies ein integraler Bestandteil des Roman ist und nicht allein für sich steht, wegen der Sensation, dem Skandal. Ich verwende die Bilder aus der Fantasie des Jungen, um seine sexuelle Verwirrung und Träume und Sehnsüchte zu umschreiben.

Herr X ist dann vielleicht auch der, der diese Art der Verklärung nicht nur zulässt sondern auch unterstützt, um die wahren, finsteren Hintergründe zu vernebeln.

Herr X ist aber auch die Vorgeschichte zu meiner längeren Erzählung Mistah Zumbee, die sowohl als Hörbuch wie auch als gedruckter Text in der Anthologie Wo die verlorenen Worte sind erschien.

 

Fotos mit freundlicher Genehmigung von Michael Aspen Taylor – http://michaelsalerno.blogspot.co.at/)

 

Das habe ich jetzt davon, wenn ich mich von José Saramago inspirieren lasse. Bei ihm ist es die iberische Halbinsel, die im Roman Das steinere Floss auf reisen geht. Bei mir sind es die Kanaren. Beim Saramago treibt die Halbinsel davon und bei mir … siehe Postingtitel.

Und es wird kein Roman sondern bestenfalls eine längere Erzählung.

#schreiben #literatur #inspiration

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