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NATHSCHLÄGER

Ein Schriftsteller & Herumtreiber

Interview mit Thorsten Grewe, 2010

Thorsten Grewe, Dortmund führte das Interview mit Peter Nathschläger während dessen Aufenthalt in Amsterdam am 18.02.2010 per Email.

TG: Peter, Du bist schon länger im Autoren–Geschäft. Du hast zwei Gedichtbände verfasst, sechs Romane und ungezählte Kurzgeschichten für diverse Anthologien. Für Deinen neuen Roman „Rainmark“ hast Du Dir gezielt den Verlag Hary–Production ausgesucht, der auf phantastische Literatur spezialisiert ist. Was hat dich zu diesem Schritt bewogen?

PN: Die erste Überlegung eines Autors, nachdem er sein Manuskript so gut wie möglich zu einem Ende gebracht hat, ist, wie man einen Verlag findet.
Die zweite Überlegung wäre daraus folgend, wie man als Autor wahrgenommen werden möchte.
„Rainmark“ ist eine kleine Geschichte, die auf ganz bestimmte Art wahrgenommen werden möchte. Für meine zukünftige Wahrnehmung als Autor durch den Leser schien mir die Zusammenarbeit mit Hary–Production die beste Lösung zu sein. Der Verlag ist in der deutschen, phantastischen Literatur fest etabliert, verfügt über ein sehr gutes und verständiges Lektorat und hat ansprechende Vertriebskanäle jenseits der Grossisten. TG: Schon in Deinen vorherigen Werken spielte das Horror–Element eine nicht unwesentliche Rolle. Dein neuer Roman erscheint sogar ausdrücklich innerhalb der Horror–Reihe des herausgebenden Verlags. Was reizt Dich speziell am Thema Grauen? PN: Menschen finden erst unter Druck zu ihrer wahren Form. Dann, wenn der Schlick der Zivilisation aus dem Herzen gesandstrahlt wird und man nackt und bloß sich selbst gegenübersteht, den ureigensten Bedürfnissen und Begierden, erst dann lernt man seine Lektionen in Sachen Horror.
Das Grauen beginnt nicht dort, wo sich Klauen in verletzliches Fleisch graben, sondern da, wo die Wirklichkeit ihre Grenzen erreicht. Sehr oft ist Brutalität die Grenze zwischen Realität und Wahnsinn; Grauen zeigt, dass manchmal nichts Geringeres auf dem Spiel steht, als die Undurchlässigkeit unserer Realität. Und genau diese Zerbrechlichkeit unserer Realität reizt mich: Das Klopfen an der verschlossenen Tür, das Ächzen im verbotenen Raum, das Weinen aus dem Keller. Und manchmal auch das Einstürzen von Wolkenkratzern, was, literarisch gesehen, sehr oft nicht weniger ist als eine Allegorie auf das Zusammenbrechen verschorfter Lebenslügen.

TG: Deine Art, Horror zu schreiben, arbeitet eher subtil, das Grauen schleicht sich langsam an. Die von Dir geschilderten Schrecken haben meist ihren Ursprung auf einer psychologischen Ebene. Deine ‚Monster‘, wenn man überhaupt diesen Begriff verwenden kann, sind eigentlich normale Menschen. Wie werden Deine Handlungsfiguren zu Horror–Figuren?

PN: So, wie aus biederen Bürgern Brandstifter und sadistische Folterknechte werden. So, wie der nette Nachbar von Nebenan zum Teufel der Nachbarschaft wird, der die flehenden Hilferufe seiner Opfer auf Tonband aufnimmt, um die Hinterbliebenen zu quälen. Im Grunde genommen genügt es, einem Menschen die Maske herunterzureißen, um aus einem zivilisierten Mitmenschen ein grausames Monster zu machen. Das Monster schlummert in uns allen und manchmal bewegt es sich. Und es ist eine Frage der Menschlichkeit, von diesem Monster zu wissen und es nicht herauszulassen.

TG: Hast Du bestimmte literarische Vorbilder?

PN: Ein großes Vorbild war immer Michael Ende. Vor allem seine Erzählungen und Kurzgeschichten empfand ich immer als zu Geschichten gewobene, abstrakte Gemälde; insbesondere sein Buch „Der Spiegel im Spiegel“. Auf der Seite amerikanischer Autoren war und bin ich ein Fan von Peter Straub, Clive Barker, Stephen King, Neil Gaiman. Auf der anderen Seite lese ich auch sehr gerne Cormac McCarthy und Annie Proulx, eine meiner Meinung nach sträflich unterschätzte Autorin und Wegweiserin durch die menschlichen Abgründe. Wenn Du wissen willst, wo die Monster herkommen, lies ihre Open Range Kurzgeschichten. Sie schreibt nicht umsonst in einem Vorwort: „Hier draußen haben wir mit der Realität nur sehr wenig zu tun!“ Und natürlich liebe ich Ray Bradbury und seine rasselnden Raketen, seine Monster auf dem Dachboden, seine tätowierten Männer, den Löwenzahnwein, die unheimlichen Zirkusse, die von Ort zu Ort ziehen, meist um Mitternacht …

TG: In „Rainmark“ sind nicht nur die Hauptfiguren sondern auch die Nebencharaktere sehr detailliert ausgearbeitet. Man lernt verstehen, was sie antreibt, warum ihr Leben so und nicht anders verlaufen ist. Hast Du reale Vorbilder im Kopf, wenn Du Deine Figuren ausarbeitest?

PN: Für „Rainmark“ bediente ich mich in meinem persönlichen Umfeld. Ich be- und umschrieb Menschen, die mir sehr nahe sind. Vielleicht ist „Rainmark“ deshalb so intensiv geworden, weil ich tief in mich hörte. Manchmal kann man auch aus dem Echo des schlafenden Monsters so viel lernen, dass die Erkenntnisse zu einer Geschichte werden.

TG: Viele Leser wollen sich mit den Helden eines Romans identifizieren. Fragen wir andersherum: Wie viel fließt von Dir selbst in die Hauptpersonen ein?

PN: Da halte ich es mit dem deutschen Cartoonisten Ralf König: Ein Drittel ist wahr, ein Drittel ist Hörensagen, ein Drittel ist erfunden.

TG: Das Skript zu „Rainmark“ entstand, nachdem Du selbst in New York warst, wo sich die Haupthandlungsebene des Romans abspielt. Wie recherchierst Du für einen neuen Roman?

PN: Recherche ist Hintergrundrauschen. Es zählt immer nur die Geschichte, niemals die Eitelkeit und das Wissen des Autors. Recherchiertes Wissen muss geschmeidig in die Geschichte einfließen. Wie sehen die Gebäude aus? Wie riecht es in diesem Stadtviertel, an dieser Ecke? Welche Busse fahren dort von hier nach da? Welche Leute sitzen in den Bussen? Wie sehen die Leute aus, die tagtäglich von Brooklyn nach Manhattan fahren? Bei der Beantwortung vieler dieser Fragen ist das Internet sehr hilfreich, viel öfter allerdings ist es noch besser, selbst einmal dort vor Ort zu sein. Ansonsten halte ich es da mit Stephen King: „Wenn Du es nicht genau weißt, dann bleibe vage.“

TG: Wie arbeitest Du, wenn Du schreibst? Eher zurückgezogen im stillen Kämmerlein oder ‚dem Volk aufs Maul schauend‘ auf der Terrasse eines Straßen–Cafés?

PN: Ich brauche meine Ruhe, um direkt am Manuskript zu arbeiten. Für kleine Impressionen, kurze Sätze, Zitate, Alltagsnotizen, dafür brauche ich das laute, plärrende, helle Leben ebenso wie die Finsternis, das Verzagen und selbstzerstörerische Gier. Und das Kämmerchen ist nicht gar so still: Meistens höre ich mir beim Schreiben Filmmusiken von John Barry, James Horner, Ennio Morricone, Hans Zimmer und was weiß ich, Steve Jablonsky an …

TG: Manche Autoren puzzeln ihre Romane buchstäblich aus einzelnen Notizen zusammen. Wie gehst Du vor, arbeitest Du Kapitel für Kapitel chronologisch ab oder sammelst Du verschiedene Szenen und bringst sie hinterher in eine stimmige Reihenfolge?

PN: In den meisten Fällen arbeite ich mich von vorne bis hinten durch. Ich erzähle die Geschichte so, wie sie sich vor mir öffnet. Wenn ich dann die Rohfassung abgeschlossen habe, komme ich oft drauf, dass da noch etwas Wesentliches fehlt, und pfriemle das rein, oder ich verschiebe Kapitel. Wie zum Beispiel bei „Rainmark“: Das Kapitel, das damit beginnt, das Rain und Mark die Wohnung ihres Gastgebers zum ersten Mal verlassen, um sich in Manhattan umzuschauen, war ursprünglich das erste Kapitel. Die Blogeinträge und Mails kamen auch erst viel später dazu, um das Bild der beiden Männer abzurunden. Grundsätzlich bin ich eher ein Bauchschreiber. Ich glaube, dass eine Geschichte zuallererst gefühlsmäßig stimmen muss, ehe man sich an die Logik macht. Okay, oft bedingt die Logik einer Geschichte ihre emotionelle Fassbarkeit, aber dennoch halte ich daran fest, dass man sie erzählen muss, wie sie fließen will. Logik und Stringenz sind in erster Linie dann Aufgaben für die erste Überarbeitung.

TG: Das Grauen in „Rainmark“ hat etwas Unausweichliches. Fast scheint es, als ob die Figuren verdammt sind zum Untergang und ihrem Schicksal gar nicht entfliehen können. Macht sich da eventuell Dein Wiener Hintergrund bemerkbar? Man sagt den Einwohnern der österreichischen Hauptstadt ja einen gewissen Hang zur Melancholie, wenn nicht gar latenter Todessehnsucht nach.

PN: Die Unausweichlichkeit des Schicksals der beiden Männer hat weniger mit Wien zu tun als damit, dass das Grauen, dem sie schlussendlich zum Opfer fallen, tief aus ihnen kommt. Die Wiener an sich raunzen und zetern leidenschaftlicher, weil sie aufgerieben werden zwischen östlicher Schwermut und westlichem Fortschrittszwang, aber wir Wiener hängen genauso am Leben wie alle anderen. Ein bisschen morbider mögen wir sein, aber hey, dies bewirkt auch Positives: Wo sonst findet man so viele, hübsche Grufties wie in Wien?

TG: In „Rainmark“ spielst Du mit der Erwartungshaltung, die man gemeinhin an New York hat. Deine Figuren erinnern sich an Filme, die dort spielen, denken an Songs und Musik, die New York zum Thema haben. Vertrittst Du damit wie viele andere Künstler die These einer Interaktivität der Kunst? Dass also verschiedene Kunstformen wie Musik, Film, darstellende Kunst oder Literatur sich miteinander unterhalten und austauschen?

PN: Also, davon bin ich überzeugt. Nicht, dass die Interaktivität der Kunst in jedem Fall von den Künstlern gewollt ist, aber es gibt schon immer wieder sehr gut zusammenpassende Sets von Kunstwerken: eine bestimmte Art der Fotografie, Gedichte von Frank O´Hara, dazu Mitternachtsjazz, zum Beispiel … Die epischen Gedichte von Walt Whitman, gepaart mit der Musik von Charles Ives und den Gemälden von Thomas Hart Benton … Kunst interagiert in Epochen und im Einverständnis der Schaffenden. Manchmal überlappen sich dann Kunstrichtungen auf völlig überraschende Weise. Heraus kommen dann Sachen wie O´Haras Gedicht über ein Gemälde, oder Gemälde zu seinen Gedichten …

TG: Bist Du eher ein leiser Autor, der hinter seinem Werk zurücktritt, oder stehst Du lieber im Rampenlicht, machst Lesungen und öffentliche Auftritte?

PN: Ich bin unwichtig. Nur die Geschichte zählt. Ich scheue öffentliche Auftritte und verwende meine Zeit lieber damit zu schreiben. Oder ich reise. Statt Vorlesungen ziehe ich es allemal vor, in den Bergen herum zu klettern …

TG: Magst Du den Lesern schon etwas über neue Projekte verraten, die man von Dir erwarten darf?

PN: Aktuell habe ich einen Roman fertig gestellt, in dem ich die Geschichte eines verunglückten Bergführers erzähle, der eine seltsame Begegnung mit Geistern hat, die eine sehr eigenartige Bitte haben. Das ist ein sehr, sehr trauriger Roman, in dem ich auch versuche zu ergründen, wie der Wunsch des Menschen, an etwas Höheres zu glauben, durch den Zwang vernichtet wird, an etwas glauben zu müssen.
Zum anderen verfolge ich jetzt ein älteres Projekt, in dem ich von einem nie gefassten Serienmörder in Wien erzähle, der seine Opfer bei Rockfesten sucht & findet & bestialisch ermordet und an öffentlichen Plätzen zurücklässt. In diesem Projekt vertiefe ich die Suche nach dem Wahnsinn in uns allen. Und ich glaube, ich habe wirklich Schreckliches gefunden.

TG: Dann dürfen wir gespannt sein. Wir bedanken uns, Peter, dass Du Dir die Zeit genommen hast, uns Rede und Antwort zu stehen und wünschen Dir noch viele phantastische Ideen.