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NATHSCHLÄGER

Ein Schriftsteller & Herumtreiber

Zwischen den Welten

Eine Unterhaltung zwischen den Welten

Ein Interview von Tobias Wagner mit Peter Nathschläger

»Drogen, Sex und der perfekte Mann« erzählt eine düstere Geschichte, von einem jungen Mann, der in einer Schwulenbar eine Reise antritt, die ihn für immer verändern wird. Die Kurzgeschichte, die nun in der Reihe Appetit veröffentlicht wird, wirft viele Fragen über Wahrnehmung, Bewusstsein und Realität auf. Peter Nathschläger, geboren und ansässig in Wien, war bereit in einem Interview ein paar dieser Fragen zu beantworten. Dabei spricht er über inspirierende Bücher, erzählt von seiner Art Geschichten zu schreiben und philosophiert über Leidenschaft ohne Leid.

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Tobias Wagner: Lieber Peter, in deiner Kurzgeschichte wird eine fast schon greifbare Atmosphäre beschrieben, die den Leser mitreißt. Woher holst du dir die Inspiration für dein Schreiben?

Peter Nathschläger: Aus meinem Brotberuf (IT Prozess Manager) hole ich keine Inspiration. Es ist ein sehr trockener Beruf, eine administrative Tätigkeit. Einen einzelnen Quell der Inspiration habe ich ebenfalls nicht. Die Geschichten sind zu jeder Zeit überall, und ich muss sie nur einsammeln und, so gut ich kann, erzählen. 

Tobias Wagner: Wie muss deiner Ansicht nach, eine gute Geschichte konzipiert sein? Überlegst du dir im Vorfeld, beispielsweise für diese Geschichte eine surreale Perspektive einzunehmen oder fließt das für dich aus der Handlung?

Peter Nathschläger: Meiner Meinung nach ist eine Geschichte dann gut, wenn das »Was« mit dem »Wie« untrennbar verknüpft ist und eine monolithische Einheit bildet. Für mich stellte sich also gar nicht die Frage, welche Perspektive ich einnehmen muss oder soll, sondern sie ergab sich aus der Geschichte selbst.

Tobias Wagner: »Drogen, Sex und der perfekte Mann« handelt unter anderem von Wahrnehmung und deren Grenze. Woher nimmst du die Inspiration für den Wahnsinn, den du in deinen Geschichten entwirfst?

Peter Nathschläger: Zum einen ziehe ich Inspiration aus den Büchern, die ich gerne lese; hier vor allem Jorge Luis Borges, Julio Cortazar und Reinaldo Arenas, allesamt lateinamerikanische Fantasten. Zum anderen aus dem Leben selbst, wie es mir begegnet und aus meinem Hang, Alltagsszenen ins Absurde zu interpretieren.
Für diese Geschichte und für die in ihr vorkommende »Schlackewelt« griff ich einerseits auf eine Serie von Kurzgeschichten zurück, die ich vor vielen Jahren verfasst hatte und die sich alle um das Jeremiah Land drehen. Andererseits inspirierte mich hier der Kurzroman »Esswood House« von Peter Straub, der erschreckend literarische Höllenwelten erschaffen kann.

Tobias Wagner: Carl, der Protagonist, zahlt für seine leidenschaftliche Nacht mit Jeremiah einen unglaublich hohen Preis. Wieso hast du diesen One-Night-Stand auf diese Weise inszeniert? War das der Preis, den Carl für seine Lust bezahlt hat? Hat er es womöglich sogar verdient, in die Schlackewelt zu fallen?

PeDrogen_Sex_und_der_perfekte_Mann_Nathschlaeger_Cover_Appetitter Nathschläger: Ich glaube nicht, dass Carl verdient hat, in eine solche Welt geworfen zu werden; im Grunde genommen hat es wohl kein Mensch verdient. Manchmal sieht man junge Männer gemeinsam aus einem Lokal gehen und man sieht daran, wie sie lächeln und wie ihre Körper sprechen, dass sie sich auf das, was vor ihnen liegt, freuen. Überzogen könnte man sagen, dass sie aus der öffentlichen Welt, dem gemeinsamen Feiern und Trinken in ihre eigene Welt entschwinden, die sie sich für diese Nacht schaffen. Eine Singularität, wenn man so mag, in der das »Was« und das »Wie« im Idealfall perfekt ineinanderfließen. Manchmal kann das auch schiefgehen, manchmal sieht man sie nie wieder. Und obwohl der Grund dafür im seltensten Fall mysteriös und geheimnisvoll ist, könnte es ja auch sein, dass …

Tobias Wagner: Stopp! Bitte, nimm dem Leser nichts vorweg!

Peter Nathschläger: (lacht) Na gut!

Tobias Wagner: Glaubst du, dass Leidenschaft auch ohne Leid funktionieren kann?

Peter Nathschläger: Ich glaube, dass das Leiden die Essenz der Leidenschaft ist. Doch ich glaube nicht, dass Leiden per se nur schlecht ist und vermieden werden soll. Man muss das Scheitern und Versagen in Kauf nehmen, um im großen Moment der Leidenschaft die Wahrheit in sich zu erfahren. Die Fähigkeit für das, was uns an- und weitertreibt, zu leiden, macht uns erst zu dem, was wir sind.

Tobias Wagner: Wieso hast du dich für so eine imposante Schilderung der Illusionen und Halluzinationen von Carl entschieden? Haben seine Wahnvorstellungen für dich eine klare Bedeutung?

Peter Nathschläger: Ich habe mit den Möglichkeiten des Erzählers geliebäugelt, unzuverlässig zu sein. Das bedeutet, dass man sich als Leser nicht unbedingt und auf jeden Fall darauf verlassen kann, dass das, was man liest, im Universum der Geschichte, wirklich wahr ist. Eine der Realitätsebenen befasst sich auf jeden Fall mit der trügerischen Leidenschaft, die einem Drogen vermitteln, und wie so oft, habe ich die Wirkungsmöglichkeiten von Drogen und Fantasie ins Kraut schießen lassen.

Tobias Wagner: Siehst du für Carl noch eine Chance wieder in die Realität zurückzukommen? Oder ist er für immer in der »Schlackewelt« gefangen?

Peter Nathschläger: Diese Frage ist schwer zu beantworten, wenn man berücksichtigt, dass mein »virtueller« Erzähler unzuverlässig ist. Denn es kann sein, dass Carl das Opfer einer furchtbaren Droge wurde. Die Droge aber, kann auch wieder nur ein Erklärungsversuch des Erzählers sein, der die Schlussszene an die Haupthandlung hängte, um das Erzählte am Ende doch noch irgendwie erklären zu können. Ich weiß nicht, ob Carl je zurückkommen wird. Das wäre eine andere Geschichte und ich bin sicher, dass er viel Wunderliches zu erzählen hätte, was meinst Du?

Tobias Wagner: Diese Frage möchte ich deinen zukünftigen kreativen Arbeiten und dem Leser der Geschichte selbst vorbehalten. Vielen Dank für das interessante Interview!

 

Peter Nathschläger malt in »Drogen, P1060800Sex und der perfekte Mann« den Teufel an die Wand. Der engelsgleiche Jeremiah führt den Leser über Leidenschaft, Lust und Exzess, in eine surreale Welt, die ihm den Kopf verdreht. Fantastische Leidenschaft und surrealistische Welten erwarten den Leser in diesem verhängnisvollen One-Night-Stand.

Entnommen aus der Anthologie »Liebe und andere Schmerzen«, erscheint die Kurzgeschichte nun in der Reihe Appetit.

Peter Nathschläger, dessen neuster Roman »Der Sturmgondoliere«, kürzlich im Größenwahn-Verlag erschienen ist, entwickelte schon als Jugendlicher eine Neigung für die Poesie der Dämmerung und des Verfalls. In »Drogen, Sex und der perfekte Mann« konzentriert sich diese Liebe zu einer fantastischen Odyssee, die jede Grenze der Realität Stück für Stück überschreitet.