Italien 2017

2.9.17
So, diesmal sehe ich also Lignano zum ersten Mal im Sommer. Wenn auch spät im Sommer, im September. Die Saison ist zu Ende und es ist spürbar ruhiger als im Sommer, wenn alles voller Familien ist, die sich durch die Straßen zum Strand wälzen und alle Lokale verstopfen, sagt Michael, mein Trauzeuge, mit dem ich unterwegs bin.
Am Samstag holte er mich um 07:00 ab, zwei Stunden früher als geplant, weil er eine Einladung für uns beide zu einer Geburtstagsparty bekommen hatte. So ließen wir das ursprünglich geplante Essen in Villach aus und fuhren direkt durch bis Lignano, wo wir gegen 12:45 angekommen sind. Das Wetter war sehr durchmischt auf der Fahrt und auch in Lignano war es stark bewölkt. Unser Quartier liegt direkt am Strand, in Steinwurfnähe zur Mole, die wir vom siebenten Stock aus sehen können. Das Quartier ist großzügig angelegt, hat drei Schlafzimmer, zwei Bäder und einen Balkon hinaus zum Meer, die Aussicht ist berauschend.
Bei der Geburtstagsfeier haben wir schon ein bisserl gepichelt, dann bezogen wir das Zimmer. Man muss zuerst zu der Agentur gehen, bei der man gebucht hat, und dort die Unterlagen und den Schlüssel holen.
Im Quartier haben wir uns rasch eingerichtet, ich hab die Sachen raufgetragen und Michael hat schon mal eingekühlt. Dann kam der Regen und nach dem Regen kam ein ganz außerordentlicher Regenbogen, den man voll und ganz sehen konnte, mit dem rechten Bein im Meer und dem linken auf dem Festland. Gegen neun Uhr gingen wir dann essen, und zwar in da gleiche Lokal, in dem auch die Geburtstagsfeer stattgefunden hatte.
Witzig an diesen Partys ist, dass sie am frühen Nachmittag beginnen, meist sogar zu Mittag, und gegen 16:00 ist alles wieder vorbei. Zack und aus. Jedenfalls haben wir uns nett unterhalten und wurden gleich mal für den nächsten Tag um 7 Uhr abends auf ein Glas Wein eingeladen.
Irgendwann kamen wir dann heim, ziemlich heiter, und wir dürften dann recht zackig ins Bett gegangen sein, denn am nächsten Tag um 7 morgens war ich schon ausgeschlafen.

3.9.17
Also wie gesagt, heute um 7 munter gewesen, aber dann noch faul bis um 8 im Bett geblieben. Dann bin ich mit Sandro raus, der mir auch gleich den Weg zum Hundestrand zeigte, in dem er mich an der Hundeleine hinter sich her zog wie einen Fetzen. Nachdem wir zurück waren, war auch Michael schon wach und kultivierte sich und wir beschlossen, frühstücken zu gehen, und zwar nur zwei Häuserblocks weiter an der Hauptstrasse von Lignano, wo wir recht guten Toast bekamen und Croissants und Orangensaft und Capuccino. Das wirkte dann doch recht belebend und wir drehten nach dem Frühstück eine große Ehrenrunde, waren am alten Hafen, am Jachthafen und lüfteten durch.
Nach dem Marsch zurück aufs Zimmer und noch ein Nickerchen von 12 – 12:45. Jetzt sitze ich am Tablet und schreibe Tagebuch und Michael rauft mit dem Staubsauger, um den verstreuten Zucker von gestern einzufangen.

Nach einem Nickerchen machten wir eine Ehrenrunde am Strand ohne Sandro, gingen etwa zwei Stunden spazieren und stärkten uns an einer Strandbar mit Aperol Spritz, redeten über das Leben und die Liebe und wie schwer und leicht das alles manchmal ist. Es ist windig, die Wellen rollen herein und der Himmel ist zerklüftet wie ein Gebirge. Ich habe geduscht, Michael ist grad im Wasser, wir trinken Prosecco (wie es sich für reife schwule Herren gehört) und hören italienische Schlager aus den Sechzigern. Wenn Michael dann fertig ist, ziehen wir uns an und gehen zum Spar, um Aperol zu kaufen und etwas Brot, damit wir morgen etwas zum Frühstücken haben. Jetzt ist mal der Abend geplant und morgen werden wir nach dem Frühstück überlegen, welche Ausflüge wir unternehmen wollen.
Ad Urlauber und Flirts: Dadurch, das in Kärnten und in der Steiermark noch Ferien sind, gibt es noch einige Familien mit schönen Söhnen und wie oft am Strand, im Urlaub, sind die gelangweilten Söhne einem flirtenden Blick nicht abgeneigt, wohl wissend, dass nicht mehr geschehen wird als genau dieser eine, verwirrende Blick über die Sonnenbrille, mit dem Strohhalm des Drinks im Mund.
Übrigens waren wir auch im Wasser, das sehr angenehm ist, nur wenn man rauskommt, ists im Wind schnell mal kalt. Aber auch das ist abgehakt, wir waren im Wasser und wir werden sehen, ob wir in dieser Woche nochmal die Chance haben werden, baden zu gehen.

Am Abend hat es dann zu regnen begonnen und wir sind nur mal rasch rüber in die Weinbar, um dort zu essen – was sich als Fehler erwies. So gut der Wein dort auch sein mag, in Sachen Essen ist das Lokal keinesfalls empfehlenswert, allein schon deshalb, weil sie es nicht schaffen, beide Gerichte gleichzeitig an den Tisch zu bringen und mein Essen erst kam, als Michael schon fast fertig war. Darüber hinaus hat es einfach nicht geschmeckt. Nachdem der Regen nachließ, sind wir in eine rechte coole Bar gegangen und haben dort ein bisserl was gezwitschert und uns sehr offen und angeregt unterhalten. Gegen 23:00 war dann Zapfenstreich, wir sind zurück ins Quartier und um 23:30 war Nachtruhe.

4.9.17
Heute war ich wieder gegen acht Uhr wach, hab bis halb neun gefaulenzt und ging gegen 8:45 mit Sandro raus. Als wir gegen 9:30 zurück waren, hat Michael noch geschlafen und ich habe Toasts gemacht. Und beim ersten Bissen in den Toast mit Hühnerschinken (mit Curry verfeinert), hab ich mir einen halb Zahn ausgebissen, ohne Scheiß. Weil es aber nicht besonders weh tut, eigentlich gar nicht, nur wenn ich die Wangen einsauge, ziehts ein bisserl, werde ich hier nicht zum Zahnarzt gehen. Dafür hab ich mir gleich für den kommenden Montag bei unserem Zahnarzt in Wien einen Termin ausgemacht. Und falls es doch ein bisserl wehtut, habe ich ja Seractil mit.
Für heute haben wir uns vorgenommen, die Bootsfahrt nach Grado zu machen, vermutlich begleitet uns ein Ehepaar, Freunde von Michael. Auf diese Fahrt freue ich mich schon sehr, weil die Fotos, die ich bisher von Grado gesehen habe, sehr vielversprechend sind.

Aus Grado wurde nichts, weil der Freund von Michael orakelte, es würde dort regnen, und wir sollen das doch auf Dienstag verschieben. Wie wir später feststellten, schien der mögliche Regen in Grado nur eine Ausrede gewesen zu sein, um nicht die Fahrt heute machen zu müssen – aus welchen Gründen auch immer.
Nach einem gemeinsamen Capuccino gingen wir auseinander und Michael und ich fuhren zuerst in das Einkaufszentrum Adriatico2 in Portogruare, wo ich eine Espressokanne für Richard kaufte, Permesan, Schinken und für mich eine leichte Jacke, weil es an den Abenden in Lignano doch schon recht frisch ist. Beim Burgerking gabs eine kleine Stärkung und so einiges an schönen Jungs zu sehen, die so selbstverständlich schön sind, dass sich der alte Sprucj aus dem Film “Das Leben des Walter Mitty” bewahrheitet: Wahre Schönheit sucht nicht nach Aufmerksamkeit”.
Nach dem Ausflug ins Adriatico2 rollten wir in die Altstadt, also auf einem Parkplatz bei einem Park, durch den man die Altstadt erreicht. Durch Portogruaro fließt ein Fluss, der wohl einst Wassermühlen angetrieben hat, der alte Stadtkern ist um diesen Fluss herum sehr malerisch angelegt, es gibt schöne Spazierwege am Wasser und heimelige Cafés, wo man hervorragenden Espresso trinken kann. Touristisch ist die kleine Stadt nicht erschlossen und wenn man auf der Autobahn daran vorbei fährt kann man sich gar nicht vorstellen, dass hinter der Industriemaske aus Lagerhallen, Großmärkten und Bürohäusern ein wahres Juwel verborgen ist.


Jetzt sind wir zurück in Lignano und machen eine kleine Siesta, ehe wir gegen 19:00 Abendessen gehen. Michael ist gerade kurz mit Sandro raus, es ist inzwischen Halbsieben und für Grado ist morgen reines Sonnenwetter bei 25 Grad angekündigt. Der Plan steht also, morgen um 14:00 die Fähre nach Grado zu nehmen.


Am Mittwoch könnten wir nach Venedig hinüberfahren, am Donnerstag Udine besichtigen, und am Freitag werden wir wahrscheinlich auf der schönen Küstenstraße in Richtung Triest fahren.
Freu mich schon.

Gegen 7 Uhr gingen wir essen, in das Lokal, in dem wir am Samstag auf die Geburtstagsfeier eingeladen waren. Das Essen dort ist sehr gut, aber Michael und ich fühlten uns irgendwie nicht wohl. Die Luft war feucht und warm, draußen regnete es leicht und Sandro war ein wenig angespannt, also hat Michael ihn noch vor dem Essen aufs Zimmer zurückgebracht. Vielleicht spannt ihn die Lage im einem Lokal zu sehr an und er wollte einfach seine Ruhe haben. Ältere Herren werden ja oft recht wunderlich.
Michael hat sich jetzt schon gegen 9 Uhr zurückgezogen, ich schreibe ein wenig am Tagebuch und schau hinaus aufs Meer, auf das der helle Mond eine sagenhafte Straße malt.

 

Ich bin ein wenig unschlüssig. Einerseits sollte es mir gut gefallen, einmal ohne Richard Urlaub zu machen und die Spannung abschütteln, die ich sonst immer empfinde, wenn wir gemeinsam unterwegs sind. Andererseits fühle ich mich ohne ihn ein wenig orientierungslos. Ich bin ja nun wirklich nicht so der Unterhalter und Michael ist auch oft froh, wenn das Gespräch einschläft und wir beide einfach nur dasitzen und die Ruhe genießen. Aber trotzdem, es ist ein unrundes Gefühl, eine nicht vollkommene Zufriedenheit, die mich beschäftigt. Ich würde gerne diesen Moment mit ihm teilen, diesen Blick vom 7. Stock aufs Meer, das Licht des Mondes, die von ihm beleuchteten Wolken, die wie leuchtende Watte vorüberziehen.
Was mir vielleicht ein bißchen abgeht, außer Richard, das ist das Gefühl, in Italien zu sein, in einem Land zu sein und das Leben des Landes zu spüren und in mich aufzusaugen. Lignano ist zwar eine Stadt in Italien, aber es ist keine italienische Stadt und hier herrscht auch kein italienisches Lebensgefühl. Ähnlich wie in Porec in Kroatien, ist alles auf den Tourismus ausgerichtet. Nur wenig, nein, fast nichts wirkt in sich echt und unverfälscht. Einen Hauch einer Ahnung vom italienischen Leben habe ich heute in der Altstadt von Portogruaro bekommen, samt den Menschen, die dort sind und den Touristen, die nicht dort sind, weil sie diese Stadt einfach nicht auf dem Radar haben. Dort habe ich ein gemächliches Leben gespürt und die Freundlichkeit von Menschen, die Kaffee genießen, mit dem Nachbar plaudern oder einfach die schlichte und alte Eleganz ihrer Stadt genießen.
Vielleicht stört mich auch, dass es nicht schön genug ist, um baden zu gehen. Ich bin eindeutig ein Wassermensch, oder zumindest jemand, der ins Wasser will, wenn er am Meer ist, und der in die Berge will, wenn er einen vor sich sieht.
Und dann ist da auch noch eine unbestimmte Spannung in der Luft, die es mir nur schwer möglich macht, mich zu entspannen. Mit diesem Urlaub ist auch für mich der Sommer zu Ende und es ist dieses Jahr kein Urlaub mehr in Sicht. Manchmal habe ich die Befürchtung, nein, die Gewissheit, dass ich in meinem Job nicht gut genug bin und viele Mängel nur mit meiner persönlichen Art ausbügeln kann. Vielleicht habe ich Angst davor, mich zu entspannen, weil es mir zu gut gefallen könnte, und das auch Richard, die Heimkehr zu ihm, als Teil der Rückkehr in den Alltag für mich wird.
Der September in Lignano ist nostalgisch, die Saison ist zu Ende und die Läden und Lokale haben nur noch offen, weil in Österreich zwei Bundesländer, die Steiermark und Kärnten, in der ersten Septemberwoche noch Ferien haben. Aber alles ist gedimmt, alle bereiten sich darauf vor, die Rechnungen zu machen, die Rollbalken herunterzulassen, sich zurückzulehnen und den Nachhall der Saison zu genießen. Das ist auch irgendwie schön, aber man spürt auch, finde ich, dass die Leute hier darauf warten, dass man geht, arrivederci, bis zum nächsten Jahr, ciao.

Andererseits genieße ich auch gerade diese Nostalgie, weil sie vielleicht das einzig Echte hier ist, die geschlossenen Rollläden des Jahrmarkts, die hohlen Gerippe der Fahrgeschäfte, die kühle Luft, die letzten Touristen, die noch immer so tun als ob.
Neben dem Rauschen des Meeres höre ich das Happy-Peppi-Gedudel einer Strandbar, aber diese Musik hallt verloren über den leeren Strand. Deutsche Schlager, ich meine, was soll man dazu noch sagen? Wer kann, weicht großräumig aus.

Ein paar Sachen gibt es, auf die ich mich freue, wenn der Urlaub vorbei ist: Ich werde die abschließenden Korrekturen an Lucian durchführen und freue mich schon darauf, dass im Frühjahr 2018 ein Buch erscheint, das ich für wirklich gut halte. Dann werde ich versuchen, an Coda unter den Wolken weiterzuschreiben. Vom Umfang und der Komplexität her ist die Geschichte wie Die Inseln im Westen, haha, weil dieser Roman die Spiegelgeschichte zu den Inseln ist. Das Problem an Coda ist, dass der magische Moment ja schon zu Beginn des Buches erfolgt. Die Inseln lösen sich vom Archipel, heben ab und schweben mit dem Wind über Meer und Land und werfen dunkle Schatten.

@Gaylife: Gibt es hier nicht. Keine Bar, keine Disco, kein Cruising, alles ist hier auf den Familienmassentourismus ausgerichtet und die wenigen Schwulen, die sich hierher verirren, taumeln wie Asteroiden durch das leere Weltall. Manchmal stoßen sie zusammen, okay. Aber wie oft kommt das vor?

 

5.9.17
Michael ging gestern recht früh ins Bett und ich habe noch bis gegen 23:30 am Tagebuch geschrieben und zugesehen, wie der Mond auf den Wolken davonzieht.
Heute gegen 08:45 auf Sandro an die Leine genommen und eine Runde gedreht – diesmal nicht bis zum Hundestrand, sondern nur so weit, bis er kacken war. Am Morgen war es noch durchgehend bewölkt und jetzt, zu Mittag, ist keine Wolke mehr zu sehen, der Himmel ist klar und es hat angenehme 23 Grad. Gerade sind wir vom Eurospar zurück, wo wir Getränke gekauft haben, hauptsächlich Orangensaft, Limonade und son Zeugs. Fix eingeplant ist heute, dass wir bei dem Wetter nach Grado fahren und dort spazieren gehen und schöne Fotos schießen. Für den Fall, dass es am späten Nachmittag bei der Rückfahrt frisch wird, nehmen wir Westen mit.
Bevor wir zum Hafen gingen und nach Grado fuhren, trafen wir Ines, eine Freundin von Michael, die gerade aus Sardinien zurück war. Sie ist Lehrerin und spricht fließend italienisch. Wir brachten Sandro ins Quartier, weil wir den Eindruck hatten, dass er ein wenig gestresst oder müde war, und viellciht mit der ganzen Fahrt überfordert wäre.
Beim Ticketschalter trafen wir ein mit Michael befreundetes Ehepaar, das mit uns die Fahrt machte.

Info: Die Fahrt tour-retour kostet pro Person 20€. Es geht um 14:00 los, dann ist man um 15:1ß in Grado. Die Rückfahrt geht um 17:10, in Lignano ist man dann erst gegen 19:00, weil die Rückfahrt durch die Lagune geht und dadurch etwas länger ist. Dafür ist die Fahrt sehr sehenswert und sehr entspannend.
Grado ist sehr schön und in sehr bemerkenswert. Es macht Spaß, die Stadt zu besuchen, die rund 8000 Einwohner hat. Alles dort vermittelt den Eindruck von Wertigkeit und Geschichte, wir haben dort wirklich viele Fotos gemacht.
Jetzt rasten wir so bis gegen 20:00, dann gehen wir was essen. Mir steht heute der Sinn nach Pizza, also bitte, Pizza 🙂

Zum Abendessen mit Ines getroffen. Wir hatten Pizza und ich eine besondere Version der Pizza, nämlich eine XXX, mir fällt der Name nicht ein, jedenfalls wird die zusammengefaltet und ist belegt mit Mozzarella, Kochschinken, Pizen und Rucola Salat. Nach dem Essen waren wir noch im Café Fontana am Brunnen, wo uns ein ausgesprochen schöner junger Kellner bediente, auf den der Begriff des jungen Norditalieners perfekt passt. Michael wandte ein, er könne natürlich auch Tscheche sein, aber in einem solchen Fall ist ein Irrtum bedeutungslos. Dunkelblonde Haare, Seitenscheitel, ausrasierte Schläfen, einen mutwiligen und aufmerksamen Blick, graugrüne Augen, lage Augenrauen und lange Wimpern, und ein wüstes, verschlungenes Tatoo auf der rechten Wade.
Heute machen wir zeitlicher Schluss und ich werde nach diesen Notizen, die ich am Küchentisch verfasse, ins Bett gehen, um noch ein wenig zu lesen.
Der Ausflug hat uns doch ein wenig erschöpft. Für morgen ist angedacht, Vormittags an den Strand zu gehen und dann am frühen Nachmittag nach Udine zu fahren. Die Altstadt soll auch sehr schön sein.

6.9.17
Nachdem ich gestern nur noch bis gegen 23:30 gelesen hatte und dann schlafen ging, war ich heute recht früh munter, stand aber aus reiner Faulheit erst wieder um 9 Uhr auf, um mit Sandro rauszugehen. Am Hundestrand habe ich endlich mal Hölzchen und Stöckchen gefunden, die ich werfen konnte, musste aber dann abbrechen, weil Sandro einfach für immer weitermachen würde, wenn man ihn ließe.
Nach einem gemeinsamen, kleinen Frühstück gingen Michael und ich an den Strand und blieben dort von 10 bis halb 1. Danach gingen wir duschen, zogen uns an und fuhren mit Sandro zunächst einmal nach Udine, wo Michael und Alex schon ein paar Mal gewesen waren – Michael meinte, dass diese Stadt alles hätte, was man braucht, um einen beschaulichen Lebensabend zu verbringen, und ich finde, er hat recht. Udine hat eine bezaubernde Altstadt, eine Burg auf einem Berg, eine belebte und kultivierte Lokalszene und eine freundliche Grundstimmung. Mit der nötigen Pension könnte man es hier schon aushalten.
Leider zeigte uns Udine nicht ihr schönstes Gesicht, weil heute Vorbereitungen für eine Art Essensfest vorgenommen wurden, das morgen stattfindet. Überall in der Stadt waren Zelte aufgebaut oder im Aufbau begriffen, Bühnen, Tribünen und Zuschauerplätze, Metallgestelle und Plastikplanen allerorts. Am Hauptplatz tranken wir etwas und aßen Panini, dann gings zurück zum Auto und wir fuhren nach Cividale del Friuli, die alte Hauptstadt der Langobarden. Die Altstadt von Cividale ist vielleicht noch eindrucksvoller als die von Udine, vor allem aber, weil sie nicht so pompös ist. Die Sehenswürdigkeit von Cividale ist die Teufelsbrücke, die ein stilles Flussbett überspannt und die beiden Stadtteile miteinander verbindet, eine alte, steinerne Brücke, etwa zwanzig oder dreißig Meter hoch über den stehenden Fluss. Wir gingen durch einen kleinen Wald auf Steinstufen zum Flussbettt hinunter und ich machte ein paar Fotos, die recht gut geworden sind, wie ich finde.
Von Cividale fuhren wir dann heim, wobei Michaels Handy schlapp machte und das Display nicht mehr gut abzulesen war. Von Cividale bis Lignano brauchten wir rund eine Stunde und 10 Minuten.
Jetzt sind wir zurück, ich date das Notizbuch ab und dann werden wir vermutlich essen gehen, also nicht vor acht Uhr. Michael hat Salzgebäck und gefüllte Oliven auf den Tisch gestellt und ich hau das Zeugs rein wie ein Scheunendrescher.

Auf die Fotos aus Udine und Cividale bekomme ich auf Instagram sehr viele Likes. Freut mich irgendwie und deshalb fühle ich mich auch irgendwie dumm. Dumm aber zufrieden.

Zum Essen haben wir uns wieder mit Ines getroffen, die ich sehr gut leiden kann. Wir waren in einem typisch einheimischen Lokal, in dem es hauptsächlich Fischgerichte gab, aber auch Lasagne, die ich nahm. Dazu hatten wir eine Flasche Wein und Mineralwasser, was Michael dann doch einigermaßen erschöpfte. Er liegt jetzt im Wohnzimmer und schläft, während ich das Tagebuch update. Heute Nacht ist Vollmond und er zoeht sich barocke Wolkenkleider an, manchmal leuchtet er durch, aber meistens gibt er sich verschämt und nur sein blasses Licht streicht über das ruhige Meer. Unten auf der Promenade ziehen junge Leute dahin, gehen von der Strandparty, die dort Abend für Abend geboten wird, zurück zu ihren Quartieren, und es sind so viele Schemen junger schöner Männer dabei, die schlank sind, enge Jeans tragen, überlange T-Shirts und die Baseballkappen verkehrt herum tragen und gelangweilt auf die Displays ihrer Smartphones schauen, während die Eltern vorneweg schwanken und eiern. Ich mag ihre unbewusste Lässigkeit, das sie sexy sind, ohne es zu wissen, ohne es zu planen, ohne es zu berechnen.
Wir haben zwar für morgen geplant, nach Venedig zu fahren, denke aber, das wird nichts. Für morgen ist Regen angesagt, inzwischen ist nur noch die Rede davon, dass es regnen könnte, aber wir werden ja sehen.
Ein lauer Wind weht am Haus vorbei.

Wie habe ich mich heute gefühlt? Den ganzen Tag über wohl und in guter Gesellschaft. In Udine und Cividale gab es viel zu sehen und beide Städte atmen Geschichte aus. Anders als in Wien gibt es eine anheimelnde Lokalszene, es gibt eine Ausgehkultur, wie wir sie in Wien nicht (mehr) haben. Überall kleine Cafés, in denen man Espresso trinken kann und Panini bekommt. Leute sitzen da oder stehen an den Stehtischen und unterhalten sich. Es wirkt anders, homogener als in Wien. Es ist ein Teil des Lebensstils, der bei uns nur nachgemacht wirkt, hier aber echt ist. Michael ist ein hervorragender Reisebegleiter, mitteilsam und offen und flexibel in allem, was er tut.

Bei uns sind die Lokale stets verraucht und alles wirkt billig, außer die, die so tun, als wäre das, was sie bieten, echt italienisch oder spanisch oder mexikanisch oder …
Ich könnte stundenlang hier sitzen auf dem Balkon im 7. Stock, im leichten Wind, im Geruch des Meeres, und schreiben, ein Glas Sprizz Aperol trinken und schreiben, schreiben, schreiben. Und nachdenken und dem verschämten Mond zusehen, der ein Wolkenkleid nach dem anderen anprobiert, um dann wieder nackt dazustehen, voll, prall und bereit, sich anheulen zu lassen von Menschen und Wölfen.

Während ich hier sitze und einen letzten Aperol trinke, muss ich an das wundervolle Lied The little Fete von Vangelis denken, das auf dem Album China veröffentlicht wurde. Zur Musik von Vangelis erzählt eine lyrische Stimme ungefähr folgendes:

Ich nehme eine Flasche Wein
Um sie bei den Blumenfeldern zu trinken.
Wir sind immer drei, dazu gehört mein Schatten
Und der schimmernde Mond.

Glücklich, dass der Mond nichts vom Trinken weiß
Und mein Schatten niemals durstig ist.
Wenn ich singe, hört mir den Mond zu, wenn ich tanze
Tanzt mein Schatten mit mir.

Nach jedem Fest müssen die Gäste gehen, doch
Diese Traurigkeit kenne ich nicht.
Wenn ich nach Hause gehe, geht der Mond mit mir
Und mein Schatten folgt mir nach.

7.9.17
Obwohl ich mir für heute den Wecker um 7 gestellt habe, schaffte ich es erst um 8 aus dem Bett. Erste Pflicht des Tages, eine Runde mit Sandro raus, der diesmal eine andere Route wollte und mich hinter sich herzog wie einen alten Fetzen. Zurück im Quartier machte ich mir mal ein Frühstück, bestehend aus einem Pott Kaffee, zwei Toasts mit Salami und zwei Toast mit Marillenmarmelade. Die Wettervorhersage für Venedig war denkbar schlecht, also beschlossen Michael und ich am frühen Nachmittag, die Küstenstraße Richtung Triest zu machen.
Was dann auch eine hervorragende Entscheidung war. Wir fuhren über Palma Nova in Richtung Triest. Erster Halt war Duino, eine kleine Gemeinde an der Küste, die so versteckt liegt, dass man wissen muss, dass es sie gibt, um sie zu finden. Weiter unten beim Hafen gibt es Fischrestaurants, die angeblich hauptsächlich von Österreichern besucht werden, und die einen ziemlich guten Ruf genießen. Nach einigen Fotos dort fuhren wir weiter auf der Küstenstraße zum Castel Miramare, wo ich ganz verhuscht herumlief und Schwarzweißfotos machte, überwältigt von dem Panorama, der Aussicht, und der Schönheit des Castels, das in die Steilküste gebaut worden war.
Zum Abschluss gönnten wir uns dort Panini und Capuccino, dann furhen wir an der Küste weiter nach Triest, wo wir den Wagen auf einem Parkplatz am Hafen abstellten und ein wenig in der Altstadt bummelten. Das verging uns bald wieder, weil es abkühlte und der Wind heftig wehte.
Auf der Rückfahrt fuhren wir zum Outletcenter von Palmanova, was wir aber auch schnell wieder abbrachen, weil es zu schütten begann und das Outlet als City konzipiert ist und nicht als Shopping Mall.
Eine knappe Stunde später waren wir zu Hause, und nachdem ich geduscht habe, schreibe ich nun diesen Eintrag und wir warten auf Ines, die uns um 9 zum Essen abholt.

 

8.9.17
Was sich gestern am Vormittag noch als leicht ärgerlich darstellte, erwies sich heute als überaus vorteilhaft: wir haben ursprünglich vorgehabt, nach Venedig zu fahren und heute die Küstenstraße nach Triest zu nehmen. Heute also Venedig, und das Wetter war hervorragend, nicht zu heiß, leicht windig und ungefähr 23 Grad.
Unsere Anfahrt führte wieder über Jesolo, Punto Sabbiatone, wo wir zwei Tagestickets kauften und einen Wasserbus nahmen. Unser erstes Ziel war der Lido, um den Strand zu sehen, an dem Ein Tod in Venedig endet. Der Lido ist, zumindest auf diesem Teil der Insel, mondän, riecht nach Sommerfrische und Geld und alten Leuten. Nach einer Stunde am Lido fuhren wir mit einem Wassertaxi weiter nach Venedig stiegen dort aber nicht am Markusplatz aus, sondern fuhren den Canale Grande hinein bis zum Bahnhof (eine Haltestelle nach dem Rialto). Von dort wanderten wir zurück in Richtung Markusplatz, wo wir dann gegen 15:45 die Fähre Nummer 14 (legt vom Dock A ab) zurück nahmen.

Ich hatte Gelegenheit, sehr viele schöne Fotos zu machen. Der Spaziergang war sehr entspannt und friedlich, Venedig war zwar gut bevölkert, aber nicht überrannt.
Die Heimfahrt war etwas mühsam, weil viel Verkehr herrschte, und zeitweise Traktoren mit ihren Anhängern auf den Bundesstraßen fuhren, und kein Überholen möglich war.
Jetzt ist es 6:45, Michael war mit Sandro draußen (den wir bei unserer Exkursion nicht dabei hatten, da ihn größere Menschenmengen auf die Dauer stressen), und wir gehen jetzt noch ein bisserl shoppen.

9.9.17
Heute um 7 auf, nachdem ich gestern schon alles gepackt hatte, Michael machte noch schnell eine Runde mit Sandro. Dann gings auch schon ohne Frühstück ab durch die Mitte und wir brauchten auf einer sehr ruhigen Fahrt von Lignano nach Villach gerade einmal 2 Stunden. Zuvor blieben wir noch in einem Shopping Center stehen, wo ich in einem Thalia Buchladen ein Backbuch für Alex gekauft habe. Michael brachte mich dann noch zum Hauptbahnhof, wo wir uns rasch trennten – der Hauptbahnhof von Villach ist nun wirklich kein Grund, sich länger aufzuhalten als unbedingt nötig.
Der Zug ging pünktlich um 11:14 los, die erste Klasse ist bequem aber kahl.

Ein erstes Resümee: Ich bin mit der Woche in Italien sehr zufrieden, um nicht zu sagen, ich hatte ein paar echte Glücksmomente. Ganz besonders gut gefallen hat mir die Fahrt nach Triest auf der Küstenstraße, und der Besuch des Schloss Miramar. Sehr schön war auch wieder Venedig; der Lido ist zwar ein schöner Ort, aber nichts, was mich außergewöhnlich bewegt hätte. Michael erwies sich als sehr angenehmer Reisebegleiter und Reiseführer, unsere Unternehmungen verliefen durch die Bank amikal und freundschaftlich.