Kuba 2017

9.6.17

Um Halbvier aufgestanden, nachdem ich nicht wirklich gut schlafen konnte. Koffer waren gestern schon gepackt und wir haben diesmal wirklich nichts vergessen. Der Airport-Driver war pünktlich, das Fahrzeug sehr fein und wir waren kurz vor 5 Uhr auf dem Flughafen, wo wir Darek und Andrej trafen, die kurz vor uns angekommen waren.

Airberlin ging von Wien pünktlich weg und auch der Anschlussflug von Düsseldorf nach Varadero ging punktgenau um 10:30. Bis jetzt ist der Flug trotz einiger leichter Turbulenzen sehr angenehm und ruhig. Die Qualität der Bordverpflegung hat drastisch nachgelassen und das Essen ist fast ungenießbar. Ob sich Airberlin mit dieser Sparschiene einen Gefallen tut, kann ich nicht sagen, glaube aber eher nicht. Auch diese Herangehensweise, den Flug möglichst günstig rauszujubeln, und dann die Gewinne durch mehr oder weniger erzwungene Aufzahlung auf alles hereinzuholen, ist fragwürdig. Auf dem kurzen Flug von Wien nach Düsseldorf kostet eine Flasche Wasser 3€. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen, das Wasser …

Wichtig zu merken ist auf jeden Fall: Nicht online einchecken, wenn man mit Anschlussflug über Deutschland mit Airberlin fliegt. Die seitlichen Doppelplätze im A330 werden online als preferred seats angeboten und die Reservierung kostet rund 60€. Wenn man den Sitzplatz auswählt wenn man am Schalter eincheckt, kostet das nichts und man kriegt auch problemlos ebendiese „preferred seats“. Und zwar ohne Aufzahlung. Wir haben also wieder unsere Sitze links in Flugrichtung, Reihe 21 und 22 – passt.

Die Einreiseprozedur verlief schnell und als neuestes Goodie leuchten sie einem mit einem blauen Licht auf die Stirn. Scheint medizinische Gründe zu haben, ich habe aber keine Ahnung, zu was das nutze sein soll.

Der Flug war bis zur butterweichen Landung vollkommen ruhig, dafür empfing uns Kuba mit Blitz, Donner und orgiastischen Regenfällen. Der telefonisch über drei Ecken bestellte Taxifahrer, der uns mit einem Minibus abholen sollte, war nicht da, aber mit Hilfe eines anderen Chauffeurs, den wir von vorigem Jahr kannten, bekamen wir zwei Taxis und waren nach etwas mehr als zwei Stunden Fahrt in Havanna. Auf der ganzen Fahrt hat es geregnet, und wenn gerade nicht, dann hingen die Wolken drohend herum wie halbbesoffene Halbstarke in der billigsten Spelunke im Ort. Mir gelangen ein paar nette Fotos im Flugzeug und während der fahrt vom Flughafen Varadero nach Havanna, und ich überlege jetzt, wie ich die vom Huawei P10 aufs iPad bekomme, ohne Internet. Vielleicht schraub ich die Dinger ja auf und ziehe Drähte raus und verdrehe die ineinander. Oder so 🙂

Wir sind von der langen Anreise etwas geschlaucht und gereizt, aber es hält sich in erträglichen Grenzen. Darek und Richard haben am Flug ein wenig gepichelt, aber auch das verlief skandalfrei. Ich hatte mich wegen meines Schnupfens in Zurückhaltung geübt.

Jetzt ist es kurz vor acht Uhr abends und mal schauen, ob wir essen gehen. Momentan schüttet es halt wie aus Kannen und über dem Golf von Mexiko blitzt es, dass es eine Freude ist. Ich fühle mich ins Jahr 2011 zurückversetzt, als ich hier in Havanna die erste Version von meinem Kuba-Roman Der Falke im Sturm begann. Da gibt es eine Szene, in der die Helden am Malecon sitzen, weit nach Mitternacht und über dem Golf tobt ein Trockengewitter, dass so aussieht, als ob die purpurn leuchtenden Wolken auf Blitzen übers Meer staken würden.

Nach einigem Hin & Her und nachdem wir die Koffer ausgepackt und uns in den Quartieren eingerichtet hatten nachdem wir die Geschenke verteilt und die neue Einrichtung der Gästezimmer ausgiebig bewundert hatten, entschlossen wir uns trotz strömenden Regens, essen zu gehen. Zuerst borgten wir uns Schirme aus und eilten bis zum Hotel Presidente, also rund fünfzig Meter, und Richard und Darek hatten schon, wie sie so charmant sagten, die Pizda full. Ein polnisch-englischer Slangbegriff aus Wien, mit dem man zum Ausdruck bringen will, dass man mit der Situation unzufrieden ist. Schlussendlich besorgten wir uns ein Privattaxi um 5 CUC, fuhren zum Parque Don Quichote an der 23rd Straße und gingen ins Sancho Panza essen, unser Stammlokal, wo man uns in einer merkwürdigen Zeremonie das Passwort für das neue WLAN in die Smartphones tippte. Nach dem Essen fuhren wir um 4 CUC zurück in die Avenida de los Presidentes und da wartete schon Yudel vor dem Eingang auf Richard. Das ist ein außergewöhnlich gutaussehender Cubano, etwa dreißig Jahre alt, schlank, Mulatte und mit bemerkenswert intensiven Blick.

Von der Anreise erschöpft, ging ich schlafen und war sofort weg. Kurze Zeit später kam Richard und wir schliefen dann gemeinsam in seinem Quartier, nach dem er Yudel verabschiedet hatte.

 

10.6.17

Ich weiß nicht, ob mir Richards Klimaanlage im Zimmer gut getan hat, jedenfalls geht es mir nicht schlechter. Es ist hier nun kurz nach sechs Uhr früh und wir können beide nicht mehr schlafen. Immerhin ist es in Wien nun Mittag. Gut war jedenfalls in Erinnerung an andere erste Male, die wir hier waren, dass wir wegen des Sauwetters doch recht früh und nüchtern ins Bett kamen und vielleicht so schneller in den Rhythmus finden.

Eigentlich wollen wir uns ja anziehen und ein wenig vor Sonnenaufgang am Malecon Richtung Altstadt gehen, um uns die letzten, männlichen Nachtfalter anzusehen, aber wir kriegen den Arsch nicht hoch. Richard spielt auf meinem Handy DOTS und ich schreibe ins Reisetagebuch.

Bis auf den Jetlag, der uns umhüllt wie eine Staubwolke, ist es so, als ob es das Jahr zwischen unserem letzten Besuch und heute nicht gegeben hat. Wir sind einfach wieder da und machen nahtlos weiter.

Auf der Fahrt von Varadero nach Havanna habe ich den Taxifahrer gefragt, ob man auf Kuba etwas spürt, in Bezug auf die USA. Obama hatte ja versucht, die Grenzen einzureißen, und meine Meinung ist, dass Trump das genaue Gegenteil will, ist er doch politisch in der Schuld der Republikaner. Doch der Fahrer meinte, was Kuba betrifft, würde Trump nicht als Präsident oder als Politiker entscheiden, sondern als Geschäftsmann. Und Kuba entwickelt sich weiter, es fließt viel Geld und ein alter Spruch sagt, Geld fließt zu Geld. Der einfache Kubaner hat nichts davon, denn das Geld kommt nie bei denen an, die arm sind. Ich habe auch den Verdacht, dass ein allgemeiner Wohstandsausbruch Kuba eher schade würde, zumindest was den aus Touristensicht wahrgenommen Charme des Schäbigen, romantischen und zugänglichen betrifft.

Um halb 7 haben wir dann doch das Haus verlassen und eine morgendliche Runde um den Block gemacht. Das bedeutet, die Avenida de los presidentes hoch bis zur Rampa, die dann runter bis zum Malecon und am Malecon zurück zum Haus. Alles in allem in einer gemütlichen Stunde zu machen. Wir haben einige schöne Fotos geschossen, was mit der Leica Kamera im Huawei P10+ geradezu verblüffend leicht geht. Und was soll ich sagen? Am Malecon war im Morgengrauen noch Party, ein paar im Licht schwindende Motten irrlichterten noch herum und versuchten, betrunken charmant zu sein. Das sieht bei manchen wirklich süß aus.

Jetzt sind wir am Zimmer und warten auf das Frühstück. Wetterlage: Auflockernd bewölkt, hohe Luftfeuchtigkeit und ab und zu tröpfelts.

Wenn man so wie wir in einer Casa Particular wohnt, und Frühstück mitgebucht hat, ist es nicht unbedingt schlecht, wenn man eigene Vorräte von dem mitbringt, was man halt so gerne isst, zum Frühstück. Wir haben, um die obligatorischen Spiegeleier und heißen Brötchen aufzupeppen, Frankfurter mitgebracht und Käse und Senf & Ketchup und fürs Naschen zwischen durch Schokolade, die wir im Eiskasten aufbewahren.

Obwohl es heute trocken zu bleiben verspricht, werden wir nicht an den Strand fahren. Zum einen, weil man sich von den Versprechungen des kubanischen Wetters nicht zu viel erwarten darf, zum anderen, weil Ernesto, der Mann im Haus, Probleme mit seinem antiken Oldsmobile hat. Wir werden also mit Ernesto, der uns angeboten hat, uns mit seinem lädierten Auto überall hinzubringen, so lange es in Havanna ist und nicht zu weit, zum Parque Central fahren und dort strawanzen, so wie wir das schon oft gemacht haben. Ich nehme das Handy mit, vielleicht lassen sich ja schöne Fotos machen.

Obwohl ich das früher schon geschrieben habe: In Kuba ist es für einen Touristen fast alttestamentarische Pflicht, den Fahrpreis mit dem Taxifahrer zu verhandeln, bevor man einsteigt. Im Nachhinein kann das ins Auge gehen, mit Mord & Brand & Streit. Die Strecke vom Parque Central bis Vedado (Umkreis Hotel Presidente) darf so nicht mehr als maximal 7 CUC kosten.

Übrigens verwenden wir in Ermangelung eines Haarföns die Klimaanlage um die Haare zu trocknen. Man könnte also sagen, wir kommen langsam in die Gänge.

Ernesto brachte uns zum Parque Central. Er ist der Mann von Karin und gemeinsam sind sie die Eltern von Lizbet Bueno Sanchez, unserer Quartiergeberin. Man könnte sagen, das Touristengeschäft ist hier ein Familiengeschäft und es prosperiert.

Zuerst trieben wir uns im Park herum und während wir das taten, wurden die Wolken auseinandergerissen und beiseitegeschoben und der Tag wurde heiß, strahlend und klar. Nach einigen Runden im Park und einem ersten Sondieren der Lage unter den Arkaden gingen wir über die Obispo zum Ambos Mundos, wo wir zwei Mojitos zur Stärkung tranken. Was soll man sonst zur kochenden Mittagsstunde tun? Seit letztem Jahr spielt eine Dame mit wogendem Busen in der nach allen Seiten offenen Bar des Hotels Klavier und sie spielt laut, falsch und mit Grandezza.

Dann gings zurück zum Park, wo wir einige Fotos vom Capitol machten und unter den Arkaden nördlich vom Park einige Jungs kennenlernten, die sich interessiert zeigten und mit uns herumblödelten. Das klappt hier auf Kuba immer problemlos, wenn man ein gewisses Niveau nicht unterschreitet.

Einer dieser jungen Kerle mit einem auffallend hübschen und aufmüpfigen Gesicht interessierte sich sehr für uns, ich wollte aber nicht gleich hier & jetzt jemand mitnehmen – ich brauche normalerweise zwei Begegnungen mit jemand, bevor ich für mich entscheiden kann, ob ich etwas unternehmen will oder nicht. Jedenfalls wird sich am nächsten Tag herausstellen, dass der Bursche Polizist ist und in seiner Freizeit sich als Stricher ein Taschengeld verdient. Ich bin jetzt jedenfalls sehr an ihm interessiert und hoffe, ihn wieder zu sehen, um etwas ausmachen zu können.

Darek hat sich mit einem was um fünf Uhr ausgemacht und dann fuhren wir mit einem Oldtimer zum Parque Quichote, wo Darek und Richard wie trunkene Hummeln ihre Runden drehten und bei der öffentlichen Toilette ein und aus gingen wie Theaterbesucher in der Pause bei der Kantine ein und aus gehen. Brachte aber nichts. Wir gingen dann zu Fuß unter der inzwischen schwer auf uns lastenden Sonne über die Rampa hoch bis zur Avenida de los Presidentes und runter bis zur letzten großen Kreuzung, um dort in einem Geschäft kalte Limonade, Mineralwasser und Anejo Blanco zu kaufen. Zwei Jungs warteten schon vor dem Wohnhaus auf Darek und unterhielten sich mit Andrej, der vor uns zurückgegangen war. Einer der Jungs, sein Name ist Lazaro und er sieht aus wie ein wunderbares Versprechen, kam gleich mit hoch und sitzt jetzt bei Darek im Zimmer. Er ist neunzehn Jahre alt und ein klein wenig … leise, möchte ich mal sagen. Leise und freundlich. Das ist hier eher eine Seltenheit, besonders das Leise an ihm.

Wasser scheint zurzeit eine Rarität zu sein, zumindest das Nutzwasser, das nur spärlich aus der Dusche rinnt. Zum Waschen hats genügt, und während ich hier nun meinen Eintrag mache, ist Richard bei Darek und fotografiert den Jungen. Jetzt ist er da und macht Theater, weil ich eine Tafel Schokolade in seinem Kühlschrank geöffnet habe. Wenn man keine Probleme hat, sucht man sich welche.

Dann waren wir in guter Tradition im Sancho Panza zu Abend essen, es war gut wie immer, und der einzige Wermutstropfen war, dass die öffentliche Toilette im Parque Don Quichote gesperrt war und Richard und Darek ihres Plans beraubt wurden, sich dort zu verlustieren.

Nach dem Essen fuhr ich mit Andrej nach Hause und Darek und Richard blieben noch ein wenig im Park. Im Quartier stellte sich heraus, dass sozusagen kubanische Umstände eingetreten sind: Das Wasser kommt nach eigenen Gezeiten aus der Leitung, die Klimaanlage in Dareks Zimmer ist hinüber und der Tunnel unter der Bucht von Havanna ist wegen Sanierungsarbeiten bis 3.7. gesperrt. Wir hauten uns eine Weile aufs Ohr, machten uns gegen 22:30 ausgehfertig, und fuhren mit einem Privattaxi über die Rampa zum Malecon. Unterwegs kauften wir Rum und Kachito, fanden im Menschengewirr einen Platz auf der Mauer und starteten unsere erste Party. Wir waren wegen des Jetlags noch immer ein wenig tralala, aber hielten es bis halbdrei Uhr früh aus, Richard nahm einen alten Bekannten von Darek mit, einen Mann namens Lazaro, und wie Darek und Andrej sich entschieden, entging meiner Aufmerksamkeit. Ich zog es vor, allein schlafen zu gehen, weil ich zwar viele Menschen am Malecon sah, aber niemand, der mir ins Auge sprang. Damit war der Tag erledigt und ich auch und ging ins Bett.

 

11.6.17

Heute standen wir relativ ungerädert gegen neun Uhr auf, frühstückten und fuhren mit einem Privattaxi zum Strand. Das Wetter war stabil, mit wuchtigen Wolkenbergen im Süden und flachen Schleiern um Norden. Am Strand trafen wir Yorleikis, den wir schon seit 2010 kennen, und der trauriges zu berichten hatte: Frank Montalvo, der Radrennfahrer, der für meine Hauptperson Franco m Roman „Der Falke im Sturm“ das Vorbild war, starb letztes Jahr bei einem Verkehrsunfall, den er verschuldet hatte, als er betrunken mit einem ausgeborgten Auto vor der Polizei flüchtete und die Kontrolle über das Auto verlor und in einen anderen Wagen raste, in dem sechs Personen saßen. Alle sieben Menschen starben bei dem Unfall.

(Frank Montalvo + Juli 2016)

Am Strand war Highlife, alles voller krawalliger Touristentunten und kubanischen Jungschwestern. Wir genossen zwar das schöne Wetter und gingen oft schwimmen, aber der Gedanke, dass Frank tot und schuld am Tod von sechs Menschen war, trübte mir die Laune.

Um kurz nach 4 entschieden wir uns, nachdem das bestellte Taxi nicht gekommen war, mit einem anderen Privatfahrer nach Havanna zurückzufahren und es stellte sich heraus, dass der alte Schwarze polnisch kann. Das war ein Gelächter. Wir vereinbarten mit ihm, dass wir nun immer mit ihm zum Strand fahren würden, hin & zurück 25 CUC.

Jetzt liegen wir geduscht und sauber auf den Betten, haben die Klimaanlage an und machen Siesta.

Frank wurde durch den Roman ganz augenscheinlich zur lokalen Berühmtheit in Kuba, also jedenfalls in der Szene um Mi Cayito. Auch, nein, vor allem, weil er ja auf dem Cover zu sehen ist. Das wiederum führte dazu, dass mein Roman auf Kuba bekannt wurde, was für mich zwar keine spürbaren Auswirkungen zeigte, mir aber doch irgendwie unangenehm ist. Cotorro, der Bezirk in Havanna, aus dem Frank Montalvo stammte, wurde angeblich auch berühmt und ist in aller Munde.

Am Abend waren wir dann wieder im Sancho Panza essen, diesmal nahm ich das Huhn mit Curry und Ananas. Nach dem Essen gingen wir zu Fuß bis zum Riviera Kino, von dort nahmen wir ein Taxi und fuhren die Avenida de los presidents nach unten. Nach einem Nickerchen stand die Entscheidung an, ob wir an den Malecon gehen oder nicht und ich entschied mich für ich dagegen, ich litt noch ein wenig unter dem Jetlag und wollte ausschlafen. Richard, Darek und Andrej gingen also zum Malecon und ich ging schlafen. Lang blieben sie nicht, denn sie gingen gegen Mitternacht los und waren schon um halb zwei wieder im Zimmer. Eine Flasche Rum, und nicht mal de hatten sie ganz ausgetrunken. Richard berichtete mi später, dass das Meer unruhig war und sich an den Steinen der Böschung unterhalb der Mauer rieb wie eine Katze und hohe Wellen warf. War niemand dort außer ihnen, also hatten sie die Sache abgebrochen und zurückgegangen. Also Richard und Andrej; Darek, unentwegt wie immer, zog es vor, noch eine Liebelei im Park zu suchen. Ob er erfolgreich war, weiß ich noch nicht, das ist Gegenstand meiner nächsten Untersuchung.

 

12.6.17

Heute wegen des Verzichts der nächtlichen Hurerei schon um halb Acht auf. Nach einem saustarken Espresso gingen wir mit Andrej zur Bank, Geld wechseln, der Kurs ist beschissen wie eine volle Babywindel. Für 1400€ bekamen wir 1535CUC. Es ist ein sonniger Tag und windstill und wir werden nach dem Frühstück zum Strand fahren, was sich wegen der Tunnelsperre als halbe Odyssee herausgestellt hat, weil man die komplette Bucht von Havanna umfahren muss.

Während des Frühstücks kam das Thema auf, morgen vom Strand zu pausieren und stattdessen wieder in die Stadt zu gehen. Ich dachte, dass hinge davon ab, wie sehr wir uns heute am Strand den Pelz verbrennen, aber da lag ich falsch. Es ist eine Frage, die sich aus drei Umständen heraus entwickelt:

 

1) Haben wir uns den Pelz verbrannt?

2) Wie ist das Wetter morgen?

3) Wie hungrig sind wir auf erotische Abenteuer?

 

Mein Eindruck von Kuba ist, dass es sich schon sowohl politisch wie auch gesellschaftlich weiterentwickelt und öffnet. Der ganze Malecon ist mit WIFI ausgestattet, und man braucht nur in einer der offiziellen Verkaufsstellen oder in einem der staatlichen Hotels einen Zugang kaufen und kann sich überall verbinden. Seitdem es den Kubanern offizielle erlaubt ist, Kleingewerbe zu betreiben, gibt es tausendmal mehr Scharlatane und windige Geschäftemacher als je zuvor. Die gab es vermutlich schon früher, nur konnten sie nicht so, wie sie wollten. Andererseits hat auf Kuba alles, was getan wird, noch immer den erfreulichen Beigeschmack von Improvisation und Unbestimmtheit, der sehr viel zum Lokalkolorit beiträgt. Gestern auf der Fahrt zum Strand haben wir erfahren, dass die großen, neuen Hotels, die in der Stadt errichtet werden, zum Großteil von Indern gebaut werden; das Manzana Hotel bei Capitol wurde unter Schweizer Kontrolle von 80% Intern und 20% Kubanern realisiert. Selbst dem schwulen Leben am Strand scheint man den Hauch von Professionalität geben zu wollen, in dem dort Regenbogenfahnen im Wind flattern und laut Musik gespielt wird. Mir erscheint das eher wie ein Tribut auf die mexikanischen Krawalltunten, die fettig, schmierig und vollkommen ohne Anstand den Strand din Beschlag nehmen und dort rülpsend Rum aus kubanischen Bauchnabeln schlürfen. Nein, das ist kein Neid auf den Hedonismus hässlicher, fetter Mexikaner. Das ist einfach nur Widerwillen gegen die Perversion des Hedonismus. Man bejubelt ja auch nicht die Beschaffenheit und den Geruch von Scheiße, weil man auf Männerärsche steht.

Und dann gibt es auch noch die, die ihre eigenen Fähnchen mitbringen, was an Lächerlichkeit kaum noch zu überbieten ist – wenn schwule Männer an einem schwulen Strand, wo große Regenbogenfahnen im Wind flattern, ihre eigenen Fähnchen mitbringen, um ihren Liegenbereich als „Gay“ zu markieren. Gut, man kann auch Regenbogenfahnen in den Sand pissen um wie ein Hund sein Revier zu markieren. Manche brauchen das einfach, um ihre Wohlfühlzone wie eine Identitätsblase überall mit sich herumzutragen.

Gegen halb Zwölf fuhren wir wieder mit einem Privattaxi an den Strand und ließen uns wieder die Nummer des Fahrers geben; wir sammeln Nummern, um immer eine zu haben, über die wir einen verfügbaren Chauffeur erreichen können. Am Strand wars zuerst fad und wir waren von der Anfahrt geschlaucht da der Tunnel zu ist und der Fahrer einen großen Umweg machte, um uns nach Mi Cayito zu bringen. Dann gesellten sich einige Männer zu uns, dunkel, kräftig und willig, und dann auch noch ein schlanker Latino mit Tätowierungen und einem überaus lässigen Blick, er redete nicht viel und lächelte nie. Das sprach mich an und kurz bevor wir uns gegen 4 wieder auf den Weg machten, fragte ich ihn, ob er mit seinem Freund, einem Schwarzen, der heute um 8 zu Richard kommt, mitkommen möchte. Er war sofort einverstanden, fragte mich, auf was ich stehe und ich sagte ihm, er soll bloß ein Macho sein und sich so benehmen, dann passts. Er grinste vielsagend, und auch das gefiel mir.

Ab 5 gabs Wasser, wir haben geduscht und ziehen uns jetzt an, um Essen zu gehen, vermutlich zu Fuß, weil Ernesto nicht da ist.

Nachtrag des obigen Eintrags: Ernesto war da, hat sich aber eine Verkühlung eingefangen und liegt nun, mit Aspirin versorgt, im Bett und schwitzt sich aus.

Heute waren wir in Idilio essen, einer kleinen Kneipe in einer Seitengasse der Avenida de los presidentes. Richard und ich nahmen wieder mal Ropa Vieja, Andrej und Darek gegrillte Spießchen. das Essen war gut, aber die Bedienung unpersönlich bis kühl. Wir sind diesmal auch nur als Notlösung dem Sancho Panza untreu geworden, weil Richard und ich für 8 Uhr Termine hatten und den weiten Weg scheuten. Das Wetter war windig und verhangen, was uns nach einem heißen Tag am Strand recht gut tat.

Die Jungs kamen um 15 nach 8, insgesamt drei Mann. Mein Latino Miel, und zwei schwarze, extrem kräftig gebaute Burschen kamen zu Richard. Zuerst gabs was zu trinken und weil ich nicht lange rumfackeln wollte und Richard schon nach ein paar Minuten in seinem Zimmer Achterbahn hatte, ging ich mit dem Kleinen auf mein Zimmer, wo wir zwar was miteinander machten, nicht aber richtig bei der Sache waren, es schien mir so, als ob wir keinen Draht zueinander fanden. Das enttäuschte mich nicht sonderlich, war aber auch nur ansatzweise befriedigend, man lernt wohl mit den Jahren, das, was man bekommt, so weit zu schätzen, dass es einem nicht als Verlust erscheint, wenn es nicht den eigenen Idealvorstellungen entspricht.

Dann, nach einigen hin & her quer durch alle drei Zimmer, bei denen die Jungs quer durchgereicht wurden, gingen wir an den Malecon, langweilten uns und ich schoss einige Fotos der Nachtszene unterhalb des Hotel Nacional. Ein paar Drinks später und nach einer weiteren Flasche Rum fuhren wir mit Yudel, der sich zu uns gesellt hatte, zurück aufs Zimmer.

Yudel: einer der wenigen Anständigen Männer, die wir hier kennengelernt haben, und dem ich unser Hab & Gut anvertrauen würde. Er stammt aus Holguin, hat dort Familie und eine Freundin und kommt immer wieder nach Havanna, um hier Business zu machen. Er ist Mitte dreißig, sieht jünger aus, trägt Glatze und ist ein bezaubernd dunkler Indiotyp mit etwa 20% chinesischem Einschlag. Er trainiert seinen Körper, so wie es aussieht, mit sehr viel Fleiß & Respekt. Und er ist hilfsbereit und höflich. Ich hege keine tieferen Gefühle für ihn bin aber immer froh, wenn er da ist.

 

13.6.17

Trotz einigem an Alkohol heute wieder um 9 Uhr auf. Zuerst habe ich gleich mal Frühstück für 5 bestellt, weil Yudel bei Richard übernachtete, dann habe ich für ihn und mich einen kleinen Kaffee besorgt, süß und stark und schwarz, wie die Jungs, die wir mögen. Haha. Richard ist etwas mehr erschöpft als ich. Bevor ich mich daranmachte, das Reisetagebuch upzudaten, habe ich geduscht und fühle mich einigermaßen erfrischt.

Der lose formulierte Plan für heute sieht vor, dass wir nicht an den Strand gehen sondern in der Stadt streifen & Beute machen wollen. Darek und Andrej haben sich einen Sonnenbrand eingefangen und den wollen sie nicht auch noch füttern. Richard klagt auch über Hitze auf den Schultern, die ihm die Sonne einmassiert hat und scheinbar geht es nur mir gut. Aber egal. Es sieht für heute bewölkt aus und da ist es mir um einen Tag am Strand nicht schade.

Es ist kurz vor 10 und die Chancen stehen gut, dass es bald Frühstück gibt.

Nach dem Frühstück und einer kurzen Siesta gingen wir auf die Straße runter und suchten uns mit Yudels Hilfe ein Taxi und fuhren zum Hotel Inglaterra, in der Hoffnung, dort Jungs zu treffen. Ich hielt das für ein wenig zu optimistisch, weil selbst die Jungs, die keine Arbeit haben, sich um die Mittagszeit im Park aufhalten, besonders jetzt, da er zurückgestutzt und kleingeschnitten worden war, es gibt fast keine Bäume mehr, die Schatten spenden. Von dort ging es wieder zum Ambos Mundos, wo wir diesmal nicht auf der bequemen Couch, sondern an einem der Holztische in den offenen Nischen Mojito tranken. Unser alter Pianist war auch wieder da und spielte ein paar amerikanische Stücke wie My way oder die Filmmusik aus der Pate. Wir sprachen kurz darüber, wie das Leben hier wohl für die Leute gewesen sein musste, als es noch keine Klimaanlagen gegeben hatte. Zu Hemingways Zeiten in den Vierzigern und Fünfzigern war auch das Floridita noch nach rechtwinkelig offen, der Wind wehte quer durch und schaffte so ein wenig Kühlung. Ähnlich wie im La Terrazzas in Cojimar, wo der Wind von der Bucht her wehend, im Lokal für Kühlung sorgt.

Es muss eine eigene Version der Hölle gewesen sein, so seine Tage zu verbringen. Schon zu Mittag in der Bar des Ambos Mundos Mojito zu trinken, nur wenig abgekühlt durch den herein streichenden Wind. Dort zu sitzen und die Zeit tot zu schlagen, denn draußen war es viel zu heiß, um irgendetwas zu tun.

Nachher gings zurück, aber nicht nach Hause, sondern in die Galeria de Paseo gegenüber von Melia Cohiba, wo wir etwas zum Trinken einkauften, Speiseeis und ein paar Kleinigkeiten zum Essen, für den kleinen Hunger und so weiter. Inzwischen hat der Wind die Wolken vertrieben und es ist knallblau und heiß.

Darek und Richard sitzen nun mit Yudel und dem Burschen, dessen Namen ich nicht kenne, in Richards Zimmer und trinken Drinks aus Plastikbechern, während ich diese Zeilen schreibe. Ich habe keine Lust, drüben zu sitzen, weil mich die Raucherei stört. Und immer wieder dieser Zwang, reden zu müssen, auch wenn ich gar keine Lust habe, zu reden. Richard kennt mich seit 20 Jahren und er sollte mich so gut kennen, dass ich keine Lust habe auf Smalltalk, mich lässt das kalt, ich weiß mir kein Thema mit Menschen die ich nicht kenne und ich weiß mir schon gar kein Thema mit Menschen, die ich nicht kenne und deren Sprache ich nur in den Grundzügen beherrsche. Darek hat damit absolut kein Problem, der kann zu jeder Zeit mit jedem über alles reden.

Also hab ich mich zurückgezogen, die Augen werden schwer im Gebrumm der Klimaanlage und ich möchte mindestens noch ein Kapitel meines Romanprojekts Herr X korrigieren.

Was mir an Kuba, und da speziell in Havanna immer wieder auf- und gefällt, ist die wie ein Diesel brummende Emsigkeit. Überall röhrt und werkt es, überall glitzert Chrom, selbst dann, wenn der Himmel schwer verhangen ist und die Sonne nur eine ausgebleichte Erinnerung. Kuba ist arm, das ist nicht von der Hand zu weisen. Aber es ist in Summe nicht unglücklich. das hängt vielleicht auch damit zusammen, dass sich hier das Dogma vom fleißigen Leben nie durchsetzen konnte. Und dass meine ich positiv. In unseren Breiten gilt der fleißige Mann als dass Ideal einer auf Wachstum und Produktivität ausgerichteten Gesellschaft. Dabei sehe ich darin eine Form von Selbstbetrug, weil Fleiß alleine noch keine Produktivität darstellt, heißt: man kann den ganzen Tag etwas tun, ohne wirklich etwas geleistet zu haben, das Sinn hat, nützlich ist oder zu etwas gut ist. Aufgrund der steten Mangelwirtschaft sind die Kubaner über die Jahrzehnte in Fidels sonnigem Sozialismus zu Künstlern der Wiederverwertung gereift, zu Poeten der Instandhaltung und Maestros der Reparatur.

In unseren Breiten ist es also relativ einfach, so zu tun, als wäre man fleißig, in dem man einerseits immer irgendetwas tut, also geschäftig wirkt, und andererseits ununterbrochen darüber redet, wie beschäftigt man ist, um nur ja keinen Zweifel an der eigenenRedlichkeit aufkommen zu lassen.

Gegen uns wirken die Kubaner faul, aber das sind sie nicht, sie legen nur keinen Wert darauf, beschäftigt zu wirken, wenn sie es nicht sind. Quatsch, wenn nichts zu tun ist, dann ist nichts zu tun und dann wird auch nicht so getan, als würde irgendetwas getan.

Wirkliche Produktivität verlangt ökonomisches Handeln, von der guten Planung bis hin zur Körperbeherrschung, einen Verzicht auf Zierde und Grandezza. Vielmehr, als am Eindruck eines fleißigen Lebens scheint den Kubanern daran gelegen, ein resonantes Leben zu führen, und das gelingt ihnen sehr gut, weil die Mangeljahre unter Fidel Castro sie nicht nur zu Virtuosen der Instandhaltung gemacht haben, sondern auch zu äußerst sozialen Menschen, für die nichts Wichtiger scheint, als die Sozialisation und die unablässige Pflege der sozialen Netzwerke. Ich weiß nicht, ob die überaus sozialisierten Kubaner glücklicher sind als wir, ich weiß nur, dass ich Leute kenne, die vielmehr besitzen als Kubaner, und trotzdem inbrünstig unzufrieden sind mit ihrem Leben.

Nach dem Essen im Sancho Panza sind wir diesmal zu Fuß zurückgegangen, nachdem ein Taxifahrer einen CUC pro Person wollte für die kurze Fahrt die Ave de los presidentes runter. Darek fragte ihn, ob er betrunken sei, der Taxler sauste davon und Darek sagte zu uns, wenn ich bei dem einsteige, lasse ich mich ganz offiziell von ihm ficken, und ich lasse mich nicht von Taxifahrern ficken wie ein dummer Tourist!

Beim Hotel kaufte ich zwei Stunden Internetzugang, und dann gings ab aufs Zimmer, wo wir ein Nickerchen machten. Als Andrej und Darek gegen halb 12 reinkamen und fragten, ob wir mit zum Malecon kämen, winkten wir ab. Man muss nicht jedesmal dabei sein.

 

14.6.17

Weil wir wieder auf den Malecon verzichteten, waren Richard und ich schon um 7:30 ausgeschlafen. Vielleicht ist es das Alter, das einem die Entscheidung leichter macht, die Sause mal bleiben zu lassen, um nicht den alten Kreislauf zu überbeanspruchen?

Heute jedenfalls werden wir wieder an den Strand fahren. Es ist heiter mit ein paar Schönwetterwolken. Stephen King würde schreiben, dass der Tag vor uns liegt, frisch wie das Ejakulat aus dem ersten feuchten Traum eines Jungen. Ich würde es einfach einen weiteren Tag in Kuba nennen. Samt Sonnenschein, Straßenlärm und allen Unzulänglichkeiten, seien sie nun charmant oder einfach nur nervtötend.

Heute hatten wir wieder den Chauffeur, der dauernd jungen Mädchen nachpfeift und selbst Vater einer Siebzehnjährigen ist. Wie sich das moralisch gesehen für ihn ausgeht, hat sich mir nicht ganz entschlossen. Wir waren gegen 13 Uhr am Strand und blieben bis halb 5. Während wir am Strand die Zeit vertrödelten, baute sich im Süden ein sehr hohes und mächtiges Gewitter auf, dass mir dann aber wie der berühmte Riese erschien, der mit seinem Gebrüll nur überspielen möchte, dass er einen ganz kleinen Penis hat. Und auch Musiker waren da, einen kannten wir, den Perkussionist, der immer am Malecon mit einer Kippe im Mund entlang spaziert und Leute anblödelt, eigentlich ganz nett. Flatterig machte uns alle eigentlich nur der Trompeter, der so laut spielte, dass sogar die Sandflöhe Richtung Brandung flohen und Tunten bitterlich weinten, er möge doch aufhören, lauter zu sein als sie.

Nach einer flotten Fahrt nach Hause haben wir geduscht und darüber geredet, wie flott unser Fahrer eigentlich unterwegs ist – was ja einerseits ganz fein ist, andererseits aber im Falle eines Unfalls schreckliche Konsequenzen haben kann.

Frisch gebadet und mit Aftersun-Milch wohl versorgt, liege ich nun auf dem Bett und schreibe diese Zeilen, während ich an einem großzügig bemessenen Cubalibre arbeite.

Das Autofahren auf Kuba ist in der Regel eine schweißtreibende und holprige Angelegenheit, eine Fahrt findet immer bei offenen Fenster statt und wenn man mal an einem alten Schlachtross von Lastwagen vorbeizieht kriegt man die ganze Ladung übelriechender, graubrauner Abgase ab. Ist nun mal so. Die Fahrzeuge, oft Oldtimer aus der Zeit vor der Revolution, oder zuschanden gefahrene Ladas, werden oft nur durch Schnüre, Klebstoff und wüste Drohungen ihrer Fahrer zusammengehalten. Die Idee eines Unfalls erscheint mir absurd, seitdem ich aber die Geschichte von Franks Tod kenne, ist sie nicht mehr ganz so abstrakt. Und auf den schlaglöchrigen und gewellten Carreteras kann schon mal was passieren, wir wurden oft genug Zeuge von Reifenplatzern und verreckten Kupplungen oder Kolbenreibern. Das geht viel öfter glimpflich aus, als es das Schicksal vorsehen würde, wenn es auf Kuba etwas zu sagen hätte, aber mit Schicksalsergebenheit hatten die Kubaner noch nie viel am Hut.

Jetzt, gerade als wir vom Essen im Sancho Panza zurück sind und ich in Richards Zimmer sitze und diese Zeilen schreibe, dabei einen Kaffee Cubano trinke, sehe ich rechts neben mir einen opernhaften Sonnenuntergang, der den Golf von Mexiko beleuchtet wie blutenden Chrom.

Auf dem Fußweg zurück zu Lizbets Appartement wollten wir im Hotel Presidente einen Zwischenstopp einlegen und Internetzugang kaufen, aber es gab keine Karten mehr, also ließen war das sein und gingen aufs Zimmer. Richard badet gerade und ich genieße halt einerseits den Sonnenuntergang und die Ruhe, die es mir verschafft, diese Zeilen zu schreiben.

Heute ging es ohne verfängliches Nickerchen gegen 22:15 zum Malecon und wir waren ausgestattet mit Rum und Limonade und guter Stimmung. Auf der Rampa war viel los und wir bahnten uns unseren Weg mit lautem Gelächter und brennenden Blicken. Am Malecon, nachdem wir ungefähr die halbe Flasche Rum erledigt hatten, erschien Alex auf der Bildfläche, jener ausgereifte Stricher, der uns schon vor drei Jahren viel Freude bereitet hatte und erfreulich hemmungslos ist, was seine Sexualpraktiken betrifft. Was ihn uncharmant macht ist, dass er nur selten bis gar nicht den vereinbarten Preis als sakrosankt annimmt sondern immer wieder versucht, noch etwas für sich herauszuschlagen. Drei CUC für den Bus, ein T-Shirt, ein Parfum …

Richard freundete sich mit einem eher sympathisch als sexy aussehenden Burschen neben uns an der Mauer an und nahm ihn mit nach Hause. Darek, ich und Andrej blieben eine halbe Stunde länger und fuhren dann gemeinsam gegen 01:45 mit Alex zurück ins Quartier. Weil Darek sich mit Alex vergnügte, beherbergte ich für die Dauer der Zweisamkeit Andrej bei mir, der seinen Laptop mit hatte und Schreibübungen machte. Das wars dann auch schon mit dem Mittwoch, ich ging schlafen, gute Nacht.

 

15.6.17

Heute erfreulich unverkatert gegen 8:30 aus dem Bett und nach einem Cubano Espresso gingen wir zu zweit ins Presidente, tranken dort noch einen Kaffee und kauften uns Internetzugang und machten Updates auf Facebook und Instagram.

Unser Taxler kam heute erst gegen 12:45 und wir machten aus, bis 17:00 am Strand zu bleiben. Auf der Umfahrung um die Bucht von Havanna kamen wir in einen Stau, der ziemlich nervtötend war, laut, stinkend, heiß und langsam. Wir kamen an einem Unfall vorbei, bei dem zumindest der eine Oldtimer wirklich übel zugerichtet aussah. Andrej und Richard wollten davon Fotos machen und Darek und ich hielten dagegen, weil wir das pietätlos fänden – immerhin hat da vielleicht einer alles verloren was er hatte, auf Kuba bedeutet ein Auto alles.

Am Strand fielen mir neben ein paar recht gutaussehenden Strandläufern wieder die deutschen Touristen auf. Die einen, die einen sowieso schon weltweit als gay bekannten Strandabschnitt vor ihren Liegen mit Regenbogenfahnen kennzeichnen und betrunken mit Jungs fangen spielen, und die anderen, die alt, wuchtelbreit und betrunken auf ihren Strandstühlen sitzen und Unmengen an Bierdosen aufhäufen, die sie selbstverständlich nicht wegräumen, wenn sie den Strand verlassen.

Heute war es diesig und später schwer wolkenverhangen. man sah im Süden auch Blitze flackern und hörte knochentiefes Donnern, aber es blieb trocken. Unser Taxler war pünktlich da und holte uns ab, so wie bei jeder Heimfahrt ging es zwar durch den Tunnel auf die andere Seite der Bucht, da aber die Autobahn gesperrt ist, mussten wir wieder durch die kleine Siedlung hinter der Christusstatue neben La Gabana, wo unzählige halbwüchsige Jungs in allen Braunschattierungen auf Mülltonnen, Fußbällen, auf Fensterbänken oder dem Gehsteig saßen und hockten und uns hoheitsvoll nachblickten wie satte Katzen.

Alex kam tatsächlich zu unserem Treffen, aber wie üblich, um 20min zu spät. Dafür lohnte es sich und er wollte auch, ganz wie erwartet, 5cuc mehr für das Taxi heim. Ich gab ihm 21, was für hiesige Verhältnisse großzügig bemessen ist. Nachdem er sich geduscht hat, sitzt er nun bei Richard im Zimmer und trinkt Colarum.

Ob wir heute zum Malecon gehen, weiß ich nicht, mal sehen.

Und wie wir zum Malecon gingen. Alex wurde durch unseren Wohntrakt weitergereicht und ging von einem zum anderen wie eine Biene von Blume zu Blume fliegt. Gegen 22:30 brachen wir auf, besorgten etwas zu trinken und Alex organisierte Eiswürfel. Das machte das Trinken auf der Mauer schicker, aber auch gefährlicher, denn es schmeckte gut. Irgendjemand kam mit einem koffergroßen Lautsprecher und pumpte uns Musik um die Ohren, es wurde getanzt und geflirtet und wieder einmal wirbelten wir die Nacht um uns und über dem Golf von Mexiko bissen Blitze in Wolken. Ich lernte den neunzehnjährigen Leinier kennen, eine Jungschwuppe wie aus dem Bilderbuch, außergewöhnlich hübsch und sexy, aber auch überaus feminin und ständig am Kichern. Irgendwie habe ich dann auf einmal einen sitzen gehabt und ließ mir von Alex ein Taxi rufen und fuhr heim. Wann die anderen gekommen sind, weiß ich nicht.

 

16.6.17

Nach dem nächtlichen Massaker am Malecon war es schwer, aufzustehen und nach dem Frühstück um 10 legten wir uns nochmal hin und schliefen bis gegen 2 Uhr. Dann gingen wir zum Hotel Presidente und kauften Internetzugang, probierten eine Weile, uns einzuloggen, aber das klappte nicht, also kauften wir in einem Geschäft in der Nähe Mineralwasser, brachten das aufs Zimmer und gingen dann zum Einkaufszentrum beim Hotel Melia Cohiba. Dort kauften wir Milch und Limonade und Rum für bevorstehende Anlässe. Jetzt sind wir nach einem schweißtreibenden Marsch wieder am Zimmer, ich schreibe und Richard macht noch ein Nickerchen.

Im Kaufhaus sah ich einen überaus schönen Jungen mit schwarzen Locken, bleichem Gesicht und bezauberndem Latinolook, etwa 22 Jahre alt. Er hatte ein rotes T-Shirt an und schwarze Shorts.

Überhaupt waren sehr viele schöne Jungs unterwegs, die den Eindruck vermitteln, dass es ihnen gefällt, zumindest aber nichts ausmacht, angesehen zu werden. Das kann aber auch damit zusammenhängen, dass sie es gewohnt sind, von Touristen wie exotische Wesen angesehen zu werden. Oder ich bilde mir das alles nur ein.

Kurzfassung: Wir gingen früher essen, genau als es zu schütten begann wie aus Schaffeln, und saßen im Sancho Panza den Regen aus. Nach dem Essen zurück aufs Zimmer, Richard und Darek und Andrej trudelten noch in den Parque Central, um dort nach dem Rechten zu sehen. Gegen halb 11 zum Malecon, von wo ich aus Langeweile und Übersättigung gegen 01:15 verschwand und am Malecon zu Fuß zum Zimmer zurückging, wo ich Hans Zimmer hörte, das letzte Kapitel von Herr X fertig schrieb und schlafen ging.

 

17.6.17

Richard kam mit Darek und Andrej und zwei Begleitern irgendwann trunken von der Nacht und der Liebe nach Hause, küsste mich und ging dann auf sein Zimmer.

Gegen 8:30 wach, Katzenwäsche und noch vor dem Frühstück zum Hotel Presidente, Internet kaufen. Kurz mit Richard das Thema angeschnitten, wie wir nun nach Varadero kommen, wenn der Chauffeur sich nicht meldet. Meine Idee wäre es, Ernesto zu bitten, uns mit zwei Fuhren zum Busbahnhof in Nueovo Vedado zu bringen und wir fahren eben mit dem Viazul rüber und nehmen dort zwei Taxis zum Hotel. Bis zum letzten Drücker warten, ist dumm. Und die Bustickets kann man online kaufen, wir müssten sie nur wo ausdrucken können.

Wir haben das dann so geregelt, dass wir mit Ernesto nach Nuevo Vedado zur Hauptstation von Viazul fuhren, um dort die Bustickets für die Fahrt am 20.2 von Havanna nach Varadero zu kaufen. Zuerst war angedacht, den Bus um 13:00 zu nehmen, Darek argumentierte aber dagegen, dass wir dann den ganzen Tag in Varadero verlieren würden, weil wir dort erst um 16:00 ankämen. Also baten wir die Frau hinterm Tresen, den bereits ausgestellten Schein aus dem Nadeldrucker zu ersetzen und uns auf den Bus um 10:00 umzubuchen, was eine hochkomplizierte Angelegenheit war. Jedenfalls war das erledigt. Wichtig ist, dass man für jeden Passagier einen Reisepass oder Personalausweis mit haben muss, um die Person für die Busfahrt zu legitimieren. Nachdem wir zurück waren, packte ich meine Badesachen und wollte noch ins Hotel Riviera, um dort zu schwimmen, aber seit diesem Jahr geht das nicht mehr. Früher war es möglich, um 15CUC als Tagesgast den Pool zu besuchen. Ebenso wie im Melia Cohiba, dort geht das auch nicht mehr. Und dann zog auch noch ein Gewitter auf und jetzt blitzt & donnert & regnet es wie verrückt. Sollte heute wohl nicht sein.

Richard zeigt sich etwas kränklich, ist erhitzt und schwitzt, also bleibt er im Bett und nimmt Aspirin. Am Nachmittag waren wir kurz im Presidente eine Pizza essen und ein wenig Internet checken. Heute war in Wien übrigens auch die Regenbogenparade und schien ein großer Erfolg gewesen zu sein, wie man ganz leicht an den empörten Postings zu dem Thema im Forum der Kronenzeitung ablesen kann. Ich arbeite mich inzwischen literarisch an Gabriel Garcia Marquez Memoiren ab: Leben um darüber zu schreiben Mir fällt hier schön langsam ein wenig die Decke auf den Kopf. Einerseits taugts mir am Malecon nicht mehr so wie früher, als die große, nächtliche Sause zum Standardprogramm gehörte, andererseits waren wir nun zwei Tage hintereinander aus unterschiedlichen Gründen ans Quartier gebunden. Da war, bis auf ein paar Spaziergänge, einkaufen gehen und surfen im Presidente, nichts. Ich hoffe sehr, wir kommen morgen an den Strand. Ob wir heute an den Malecon gehen, kann ich nicht sagen, dass hängt von Richards Verfassung ab.

Wir haben auf den Malecon verzichtet, und mit einer Schlaftablette aus Dareks Arzneischrank habe ich mich zu Richard gelegt, um bei ihm zu schlafen. Er hat inzwischen doch 38 Grad Fieber und fühlt sich nicht gut. Ein wenig werde ich noch lesen – gute Nacht.

 

18.6.17

Das wird heute nichts mit Strand und so. Gegen halb 10 wurde ich munter, hab geduscht und mich dann wieder zu Richard gelegt, dem es zwar schon besser geht, der aber nun mehr hustet als gestern. Das Fieber scheint zurückgegangen zu sein. Karin brachte ihm nun einen Tee und eine kubanische Tablette gegen den Husten, nach deren Einnahme er absolut keinen Alkohol trinken darf. Die nächste bekommt er um 10:00 nachts von Karin. Ich habe gestern noch das Kuba Reisetagesbuch von 2016 von Evernote auf Ulysses portiert, weil ein Import zu Scrivener wegen der Umlaute nicht klappen will. Jetzt habe ich beide Reisetagesbücher (also 2016 und 2017) auf Ulysses.

Auf Kuba regnet es übrigens nicht. Ich habe hier noch nie einen Regen erlebt. Entweder schüttet es, oder es nieselt oder die Luft ist zum Schneiden feucht, aber normaler, langweiliger Regen wie in Europa, damit gibt man sich auf Kuba erst gar nicht ab.

Darek und ich waren dann allein in der Stadt, Ernesto brachte uns zum Hotel Inglaterra, wo wir ausstiegen und zuerst im Park eine Runde machten, bis es kurz regnete. Wir suchten Schutz unter den Arkaden des alten Theaters gegenüber des Capitols, dann gingen wir in die Obispo, Geld abheben. Zurück im Park setzte der berühmte, kubanische Monsunregen ein, wahre Wasserfälle ergossen sich in einem gewaltigen Rauschen über Havanna, und wir standen wieder unter den Arkaden, tranken Bier und gustierten Jungs. Darek vereinbarte mit einem ein Treffen um 8 abends, und bevor wir auf der überdachten Terrasse des Hotel Frances neben dem Inglaterra zwei Mojitos tranken, lachte er sich noch zwei Jungs an, die wir dann auch mitnahmen. Einer hat diesen Gangstercharme, wie man ihn aus dem Kino kennt, mit überlangem T-Shirt und Reißverschlüssen an den Seiten, schlank, agil, mit hübschen Grinsen. Jetzt sind wir zurück im Quartier, Richard geht es etwas besser, er hat nun geduscht und sich rasiert, während Darek mit einem der Jungen zugange ist und sein Freund Andrej vermutlich den anderen beglückt.

Wir essen heute ausnahmsweise in der Wohnung, nachdem Darek und Andrej gestern Pizzas bestellt hatten und zufrieden waren. Die Lieferung erfolgte rasch und die Pizzen waren gut. Dazu gab Gaseo de Naranja, also sowas wie Fanta. Richards Fieber erweist sich unglücklicherweise als hartnäckig und kommt & geht in Schüben. Das ist für ihn ebenso belastend wie unberechenbar, was die Besserung seines Zustands betrifft. Da immer wieder, wahrscheinlich sogar im Takt mit Richards Fieberschüben, schwerer Regen fällt, werden wir heute wohl auch wieder auf die Zerstreuung am Malecon verzichten.

Haben wir nicht. Darek und ich gingen allein an den Malecon, kauften auf der Rampa eine kleine Flasche Rum und Limonade. Weil es Sonntag war und weil es zuvor geregnet hatte, waren weniger Menschen unterwegs als sonst, dafür aber, wie Darek das sagt, war es konkreter. Zuerst waren wir allein am Malecon und tranken und redeten über die Arbeit und das AMS, später kam Yudel dazu, den wir zuvor auf der Rampa getroffen hatten, und später saßen dann zwei Jungs neben uns, mit denen wir (also eigentlich Darek) ins Gespräch kamen. Nachdem wir eine zweite Flasche Rum zur Hälfte geleert hatten, nahmen wir ein Taxi nach Hause. Ich schätze, es wird wohl gegen 2 Uhr früh gewesen sein.

Richard hatte heute noch etwas Temperatur und starken Husten. Er nahm gegen 10 abends die zweite Tablette von Karin und blieb im Zimmer, um sich auszukurieren.

 

19.6.17 – Letzter Tag In Havanna

Heute erst gegen 11 aufgestanden und erschöpft von der gestrigen Hallygally-Drecksau-Party, wie Darek das nennt. Badewetter gibts derweil nicht, also werden wir so um 1 oder halb 2 in die Altstadt fahren, uns verabschieden bis zum nächsten Mal.

Wir waren dann zu dritt in der Stadt, während Andrej die Plaza de la Revolucion besuchte, weil er dort mit dem Aufzug auf das Denkmal fahren wollte. Wir fuhren mit Ernesto in die Altstadt und taten dort das Übliche: Herumstreifen & Beute machen. Um 17:00 schauten wir noch im Parque Don Quichote vorbei, was uns aber auch recht bald mit Langeweile erfüllte. Mir gelangen einige schöne Fotos, aber das wars auch schon. Gegen halb 7 fuhren wir mit Ernesto, Karin und Daniela, Lizbets Tochter, gemeinsam Abendessen ins Sancho Panza. Wir haben sie wegen ihrer offenen Gastfreundschaft eingeladen und es war dann auch ein schöner Abend mit gutem Essen und auf den Punkt gekühltes Bier. Kurz stand zur Debatte, am Abend noch zum Malecon zu gehen, ich wandte aber ein, dass Richard noch nicht vollständig gesundet sei und wir wirklich früh rausmüssten und ich keine Lust darauf habe, den ganzen folgenden Tag als eine einzige Qual zu erleben. Ich konnte mich durchsetzen und wir gingen schon früh zu Bett, um für die Reise nach und die ersten Stunden in Varadero fit zu sein.

 

20.6.17 – 1. Tag Varadero

In Richards Bett neben ihm schlecht geschlafen, es ist einfach nicht geeignet für zwei ausgewachsene Mannsbilder, die sich schlafend ineinander verschlingen. Um 7:15 standen wir steifbeinig auf mit dem Gefühl im Rücken, wirklich alt zu sein. Kofferpacken ging bis 8:15 tadellos über die Bühne und nach einer kurzen, schmerzlosen Verabschiedung brachten uns Ernesto und ein Freund zum Viazul-Busbahnhof, und die Fahrt ging überpünktlich los, weil der Bus bis auf den letzten Platz besetzt war. Nach einer Stunde gabs Lulupause, die wir nutzten, um Sandwiches zu essen und Sprite zu trinken. Nach zwei weiteren Stopps Matanzas Bus Station und Flughafen Varadero kamen wir mit zehn Minuten Verspätung n Varaedro an, organisierten dort im üblichen Trubel zwei Taxis und waren weitere zehn Minuten später beim Hotel, checkten ein und …

Dann begann das Desaster, um mit Donald Trump zu sprechen. Andrej vergaß die gelbe Mappe mit den Reiseunterlagen irgendwo in der Hotelhalle, und es ist nur dem glücklichen Umstand zu verdanken, dass zwei Gäste beobachteten, wie ein Security-Angestellter die Mappe an sich nahm und in sein Dienstzimmer brachte. Mit den Zeugen konfrontiert, wurde die Mappe herausgegeben und nichts fehlte. Zehn oder zwanzig Minuten später suchte Richard seine Brieftasche und beschuldigte mich, sie verlegt zu haben, denn: ich habe sie ja dir gegeben! Auch die Brieftasche tauchte wieder auf, sie war im Kleinigkeitennetz in Richards kleinem Bricks-Koffer. Am Strand genossen wir den sanften Wind und die karibischen Temperaturen und das klare, seichte Wasser, gingen ein wenig spazieren und faulenzten wie immer. Beim Bierholen an der kleinen Strandbar lernte wir einen schwulen Canario von Teneriffa kennen (ich sollte ihn fragen, ob er in den letzten Wochen etwas Seltsames auf der Insel bemerkt hätte, zum Beispiel, dass sie sich von der Erde gelöst und abgehoben hat …) Gegen 6 abends gingen wir Abendessen, jetzt ist Entspannung angesagt und Arsch ausspülen, bevor wir Richtung Central Park von Varadero schlendern, um uns dort zu zerstreuen.

Vom Park kehrten wir recht bald zurück, weil Richard Verdauungsstörungen hatte und sich von seiner Erkältung noch geschwächt fühlte. nach zwei oder drei weiteren kleinen Drinks gingen wir deshalb zu Bett und schliefen ein, während aus dem leerstehenden Zimmer nebenan der unsichtbare Geist eines karibischen Vogels sang.

 

21.6.17 – Strandtag

Heute nach einem eher unruhigen Schlaf um 8:30 aufgestanden, mit dem irrlichternden Gefühl, ständig etwas zu vergessen oder sich an etwas Wesentliches nicht erinnern zu können. Nach dem Frühstück gingen wir an den Strand, um in guter deutscher Tradition Liegen zu reservieren für Darek und Andrej, die schon gestern Abend angekündigt hatten, später an den Strand zu kommen. Liegen reservieren gehört im Normalfall nicht in mein Lexikon der guten Sitten und Gebräuche, ich verbinde das in Gedanken immer mit von der Nacht noch verwirrten Ehemännern, die von ihren Frauen aus den Betten getreten wurden, um für Familie und Freunde das Terrain am Pool oder am Strand zu markieren, in dem sie die nachtfeuchten Badetücher lieblos auf Liegen verteilen. Die Schar folgt nach dem ausgiebigen Frühstück, kurz bevor das Buffet schließt, um für den Mittagstisch hergerichtet zu werden, mit der Langsamkeit sonnentrunkener Walküren. Das frühe Licht des Tages hat eine eigene, nicht blendende Qualität, hinter der sich die Hitze des Tages staut, um gegen 10 Uhr auszubrechen. Die Qualität dieses Lichts dürfte Fotografen nur allzu bekannt sein, denn es ist weich wie Silbermilch. So um 13 Uhr aßen wir im Strandcafé eine Kleinigkeit, gingen nochmal spazieren und dann ins Wasser, wo das sanfte Wiegen des Horizonts das Gemüt entspannt. Um 14:45 war Schluss, wir gingen aufs Zimmer duschen und eincremen, dann runter in die Halle, surfen. Was passiert gerade in der Welt? Hitzewelle in Wien, ein zum Großteil vereitelter Terrorakt in Brüssel, ein weiteres Attentat in London, die FPÖ will der SPÖ Koalitionsbedienungen diktieren (für Wahlen, für die noch gar nicht wahlgekämpft wird), die FPÖ verlor einen jahrelangen Prozess gegen einen Redakteur, dessen Reportage über die FPÖ im Jahr 2010 für Aufregung sorgte, und zwar so sehr, dass sie ihn seither mit Klagen eindeckten und beidhändig Prozesse in die Luft warfen und nichts unversucht ließen, das Ansehen des Mannes zu besudeln. Jetzt muss die Partei 17.000€ an Moschitz zahlen und die gesamten Gerichtskosten von rund 100.000€ berappen. Ein in die Flitterwochen fliegendes Ehepaar verhinderte ein Flugzeugunglück, weil sie in der startbereiten Maschine saßen und sahen, wie bei der linken Tragfläche Treibstoff schoss. American Airlines mal wieder. Seit gestern gibt es übrigens im Cuatro Palmas ein Verbot, Getränke aus dem Hotel mit raus zu nehmen. Das ist sehr ärgerlich und Darek hat sich diesbezüglich bei der gestern Abend amtierenden Sicherheitsbeamtin des Hotels ausgiebig über diese kommunistischen Methoden beklagt.

Nachts waren wir dann doch noch draußen, aber nicht lange, da die Stimmung gekippt war. Mir kam der üble, aber vielleicht wahre Gedanke, dass das, was ich bei Darek bislang für Selbstbewusstsein und Klugheit gehalten habe, eine hoch ehrenwerte Mischung, in Wirklichkeit eine Kombination aus Brutalität und Unverschämtheit ist. Tatsächlich hat er keinerlei Fingerspitzengefühl, keinen Anstand, kein soziales Gewissen. Vielmehr ist er erfüllt von der erlesenen Brutalität eines alten Raubtiers. Gegen Mitternacht gingen Richard und ich zu Bett, gute Nacht.

 

22.6.17

Heute wieder gegen halb 8 auf, und gleich nach dem Frühstück an den Strand um im Silberlicht der neuen Sonne zu baden. Es zeichnete sich ein ruhiger und langer Strandtag ab und das blieb es auch, im Grunde genommen. Richard und ich unternahmen zwei sehr befreiende und befriedigende Strandspaziergänge, dann zogen wir uns um und aßen zu Mittag. Vielversprechend stauten sich im Süden die Wolken, schweiften schon nach Nordwesten aus und ich hoffte auf ein reinigendes und abkühlendes Gewitter. Diese Erwartung wurde enttäuscht, es blieb heiß und beinahe windstill.

*Notiz an mich: Zu Mittag und zum Frühstück wird die Kleiderordnung nicht so streng beachtet, zum Abendessen aber gilt sehr wohl: Keine Strandbekleidung. Kurze Hosen gehen also schon, aber keine Badeschlappen und keine nassen, feuchten, verschwitzten Tanktops, dafür Hemden oder T-Shirts.

Dann aufs Zimmer relaxen, dann duschen und anziehen und raus, um Andenken zu kaufen, was uns zusehendes schwerer fällt, weil es nichts zu kaufen gibt das es sich zu kaufen lohnt – und wieviel Kitsch kann man von Kuba nach Europa liefern, ohne im Süßklang der unnützen Geschenke unterzugehen? Jetzt war ich noch ein wenig surfen, die Kubaphotos auf Instagram kommen ganz gut an und die Facebook-Postings mit den Bildern vom Strand im Abendlicht auch. Einige der Bilder sind auch wirklich sehr schön geworden.

Bei den Strandspaziergängen habe ich gesehen, dass Eltern, vor allem Mütter ihre Kinder sehr früh mit dem Meer bekannt machen und schon mal tagsüber mit ihnen in der Brandung sitzen, oft bekleidet, und das Weinen der zappelnden Kinder vollkommen überhören. Mir erscheint die Methode grob, aber sie scheint sich bewährt zu haben, denn ich kenne keinen Kubaner, der nicht schwimmen kann und dessen Herz nicht in Hassliebe zum Meer flammt.

Was bleibt heute noch zu tun? Essen, dann nochmal aufs Zimmer, dann wieder runter, um Internetzugang zu kaufen. Die Nostalgie des letzten Tages auskosten, obwohl eigentlich morgen der letzte Tag ist und wir Zeit genug haben, morgen nochmal ausgiebig Sonne zu tanken und zu schwimmen, dann die Koffer zu packen und abzureisen.

Abkühlen im Zimmer. Obwohl die Temperatur durch den Wind am Abend erträglich wurde, ziehen wir es vor, die Zeit bis zum Abend-Drink auf dem Zimmer zu verbringen, wo ich ein wenig schreibe und Richard forschend die Kanäle des Fernsehers durchgeht.

 

23.6.17

Nachdem wir gestern sehr bürgerlich gegen 10 nachts ins Bett gingen, waren wir heute Morgen schon um 7 Uhr munter wie die Fische, machten uns frisch und gingen frühstücken. Danach gabs ein kurzes hin & her, ob wir an den Strand gehen sollen, weil es doch sehr milchig bewölkt war, und die Debatte endete damit, dass wir die Badetücher packten und baden gingen. Wie schon in einem vorigen Eintrag erwähnt, ist die Morgenstunde meine Lieblingsstunde am Meer und wir gingen wie einsame Könige ins Wasser, den Blick auf den verschleierten Horizont geheftet. Wir hatten Zeit, und zwar jede Menge, um den Vormittag zu genießen. das Taxi war für halb 2 bestellt und wir wissen aus Erfahrung, dass das Packen am Urlaubsort beinahe unheimlich schnell geht.

Um halb 12 ließen wir den Strand in Ruhe, gingen aufs Zimmer, packten die Koffer und waren um 12:15 fertig, ohne uns gehetzt zu haben. Übrigens hat das Upgrade auf Business Class geklappt, was uns einerseits froh stimmte, weil wir so einen sehr angenehmen Nachtflug haben werden, andererseits schlägt sich das doch pro Paar mit 800€ zu Buche. Egal, man fliegt ja nicht jeden Tag auf Urlaub. Das Taxi kam pünktlich, und da im Businessclass-Ticket auch der Besuch der VIP Lounge enthalten ist, hielten wir uns dort auf und tranken uns ein wenig warm für die Heimreise. Boarding war ca. um 30 Minuten verspätet, aber ich bin guter Dinge, dass wir Düsseldorf dem Zeitplan entsprechend erreichen. Die BC der AB zeichnet sich nicht nur durch die neue Einrichtung aus sondern auch durch das äußerst freundliche Personal. Es handelt sich bei der Bestuhlung um Einzelplätze, also Inseln, wo man entweder in der Mittelreihe zu zweit sitzen kann, oder durch den Gang getrennt, Fensterseite und Mitte.

Bis jetzt verläuft der Flug sehr angenehm und ruhig und ich hatte zum ersten mal seit Jahren das Vergnügen, den Start von einem Fensterplatz as zu erleben.

Obwohl ich dachte, ich hätte nicht geschlafen, muss ich dann wohl doch eingeschlafen sein, denn als ich das nächste Mal die Augen öffnete, sah ich Andrej und Darek schon frühstücken und wir hatten nur noch eine Stunde bis Düsseldorf. Ich habe also das 400€ teure Upgrade auf die Businessclass quasi verschlafen. Am Flughafen von Düsseldorf hatte ich beim Securitycheck eine Art Kreislaufkollaps, der sich dann aber bald legte und den ich auf dem Flug von Düsseldorf nach Wien bezwang, in dem ich noch einmal kurz schlief. Wir kamen in Wien mit Verspätung an und dem Gefühl, übersättigt zu sein.

Richard ist ein wenig kränklich, nachdem ich ihn angesteckt habe, er so halb kuriert war und nun von der Klimaanlage den Rest bekam. Der Jetlag tut sein Übriges. So liegen wir nun faul zu Hause herum und schieben die zu erledigenden Arbeiten vor uns her.