Diesmal nicht in Form eines Tagebuchs, sondern nur ein paar Gedanken zur Reise selbst, zu Kuba und den Menschen hier.
Die Anreise selbst war vollkommen beschwerdefrei. Das Taxi war pünktlich um 8 Uhr vor dem Haus, die Fahrt durch Wien ein wenig stop & go, aber wir erreichten gegen Dreiviertelneun den Flughafen und der Flug ging mit einer halben Stunde Verspätung los, weil die Flügel enteist werden mussten. Diesmal flogen wir von Wien direkt nach Havanna, und zwar mit der Austrian Airlines.
Der Flug war vollkommen ruhig, wir hatten in der Economy die erste Reihe Fußfrei – in der Mitte bei den Notausstiegen. Da Richard und ich seit Oktober wieder rauchen, setzte uns der 12-Stunden-Flug einigermaßen zu und verursachte bei mir eine säuerliche Unzufriedenheit, die bis zum Ende des dritten Urlaubstages anhielt. Später gestand ich mir ein, dass auch der Jetlag eine Rolle spielte, von Jahr zu Jahr mehr, und dass ich einfach nicht wirklich ausgeschlafen war.
Über Facebook habe ich unnötigerweise, wie sich herausstellte, einen Kontakt hergestellt, um vom Flughafen abgeholt zu werden. Wir waren früher als gedacht in Havanna, warteten bis 17:30 auf den Fahrer, nahmen aber dann ein offizielles Taxi, das günstiger war, als der über das Internet vereinbarte Preis von 30CUC. Wir zahlten 25CUC und erreichten gegen 18:30 das Edificio Presidente in der Ave. de los Presidentes.
Bei Facebook gibt es ein paar Gruppen von Kuba-Fans, und dort wird sehr viel an Informationen ausgetauscht. Auch über Vermietung von Privatwohnungen in Havanna oder in anderen Städten von Kuba. Wichtigmacherei ist da normal, der Ton ist schnippisch und unfreundlich – nur die, die etwas anzubieten haben oder sich wirklich auskennen, sind freundlich.

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Der Preis von offiziellen Taxis vom Flughafen nach Vedado beträgt 25CUC.
Aufgefallen ist uns wieder einmal, das die Taxifahrer in der Stadt ihren Preis kontinuierlich anheben – oder es zumindest versuchen.

Das Wetter ist bisher sehr schön, aber für den Strand zu windig. Es bläst ein beständiger Wind aus dem Westen, der den Sand aufwirbelt und die Wellen hochpeitscht, was am Malecon ein schönes Fotomotiv ergibt, am Strand aber dazu führt, dass man zweimal überlegt, ob man ins Wasser gehen will oder lieber nicht. Dazu kommt, dass es seit Januar viele Quallen gibt, die angeblich gefährlich sind; eine Berührung mit ihnen kann unter Umständen im Krankenhaus enden.

Am dritten Tag hatten wir Besuch von zwei Kubanern, die wir in der Nacht zuvor kennenlernten, verzichteten aber wegen des Windes auf einen Besuch am Malecon und feierten zu Hause. Ich ging kurz vor Mitternacht in mein Zimmer und legte mich nieder; rund acht Stunden Schlaf haben mich wieder hergerichtet.
Nach zwei windigen Tagen am Strand nutzten wir den Freitag für einen ausgiebigen Spaziergang in der Stadt und für einige Kontrollrunden im Parque Central. Überraschenderweise habe ich einige neue Fotomotive ausgemacht und viel fotografiert. Für heute Abend haben wir ein Treffen mit den zwei Kubanern ausgemacht. Jetzt, nachdem wir im Idilio essen waren, bin ich angenehm müde und werde mich zu Richard legen und ein Nickerchen machen. Erfreulicherweise bin ich jetzt entspannt und habe das Gefühl, auf Kuba angekommen zu sein.

Lärm
Zwei Sachen sind auf Kuba allgegenwärtig; zumindest in der Stadt: Lärm und Gestank. Hier im Vedado röhrt und dieselt und summt es beständig, Busse hupen, Leute schreien, Motoren laufen die ganze Nacht und auf dem Malecon zieht der ewige Verkehr vorbei.
Der Gestank ist Lärm für die Nase. Fast überall riecht es in Havanna nach Urin, der auf die Straße gespritzt wird, und nach Diesel. Öffentliche Toiletten sind hier ebenso rar wie Katalysatoren für den Automotor. Doch absurderweise gewöhnt man sich rasch daran, wenn man nur bereit ist, nicht ständig zu bemängeln sondern hinzunehmen, was man nicht ändern kann. Mir fällt es leicht, hinzunehmen, weil ich das Gegengewicht zu schätzen weiß, nämlich den Lärm der muskulösen, kubanischen Seele. Auch der Sozialismus ist Lärm, vor allem für uns Europäer, denen der nationale Einzelkampf in die Wiege gelegt wird. Wo hier ein beständiges Grundrauschen des sozialen Miteinanders wahrzunehmen ist, sind wir Stille gewohnt, die Stille von Menschen, die nicht gestört, und nicht mit den Unzulänglichkeiten und Problemen anderer belästigt werden wollen. Auf Kuba, in all dem Lärm und der Aufdringlichkeit eines lauten und sozialen Lebens, kann man die Ruhe in sich selbst finden, wenn man sieht, dass auf der Schnellstraße Leute anhalten, um Polizisten bei ihrer Wagenpanne zu helfen, wenn man sieht, wie Privattaxis anhalten, um junge Soldaten in ihre Dörfer zu bringen. Wenn man sieht, wie die Schulkinder umsorgt werden, wenn sie in Havanna einen Ausflug machen und mit Clowns auf Stelzen tanzen. Dadurch entwickelt der ganze Wirbel eine eigene, stille Balance. Viele meinen, dass der glückliche Kubaner eine Erfindung von Tourismusexperten ist, alles nur Show und Theater. Doch das glaube ich nicht: Ich halte mich für einen guten Beobachter und sehe, wie die Menschen miteinander umgehen. Sehe im Vorbeigehen das Lachen, wenn sich zwei Schüler einen Witz erzählen, die Freude, wenn sich Freunde wiedersehen.
Ich sehe auch die Stille in den Blicken der hageren Alten, die die Revolution miterlebt haben, vielleicht sogar kämpften und die jetzt, im Herbst ihres Lebens sehen, dass sie keine Früchte für den Kampf ernten, sondern nur Lärm, der sie umspült wie Wasser einen Fels.

Leben und Ökonomie
Auf Kuba kann man froh sein, einen zuverlässigen Taxifahrer zu finden, vor allem, wenn er auf eigene Faust in einem der alten Automobile fährt, die nach der Revolution auf Kuba hier blieben. So jemand ist Gold wert. Vermutlich gibt es von ihnen mehr, als ich mir vorstellen kann, sicher bin ich aber, dass es ein Glücksfall ist, einen von ihnen zu finden und über den ganzen Urlaub als persönlichen Fahrer zu haben. Diese Fahrer lassen sich in Convertible Pesos bezahlen und ich bin sicher, dass hier sehr viel Geld direkt an der Steuer vorbei verdient wird.
Die Existenz des an den US-Dollar gekoppelten CUC spaltet das Land unsichtbar aber sehr spürbar. Durch den Tourismus entsteht eine Zweiklassen-Gesellschaft, was vom Staat ebenso wie von den Bürgern geduldet wird. Die einen, die im Tourismus arbeiten. Und alle anderen. So kann es beispielsweise sein, dass ein zweiundzwanzigjähriger Ökonomiestudent, der in seiner Freizeit am Strand (Mi Cayito) Massagen anbietet, das Vierzigfache eines Universitätsprofessors verdient. Pro Massage nimmt er 10 CUC für rund 40 Minuten Massage. Hat er sechs Kunden am Tag, sind das sechzig CUC pro Tag. Er arbeitet saisonal Sechs Tage die Woche, nimmt sich nur Montag frei, weil er entspannen muss. Da kommt ganz ordentlich Geld zusammen.

Diese Spaltung scheint vielen älteren Kubanern, die zum Teil noch die Revolution erlebten oder sogar beteiligt waren, wie blanker Hohn. Sie sehen die Ideale ihres alten Kampfes verraten, liegen nachts oft wach, während draußen die Geister glorreicher Tage vorbeiziehen. Vor allem in den Städten ist eine summende Verdrossenheit zu bemerken, und viele werden in ihrem Kummer irr, schreien unschuldige Bäume an, drohen dem Himmel mit der Faust und spucken überallhin. Der erwirtschaftete Wohlstand und die enormen Summen, die durch den kontrollierten Tourismus ins Land strömen, kommen nicht bei der Bevölkerung an.

Manche meinen, der gut gelaunte Kubaner sei eine Erfindung der Reisebüros und es sei alles Staffage, so wie in dem Semi-Dokumentationsfilm Buena Vista Social Club. Meine Überzeugung ist, dass es den frohen Kubaner wirklich gibt, auch, wenn die soziale Ungerechtigkeit des Landes und die verfaulten Ideale der Revolution nahelegen, dass es ihn eben nicht gibt. Es gibt ihn. Ich sehe es in der Art, wie zwei Schuljungen miteinander Witze reissen, wie eine Kindergärtnerin ihre Schar Kinder unter Kontrolle und fröhlich hält, wie frei der Kubaner von moralischen und sittlichen Bedenken ist, was Sex betrifft. Vermutlich ist die sprichwörtliche Lebensfreude der Kubaner auch das Resultat des aufgezwungenen Sozialismus. Der politische Sozialismus gibt die Richtung vor, und der menschliche Sozialismus folgt der Strömung. Zu jeder Zeit ist jeder bereit, jemand zu helfen, der Hilfe braucht, und jeder ist gewiss, Hilfe zu bekommen, wenn er Hilfe braucht. Dadurch entsteht einen Achtung und Aufmerksamkeit und ein Miteinander, das man in unserer durch Wohlstand entsolidarisierten Gesellschaft nicht mehr findet. Der politische Sozialismus und seine Kontrolle sind dicht in der kubanischen Gesellschaft verdrahtet: Die Polizisten auf der Straße sind ebenso Menschen wie der Bauer oder der Student oder der Ingenieur. Sie wohnen Tür an Tür und nehmen einander im Auto mit. Oder helfen bei Pannen. Dadurch hat sich eine gesellschaftliche Rücksichtnahme entwickelt, die teilweise erzwungen scheint, aber schon lange im Selbstverständnis der bürgerlichen Seele angekommen ist.

So kommt es, dass ein am Strand gut verdienender Student nicht beneidet wird, und man ihm keine Steine in den Weg legt. Man kann seine Hilfe brauchen und erwarten. Der Wohlstand des Einzelnen breitet sich in konzentrischen Kreisen aus und die Kreise überlappen sich. Oft konnte ich beobachten, wie freimütig und bereitwillig Malecon-Stricher Zigaretten, Rum und Kleingeld teilten. Die Ökonome auf Kuba ist ein brüchiges Gebilde, zusammengehalten von einer Gesellschaft, die es gelernt hat, alles in Betrieb zu halten, den Engpässen zu trotzen und einander zu helfen. Der glückliche Kubaner ist das Resultat seines ökonomischen Unglücks und seine Fähigkeit, sich ein gelungenes Leben abzutrotzen, sensationell.

 

Wind
Hemingway hätte bestimmt einen Satz wie ein Denkmal für den Wind auf Kuba im Februar geschrieben. In seinem dreiteiligen Roman Inseln im Strom schrieb er von einem Mann, der auf dem polierten Holzboden seines Hauses liegt und den sanften Wind genießt, der durch die offene Haustür herein weht. Genau diesen Wind erleben wir jetzt auch hier in Havanna. Durch ihn sind Spaziergänge in der Stadt erträglich, die 28 Grad Durschnittstemperatur werden ständigen Zug zu gefühlten 25 Grad. An solchen Tagen in einem der Cafés in Havanna zu sitzen und einen Mojito zu trinken, ist sehr angenehm. In der Stadt herumzustreichen ist mühelos. Anders verhält es sich am Strand, wo der Westwind heftiger ist und den Sand flach dahin weht.
Unter dem Sonnenschirm ist es kühl und in der Sonne ist für blasse Europäer gefährlich. Man spürt die Hitze auf der Haut nicht und unterschätzt die Kraft der Sonne.

Wenn Hemingway hier mit seinem Boot, der Pilar, zur See, oder von San Francisco de Paula herunter fuhr, um in Sloppys Bar oder im Floridita zu süffeln, war der Wind ein Segen, der ihm den Bart kraulte und die Haare zauste.
Heute, am Samstag, war es ein wenig erträglicher als in den letzten Tagen, die Böen frischten dann aber doch gegen 3 Uhr auf. Auch in dem Restaurant nahe der Ave de los Presidentes, dem Il Idilio, ist der Luftstrom angenehm. Dorthin gehen wir nun gerne essen, nachdem wir einfach zu faul sind, bis zum Sancho Pansa zu gehen. Es liegt nicht nur an unserer Faulheit. Ein anderer Grund, zu Fuß vom Quartier zum Sancho Pansa zu gehen, war bisher immer die im Park neben den Restaurant befindliche Toilettenanlage, ein beliebter Treffpunkt für Schwule, die sich unter Müßiggänger und Menschen mischen, die auf den Bus warten und stets den Eingang des Pissoirs im Auge behalten. Diese Anlage ist wegen all zu freudiger Umtriebe geschlossen worden.
Ebenso übrigens, wie das Humboldt, eine schwule Diskothek, in der um drei Uhr früh reife Männer mit brennenden Geldscheinen halbwüchsige Jungs umgarnten und Rumba tanzten. Nachdem aufgeflogen war, dass der Besitzer der Diskothek, der auch Privatwohnungen vermietet, in einem seiner Unternehmen Minderjährigen die Prostitution ermöglichte und diese Jungs dort nicht nur sich selbst, sondern auch Drogen verkauften und stahlen, was nicht niet- und nagelfest war, war mit einem Schlag Schluss.
Am Sonntag hat der Wind sich gelegt und die von der starken Strömung immer wieder an den Strand gespülten Feuerquallen sind verschwunden.

Mi Cayito
Mi Cayito ist ein Strandabschnitt der Playa del Este, den man am besten mit dem Linienbus erreicht, der halbstündlich vom Parque Central abfährt, oder mit einem Privattaxi, mit dessen Fahrer man vorher einen Preis aushandelt. Billiger ist die Anreis mit dem Bus, indem man bis zum Hotel Atlantico fährt, der Endstation. Allerdings hat man da noch gut eineinhalb Kilometer zu gehen, und das kann besonders am Nachmittag, wenn man von der Sonne heißgelaufen ist, sehr mühsam sein.
Angenehmer und nicht viel teurer ist es, wenn man sich ein Taxi teilt, dem Fahrer 15CUC für eine Fahrt zahlt, und sich bequem bis zur Imbiss-Stube bringen lässt, in deren Hintergrund auf einer von Unkraut und Sträuchern bewachsenen Düne die Regenbogenfahne flattert. Wir fahren seit Jahren nur noch mit Privattaxis, und da hatten wir schon alles: moderne Autos mit Klimaanlage und wunderbare Oldtimer und schwitzige Ladas, die nur noch von Strick und Pflaster zusammengehalten werden.
Mi Cayito ist nicht nur ein Strandabschnitt, an dem sich Schwule treffen, sondern jenseits der Dünen auf der Landseite, ein Lokal in einem wirren Gestrüpp, dessen Terrasse auf einen Süßwassersee hinausgeht. Gäste hab ich dort noch nie gesehen, was daran liegen mag, dass die Insekten schon vor ewigen Zeiten einen eindeutigen Sieg davongetragen haben. Auf der Seeseite jedoch ist Mi Cayito zumindest an der Playa del Este der schwule Treffpunkt der Provinz Havanna. Nirgendwo kann man mit Männern leichter in Kontakt kommen und nirgendwo ist die Mischung der sozialen Schichten sichtbarer als hier. Strandläufer, selbstständige Masseure, die ihre Dienste anbieten und augenzwinkernd mehr, alte, stets betrunkene Männer, ausgemergelt vom Alkohol und den Enttäuschungen des Lebens, halbstarke Strandstricher und mexikanische Trümmertunten, die dort in Horden einfallen, Regenbogenfähnchen in den Sand rammen und den ganzen Strand mit miserabel klingenden Lautsprechern beschallen. Touristen aus Kanada und Europa, die noch zu den Erträglicheren gehören. Alles vermengt sich zu einem Brei aus Stimmen und Wünschen, alles getragen vom beständigen Rauschen der Brandung. Viele Jungs bieten an, sich an Ort und Stelle hinzugeben, angenehmer ist es aber, einen Termin zu vereinbaren. Trotzdem sieht man oft, besonders am Sonntag, trunkene Tunten Arm in Arm mit machistischen Strichern über die Dünen stöckeln, wo sie im Gebüsch, wo alles sticht und pickt, übereinander herfallen.

Erfahrungsgemäß ist 15:30 eine gute Zeit, die Zelte abzubrechen, da man dann gegen 16:15 in Havanna sein kann, um zu duschen, zu relaxen und früh Abendessen zu gehen. Meine Vermutung ist, dass viele Touristen aus Mexiko sich im Hotel _Tropicoco_ oder im _Atlantico_ einquartieren, um selbst im vernebelten Zustand leicht zum Zimmer zurück zu finden. Die anderen nehmen den Bus oder so wie wir, ein Privattaxi. Länger am Strand bleiben dann klarerweise die, die sich in den Hotels in der Nähe an der Playa del Este einquartiert haben. Interessant wäre es, einmal länger zu bleiben und zu sehen, wie sich dort die Sache verhält, wenn der Tag in seligen Dämmer fällt.
Die Anfahrt aus Havanna ist weit und nimmt in etwa 40 Minuten in Anspruch. Doch für uns gehört das bereits zur Routine. Am Heimweg dösen wir immer selig in den weichen Sitzen des Oldtimers ein, während der Motor dieselt und die Karre knirscht und kracht.

Anmerkung: heute habe ich übrigens in einem der jungen Masseure, der wie ein Indio mit Tut aussieht, Oscar wiedererkannt, den ich schon vor zwei Jahren im Sommer beklemmend schön fand, und mit dem ich morgen einen Termin für eine Massage ausgemacht habe. Das wird meinem Stamm-Masseur nicht freuen, aber egal. Vielleicht mache ich mir für den Abend eine private Vorführung seiner Fähigkeiten aus.
Irgendwie verwirrend, denn er wird von den anderen Ossi gerufen, heißt angeblich Sol und in Wirklichkeit Jose. Man kann da den Überblick verlieren.

José

Anmerkung: Mit den Zigarren wird es hier schwierig, weil die Regierung scheinbar das Loch stopfen will, durch das Zigarren unkontrolliert zu Dumpingpreisen verhökert werden. Die Kontrollen lassen kaum noch Schlupflöcher zu und die Quellen trocknen aus.

Anmerkung: Das Thema mit den Zigarren hat Eddy erledigt. Zwei Kisten Cohiba Robustos um je 45 Euro.

Eddy
Schon vor Beginn der zweiten Woche stellte sich bei mir endlich die Entspannung ein, auf die ich so sehr gehofft hatte. Das hatte nicht nur damit zu tun, dass Richard und ich in seltener Harmonie miteinander auskamen, trotz einiger Reibereien, die von seiner Seite auskommend, immer dann entstehen, wenn er mich beobachtet und kritisiert, wenn ich irgendetwas mache, dass ihm nicht gefällt. Der Wind legte sich in der zweiten Woche erheblich und die Tage am Strand waren ein Genuss.
Dazu kam, dass wir durch Richard Eddy kennenlernten, und zwar noch in der ersten Woche, als wir an einem Abend beim Brunnen unter dem Hotel Nacional saßen und tranken, weil es am Malecon einfach zu stürmisch war und das Meer hochpeitschte. Eddy ist ein jener Latinos mit kaffeebraunen Augen, deren Farbe und Intensität sich mit der Jahreszeit ändert. Jetzt waren sie beinahe braungrün und sehr einnehmend. Seit all den Jahren, in denen ich Kuba besuche, habe ich nie einen wie ihn kennengelernt. Auch nicht, was die Intensität der kurzen Freundschaft betraf. Ein kluger Kerl, der fließend Englisch spricht und viel über die Geschichte von Kuba weiß. Darüber hinaus erwies er sich als kluger und einfallsreicher Lehrer der Körpersprache – durch Tanz und Provokation, aber auch in der Dunkelheit des Zimmers, wenn die erotischen Geister der Santeria vorbeiwehen. Das Gefühl, von einem dreiundzwanzigjährigen Latino gewollt zu werden, ist verwirrend und irritierend. Dass er es geschafft hat, in mir die Gewissheit zu festigen, mich wirklich zu wollen, als Mensch und als Freund, ist mir verwirrendes, unlösbares Rätsel.

Durch ihn nehme ich Kuba anders wahr. Und auch mich selbst. Seine Zuneigung und Freundschaft hat viel für mein eingerostetes Selbstbewusstsein getan. Dafür bin ich ihm dankbar. Richard geht es mit Yocdanis ebenso.

Aus der Distanz von Meilen und Tagen hinterfrage ich, wie stark die Gefühle sind und komme zu dem Schluss, dass sie kraftvoll sind und ich sie zulassen möchte, weil ich mich gereift fühle, mit ihnen und ihrer Intensität umzugehen.
Jedenfalls haben wir Adressen ausgetauscht und Richard und ich werden Eddy und Yordanis als Zeichen unserer Freundschaft zwei neue Handys kaufen. Man wird dann ja sehen, wie die Sache im Oktober steht, wenn wir zu Richards Geburtstag nach Kuba zurückkehren. Es ist mir zur Gewissheit geworden, dass es leicht ist, jemand zu helfen, der um nichts bittet, nicht einmal durch Blicke, Gesten oder herbeizitierte Situationen.