Fluchtgemälde

Fluchtgemälde

 

Angewandte Fluchtmalerei
Im Sommer nach der Revolution auf Kuba wird der äußerst talentierte Teenager Alejo Páramo Schüler beim Santero Christiano, der ihm beibringt, Gemälde zu malen, in die man emigrieren kann. Sie verdienen ihren Unterhalt mit Restaurationsarbeiten; die Gemälde, die sie erstellen, werden im Freundeskreis verkauft oder verschenkt. Bei einem Selbstversuch stürzen der Schüler und sein Meister in einen durch Unachtsamkeit entstandenen Zeitwirbel und können sich nur durch einen Trick aus dem unfertigen Gemälde befreien und in die Wirklichkeit zurückkehren, springen dabei allerdings dreißig Jahre in die Zukunft. Inzwischen wurden Páramos Gemälde weltberühmt und machten seinen ehemaligen Geliebten steinreich. Als sie aufeinander treffen, lässt der gealterte Ex-Freund, der nun einflussreicher Politiker ist, den noch immer jungen und schönen Alejo Páramo zum Krüppel schlagen, vergewaltigen und einsperren. Er will ihm erlauben, noch ein Gemälde zu malen, sein Meisterwerk, sozusagen, um den Reichtum seines alt gewordenen Freundes zu mehren. Christiano wird von den Schlägern des Politikers ermordet, allerdings bleibt die vage Möglichkeit offen, dass er mit seinem Blut ein letztes Fluchtgemälde auf den Boden malen konnte, durch das er – aus seinem Körper heraus – fliehen konnte.

Alejo malt zwei Bilder, eines für sich, um zu fliehen, und ein Bild der Hölle für seinen Peiniger. Er vertraut dem Sohn seines Feindes sein Notizbuch an und bittet ihn, es weiterzugeben, wenn er den „Richtigen“ findet.

Auf einer Realitätsebene schafft Alejo die Flucht in eine andere Version Kubas, die für ihn das Paradies darstellt, in der Realität der ersten Haupthandlung jedoch stirbt er, als sein geschundener Leib samt Rollstuhl von den Schergen seines alt gewordenen Ex-Geliebten von den Klippen El Morro in die Tiefe gestoßen wird.

 

Die Passage der durstigen Engel
Rufio, der Sohn des Mannes, den Alejo zur Hölle geschickt hat, verlässt nach dem Tod seines Vaters die Villa in Miramar, nimmt eine Stelle als Kurator im Museum der schönen Künste in Havanna an und verkauft im Nebenerwerb Gemälde, die er aus dem Keller seines Vaters mitgenommen hat. Fünf Jahre nach dem Tod von Alejo Páramo lernt er den iranischen Kunsthändler Koroush kennen, der auf Kuba ist, um zwei sehr wertvolle Ausgaben des Korans zu besorgen. Der latent homosexuelle Koroush, der sich seine Liebe zu jungen Männern nicht eingestehen kann und will, und Rufio, freunden sich an und Rufio verkauft Koroush zwei Gemälde und – als er davon überzeugt ist, in Koroush den Mann gefunden zu haben, der der Richtige ist – Alejos Notizbuch. Er hilft ihm sogar, es ins Französische zu übersetzen; Koroush lebt seit seiner Kindheit in Paris.

Schweren Herzens verlässt er Havanna, um nach einem kurzen Zwischenstopp in Paris nach Teheran weiterzufliegen, um dort die Koranexemplare abzuliefern, und um seine Schwester in Mashad zu besuchen. Er freut sich darauf, seinen Neffen Ayaz wiederzusehen, von dem er weiß, dass er schwul ist, und der gerade seine Leidenschaft für das Malen entdeckt.

Ayaz Bruder Said hat sich zu einem Schläger der iranischen Revolutionsgarden entwickelt und Koroush warnt Ayaz vor ihm. Er schenkt Ayaz die zwei Gemälde, die er aus Kuba mitgebracht hatte, und eine Farsi-Übersetzung von Alejos Notizbuch. Kurz vor Koroush Besuch hat sich Ayaz mit dem um zwei Jahre jüngeren Mahmoud angefreundet. Er reist nach Paris und Ayaz beginnt, sich in Alejos Buch einzuarbeiten, bis er die Grundzüge der magischen Malerei zu begreifen beginnt. Gleichzeitig wird die Liebe zwischen ihm und Mahmoud handfest, und weil sie Jugendliche sind, die das Leben auskosten wollen, gehen sie auf Partys, betrinken sich, nehmen Drogen und bringen sich in Gefahr. Während er in Paris den jungen Rafael Kaminer kennen und lieben lernt, einen israelischen Studenten, der im Haus gegenüber einzieht, beginnt Ayaz ernsthaft ein Fluchtbild zu malen, das er „Die Passage der durstigen Engel“ nennt; seine Version eines offenen, liberalen und schwulenfreundlichen Iran. In der Farsi-Übersetzung fehlt eine entscheidende Information, ohne der man kein Fluchtbild vollenden kann; man muss das Gemälde farblich mit dem Hintergrund, vor dem man es gemalt hat, verknüpfen. Als Ayaz und Mahmoud in einem Park von der Polizei erwischt werden, wie sie einen Dreizehnjährigen verführen, werden sie zum Tode verurteilt. Koroush kehrt nach Mashad zurück und versucht, für die beiden ein Gnadengesuch zu stellen, doch es ist zu spät. Durch Zufall erfährt er von Ayaz Bruder Said, der inzwischen mit der iranischen Revolution gebrochen hat, dass Ayaz irgendwo ein Versteck hatte, in dem er malte. Koroush findet am Morgen der Hinrichtung der Beiden das Gemälde auf dem Flachdach des Wohnhauses und versucht, es fertigzustellen. Kurz vor der Hinrichtung hatte Ayaz in letzter Verzweiflung mit seinem Blut und Kot ein Fluchtgemälde an die Zellenwand gemalt. Die beiden Jungen werden hingerichtet, und es bleibt die vage Chance, dass sie einen sogenannten halben Wechsel durchführen konnten; dass nur die Hüllen zurückblieben mit den Erinnerungen des Lebens, ihre Seelen aber in Ayaz Version des paradiesischen Iran wechselten.

 

Liebe in Zeiten des Untergangs
Koroush, der nicht sicher weiß, ob Ayaz und Mahmoud die Flucht in ihr Gemälde geschafft hatten, kehrt gebrochen nach Paris zurück. In nur wenigen Tagen hat sich Europa und der nahe Osten in ein Höllenloch verwandelt. Er findet Paris verwüstet vor, Banden radikaler Katholiken, Moslems und Nationalisten wetteifern, wer die grausamsten Morde zustande bringt, der Handel und das öffentliche Leben ist zusammengebrochen. Rafael versteckt sich in einem leerstehenden Theater und schreibt verrückte Briefe an Koroush; es wird klar, dass der Verfall der Zivilisation, der um sich greift wie eine Seuche, dadurch ausgelöst wurde, dass immer mehr Menschen anhand von Kopien und Übersetzungen von Alejos Buch lernten, Fluchtgemälde zu malen – vor allem Menschen mit liberaler Einstellung und künstlerischen Fähigkeiten. Das Ungleichgewicht zwischen restriktiven Pragmatismus und dem fehlenden Liberalismus und Humanismus führt zum Untergang, den Rafael in einem seiner Briefe so umschreibt: Die Fanatiker haben gewonnen.

Koroush findet heraus, wo Rafael sich versteckt hält und rettet ihn das Leben, als mehrere Männer ihn ermorden wollen, in dem sie ihn zwingen Benzin zu trinken. Die beiden Männer schaffen es eine Weile, in Paris zu überleben, aber als Rafael Koroush erklärt, er sei in der Lage, ein Flugzeug steuern, wenn man eine passende, vollgetankte Passagiermaschine finden könnte, schmieden sie den Plan, ein Flugzeug vom stillgelegten Flughafen CDG zu stehlen und nach Kuba zu fliegen, um von dort aus in das von Alejo gemalte Kuba zu wechseln. Sie stehlen einen Airbus A-340 der Iberia und schaffen es tatsächlich bis Kuba, wo sie aufgrund einer schriftlichen Einladung von Rufio als Asylanten aufenthaltsberechtigt sind. Beim Verlassen des Flugzeugs wird Rafael von Soldaten erschossen, weil sie seine durch Drogen verursachte, hysterische Heiterkeit für Raserei halten. Koroush zieht zu Rufio in dessen kleine Wohnung im Vedado. Einige Monate später, als die schier unerträgliche Weltlage auch auf Kuba übergreift, beschließen sie, einen Versuch zu unternehmen, in Alejos Kubaversion zu wechseln. Dazu brechen sie in Rufios leerstehendes Elternhaus ein, und versuchen, den Wechsel zu beschwören, in dem sie das Rollstuhlbild, das Koroush aus Mashad nach Ayaz Tod mitgenommen hat, dort aufstellen, wo es gemalt worden war. Für die Menschen dieser Realitätsebene sieht es so aus, als ob sie sich zu Tode getrunken hatten; in „Wirklichkeit“ aber vollzogen sie den halben Wechsel. Fünf Jahre später wagt sich Koroush, Kuba zu verlassen und eine Gemäldeausstellung in Paris zu besuchen. Dort trifft er auf einen Doppelgänger Rafaels, der als Model eines Gemäldes, das auf der Ausstellung präsentiert wird, den Maler vertritt, einen alten Kubaner, der nicht anwesend sein kann. Es wird klar, dass der nicht anwesende Maler Christiano ist, Alejos Santero, und dass das Gemälde, das er anfertigte, Der Goldene Riese, ein gigantisches Panoptikum aller Fluchtgemälde darstellt. Rafael erzählt dem ihm fremden Koroush, dass er, während er gemalt wurde, einen merkwürdigen Traum hatte, einen Traum von einem ebenso romantischen wie abenteuerlichen Persien, und dass er im Traum einer Szene beiwohnte, als in einem im Rohbau befindlichen Gebäude zwei nach Blut und Kot stinkende Jugendliche durch eine Wand brachen, wie aus dem Nichts. Denn dort, woher sie kamen, war nur der Hohlraum des Steins, den sie von „innen“ nach außen gedrückt hatten, um sich zu befreien. So wird Koroush klar, dass Ayaz und sein geliebter Mahmoud es geschafft hatten, dem sicheren Tod zu entgehen, und nun in einer glücklicheren Version des Iran leben. Koroush verabschiedet sich von Rafael, ohne ihm zu erzählen, dass, und woher sie sich kennen, und kehrt glücklich nach Kuba zurück.

Kritik zum Buch auf derstandard.at
…Virtuelle oder sonstige Weltfluchten sind ein gängiges Motiv in der Phantastik. „Fluchtgemälde“ widmet sich allerdings verstärkt der Frage, was aus einer Welt wird, die von so vielen verlassen wird. Denn es sind nicht unbedingt die schlechtesten, die da aus durchaus nachvollziehbaren Gründen flüchten – damit aber auch der Welt all ihr Potenzial, ihre künftigen Leistungen und Interaktionen mit anderen Menschen entziehen (klingt ein bisschen wie eine humanere Variante des katholischen Standpunkts zum Selbstmord …). Die Antwort, die der Roman gibt: Wenn die Träumer gehen, gerät die Welt aus dem Gleichgewicht, die destruktiven Kräfte gewinnen die Oberhand. Das bekommt eine der Hauptfiguren im ersten Teil des Romans in sehr persönlicher und sehr gewalttätiger Weise am eigenen Leib zu spüren. Im dritten Teil, wenn sich die ganze Realität verändert, spüren es dann alle.

Josefson,  DERSTANDARD.AT

Rasant, literarisch, verstörend und wunderschön. Ein meisterliches Buch

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