Bücherleichen

So trivial benenne ich Bücher, die ich nicht zu Ende gelesen habe. Ein gelesenes Buch ist ein Buch, und ein ungelesenes Buch ist auch einfach nur ein Buch. Aber eines, das ich nicht zu Ende lesen konnte oder wollte, ist eine Leiche. Das ist wenig charmant, ich weiß. Und es gibt auch nicht sehr viele Leichen in meinen virtuellen und wirklichen Bücherregalen. Aber es gibt sie, und von ihnen geht ein übler Gestank aus. Ich muss zugeben, dass manche der Bücher nicht wirklich schlecht sind, und der Grund, warum ich sie nicht fertiggelesen habe, ist, dass sie mich zur falschen Zeit trafen oder ich sie unter einer falschen Prämisse zu lesen begann. Aber die meisten Bücherleichen sind deshalb Leichen, weil sie derart mies geschrieben sind, dass sie beim Lesen im Hirn immer größer wurden – so wie ein herzhafter Bissen einer Speise, die erst beim kauen ihren grauenerregenden Geschmack entwickelt und nicht und nicht geschluckt werden will.

Beispiel: Seit Ende vorigen Jahres schreibe ich an einem SF-Roman, in dem mehrere Handlungsebenen zusammenspielen (sollen). Ein gesellschaftspolitischer Teil, ein SF-Teil, in dem ich begründen will, warum es in Wirklichkeit keinen sinnvollen Zugang zu Science Fiction gibt, und eine Auseinandersetzung mit dem Fermi-Paradoxon. Um mich ein wenig in das Thema einzulesen, oder besser, um mich erneut einzulesen, nahm ich mir vor, einige SF-Romane aus der (für mich) Frühzeit der SF zu lesen. Bücher aus Vaters Taschenbuchschatz aus den Sechzigern. Dann eine Empfehlung auf Amazon. Beide Bücher klatschten mich traurig an die Wand, um mit Qualtinger zu reden.

Zuerst das Buch Universum ohne Ende von Poul Anderson. Ich meine, es ist ganz interessant zu lesen, wie sich ein Schriftsteller damals die Reise in Richtung Lichtgeschwindigkeit vorstellte. Die Lichtgeschwindigkeit als Grenze, die nicht überschritten werden kann, erscheint mir in SF-Romanen, die ernst genommen werden wollen, sowieso als Voraussetzung. Schon die Annäherung an die Lichtgeschwindigkeit erzeugt merkwürdige Effekte, spannende Differenzen zwischen der Zeit außerhalb und innerhalb des festen Körpers, der beständig beschleunigt wird. Aber einen Roman rund um einen Effekt herum aufzubauen, in dem sonst nichts passiert, als das sich die 25 besten Köpfe der Erde schon nach zwei Jahren in die Wolle kriegen? Echt jetzt? Das Buch habe ich so gelesen: 45 Seiten am Anfang, dann den Großteil der Mitte nur überflugsmäßig und dann das Ende. Das finde ich ja ganz nett – nur frustriert es mich auch ein wenig, weil da einer die Idee, mit der ich in meinem neuen Projekt hausieren gehen möchte, schon in den Siebzigern hatte.

Dann Aurora von Kim Stanley Robinson, ein eher neueres Buch (2016), das mir von der Prämisse her sehr gut gefiel: Die gewaltige Aufgabe, mit einem Generationenraumschiff von beeindruckender Größe zu einem Sonnensystem zu fliegen, wo man Planeten zu finden hofft, auf denen sich die Menschen ansiedeln können. Gut gefallen hat mir in dem Buch die Beschreibung des Lebens an Bord, das von der KI gehütete Geheimnis und der kleine, rotzfreche Freund der Hauptfigur: Eouan, der als junger Erwachsener einer der ersten ist, die auf den Planeten hinunter dürfen, der dort erkrankt und seine mögliche Antwort auf das Fermi-Paradoxon gibt – eine Antwort im Übrigen, die ich als Grundlage in meinen neuen Roman einfließen lasse.

Das Buch war nicht schlecht, zumindest nicht alles. Was ich erschöpfend fand und im Blindflug absolvierte, waren die Kapitel, in der die KI auf sich selbst referenzierend erklärt, wie sie Menschen wahrnimmt und wie sie versucht, das menschliche Verhalten, das Streben und Wollen in Sprachbilder zu fassen. Das, meine lieben Freunde, ginge auch um 300 Seiten kürzer.

Kurz: Hard SF, in dem es um technischen Machbarkeit und um das Verständnis des Universums geht. Gelernt habe ich durch diese Bücher, dass, wenn man die romantischen Ideale beiseite lässt (Wir müssen uns im Weltall ausbreiten, wir werden auf neue Zivilisationen stoßen, Blumengebinde oder Laserstrahlen austauschen, epische Schlachten schlagen oder schon zu Lebzeiten in den Geist des Universums aufsteigen, blablabla, …), ein wirklicher Kontakt zu intelligentem außerirdischen Leben im Grunde genommen für die, die sich damit politisch, gesellschaftlich, kulturell, technisch und wissenschaftlich befassen müssen, der reinste Horror sein muss.

Ein Action-Krimi, den ich nicht weiterlesen konnte, obwohl ich mir von ihm erwartet hätte, ein wenig den Unterbau von aktionslastiger Literatur zu verstehen, war Lee Childs erster Jack-Reacher Roman Größenwahn. Das ist sprachlich so banal, so abgegriffen und abgekaut, das ist zum fürchten. Bin bei 52% auf dem Kindle ausgestiegen.

Jetzt habe ich einen Gruselkrimifantasy-Roman begonnen, der mich schon nach den ersten zehn Seiten ziemlich gepackt hat und in den ich viel Hoffnung setze: Robert McCammons Boys Life – Die Suche nach einem Mörder. Das liest sich bis jetzt so, als hätten Ray Bradbury und Stephen King sich zusammengetan, einer im Himmel und der andere in Bangor, Maine, um einen Jugendroman zu schreiben, in dem die Kinder nicht einfach erscheinen, sondern wie Wirbelstürme, Waldbrände und Asteroiden aus der Nacht kommen, und wo es in jeder Gasse der Heimatstadt einen Zombie gibt, einen kopflosen Untoten, eine Wasserleiche am Ufer des Flusses, und wo die nächtliche Brise des Sommers nach Jasmin und erster Liebe duftet.

Vielleicht schafft es Robert, mich bis zum Ende zu tragen und sicher auf die andere Seite zu bringen 🙂

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