Das Workspace Desaster

Grundsätzlich hat sich nicht viel daran geändert, wie Schriftsteller ihre Bücher schreiben. Die Werkzeuge haben sich geändert, vielleicht dadurch auch die Herangehensweise, aber nicht der Vorgang selbst: Man erfindet sich einen virtuellen Erzähler, der die Geschichte erzählt und dabei in der Erzählzeit und im Erzählraum flexibel ist, und dient selbst nur als Berichterstatter dessen, was der virtuelle Erzähler erzählt. Man folgt mehr oder weniger der Struktur Wort, Satz, Absatz, Szene, Kapitel, Teil, Buch und versucht, nicht den Überblick zu verlieren. Schlaue Leute sagen, ein guter Musiker kann auch auf einem Kamm Musik machen, und mit demselben Recht kann man auch sagen, ein guter Schriftsteller kann auch mit dem Kugelschreiber auf Papier seine Romane, Essays, Novellen und Geschichten schreiben – und daran ist nichts falsch.

Aber wenn man schon die Mittel und Möglichkeiten zur Hand hat, warum sie dann nicht nutzen? Mit der Zeit entwickelt jeder Schriftsteller seine Routinen, sich an ein Thema heranzutasten. Man kann erste Ideen in einen Moleskine schreiben, oder in einen College-Block, man kann sie in ein Aufnahmegerät diktieren oder einfach so lange mit der Idee schwanger gehen, bis sich die Nebel lichten und man ansatzweise zu verstehen beginnt, was man erzählen will, wie man es erzählen will, und wo man damit beginnt.Mein Ansatz lässt sich leicht erklären, wenn man auf meine Tool-Liste blickt. Die ist – in Bezug auf Literaturprojekte – erfreulicherweise so kurz wie die Dankesrede eines schüchternen Hollywoodstars bei den Oscars – schauen wir mal:

  • Zum Schreiben des Romans verwende ich Papyrus Autor
  • Für die Notizen und Recherchen verwende ich Notion
  • Für die Ablage Dropbox
  • Für Gekritzel und … Sätze, die mir durch den Kopf schießen, ganz altmodisch ein Moleskine Notizbuch – Pocketsize
  • Fürs Outlining verwende ich Dynalist

Der Hauptgrund, warum ich bei all den Apps & Tools noch immer ein Notizbuch verwende ist ganz einfach der: Ich schreibe von Zeit zu Zeit gerne mit der Hand, um in Übung zu bleiben. Ich schreibe Tagebücher, Reisetagebücher, Gesprächserinnerungen und all das, was mich in eine Irrenanstalt bringen könnte, würde es ein Fremder lesen, eben gerne in ein kleines Schwarzes.
Als Schriftsteller bin ich ein sinnlicher Mensch. Mich inspiriert alles, was meine Sinne anspricht, was ich hören kann und fühlen, schmecken, sehen und riechen. In Notion sammle ich Ideen und verknüpfe sie mit Fotos und Videos von Orten, Dingen und Personen. So entsteht durchaus schon mal eine Charakterdatenbank und eine Datenbank der Dinge. In Dropbox existieren dann in den Ordnern der Ablage die Dateien gleichberechtigt und ohne Ansehen ihrer Herkunft: Die Papyrus Datei, die Paper Files, Links zu Videos oder interessanten Artikeln. Wenn ich daran denke und nicht zu faul bin, scanne ich handschriftliche Notizen und lege sie ebenfalls (als pdf) im Projektordner ab.  
Noch während ich am Roman arbeite, konvertiere ich das, was ich bislang geschrieben habe, in das MOBI Format und übertrage es auf meinen E-Book Reader. Es mag seltsam erscheinen, aber mir hilft das oft, fehlende Zusammenhänge, Irrtümer und grobe Schnitzer zu entdecken, die mir sonst vielleicht verborgen geblieben wären.
Ich benutze NotionHQ um Notizen zu machen und den Roman vorzubereiten, und im Grunde genommen kann ich weder gegen das eine noch gegen das andere Programm etwas sagen. Meine Entscheidung, alles in Notion und Dropbox zu erledigen, ist wie so vieles in meinem Leben, reine Geschmackssache. Würde mir allerdings jemand eine Pistole an den Kopf halten und knurren: “Warum diese Tools und keine anderen?”, dann könnte ich zum Beispiel sagen, dass ich alles in einem Ordner haben will, in einem Workspace. Alles, was mit dem Roman zu tun hat, ist an einem Ort und ich kann von überall aus wo ich bin, darauf zugreifen.

Räumlich gesehen bin ich sehr ungebunden. Ich habe zwar ein Schreibzimmer, nutze es aber nur sehr selten. Meistens sitze ich im Wohnzimmer, lass den Fernseher im Hintergrund laufen und habe den Laptop am Schoß und schreibe. Die Räumlichkeit, in der sich Schriftsteller früher zurückgezogen haben, um sich auf das Schreiben zu konzentrieren, wurde zumindest für mich ein virtueller Raum, in dem ich mich weitgehend wohl fühle, weil die Ordnung, die dort herrscht, meine Ordnung ist.

Im Grunde genommen kann ich überall schreiben, wo der Geräusch- und Ablenkungspegel niedrig und nicht fluktuierend ist. Das kann ein Hotelzimmer sein oder eine leere Bar, mein Wohnzimmer oder das Schreibzimmer. Das kann aber auch ein Park sein, ein Zugabteil. Da bin ich fexibel.

Was mir wichtig ist, ist die Struktur meines Workspace, den ich sozusagen in der Hosentasche oder der Umhängetasche immer bei mir habe. Es ist meine Struktur, meine Einrichtung, hier kann ich schreiben, egal wo ich bin.

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