Der Schmäh mit der Prä-Astronautik

Verschwörungstheorien

Manchmal, wenn ich allein zu Hause bin oder Richard in einem der anderen Zimmer sitzt, um mit Freunden zu chatten, dann sehe ich mir Unisnn im Fernsehen an. Mit einer Faszination, die der gleicht, die manche empfinden, wenn sie auf der Autobahn an einer Unfallstelle vorbeikommen und unwillkürlich vom Gas gehen und sich gezwungen fühlen, einfach rüberzuschauen. Alles in mir schreit: Warum siehst Du Dir diesen idiotischen Scheißdreck an? Mann, was soll das? Schreib an Deinem Buch weiter! Prokrastriniere anders, aber doch nicht so und überhaupt …

Ich muss es sehen, um den Kopf zu schütteln – andererseits aber auch, weil mich die an den Haaren herbeigezogenen Ideen und Herleitungen an saftige Verschwörungstheorien erinnern – was sicher darin begründet liegt, dass die Theorien der Anhänger der Prä-Astronautik unglaubliche Ähnlichkeit haben mit wirren Verschwörungstheorien. Und irgendwie mag ich Verschwörungstheorien, weil sie so herrlich … tralala sind.

Verschwörungstheorien, ich meine, was ist das? Für mich sind diese Theorien daran erkenntlich, dass sie einer zirkulären Logik folgen, sich also quasi selbst bestätigen und aus jedem Gegenargument eine weitere Bestätigung ableiten. Eine Verschwörungstheorie, könnte man sagen, erkennt man dadurch, dass die Anhänger selbst einen Beweis dafür, dass sie falsch ist, als Beweis dafür nehmen, dass sie doch stimmt. Du sagst zu einem Verschwörungstheoretiker: Es gibt keinen Beweis dafür, dass dies so oder so ist und sich so oder so zugetragen hat. Der Anhänger der Verschwörungstheorie wird darauf sagen: „Da siehst du, wie perfekt sie das Geheimnis versteckt und getarnt haben, um es vor uns geheim zu halten!

AAAHHH!!!

Ich, nach sieben Folgen Ancient Aliens

Die Umkehr der Beweisführung

Prä-Astronautiker und Verschwörungstheoretiker haben noch etwas gemein: Die Umkehr der Beweisführung. Sie behaupten etwas. Du sagst, das kann so nicht stimmen. Und sie drauf: Na dann beweis das doch mal, dass das nicht so ist, wie ich es sage.

Prä-Astronautiker sind davon überzeugt (oder sie tun so, als ob sie davon überzeugt wären, so wie rumänische Stricher vortäuschen, der Sex mit Dir wäre das Beste aller Zeiten, weil sie wissen, dass man nur so noch ein wenig mehr Geld rausholen kann), dass in vorgeschichtlichen Zeiten unsere Erde von Außerirdischen besucht wurde. An verschiedenen Orten, zu verschiedenen Zeiten und sie besuchten verschiedene Kulturen. So. Um ihre Behauptungen zu untermauern, nehmen die Anhänger der Prä-Astronautik Funde und Entdeckungen, die noch nicht abschließend erklärt und zugeordnet werden konnten, und deuten ihre Existenz ihren Theorien entsprechend um. Was am Ende des Tages bleibt, ist viel erklärerischer Bombast, sehr viel Akündigungsgedröhne mit ganz erschreckend wenigen Fakten. Statt Kausalität, also Erkenntnisgewinn aus Beobachtung, gibt es Spekulation aus Korrelation. Ja, es gab Frühkulturen und ja, manchmal finden Archäologen etwas, das sie nicht gleich zu- und einordnen können. Das bedeutet aber keinesfalls, dass sich in irgendeiner Vorzeit Außerirdische auf der Erde tummelten wie auf dem Hauptbahnhof von Paris oder dem Frankfurter Flughafen: Überall waren sie. In China und in Mittel- und Südamerika, in Russland und natürlich in den USA. Überall, man kam denen gar nicht aus.

Lohnt sich der Aufwand?

Wenn man davon ausgeht, dass im gesamten Universum dieselben physikalischen Gesetze gelten wie in unserem Erkenntnisraum, dann stellt dies eventuell existierende außerirdische Intelligenzen und Zivilisationen vor dieselben Probleme und Erkenntnisse wie uns. Lichtgeschwindigkeit als Grenzgeschwindigkeit für Signal- und Wirkungsübertragung im Universum ist die Grenze. Die kosmische Hintergrundstrahlung. Das Problem der „harten“ Gammastrahlung bei Annäherung an die Lichtgeschwindigkeit, die mit der hohen Geschwindigkeit verbundene Zeitdilatation (tau), das Problem der wachsenden Masse bei Annäherung an die Lichtgeschwindigkeit, die Notwendigkeit von ununterbrochenem Schub und dem damit verbundenen, unermesslich großen Tank, in dem man den Treibstoff mitführt, um eine jahrelange Beschleunigung von sagen wir mal 9,81 Meter pro Sekundenquadrat. Erdbeschleunigung also, quasi 1g, zu gewährleisten. Von einem Bussarkollektor will ich jetzt gar nicht anfangen. Auch die von Neumann Sonden lasse ich mal außen vor.

Der Aufwand zur interstellaren Raumfahrt wäre für sie genauso wie für uns, enorm, und nur unter ganz bestimmten Umständen verantwortbar. Einfach mal so herumfliegen um die Nachbarschaft zu checken, ist nicht. Auch nicht, den großen Gönner zu spielen, der mit esoterischer Weisheit und sphärischen Klängen landet und Blumengirlanden bindet. Vielleicht Eroberung oder intergalaktisches Asyl. Der einzig valide Grund, der mir einfiele, warum sich eine Zivilisation in einem Generationenraumschiff auf den Weg ins All macht, ist, dass es ihre eigene Welt zerreißt und sie sicherstellen wollen, dass zumindest das Kulturgut ihrer Zivilisation überlebt. Doch wie sollen die uns finden? Wir schicken erst seit rund 100 Jahren Radiostrahlung ins Universum und wen man berücksichtigt, dass die Lichtgeschwindigkeit die maximale Wirkungs- und Transportgeschwindigkeit ist, wenn man berücksichtigt, dass auch für andere Zivilisationen die Lichtgeschwindigkeit als maximale Geschwindigkeit gilt, sie Zeit bräuchten, um die nötigen Vorbereitungen zu treffen und so weiter und so fort – und wenn man berücksichtigt, dass im Umkreis von 100 Lichtjahren erwiesernermaßen nichts ist außer ganz viel leerer Raum und einige Sonnen unterschiedlichen Alters, mit Planeten drum rum, auf denen bislang keine Zivilisationsmarken erkannt werden konnten (Erkennbare Atmosphäre, Radiosignale, Emmissionen …), da kann man nur sagen: vergesst es. Vielleicht gibt es irgendwo im All Leben. Und vielleicht ist sogar in unserer Galaxie eine Zivilisation, die bereits so weit fortgeschritten ist, in die Tiefen des Raums vorzudringen. Vielleicht haben sie sogar schon einen Bussardantrieb, der sich während der reise und mit zumnehmender Geschwindigkeit effizienter selbst aus dem Wasserstoff des Alls versorgt – wie gesagt: Wir piepen erst seit 100 Jahren. Im Mapßstab des Universums ist das nicht einmal ein Blinzeln.

Fermis Paradoxon und Auroras Antwort

Fermis Paradoxon, die Frage: Wo sind denn alle?, beinhaltet ein paar Antwortmöglichkeiten, und am Einleuchtensten finde ich die, die ein junger Astronaut im Roman Aurora von Kim Stanley Robinson gibt, als er an einer Infektion auf der fremden Welt stirbt: Sobald sich eine Zivilisation so weit entwickelt hat, dass sie interstellare Reisen unternehmen kann, entdecken sie, dass es am besten ist, alle Erkenntnisse zu nutzen, um es sich auf der Heimatwelt so schön und lebenswert wie nur irgend möglich zu machen. Das Leben ist planetengebunden. Nicht nur an Planeten im Allgemeinen, sondern ganz speziell an den, auf dem es entstanden ist. Es hat seinen Grund, warum das Universum so ist, wie es ist und dass es zig Millionen Jahre dauerte, bis sich der Mensch entwickelte. Es ist sinnlos, loszureisen, den Aufwand eines gewaltigen Generationenraumschiffs auf sich zu nehmen, mit der Gewissheit, dass man diese Reisenden nie wieder sehen wird, allein schon aufgrund der Zeitdilatation. Es zahlt sich ja schon nicht mal mehr aus, auf den Mars zu fliegen. Wozu? Er ist kleiner als die Erde, hat etwa ein Zehntel der Masse der Erde, die Menschen wären dort leichter und nach einer bestimmten Zeit könnten sie gar nicht mehr zur Erde zurückkehren, weil sie aufgrund der höheren Schwerkraft erkranken und sterben würden. Und wozu sollten sie dort leben wollen? Wenn ich in einem abgeschirmten Habitat leben will, dann kann ich das auch in der Wüste von Arizona. Um eine Basis für weitere Raumflüge zu errichten? Ja wozu und wohin? Kein Planet und kein Mond unseres Sonnensystems könnte dem Mensch eine neue Heimat werden, und wenn man in aufblasbaren Habitaten leben will, bitte, in der Wüste ist Platz genug.

Beweislast? Wozu beweisen?

Wenn es also Außerirdische gibt (und ich bin davon überzeugt, dass es sie gibt): Warum sollten sie die gewaltigen Anstrengungen einer Generationenraumfahrt auf sich nehmen, uns finden, um dann nicht mehr zu tun, als Skulpturen von sich anfertigen zu lassen und seltsame Linien in den Steinboden Mexikos zu kratzen? Und wenn sie in der Lage sein sollten, irgendwie den Raum so zu krümmen, dass am Ende des Tages so etwas wie Überlichtgeschwindigkeit herauskommt: Wo sind sie dann alle? haben wir nur nicht richtig hingesehen? Nicht richtig zu gehört? Und warum sollten sie unsere Erde immer dann besuchen, wenn zufälligerweise gerade keine handfesten Beweise möglich sind?

Lest Euch mal das Konzept der von Neumann Sonde durch. Da kann man Kinder kriegen beim Nachdenken! Wo sind die alle?

Prä-Astronautik als billige Pseudowissenschaft wurde geschaffen, um mit einer unendlichen Abfolge an nervigen Fragen Geld zu lukrieren. Sie bieten keine Antworten, denn jede Antwort ist im Grunde genommen nur die nächste Frage. Die Prä-Astronautik umschifft mit fast tänzerischer Eleganz die Konzepte der Erkenntnistheorie und taucht die Härten und die Kraft des Menschseins in ein weiches Halbdunkel, so wie das Pedal bei Klavierakkorden den Harmonien mehr Breite gibt. Sie weist Leistungsfähigkeit und Entwicklungspotential von uns und überantwortet das alles den herbei argumentierten Außerirdischen – warum tun sie das?

Idiotische Kaskaden

Weil es bequemer ist, zu glauben, dass nicht wir selbst zu solchen Leistungen fähig sind, weil dies bedeutete, wir müssten uns einfach nur noch mehr anstrengen, um uns weiterzuentwickeln? Der Ansatz der Prä-Astronautik hat für mich kulturell gesehen etwas masochistisches: Man erlebt Lust darin, seine Verantwortung an eine dominante Macht abzugeben. Man kann nichts dafür, wird geleitet, getrieben, gesteuert. man ist nur Passagier im Leben – aber wenigstens ist man ein Passagier, der sich Gedanken darüber macht, wie es dazu kam, dass man (nur) Passagier ist. Prä-Astronautik erklärt uns, dass es gut ist, die eigenen Zeit zu verscheißen, in dem man auf die Fragekaskaden fremder Idioten einsteigt, denn es sind idiotische Kaskaden, die nie enden und in denen man sich verfängt.

Wie gut der Scheiß und die Verarschung funktioniert, sieht man an den unzähligen Pseudodokumentationen im Fernsehen, und wie unverschämt Leute wie Erich von Däniken mit dem Schmäh der unendlichen Fragestellung Geld scheffeln. Mit dem Fernsehformat kamen dann die unzähligen Heere der pseudowissenschaftlichen Kommentatoren dazu, die allesamt vor Aufregung herumzucken, wenn sie ihren Unsinn als herausfordernde Fragen von sich geben.

Und so, wie Menschen, die an einem Unfallort vorbeifahren und unwillkürlich langsamer wurden, nach der Unfallstelle wieder Gas geben und sich wieder ihrem Leben widmen, drehe ich den Fernseher ab und gehe schlafen.

2 Kommentare

Gregor 4. September 2020 Antworten

Herzlichen Glückwunsch zu einer gelungenen Zusammenfassung.

Es ist schon bewundernswert dass sich jemand mehrere Folgen dieser pseudowissenschaftlichen Serie am Stück reinzieht.
Ich persönlich bin bislang nicht über 10 Minuten gekommen ohne einen extremen Brechreiz zu verspüren.

nathschlaeger 7. September 2020 Antworten

Lieber Gregor!

Es ist weit weniger bewundernswert, dass ich mir das ansehe, sondern zu drei Teilen Faulheit (die Fernbedienung ist einfach zu weit weg und ich müsste mich strecken) und zu einem Teil doch auch irgendwie Neugierde, mit was für einen Quatsch sie jetzt wieder um die Ecke kommen – denn vielleicht kann ich irgendetwas davon in meinem neuen Roman verbraten.
Und was soll ich sagen? So ist es auch. Zumindest die Theorie des Bouncing Universe findet Eingang in mein neues Buch, und unerklärliche Spuren aus längst vergangenen Zeiten.

Herzliche Grüße aus Wien!
Peter Nathschläger

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