Zivilcourage

Über dieses Thema denke ich in letzter Zeit häufiger nach und ich komme dabei auf keinen grünen Zweig. Besonders in den Tagen seit Corona geistert dieses Unding immer wieder herum, schlendert durch die Nacht und erhitzt die Gemüter. Warum? Manche bezeichnen es als Zivilcourage, wenn sie in den öffentlichen Verkehrsmitteln andere Fahrgäste zur Rede stellen, weil diese keinen MNS tragen. Oder falsch, unter dem Kinn zB. Ich finde, das hat nichts mit Zivilcourage zu tun oder mit Mut, sondern schlicht und einfach mit Impertinenz, Aufdringlichkeit und Rechthaberei.

Leute, die andere in der Schnellbahn auffordern:“Heast, Depperter, häng da den Fetzen ins Gsicht, sunst ram I Dia des Wüde owe, Du Oaschkind!”, die tun das nicht im Sinne der Ordnung und auch nicht zur Förderung des gedeihlichen Miteinanders, sondern weil sie in Zwangslagen und Situationen, wie sie uns die Epidemie nun aufbürden, ihre Sternstunde gekommen sehen. Endlich können sie vollkommen berechtigt maßregeln, zusammenscheißen, stänkern. 

Heute, S7, gegen 09:00, Station Geiselbergstrasse. Mit einigen anderen Fahrgästen steige ich hier aus, weil ganz in der Nähe das Büro ist. Auf der Treppe, über die man vom Bahnsteig auf das Straßenniveau hinunter geht, sitzt ein etwas dickliches Mädchen in modischer Kleidung und tippt auf ihrem Smartphone herum.Sie sitzt im Weg und die Leute, die vom Bahnsteig hinunter gehen, müssen um sie herum gehen und ausweichen. Eine Frau sagt leise aber hörbar angepisst:“Man könnte ja was sagn, ned woah?”

Eine doppelt gemoppelte Frechheit: Sie würde gerne was sagen, traut sich aber nicht, und sie hätte gerne, dass jemand anderer etwas sagt, traut sich das aber auch nicht, deutlich zu machen, also stellt sie ihren Ärger quasi unadressiert in den Raum, bzw in die Gegend. Gut. Wer könnte etwas sagen, und wenn man etwas sagt, was? 
Das ist das Dilemma: Man könnte etwas sagen, wie zB:“Machens bitte Platz!” Dann hat man mit Zivilcourage reagiert, nicht? Oder hat man nur versucht, sich wichtig zu machen?

Szenario: das Mädchen reagiert gar nicht. Was macht man? Nachhaken? Dann tut man vielleicht genau das, was sie will. Denn vielleicht sitzt sie genau deshalb auf dieser dreckigen Stiege, um angestänkert zu werden. Weil sie auf eine Wirbel aus ist. Sie will angeredet werden, um aufstehen zu können, um für ihr gottverdammtes Recht zu streiten, hier, zu dieser Stunde, in dieser Lage ihres Lebens, auf diesen verschissenen Stufen sitzen zu können. Sie hat das recht dazu, wer will es ihr streitig machen? Will man sich hinstellen und mit diesem Mädchen eine provozierte Grundsatzdebatte führen? Ich meine, ich muss zur Arbeit, ich habe nicht die Zeit, mich in einen Moloch der Unterhaltung hineinziehen zu lassen, und ich verstehe jeden, der lieber einen Bogen um das Mädchen macht, ich verstehe jeden, der sie umrundet besser, als nur einen, der stehenbleibt und sich der Auseinandersetzung stellt, die er durch sein Einschreiten lostritt.Es hat nichts mit Zivilcourage zu tun. Zivilcourage ist, einem gestürzten Mann auf die Beine zu helfen oder sich gegen eine öffentliche Meinung zu stellen. Zu seiner Meinung zu stehen ohne zu wüten.
Im Weg zu sitzen, hat nichts mit Zivilcourage oder mit zivilem Ungehorsam zu tun. Leute maßregeln genauso wenig. Meine kluge Mutter sagte:“Peter”, sagte sie“streite niemals mit Menschen, die streiten wollen. Und schon gar nicht, mein Sohn, streite mit Leuten, die streiten wollen und die den ganzen Tag Zeit dazu haben.”
Wenn Ihr also wollt, dann stellt Euch hin und stänkert andere wegen der Masken an oder auch nicht, oder tut auf auf wehrhafter Bürger, der sich nichts sagen lässt und den Stürmen der sozialisierten Gesellschaft trotzt. In Wirklichkeit legt Ihr einen Offenbarungseid ab und gebt Euch zu erkennen, als Leute, die streiten wollen und den ganzen Tag Zeit dazu haben.

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