Wie man einen schwulen Roman schreibt

Oder auch nicht …

Mein erster veröffentlichter Roman heißt Mark singt und ist das, was ich auch jetzt noch einen schwulen Roman nennen würde. Und obwohl in meinem Romanen immer irgendwie schwule Menschen vorkommen, sehe ich den Großteil meiner Geschichten eben nicht als schwule Romane. Geheime Elemente vielleicht noch, weil es auch da um die zwei Hauptthemen geht, die meiner Meinung nach das Fundament für jeden schwulen Roman bilden: Coming out & coming to age.

Ich meine, was zeichnet den schwulen Roman aus, was macht ihn so leicht zu beschlagworten, dass die Regalbetreuer in den Buchhandlungen wissen, wo sie das Buch einschlichten müssen? Genügt schwuler Sex? Schwule Erotik? Die zärtlichen Blicke von Männern, die einander verträumt ansehen?

Gerade bei meinen späteren Romanen hatte ich immer weniger im Sinn, schwule Romane zu schreiben, obwohl es Männer gibt, die sich ineinander verlieben und auf Teufel komm raus Sex miteinander haben, gerne auch mal deftiger. Aber, und jetzt kommt das große Aber: Die Homosexualität ist gerade in meinen späteren Arbeiten niemals das, oder ein Hauptthema der Geschichten. Die Leute sind in den Geschichten so selbstverständlich schwul, wie andere Leute in anderen Romanen heterosexuell, und ehrlich, hat einer von Euch schon mal in einer Buchhandlung ein Regal gesehen mit der Beschlagwortung: Heterosexuelle Literatur?

Ich meine, es müsste schon genug sein, wenn man auf dem Buchrücken darauf aufmerksam macht, dass der Protagonist oder eine andere Hauptfigur schwul ist – man muss es jedoch nicht in den Vordergrund stellen – ich tu es ja in der Handlung auch nicht mehr. Mir kommt vor, dass meine Romane stimmiger und schlüssiger wurden, als ich damit begann, aus dem Thema Homosexualität im Roman einen reinen Aspekt machte. In Der Falke im Sturm kommt Homosexualität vor, aber es ist kein Thema. Ebenso in Fluchtgemälde, obwohl das schon zum Teil recht deftig ist. Der Unterschied ist, glaube ich, dass meine Hauptfiguren kein Problem damit haben, so zu sein, wie sie sind und sich auch gar nicht großartig damit auseinandersetzen. Die Homosexualität der Protagonisten ist also eher Teil des Settings als Thema der Romane. Egal wie heftig es dann zu geht, wie dirty oder abgedreht. Ich drehe in letzter Zeit auch diese pikanten Schauwerte zurück, wenn ich das Gefühl habe, sie dienen nicht der Geschichte oder dem besseren Verständnis. In meinem aktuellen Projekt: Das kalte Universum, gibt es durchaus gegenseitige Attraktion, aber bis es da einmal zu etwas kommt, vergehen rund 300 Seiten. Weil es nicht bedeutsam ist. Was wichtig ist, ist die Konstellation, in der ich in dieser Geschichte zwei Männer einander finden lasse.

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Relativ wichtig war der Sex in meinem Roman Lucian im Spiegel, weil es darin um männliche Prostitution ging, und selbst da übte ich mich in Zurückhaltung. Die Sexualität ist auch da eher Teil des Settings, der Staffage, des Romans. Wichtiger war mir, zu schreiben, warum die Menschen im Buch das tun, was sie tun, um zu beleuchten, wie sie dort hin geraten sind, wo sie sich letzten Endes dann finden – am Rand des Lebens, an der Flügelspitze eines Sperlings.

Schwulsein als Thema eines Romans halte ich – bei aller Liebe zur Sexualität und Leidenschaft – für zu dünn, um ein Buch noch tragen zu können. Das Thema wurde zu Tode geredet und zu Tode beschlagwortet. (Der Tagging-Wahn in der Literatur ist ein eigenes Ding und dem werde ich mich ganz gewiss auch noch mal widmen …). Als exotische Eigenheit verwende ich schwule Beziehungen und Attraktionen noch immer sehr gerne, vielleicht sogar als Grundton, als Basisfärbung der Geschichte.

Vielleicht gibt es gar keine schwule Literatur mehr? Ich meine, es sollte sie als Beschlagwortung nicht mehr geben, weil das den aus meiner Sicht falschen Eindruck erweckt, schwul zu sein bedarf eines eigenen Genres in der Literatur. Wozu? Wozu haben sich Generationen von schwulen Aktivisten aufgerieben und gekämpft? War es nicht das Ziel, sichtbar zu machen, dass Homosexualität nicht am Rand, sondern mitten in der Gesellschaft ist?

Und selbst wenn es noch schwule Buchläden gibt und schwule Verlage und ausgewiesen schwule Friseure; die Literatur muss nicht schwul sein, sie bildet nur einen Aspekt des Lebens ab. Aus meiner Sicht ist ein Roman einfach ein Roman ist ein Roman ist ein Roman. Und wenn man unbedingt irgendwelche Schlagworte zur Anwendung bringen muss, ja dann bitte: SF, Fantasy, Märchen, Thriller, Krimi, Abenteuer. Das #tagging hinunterdrillen, um dem Leser zu helfen, ja nicht irrtümlich etwas lesen zu müssen, das nicht in seinen Lese-Tribe passt. Das kommt mir nicht vor wie eine Unterstützung des Lesers als vielmehr eine Entmündigung, wo aus einem Genießer von Literatur ein reiner Konsument wird, dem man wie einem Baby den Brei, die Genres reinschiebt.

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