Das mit dem Altwerden

Vorwort

Alt werden ist eigentlich kein Thema, mit dem ich mich auseinandersetze, weil es sowieso jedem passiert, weil es keine Leistung ist, und weil Hängefalten am Arsch nunmal kein Thema sind, über das man als Ästhet lang und breit schwafeln kann oder muss. Der Grund, warum ich nun doch einen Text darüber schreibe, wie ich über das Altwerden als schwuler Mann denke, ist ein Podcast von @elias_sili, den er und sein Freund Dominik betreiben. In diesem einen Podcast besprechen sie unter anderem, wie sie einmal in einem Schwulenclub gelandet sind und das an und für sich auch sehr lässig fanden: lockere Leute, heiße Typen, coole Musik, aber sie trauten sich halt nicht auf die Toilette – so lässig waren sie dann doch nicht. Elias machte dann eine Anmerkung über „grindige Alte“ die auch dort waren, und obwohl ich mich dadurch nicht angesprochen fühle, weil ich a) nicht grindig bin und b) dort nicht hingehe, nun ein paar Worte zum Altwerden als Schwuler. Anschnallen bitte.

Der Scheiß mit der Weisheit

Im Grunde genommen wollen wir alle alt werden, nicht gleich, bitte nicht jetzt, aber wir wollen alt werden und aus den Feuern der Jugend in die behagliche Kaminwärme des Alters wechseln. Schön langsam, nicht gleich, nicht jetzt. Über jung sein und alt werden haben schon so viele Menschen so viele Bücher geschrieben, dass man damit eine Flotte Ozeanriesen versenken könnte. Ich erspare mir die großen Weisheiten und will Dir folgendes sagen, Elias: Man kann alt werden, ohne grindig zu werden oder grindig zu sein. Man wird im Alter nicht automatisch grindig oder weise, man wird, wie Ernest Hemingway das sagte, vorsichtig. Wenn Menschen aus dem Alter kommen, in dem sie sich sexuell interessant finden und sich damit abzufinden beginnen, dass sie selbst noch begehren, aber kein Begehren mehr auslösen, dann fangen manche damit an, mental grindig zu werden. Und dann tun sie auf einmal so, als wäre die Tugendhaftigkeit des Alters kein Zwang, sondern eine herausragende charakterliche Leistung.

Tatsache ist: Man hört niemals wirklich auf, zu begehren, man hört niemals auf, Sex schön zu finden, man hört nie auf, sich nach Liebe und Nähe zu sehnen. Kannst knicken. Das Alter bringt es mit sich, dass man die meisten Formen von Schmerz und Zurückweisung schon kennt, man ist gebrannt, und wenn man kein ausgemachter Vollidiot ist, hat man all die Erfahrungen des Lebens schön mit einander verschränkt und verknüpft, hat sie verarbeitet und legt über all das ein Netz von Erinnerungen. Zum Beispiel erinnere ich mich an meine eigene Empörung, als ich mit siebzehn oder achtzehn Jahren im Why Not war (Ja, so lange gibt es diese Elendsbumse schon) und die Blicke der Männer über 30 wie glibbrige Schmiere auf der Haut spürte und dachte: Oh mein Gott, was wollen diese alten Schwestern von mir?

Manche machen das recht deutlich: Lasst dich budern, Burli? Oder: Willst mich anbrunzen, Hübscher? – und das war für mich tief. Deshalb verstehe ich ganz grundsätzlich, dass man „ältere“ Männer grindig finden kann. Wenn sie nicht gelernt haben, mit Haltung und Würde erwachsen zu werden und noch immer glauben, sie könnten den selben penetranten Schmäh anwenden wie als Halbwüchsige. Ehrlich, auch jetzt, als Erwachsener, naja, schon älterer Mann, kotzen mich die schweinegeilen Blicke ungepflegter und zum Teil offen rassistischer alter Tunten an.

Im Alter lässt das Begehren nicht nach, es ist immer noch da. Was nachlässt, ist der Druck, die Hitze des Feuers. Im Idealfall lernt man mit den Jahren, selbst den sexiest men alive nicht als reines Sexobjekt zu betrachten, sondern als Mensch mit allem Drum & Dran, mit Kanten, Fehlern, Schrullen und Liebenswürdigkeiten. Im Idealfall lernt man mit den Jahren, die eigenen Begierden unter Kontrolle zu halten – das ist eines der Fundamente, auf das man im Alter seine Würde aufbauen kann. Lernt man das nicht, dann gehört man wohl zu denen, die Du in Deinem Podcast als „grindige Alte“ bezeichnet.

Pipifein ist es natürlich, wenn man den von Gabriel Garcia Marquez umschriebenen, heiligen Zustand erreicht, in dem das Wollen mit dem Können schwindet. (Hier könnte ich ein Smiley setzen, aber scheiß drauf)

Was bleibt

Was einem schwulen Mann bleibt, wenn er alt wird, ist Würde; und Würde ist nichts, das man kaufen und anziehen kann. Würde ist, im Alter leichter zu werden, die Fähigkeit, die anderen nicht mit sich selbst zu belasten. Wenn man einen alten Mensch sieht, der würdevoll ist, dann spürt man das als Resonanz bis ins Innerste. Und siehst Du, Elias, darum würde ich Dich bitten: Urteile nicht in Bausch und Bogen über „Alte“, die grindig sind. Das hört sich so an, als wären Alte einfach grindig, weil sie alt sind, und ich denke, Du hast das so nicht gemeint. Man kann im Alter ein Connery sein, ein Hemingway, ein geerdeter Mann. Manche, nicht viele, können auch Lehrer werden, Mentoren, Himmel, manche werden sogar Philosophen, ohne je promoviert zu haben. Sagte ja auch schon der alte Ray Bradbury, als man ihn fragte, wie man lernen kann, wirklich gute Poesie zu schreiben. Er antwortete sinngemäß: „Hören Sie einem mexikanischen Landarbeiter zu, wenn er von seiner Arbeit spricht. Lassen Sie ihn einfach reden. Was er zu sagen hat, ist reine Poesie!“ Und es ist nicht nur reine Poesie, es ist auch Philosophie, die Philosophie der schwieligen Hände und des verbrannten Nackens.

Würde ist etwas, das man sich erarbeiten muss, es ist ein Muskel, den man trainiert. Und so wie ein Sportler weiß, was er seinen Muskeln zumuten kann, weiß ich, was ich meiner Würde zumuten kann. Ich gehe nicht mehr in Clubs und Diskotheken. Das hat zwei Gründe: 1) Ich finde meine Anwesenheit dort unangemessen und 2) werde ich schon müde, bevor es dort richtig losgeht. Andererseits habe ich nicht das geringste Problem damit, mit jungen Leuten am Malecon von Havanna die ganze Nacht bei Zigarren und Rum durchzuquatschen, unter dem Mond, der auf Kuba scheint, in der sanften Brise des Golfs von Mexiko.

Photo by Roos Oosterbroek on Unsplash

Für mich hat Altwerden mehr mit Kniegelenken zu tun und mit der Notwendigkeit, in der Früh mal die Waden zu dehnen, damit ich nicht gar so steifbeinig in die Küche gehe, um die Kaffeemaschine anzuwerfen. Alt zu werden hat für mich auch damit zu tun, Erinnerungen zu sammeln und auf ein Leben zurückzublicken, dass ich dankenswerterweise seit 25 Jahren mit demselben Mann teile.

Man wird vielleicht müde und langsam, weißt Du? Aber man wird nicht müde zu lieben; ich werde nicht müde, zu lieben. Wenn man liebt, wachsen Weisheit und Würde von selbst – wie Flügel. Und für mich ist das mit ein Grund, das Alter nicht nur zu begrüßen wie einen alten Freund, sondern mich auch darauf zu freuen. So vieles schon gesehen und erlebt und verinnerlicht. Und noch immer so viel vor mir. So macht das Leben Spaß, ganz ohne Grind.

Schreibe einen Kommentar