Zensur, Cancel Culture & Soziale Medien

Snowflakes vs Boomer
Ich benutze Twitter und Instagram. Auf IG poste ich für einen kleinen Kreis von Freunden Urlaubs- und Reisefotos, auf Twitter folge ich den Accounts von App-Herstellern, kleinen Startups und ein wenig der österr. Innenpolitik. Da habe ich zumeist Parteisprecher und Journalisten abonniert. 
Vor allem auf Twitter lese ich recht oft, dieser oder jener hätte wieder einen wütenden Beitrag auf Facebook veröffentlicht, und, noch schlimmer, dieser Beitrag sei zensiert worden. Gelöscht, weg, oder mit einem Warnhinweis versehen. In diesem Zusammenhang lese ich immer öfter von einer *Cancel Culture*. Das meint, jemand, eine Person, eine Institution, eine politische Gruppe, würde sich durch Abwenden dem Diskurs entziehen, und somit dem Zurückgewiesenen (gecancelt) um die Möglichkeit bringen, sich auszudrücken, sich zu erklären, mitzuteilen.

Die Cancel Culture begann zumindest in den Sozialen Medien mit der #metoo Bewegung: Wenn sich jemand nicht entsprechend dem, was man in rechten Kreisen #politischkorrekt bezeichnet, benimmt, wird er quasi abgedreht, auf Twitter geblockt, ja, es werden angeblich sogar in Gruppen Listen ventiliert mit Usern, die man auf Twitter blocken sollte um die Timeline halbwegs sauber zu halten.
Die Reaktion der Geblockten ist in den meisten Fällen wütend, und zynisch. Und sie unterstellen denen, die sie blocken, in Anlehnung an das *Ok, Boomer*, sogenannte *Snowflakes* zu sein: *Ok, Snowflake*.
*Snowflake* meint die Generation der gerade 20-30 jährigen, die besonders sensibel sind, hyperkorrekt auf gendergerechte Sprache achten und in erster Linie über ihren Schmerz reden wollen.
Die einen versuchen also angeblich, alles Aufwühlende und Erschreckende von sich fernzuhalten, während die anderen steifbeinig den Diskurs einfordern und toben, wenn man ihnen den Diskurs nicht gewährt.

Zensur?
Ich sehe das ein bisserl anders: Dieser ganze Schlamassel von wegen Zensur in den Sozialen Medien war vor dreißig Jahren noch gar kein Thema und auch einem eifrigen Leserbriefschreiber, der wöchentlich an die Kronenzeitung schrieb, wäre nie eingefallen, die Selektion der Leserbriefe als Zensur und Beschneidung seiner Meinungsfreiheit zu bezeichnen.

Warhols berühmte fünf Minuten, die jeder Mensch hat, haben kann oder haben sollte, wurden quasi von der Kür zur Pflicht erhoben; jeder will Publikum, jeder will Reichweite, jeder will gehört werden – und wenn es nur ist, um den Zuhörern zu sagen, dass sie einen eigentlich am Arsch lecken können.
Gerade die Rechten haben um 2017 herum sehr deutlich gemacht, dass sie den Diskurs nicht suchen, sondern dass sie ihn zerstören wollen.

Unser Ziel ist nicht die Beteiligung am Diskurs, sondern sein Ende als Konsensform, nicht ein Mitreden, sondern eine andere Sprache, nicht der Stehplatz im Salon, sondern die Beendigung der Party.“
Götz Kubitschek, 2006

https://www.der-rechte-rand.de/archive/2678/nicht-mit-rechten-reden/

Ist er dann zerstört, empören sie sich, dass ihnen niemand mehr zuhört, dass man sie blockiert, weil aus deren Richtung sowieso immer nur Zorn, Zynismus und Parolen kommen. 

Ganz besonders die Freunde am rechten Ufer gehen am häufigsten in Saft, wenn man ihnen das Mikro abdreht und schreien, man würde gegen ihre Meinungsfreiheit verstoßen. Dazu sei so viel gesagt: Niemand nimmt Euch Eure Meinungsfreiheit. Das Recht auf Meinungsfreiheit bewirkt absolut keine Pflicht für irgendjemand, Euch eine Bühne zu bieten. Wenn Facebook Postings löscht oder hinter einer Wall verbirgt, wenn Youtube Videos markiert, dann ist das kein Anschlag auf die Meinungsfreiheit, sondern Hausrecht. Legt Euch bei einem der unzähligen Anbieter einen Blog an und schreibt, worüber Ihr auch immer schreiben wollt, niemand wird Euch hindern.

Meinungsfreiheit?
Nein, nein, Euch geht es nicht um Meinungsfreiheit sondern um die Wirkungsmacht der Bühnenausstattung, die Facebook gratis zur Verfügung stellt. Es genügt nicht mehr, sagen und schreiben zu können, was man will, und sagen oder schreiben *muss*, es muss auch ein Publikum garantiert werden, denn ohne Publikum wäre der ganze Zauber vollkommen sinnlos. Und jetzt ist der, der am Stammtisch beim Wirten das große Wort geführt hat und dem bestenfalls vier oder fünf Leute zuhörten, auf einmal in der Lage, Tausende zu erreichen, Zehntausende, ach quatsch: Hunderttausende!
Es geht nicht darum, dass irgendjemandes Meinung zensiert wird, sondern dass diese Leute fürchten, um ihre Reichweite gebracht zu werden, die sie sich nicht einmal selbst erarbeitet haben, sondern durch die Algorithmen von Facebook quasi zur Verfügung gestellt bekommen.

Unter diesen Umständen ist es gar nicht mehr gefragt, umfassend, klug und verständig zu argumentieren, denn Facebook und Twitter unterstützen die Emotionalität. Und wenn bestimmte Gruppen in den Sozialen Medien eines Begriffen haben, dann das: Emotion ist immer und in jedem Fall lauter und wirkmächtiger, als Intellekt. Da geht es nur noch um Sprachpresets, um markige Sprüche, die wiederverwertet werden können, um Astroturfs zu bilden: Die Meinung und Überzeugung vieler, gegossen in dieselben Sprachmuster, ständig wiederholt, bis die Massivität der Aussage sich ihren eigenen Wirklichkeitsanspruch errichtet: Fresst Scheiße Leute. 1 Milliarde Fliegen können sich nicht täuschen!

Und was ist nun mit *Cancel Culture*?
Die *Cancel Culture* ist keine neue Kultur, kein neues Phänomen und es ist keine *Gottseibeiuns* Diskursverweigerung, sondern etwas ganz anderes. Es ist nichts anderes als eine Ausformung der Meinungsfreiheit, ein Persönlichkeitsrecht. Es muss mir als Bürger überlassen bleiben, wem ich zuhören will, mit wem ich mich austauschen möchte. Das war vor Internetzeiten gang und gäbe: Ich will mit Dir nicht reden, ich will mit Dir über *dieses* Thema nicht reden. Lass mich in Ruhe. Geh weg! Jemand auf Twitter oder Facebook zu blocken, ist gelebte Meinungsfreiheit: *Ich meine, ich will von Deinem Scheiß nichts wissen*!
Ja und das verträgt der Rechte ja nun mal überhaupt nicht. Dass sich das Publikum umdreht und geht, während er auf dem Potest steht und donnert und polemisiert und alle mit Zynismus und Gehässigkeit übergießen will. 
Allein dastehen ist nicht so toll. 

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