Tools & Gurus & Evangelists

Seitdem ich mich mit digitaler Kommunikation befasse, und das ist ja nun doch schon eine ganze Weile, interessiere ich mich auch für alle Arten von nützlicher Software und deren Anwendung.In den Anfangszeiten ging es um (illegales, weil nicht lizenziert erworbenes) Sammeln von Software. Wir nannten das im Helpdesk des Providers, für den ich arbeitete: Ich mach ein Backup vom Internet. Haha. Wenn wir nichts oder nur wenig zu tun hatten, ließen wir die Leitungen glühen und brannten auf DVD, was wir in die Finger bekamen. Ganze Mappen voll mit CDROMs und DVDs. Später kam echtes Interesse dazu, nicht zuletzt, weil einen die Leute alles mögliche und unmögliche Fragen, wenn sie mal spitzgekriegt hatten, dass man einer von diesen IT-Fuzzis ist. Mit steigendem Einkommen und Weiterbildung ließ mein Interesse am Sammeln von Software genauso stark nach wie meine Bereitschaft, bei jedem, der mich anruft, anzutanzen, um Windows neu aufzusetzen, Backups zurückzuspielen und was weiß ich noch alles für IT-Seelsorge zu betreiben. Jedenfalls besteht die Gefahr, in die Kannenpflanze zu geraten, nämlich sich selbst für einen Guru zu halten, weil man unter denen, die gar nichts wissen, der ist, der ein bißchen was weiß und deshalb eitel ist wie der Einäugige unter Blinden. Und je teurer, und beliebter eine Software war, desto höher stand man als der im Kurs, der das Packagae plus Key hat. Ganz hoch im Kurs standen damals, bevor die Abonementlösungen erdacht wurden: Windows OS, Windows Server, Adobe Photoshop, Papyrus Autor (das meines Wissens nach nie gehackt wurde, weil einfach zu kompliziert), Adobe Acrobat. Ja und das Zeugs sammelte man halt auf der Festplatte und hatte es da und kam sich gut vor, ohne es wirklich zu nutzen. Wir waren Evangelisten des Habens, nicht des Sinns. Dieses bloße Besitzdenken wurde langweilig, weil man keinen Nutzen daraus ziehen konnte. Gut, manche versuchten so, Geld zu verdienen, aber das roch mir einfach zu unredlich. Klauen und verkaufen? Ne, kein Interesse.

Irgendwann verschwanden diese Produkte von meinen Festplatten und seitdem die großen Hersteller auf Abo-Modelle umgestellt haben, ist das Herumstöbern in Tausch- und Warezboards eh passé. Dafür wurde ich umso gründlicher beim Recherchieren, wenn ich mir etwas Neues zulegen wollte.

Als das mit den Warez vorbei war

Heute lese ich gerne Produktvergleiche auf diversen Plattformen, vor allem, wenn sie als gute Userstories präsentiert werden. Und als Schriftsteller habe ich meinen Fokus natürlich auf all das scharf gestellt, was mich bei meiner Arbeit unterstützt. Und natürlich habe ich so vieles ausprobiert, manches länger genutzt und anderes sehr schnell verworfen. Was mich jedoch seit rund zehn Jahren begleitet, ist Evernote. Zuvor nutzte ich jahrelang CueCards, das aber leider nichtv mehr weiterentwickelt wird, seit Jesus über das Wasser ging. Als ich noch beim Internetprovider Nextra arbeitete, nutzte ich das Tool als Wissensdatenbank. Recht ausgiebig, wie ich zugeben muss. Ja dann trat Evernote in mein Leben und seither hatten der grüne Elefant und ich eine on-off Beziehung.Und gerade dieses On-Off brachte mich dazu, wieder Produktvergleiche zu lesen, weil ich nun doch schwanke zwischen NotionHQ und Evernote. Nachdem ich einige Berichte gelesen hatte, die zugunsten NotionHQ ausgingen(über das ich nicht viel schlechtes sagen kann, außer, dass das Ding eine Kannenpflanze ist, die einen dazu verführt, sich mit Notion mehr zu befassen als mit dem, wofür man es eigentlich nutzen will …), kam mir der Gedanke, dass es viel zu oft darum zu gehen scheint, welches Tool mächtiger ist als andere, welches mehr kann. Und nicht darum, welches Tool für welche Zwecke besser taugt.

Notizen. Immer Notizen

Beispielsweise Evernote und Notion: Notion ist im Sinne der Anwendungdvielfalt mächtiger als Evernote. Andererseits ist Evernote unschlagbar dabei, mich als User beim Verfassen von Notizen zu unterstützen, Dokumente einzuscannen, Webinhalte einzufangen. Dazu kommt, das Evernote in der Version 10, die jetzt im Oktober herauskam, einen wesentlich besseren Texteditor hat. Andererseits kostet Evernote auch nicht gerade wenig in der Premiumversion. Was mir bei all diesen Produktwerbeseiten fehlt oder zuwenig behandelgt wird, ist, dass ein Tool in seiner Nützlichkeit auch davon abhängig ist, wie sehr man es sich als Nutzer zueigen macht. Statt also zu wechseln, nur weil auf der anderen Straßenseite etwas besonders hell und schön blinkt, sollte man versuchen, sich zueigen zu machen, was man schon hat, um den größten Nutzen daraus zu ziehen.Ich bin also von NotionHQ zurück zu Evernote, um dem neuen Client und dem neuen Backend eine Chance zu geben, udn weil es mir einfach vertraut ist. Und aus noch einem Grund. Bei Notion, das einerseits webbasierend ist und die Clientsoftware nicht ehr zu sein scheint als ein Webapplication Framework. Das gab mir nie das Gefühl, dass meine Daten auch wirklich meine Daten sind. Ich meine; meins ist, was ich auf meiner Festplatte habe. da ist Evernote schon näher dran, in dem es meine Daten auch lokal in Datenbanken ablegt. Was mir persönlich ja taugen würde, wäre, wenn man Evernote oder ein entsprechendes Notizentool nicht über deren Infrastruktur synchronisieren müsste, sondern die Möglichkeit hätte, das ganze über ein Dropbox- oder Box-Verzeichnis zu spielen. Andererseits sagen die Freunde von Evernote, sie hätten auch das Backend komplett überarbeitet, also schau mich mir mal die Architektur genauer an, bevor ich maunze.

Aktuell schaut meine Schreibumgebung so aus

Papyrus Autor, Evernote, Office 365, DropboxAls Browser den Safari auf dem Mac und den Edge Chromium auf Windows. Ja und aus

Wenn ich mir das so ansehe, bin ich wirklich genügsam geworden.

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