Rezension zu Perry Rhodan von Andreas Eschbach

Die Rezension habe ich schon im Mai 2018 verfasst, als ich mit einer mehrfach gebrochenen Kniescheibe im Spital lag und nicht sicher war, ob ich je wieder normal gehen können würde. Kann ich. Mittlerweile sind zwei Jahre vergangen und meine Bewegungsfähigkeit ist fast wieder komplett hergestellt.

Jedenfalls las ich damals den Roman Perry Rhodan von Andreas Eschbach. Nicht nur, weil es darin um das künftige Fundament der Perry Rhodan Welt geht, sondern auch, weil der Roman von Andreas Eschbach ist. Ist nun mal so: Manche Leute bürgen durch ihren Namen für Qualität. Stempel drauf und passt.

In diesem über 800 Seiten langen, epischen Roman erfahren wir, wie Perry Rhodan zu dem wurde, der er im Band 1 der gleichnamigen SF-Serie war, die im September 1961 begann.
Mit alttestamentarischer Ausführlichkeit wird berichtet, woher die Vorfahren Rhodans kamen, wo in der Welt sie leben und wie die Ahnenreihe ihn prägte und formte. Sehr schön erzählt ist die Kindheit von Perry Rhodan. Die ausgelegten Spuren, die später in der Handlung wieder aufgenommen werden, sind effektiv und elegant verarbeitet.
Der Roman ist handwerklich meisterhaft, allerdings strauchelt er über Längen an zwei seiner eigenen Stützpfeiler:

  • Der Kanon des Perry Rhodan Universums
  • Man weiß, wie es ausgeht.

Wir wissen, am Ende fliegt Perry Rhodan mit seinem Sidekick zum Mond, begegnet den Arkoniden, und mit der Gründung der Dritten Macht beginnt die Zukunft der Menschheit.
Der Kanon des Perry Rhodan Universums liegt wie eine unsichtbare Last auf dem Roman, denn es war die Entscheidung des Erzählers, ebendiesen Kanon keinen Millimeter zu verlassen. Und eine Hauptstimme ebendieses Kanons ist, dass Perry Rhodan im Grunde genommen ein makelloser Mann ist. Er ist sportlich, männlich, gut aussehend ohne wirklich schön zu sein, er ist mutig, prinzipientreu, hat trockenen Humor und er ist, darauf wird im Roman mehrfach in philosophischen Ausritten hingewiesen, ein Sofortumschalter. Alles in Allem ist Perry Rhodan ein Superheld ohne Superkräfte, und dieses Manko, der Mangel an Superkräften, wird durch seine Fähigkeit, sofort und ohne Verzögerung auf sich verändernde Situationen reagieren zu können, in Dauerschleife kompensiert
Das macht Perry Rhodan als Charakter leider äußerst ineffektiv: Menschen ohne Makel haben nur einen, aber entscheidenden Fehler: sie sind uninteressant.
Einige Male hatte ich beim Lesen gedacht: Was wäre, wenn der Roman aus dem Kanon ausbrechen würde, so wie es J.J.Abrams bei Star Trek gemacht hat? Keine Ahnung, wie ich mir das vorstellen könnte, aber nach rund vierhundert Seiten wurde mir trotz der detailreichen Schilderung des Werdegangs von Perry Rhodan zeitweise langweilig. Selbst wenn er Schwächen und Fehler zeigt, dann nur, um zu illustrieren, dass er eigentlich fehler- und makellos ist. Zum Beispiel seine Ausbildungszeit beim Militär, als er dort mit politischen Aussagen aneckte und viel öfter als alle anderen Strafexerzieren musste: Seine Unangepasstheit ist sympathisch und verzeihbar, denn er ist im Grunde genommen ja doch ein Patriot im edelsten Sinn.
All das wird erzählerisch von einer sehr, sehr sauberen, fast antiseptisch anmutenden Sprache getragen, die zeitweise sogar ein wenig altjüngferlich daherkommt; mehr „Sapperlot“ als einmal ein deftiges Scheiße!. Um der sprachlichen Reinheit Rechnung zu tragen, wurde der „virtuelle“ Erzähler sehr klug gewählt.

Die Recherchearbeit und die szenische Dekoration macht sehr vieles richtig und gut, kann aber auch durch große, orchestral inszenierte Dramaturgie (mehr als einmal hörte ich beim Lesen den Soundtrack aus dem Film „Vom Winde verweht“) nicht darüber hinwegtäuschen, dass Perry Rhodan ob seiner Makellosigkeit ein für Erzähler und Leser gleichermaßen uninteressanter, belangloser Charakter ist. Die Entwicklungsdynamik als Lebenslinie dargestellt, ist beinahe vollkommen flach.
Der Kanon und das Wissen um das Ende lassen keine dramatischen Eruptionen zu. Ein kleiner Einblick in den Mensch Perry Rhodans offenbarte sich mir in der Vietnam-Szene und durch das, was er in Paris erlebte. Aber auch da, besonders in Paris, dienen wieder alle Ereignisse nur der Illustration der Tatsache, dass Perry Rhodan letzten Endes eben doch ein hemdsärmeliger Held ohne Tadel und Superkräfte ist. Kein Don Quichotte, der um seine Ehre und gegen Windmühlen kämpft, kein literarischer Held, sondern ein um seine Gaben betrogener Superheld, dessen Reinheit und Tadellosigkeit ihn dramaturgisch zu einem „Hombre Invisible“ macht.
Gewiss ist es so, dass die Welt des Perry Rhodan Universums eben nicht unberührt durch ihn blieb; ja, dass er ihr Nabel ist – außerhalb des Erzähluniversums, als literarische Figur, ist er aber spröde und undramatisch bis zum Exzess. Das verorte ich jedoch nicht unbedingt als Stilmittel des Schriftstellers sondern als Hinterlassenschaft der Zeit, in der Perry Rhodan erschien – und wirkte. Da waren Männer nun mal einfach, geradlinig, hemdsärmelig und kühn.

Was der Roman dann aber letzten Endes auch ist, ohne dies vorzugeben zu sein, ist wie Stephen Kings Roman Der Anschlag, ein liebevoller Blick auf die Zeit der rasselnden Raketen und tollkühnen Männer, auf ein reineres und demokratischeres, ein ordentlicheres Amerika, gewälzt imm Geruch von Cheeseburger und Dieselmotoren ohne Kat, gemalt in den Sepiafarben der Fünfziger und Sechziger.

Ein Roman, alles in allem, der glücklich macht und auch ein wenig wehmütig weil es doch ein Blick zurück ist in eine muskulösere Zeit, ein Blick auf Reinheit, Heldenmut und Aufbruchstimmung.

Danke Andreas!

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