Zum Mars

Ekstase im TV

Also da reden Leute drüber, welche technischen Herausforderungen sich durch einen bemannten Flug zum Mars ergeben. Da gibt es Fernsehserien und Pläne von Multimilliardären, ganze Konzepte, und in den Redaktionen der Privatsender schlagen die Leute Purzelbäume, weil man wieder jede Menge werbeunterbrochenen Stuss fabrizieren kann. Wichtig ist der Blick nach vorne voller Begeisterung.

Da wird über Antriebstechniken geredet und über Strahlenabschirmung, über geeignete Zeitfenster und man macht sich sogar Gedanken darüber, wie sich ein fünfmonatiger Flug in Schwerelosigkeit auf den Körper und den Geist auswirkt. Aber noch lieber reden sie über Antriebstechnik, große, handfeste Raketen und bombastische Bilder, untermalt mit dramatischer Musik.

Die einzige Frage, die noch nie gestellt wurde, das Paradoxon in dem Thema Flug zum Mars aber wäre: Warum?

Ich sehe, mit welcher Begeisterung die mehr oder weniger bekannten Astronomen und Physiker im Fernsehland darüber reden; was das für uns Menschen bedeuten würde, was alles notwendig wäre und entwickelt werden müsste. Keiner von diesen Leuten sagt, warum wir eigentlich auf den Mars sollen. Und wenn es um dieses Warum geht, möchte ich gerne ein wenig genauer werden, was meine sehr laienhaften Gedanken zum Thema betrifft. Also.

Was kann der Mensch?

Wir haben schon den Mars besucht. Mit Raketen und Landegeräten. Wir haben den Mars umkreist und kartographiert, wir haben Bodenproben und sind inzwischen auch schon so weit, die Zeitalter des Mars zu benennen.

  • Nochian
  • Hesperian
  • Amazonian

Wir wissen, dass es Wasser auf dem Mars gibt, das gefroren ist und wir nehmen an, dass der Mars vor sehr langer Zeit einmal möglicherweise erdähnlich ausgesehen haben könnte. Wir kennen die Zusammensetzung der Luft und die Temperaturen auf dem Mars, und wenn wir noch mehr wissen wollen, schicken wir noch einen Roboter hinauf und lassen den herumgraben und bohren und messen.

Will man Menschen auf den Mars schicken, kostet das wesentlich mehr, riskiert das Leben dieser Menschen und wirft die Frage auf, was Menschen auf dem Mars zu finden hoffen, das ein ferngesteuerter Rover nicht zu finden imstande ist.

Die Reise zum Mars ist nur in bestimmten Zeitfenstern möglich, die Rückreise ebenso. das bedeutet, dass zu rund fünf Monaten Hinflug und fünf Monaten Rückflug noch zwei Jahre Aufenthalt auf dem Mars kommen, bis sich das nächste Zeitfenster auftut, um die Rückreise anzutreten.

Was also machen Menschen dann zwei Jahre am Mars? Und welchen Gewinn erhofft man sich aus dieser Reise, welche Erkenntnisse?

Also warum?

Den Mars besiedeln

Manche denken darüber nach, den Mars zu besiedeln. Mit Raketen dort hin fliegen, Siedlungen errichten, Gebäudekomplexe hochziehen, alles mit Korridoren, Kanälen und Gängen zu verbinden und man stellt sich das alles vor wie auf den gezeichneten Covern der Dreigroschenromane in den Sechzigern.

Okay, dann ist der Mars besiedelt und wir wissen jetzt noch nicht, wie sich die verminderte Schwerkraft des Mars auf den menschlichen Körper auswirkt. Ein Einhundertkilomann wie ich hätte auf dem Mars rund 38kg. Wollt Ihr wissen, wie viel Gewicht Ihr auf den Planeten unseres Sonnensystems hättet? Schaut mal da …). Der gesamte „Reproduktionsprozess“ ist seit hunderten Millionen von Jahren auf die Erde feingetunded. Damit zu spielen, halte ich für wenig ratsam. Darüber hinaus ist dann nach einer längeren Zeit auch an eine Rückkehr zur Erde nicht zu denken. Stellt Ech vor, Ihr würdet auf einmal fast das Dreifach wiegen.

Geil, aber auf Dauer extrem schwächend. Und wenn man gerne isoliert in einer Wüstengegend leben möchte, wieso baut man dann derlei Habitate nicht in der Wüste von Arizona oder in der Sahara? Man darf dabei nicht aus den Augen lassen, dass Menschen, die längere Zeit (also über die zwei Jahre hinaus, bis zum nächsten Zeitfenster für einen Rückflug), dann noch fünf Monate Schwerelosigkeit vor sich haben, danach auf der Erde kaum noch überlebensfähig sind.

Terraforming

Die Idee ist natürlich reizvoll. Man macht ein wenig technischen Hokuspokus und in ein paar tausend Jahren wäre der Mars wieder grün, voller Wasser und bunter Blumen und die Menschen könnten über saftige Wiesen tanzen. Geht halt nicht. Was bliebe, sind künstliche Städte unter Zeltplanen, durchsichtig vielleicht, die auch vor Strahlung, Kälte und Stürmen schützen. Das könnte man aber auch der Erde genauso gut und bräuchte sich da nicht einmal mit der verminderten Schwerkraft herumärgern. Arizona, Sahara, Sibirien – Platz genug.

Der Mars hat ein extrem schwächliches, ja, mageres Magnetfeld(chen) und jeder Versuch, dort atembare Luft zu erzeugen, würde durch das Dauerbombardement der Sonne mit allen möglichen Strahlungen sofort wieder zunichte gemacht werden. Der Mars hat keinen rotierenden, harten Planetenkern, der wie ein Dynamo funktioniert, wie die Erde. Ohne Magnetfeld, das vor Strahlung schützt, keine Atmosphäre, kein Wachstum, keine Entwicklung. Eine Idee, nämlich auf einem der vier Lagrange-Punkte des Mars ein künstliches Magnetfeld zu erzeugen, das den Mars wie ein Sonnenschirm beschützt, ist SF. So ungefähr wie der Bussard-Kollektor.

Zwischenstation

Was aus meiner Sicht reizvoll wäre: Den Mars als Zwischenstation zu verwenden, um weiterzufliegen. Innerhalb unseres Sonnensystems. Denn so wie es aussieht, kann man gerade auf den Monden der Gasriesen wirklich reiche Ernte einfahren: Wasser, Wasserstoff, Helium 3 zur Erzeugung der kalten Fusion … Leider weiß ich nicht aus dem Handgelenk, ob der Mars mit seiner Umlaufbahn in diesem Sinne nützlich sein könnte. Dazu braucht es aber auch keine Menschen auf dem Mars. Nur KI.

Allerdings bietet sich auch unser eigener Mond zur Helium 3 Ernte an.

Wenn also irgendwer darüber nachdenkt, Milliarden von Dollar in ein Weltraumprojekt zu stecken, dann doch bitte in ein Projekt, durch das unserer Erde Gewinn hinzugefügt wird. Keine Sau will auf dem Mond oder auf dem Mars leben, und aus meiner Sicht ist bemannte Raumfahrt zwar romantisch, aber völlig überbewertet. Eine Investition in unbemannte Raumfahrt, die der Forschung und Wertschöpfung dient (und das meine ich nicht im kapitalistischen Sinne), wäre zweckdienlicher.

Doch vielleicht wäre das gebundene Kapital, das es Einzelnen ermöglichen könnte, besser investiert, in dem man die Baustellen auf unserem Heimatplanet fertigstellt. Landwirtschaft, nachhaltige Energiegewinnung, soziale Strukturen, Wohn- und Lebenskultur. Mittel- bis langfristig scheint mir, dass wir auf keinem Planeten unseres Sonnensystems irgendetwas verloren haben. Diese Welten sind lebensfeindlich bis zum Exzess, das Reisen zwischen diesen Welten ebenso. Natürlich streben wir Menschen gerade danach, den Weg zu gehen, den noch niemand beschritten hat, zu erforschen, was unbekannt ist. Und das ist auch gut so.

Jetzt leben wir in einer Art Zwischenstation, in der wir genug wissen um die Gefahren der Raumfahrt viel besser einschätzen zu können, als in den Sechzigern, als man noch von Siedlungen am Mars träumte und von Luft, die man dort atmen kann.

Vielleicht stehen wir nun kurz vor dem großen Filter. Und vielleicht müssen wir als Zivilisation erst durch den durch, bevor wir uns Problemen zuwenden können wie: Strahlung im All, Entfernungen, Generationenraumschiffe, Ziele im All, Gründe zu reisen, Gründe zu bleiben.

Ich habe den Verdacht, dass sich nach all diesen Überlegungen herausstellen wird, dass vor allem die Gründe zu bleiben, die gewichtigsten Gründe sein werden, weiter zu forschen.

Am Ende möchte ich Kim Stanley Robinson zitieren – aus seinem Roman Aurora:

“Maybe that’s why we’ve never heard a peep from anywhere. It’s not just that the universe is too big. Which it is. That’s the main reason. But then also, life is a planetary thing. It begins on a planet and is part of that planet. It’s something that water planets do, maybe. But it develops to live where it is. So it can only live there, because it evolved to live there. That’s its home. So, you know, Fermi’s paradox has its answer, which is this: by the time life gets smart enough to leave its planet, it’s too smart to want to go. Because it knows it won’t work. So it stays home. It enjoys its home. As why wouldn’t you? It doesn’t even bother to try to contact anyone else. Why would you? You’ll never hear back. So that’s my answer to the paradox. You can call it Euan’s Answer.”

So, of course, every once in a while some particularly stupid form of life will try to break out and move away from its home star. I’m sure it happens. I mean, here we are. We did it ourselves. But it doesn’t work, and the life left living learns the lesson, and stops trying such a stupid thing.

Kim Stanley Robinson, Aurora

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