Die Braven & die Guten

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Der Schriftsteller Reinaldo Arenas (16. Juli 1943 in Holguín, Kuba; † 7. Dezember 1990 in New York) schrieb in seiner Autobiographie Bevor es Nacht wird über das Castro-Regime, dass der Diktatur alles Schöne suspekt sei, denn es lenke den Mensch von der Diktatur ab, es mache ihm die Aufmerksamkeit streitig:

Die Schönheit an sich ist gefährlich, konfliktträchtig für jede Diktatur, weil sie einen Raum schafft, der die Grenze sprengt, in die diese Diktatur den Menschen zwingt; sie ist ein Terrain, dass sich der Kontrolle durch die politische Polizei und somit ihrer Herrschaft entzieht.

Reinaldo Arenas: Bevor es Nacht wird

Diese Erkenntnis lässt sich nicht auf das kubanische Regime einschränken, obwohl es dort ganz besonders grotesk anmutete, sondern gilt überall dort, wo sich eine Diktatur – egal mit welchen Mitteln – zu etablieren versucht. Auf Kuba ist das zumindest in den Sechzigern völlig absurd gewesen, sagt man den Kubanern doch nach, zu den schönsten Menschen der Welt zu zählen. Kubanern die Schönheit des Sex zu verbieten, kann schlimmer sein, als einen Sack voller Flöhe zu hüten. Castros Mannen des CDR (Komitee zum Schutz der Revolution) konnten ein Lied davon singen, wenn sie eine illegale Party am Strand aufzulösen hatten und statt durchzugreifen, plötzlich in heftige Liebesspiele mit jungen Fischern verwickelt waren.

Zuerst wird immer die Möglichkeit zur freien Meinungsäußerung reglementiert, dann wird die Kunst, die Schönheit schafft, untergraben und abgeschafft.

Die freie Meinungsäußerung findet nicht nur in den Medien statt, jetzt auch in den sozialen Medien, sie findet auch in der Literatur statt, im Theater, der Oper, in der bildenden Kunst. Allein schon deshalb ist es jedem Diktator ein Anliegen, die Kunst und die Schaffung von Schönheit zu diskreditieren, in dem er die Künstler diskreditiert: Drogensüchtige, vom Staat ausgehaltene Bohemiens, sexuell ausschweifende, kranke Geister, allesamt Feinde des tugendlichen Anführers. Die Trennlinie ist klar: Hier der apollinische Anführer und die, die sich ihm anschließen: Brave, anständige und ordentliche Menschen, christlich, moralisch und im Zweifelsfall immer praktisch und niemals träumerisch.

Auf der anderen Seite das Dionysische: Das Trunkene, Sexuelle und Ausschweifende, die Schickeria.

Victor Orban in Ungarn baut sein Regime auf diese Pfeiler auf. Der Feind von draußen, der Ungarn zu schaden versucht und alle negativen Werte vereint, die der brave und ordentliche Ungar zu bekämpfen hat, zerfällt in zwei Protagonisten: Soros und die EU. Im Inneren wird jeder zum Feind, der diesen Kampf kritisch sieht und dies auch kommuniziert.

Soros ist der Teufel schlechthin, und die EU das Konstrukt, das ihm zu Willen ist. Und all das, was auch schon Castros Regime in Kuba als Antirevolutionär brandmarkte, wird auch von Orban und seiner Partei als Feindbild zitiert: Die Schönheit in der Kunst, Mildtätigkeit, die Sexualität, die Schönheit der freien Meinung. Schlimm nur, wenn sich nicht verdecken lässt, dass das behauptete Übel in den eigenen Reihen genauso zu finden ist wie in den Reihen des konstruierten Feindes. Weil sich das Menschliche, das Natürliche nicht einfach wegbehaupten lässt. Diktatoren und Autokraten versuchen es immer wieder und stolpern – mal mehr und mal weniger dramatisch – über die Wirklichkeit. Es zeigt sich, dass gerade in jenen hermetischen Ideologien, die sich besonders ordentlich, brav, tugendlich und sittlich geben, die größten und übelsten Exzesse gefeiert werden. Schwule Männerbündelei bei Patriotentreffen beim sommerlichen Lagerfeuer? Check. Über jeden Zweifel erhabene Geistliche, die sich mit flehenden Blicken vor gerade mal halbwüchsigen Jungen auf die Knie werfen, um in den Mund gefickt zu werden? Check. Politische Führer, die die Verfassung umschreiben, um das Volk einzuengen, selbst jedoch in Brüssel ihren Gelüsten auf Sexorgien nachgehen? Check.

Es ist nicht das Problem, dass sie schwul, oder einfach nur sexuell sind und ihre Sexualität, ihr Menschsein aus- und erleben wollen, dass sie heimlich Opernaufführungen lauschen und feindliche Literatur und Poesie lesen. Es ist weil sie sich einem totalitären Konzept anbiedern und darin sogar konstruktiv tätig werden, die konstruierten Werte und Ideale aber betrügen. Und die Parteigranden, die Vertrauten des Diktators, sie alle wissen davon, weil die beständige Spionage, das Wissen um die Schwächen und Eigenheiten der eigenen Mitstreiter für das Wesen der Diktatur ganz grundsätzlich ist. In sich, im Kern sind diese diktatorischen Ideologien hohl und verfault, und zwar vom Moment ihrer Entstehung an. Deswegen reagieren Diktaturen oder diktatorisch implementierte Regierungssysteme auch immer extrem hysterisch und wehleidig, wenn man auf Mängel und Fehler in ihrer Konzeption hinweist, oder beweist, dass das, was sie zu bekämpfen scheinen, tief in ihrer eigenen Mitte verwurzelt ist. Die meisten sittenstrengen, katholisch oder muslimisch orientierten Ideologien erweisen sich in ihrem Inneren als faulig stinkende Windeier, inhaltlos und öde.

Jetzt hat es einen hochrangigen Politiker der FIDESZ erwischt. Jozsef Szajer, Gründungsmitglied der FIDESZ, und maßgeblich an der Änderung der ungarischen Verfassung 2010 beteiligt, durch die die Menschenrechte schwuler und lesbischer Bürger in Ungarn maßgeblich eingeschränkt wurden, ließ sich auf eine schwule Sexorgie in Brüssel ein. Und zwar während der coronabedingten Ausgangsbeschränkung. Die Verteidigungsstrategien sind immer dieselben:

  • Aussitzen des politischen Sturms
  • Leugnen und auf andere zeigen
  • Teilgeständnis und angedeutete Konsequenzen
  • Klares Statement der Regierung, Rücktritt
  • Konstruktion des Angriffs
  • Das Üble sitzt nicht in der Partei, man wurde Opfer einer Inszenierung

Es ist immer wieder erstaunlich, wie viele Menschen diesen Stories glauben wollen und ihnen tatsächlich auch glauben. Das Vergehen wird umgedeutet. Nicht das sexuell ausschweifende Parteigründungsmitglied ist schuld an der Misere, sondern er wurde zu einem Opfer einer Honigfalle.

Dieser Ansatz erinnert mich ein wenig an die Beschreibung des Sadisten durch Marquis de Sade: Dass der Mann, der Freude an der Qual anderer hat, selbst wehleidig ist und feig, ein verweichlichter Egoist, dessen Stärke darauf gründet, den Wehrlosen zu seiner Lust zu quälen.

Und so sind sie immer, die Diktatoren, die Nationalfaschisten, die Blut & Boden Anbeter: Nach außen geben sie sich stark und rein und sittlich und klar. Im Inneren jedoch sind sie zutiefst verderbt, unmoralisch, sittenlos und grausam.