Kein Produkt sein

Kann einen die Nutzung des Internet grantig machen? Grantig als wienerischer Ausdruck für verbitterte Unzufriedenheit? Und wenn das so sein sollte, wie machen die das, die T-Shirt tragenden Burschen in Silikon Valley? Darauf hat der Autor und Datenwissenschaftler Jaron Lanier einige sehr betrübliche wie einleuchtende Antworten gefunden.

Es mutet an wie Esoterik, denn bitte was sollen Inhalte im Internet mit meiner Laune zu tun haben? Doch es ist keine Esoterik, kein spiritueller Spleen, es ist ein Kompendium von Tatsachen, die nachprüfbar sind. Auf das Bauchgefühl Fremder gebe ich nicht viel – kommen sie mir jedoch mit Zahlen und Fakten und Studien und einer Argumentation, die auf dem Fundament von Fakten schlüssig und verständlich sind, denke ich zumindest drüber nach, was die mir erzählen wollen.

Zuerst mal: Es ist nicht das Internet, das uns betrübt. Es sind nicht die Abermillionen Websites, Solutions, Dienstleistungen, die uns verbittern. es sind in der ersten Linien die sozialen Medien, und da ist es nicht einmal, dass es sie gibt und die Funktionen, die sie anbieten, sondern das dem Wohlstand der Unternehmen zugrunde liegende Geschäftsmodell.

Im Buch ZEHN GRÜNDE, WARUM DU DEINE SOCIAL MEDIA ACCOUNTS SOFORT LÖSCHEN MUSST, geht Lanier in erster Linie auf Google, Youtube, Facebook, Twitter und Instagram ein. Und das aus gutem Grund.

Es ist nachgewiesen worden, dass es unter jungen Menschen noch nie so viele Depressionen gab wie seit der Zeit, da Facebook zum Leader der sozialen Medien wurde. Verstärkt wird das unter anderem durch Instagram. Der Grund dafür ist relativ leicht zu benennen.

Unzulänglichkeit: 99% der Menschen sind nun mal nicht so schön, jung und erfolgreich wie die aus Instagram hervorquellenden Models, die alle braun gebrannt und weit gereist, als Influencer Werbung für sich selbst und andere Produkte machen. Hübschen Influencern zu folgen, ist leicht verständlich und ungefähr dieselbe Gemütsverfassung, mit der man früher Filme wie Die blaue Lagune oder den neuesten James Bond ansah. Der Unterschied ist, dass die Influemcer so tun, als ob das Leben, dass sie zeigen, die Wirklichkeit abbildet, während man bei Bond oder der blauen Lagune wusste, dass all die Exotik und sexuelle Freizügigkeit inszeniert ist. Ein weiterer Grund, einem hübschen Influencer zu folgen, ist, weil man einfach scharf auf ihn oder sie ist – egal, für was die nun Werbung machen oder für welche Werte die stehen.

Influencer kokettieren zumindest am Anfang recht gerne mit Unanständigkeit und gewagten Posen, ihre Selbstinszenierung ist menschlich unbeholfen und berührend. Fließt jedoch das erste Geld, werden sie zu Schaufensterpuppen ohne Leben. Kann man sehr schön am Instagram-Profil von Elias Silitonga sehen. Ein bildhübscher Kerl, dessen Beliebigkeit mit dem Grad an Professionalität wächst; aus einem exotischen Jungen wurde eine beliebig verstellbare Schaufensterpuppe. Ähnlich ergeht es auch Jay Alvarez. Banal, langweilig, perfekt inszeniert. Und weit, weit ab von jeder Lebensrealität. Da schreit jedes Foto: Ich bin inszeniert. Ich habe mit echtem Leben nichts zu tun. Ich bin nur Werbung!

Aber die perfekte Banalität ist nur einer der Gründe, warum einen als User die sozialen Medien desparat machen. Der andere Grund, ist, wie schon erwähnt, das Geschäftsmodell.

Kurz und knackig

Depression durch soziale Medien

Für Facebook und Co ist der Benutzer die Ware, das Produkt, und der Werbetreibende, der die Dienstleistungen von Facebook, Google oder Instagram in Anspruch nimmt, ist der echte Kunde, denn der bringt Geld.

Oder hat irgendwer wirklich gedacht, die Infrastruktur, das Design, der Funktionsumfang aller Google Dienste und Facebook Dienste und Instagramm und Twitter, das zahlen die Macher alles aus der eigenen Tasche, weil sie einfach so saucoole Nerds sind?

Tja, jetzt müsst Ihr stark sein: Gratis bedeutet nicht umsonst

Quelle? Ich.

Facebook verkauft Dienstleistungen an Großunternehmen. Dazu gehört, über einen Algothitmus herauszufinden, was die User statistisch gesehen am meisten bewegt, wie alt sie sind, welches Geschlecht sie haben, woher sie kommen, wohin sie reisen, was sie beschäftigt und kränkt und ärgert. Welche Produkte sie möchten, welche Mode ihnen gefällt, womit sie sich die Haare waschen, wie sie politisch stehen und so weiter und so fort und es findet kein Ende.

Wichtig an dieser Stelle ist zu wissen, dass:

Die Hauptaufgabe von Facebook und Twitter und Instagram ist es, Euch zu zu animieren, so viel Zeit wie nur irgend möglich auf ihren Plattformen zu verbringen, denn das gewährleistet, dass die Werbung greift, die zwischen Euren Feeds immer wieder auftaucht. Es geht um die Aufmerksamkeit des Users. Das weiß man in der Werbebranche und in der Politik schon lange.

Jaron Lanier: Social Media macht Politik unmöglich – DER SPIEGEL – Netzwelt

Dem Geschäftsmodell von Instagram, Facebook, Twitter liegt ein Geschäftsmodell zugrunde und dieses Geschäftsmodell wird von einem Logarithmus gefeeded, der die Interaktion der User mit der Plattform ganz genau beobachtet und sich selbst adaptiert. Dieser Algorithmus hat herausgefunden, dass die Aufmerksamkeit der User steigt, wenn sie Nachrichten und News bekommen, über die sie sich aufregen. Dass ist dem Code im Prinzip wurscht wie nur was. Er sieht nur, dass Menschen häufiger Feeds lesen und liken und teilen, die sie beängstigend, bedrückend, ärgerlich oder zu wütend werden finden. In nichts anderem finden die Menschen so leicht zu einem Konsens wie durch ein Frustrationserlebnis. Der Code wertet nicht, er hat keine Moral.

Das bedeutet, dass der Code Euch immer mehr Feeds und News schickt, die aus seiner Logik heraus bei Euch bewirken, dass ihr länger am Ball bleibt und die Interaktion verstärkt.

Das ist nachweisbar, beweisbar und es ist belegt. Facebook, Twitter, Instagram, Google, Youtube – sie alle machen Euch wütend und frustriert, damit ihr länger auf der jeweiligen Plattform bleibt, damit ihr mehr Werbung seht, oder eine andere, durch Frust hervorgerufene Verhaltensmodifikation durch macht. Die Gurus aus dem Weltverschwörereck kennen diese Mechanismen und nutzen sie virtuos.

Deshalb kann es grundsätzlich gar nicht schaden, sich auszuklinken. Nicht ganz und gar auf die Annehmlichkeiten der IT verzichten, das meine ich nicht. Ich meine bloß, von der Demütigung Abstand zu nehmen, nicht perfekt zu sein, nur eine Ware zu sein, eine Drohne, aus der man Informationen absaugt. Natürlich kann man sagen: Ach was, mir wurscht, die Google Sachen funktionieren alle so leiwand, warum soll ich verzichten?

Aus dem selben Grund, warum uns Menschen viel an ihrem guten Ruf gelegen ist, am respektvollen Umgang miteinander. Wir sind keine Drohnen, wir sind keine Anbeter von Schaufensterpuppen und modifizierte Endbenutzer. Es gibt hervorragende Alternativen zu den Google Services im Web und auch wenn man dann etwas zahlen muss, dann weiß man wenigstens, das ist deren Geschäftsmodell: Du zahlst und sie liefern das, was Dir zugesagt wird. Beispiele gefällig?

Alternativen zu den Google Services

Für Facebook, Instagram und Twitter gibt es keine wirklichen Alternativen. Ich meine, was das Kerngeschäft betrifft, die Kernfunktion, die man uns Usern vorgaukelt – mit Familie und Freunden in Kontakt zu bleiben. Wie war das vor Facebook und Konsorten? Ruft Euch mal wieder an, schreibt Euch ne Mail, chattet über einen sicheren Chatservice.

Oder gebt Euch mal wieder der Sinnlichkeit hin, Eure Gedanken nur für Euch mit der Hand in ein echtes Notizbuch zu schreiben. Das wäre doch mal was, oder?

Wie auch immer Ihr Euch für Euch selbst entscheidet, was auch immer Ihr benutzen wollt, um in Kontakt zu bleiben und Euer Leben zu organisieren, bedenkt, dass alle Services im Internet, die kein Geld kosten, auf andere Weise Gewinn aus Euch ziehen. Und egal, ob das wehtut oder nicht – es ist ein Angriff auf die Integrität als Mensch, als Bürger.