Fritz the cat

Fritz the cat

Sommer 1980

Der Junge auf dem Foto ist nicht „Fritz the cat“, sieht ihm aber ähnlich. Der Bursche auf dem Foto ist ein kanarischer Surfer, der von einem Fotografen namens Sinal am Strand von Las Palmas fotografiert wurde. Übrigens diente mir das Bild als Vorlage für die Charakterisierung von Arturo Gonzales aus meinem Roman „Die Inseln im Westen“.

Wenn es je einen Jungen gab, der den Spitznamen „Fritz the cat“ verdient hatte, dann Fritz Kling. Ich lernte ihn im Sommer 1980 am Rande des Fußballfeldes von Biedermannsdorf kennen, wo er im Schatten alter Bäume saß und in der hohlen Hand rauchte. Er war dreizehn Jahre alt, ich gerade 15.
Obwohl ich damals noch nichts vom Geschichten schreiben wusste oder davon, wie man Musik macht; obwohl ich eher reaktiv war als besonnen, löste er in mir den Wunsch aus, meine Gedanken und Gefühle ihm gegenüber festzuhalten. Was mir neben seiner beinahe engelhaften Schönheit besonders intensiv auffiel, war seine Ernsthaftigkeit in allem, was er tat, plante, vorhatte und empfand. Fritz blödelte gerne, er war närrisch und lebendig wie ein Blitzschlag. Aber wenn es um Dinge ging, die außerhalb des Jux & Tollerei Rahmens lagen, zeigte er eine geradezu alttestamentarische Ernsthaftigkeit, die mir fremd war und die mich ganz tief und ehrlich ansprach. Ich mochte ihn und ich wollte, dass er mich mochte. Was ihm besser gelang als mir selbst, war, durch meine Schutzmauer zu blicken und das zu sehen, was ich wirklich war: ein schlaksiger, verletzlicher Träumer und Narr. Einer, der unsicher war und neu im Ort. Ein Außenseiter, wenn es je einen gegeben hat.
Er nahm mich an, und seine Freundschaft war ebenso unaufdringlich wie still und ernst.

Yilmaz und Fritz the cat

Yilmaz war ein fünfzehnjähriger Junge, der bereits Haare auf der Brust hatte und sich rasierte, weil er nicht mit einem Vollbart herumrennen wollte. Er und Fritz trieben sich eigentlich immer im Freien herum. Sie hatten kein Geld für Lokalbesuche, oder um beim Greissler des Ortes Bier zu kaufen. Sie kratzten ihr Taschengeld zusammen und kauften sich Zigaretten: Hobby, Smart Export, Flirt. Das Billigste vom Billigen. Sie waren aus der Not heraus reine Naturburschen geworden, und als ich mich ihnen anschloss, ging das von einem Tag auf den anderen und völlig unprätentiös: Am Tag zuvor war ich noch allein und fand mich nicht zurecht, am nächsten hatte ich Freunde. Wir zogen über die Felder, halfen Fischern bei den Vösendorfer Ziegelteichen und verdienten uns so ein wenig Taschengeld dazu, mit dem wir Bier und Zigaretten kauften. Damit zogen wir uns in eine der Jägerhochstämme zwischen Biedermannsdorf und Achau zurück, kapselten die Bierflaschen auf, rauchten, und redeten oder schwiegen. Das war unser Geruch: Rauch von Lagerfeuer, gegrillte Maiskolben, Zigaretten und unendlich viel frische Luft.

Sie zeigten mir, wie man auf den alten Betonsilo klettern konnte, um dort unbeobachtet zu rauchen (… gibt immer alte Hexen, die zu viel reden, sagte Fritz gerne und wütend) wie man Biedermannsdorf auf den Feldwegen umrunden konnte, wo im wilden Unterholz beim Teich einmal ein sterbender Wolf gefunden worden war (was ich für eine Legende hielt). Sie zeigten mir im Waldstück zwischen Biedermannsdorf und Wiener Neudorf das alte, lange Seil, an dem man sich über das ausgetrocknete Bachbett schwingen konnte. Ich lud sie zu mir ein und meine Eltern machten verschnupfte Nasenlöcher, weil sie die Jungs irgendwie „gefährlich“ fanden. Wildlinge wie mein Vater sie bezeichnete. Nach einer Weile akzeptierten sie die beiden – vor allem wohl deshalb, weil wir im Grunde genommen nichts anstellten, nichts wirklich Blödes. Wenn wir Geld hatten, gingen wir in zu einem der drei Heurigen, die es im Ort gab und tranken Ribiselwein, und wer den schon mal getrunken hat, weiß, wie das Zeug einfahren kann. Betrunken zu werden war Anfang der Achtziger eine ziemlich billige Angelegenheit. Erinnere mich, als wir eines späten Abends nach einigen Gläsern Ribiselwein durch Biedermannsdorf storchstakten und sich ein Trockengewitter entlud und als es so nahe krachte, dass es mich unter dem Gelächter meiner Freunde auf den Arsch setzte. Das war ein Ray Bradbury Sommer, wir waren verlorene Jungs und das Trockengewitter hatte seinen Weg direkt aus einem alten Gruselfilm in die Wirklichkeit gefunden.

Fritz lebte allein mit seiner Mutter, sein älterer Bruder war im Gefängnis. Seine Mutter erschien mir stets abweisend, hart und lieblos. Yilmaz wohnte mit seiner Familie in einem Anbau des Borromäums. Sehr beengte Räumlichkeiten, große Familie, eine traurige Mutter und ein Vater, der mit der Couch verwachsen war. Wir waren, lange bevor es so etwas im Kino gab, verlorene Jungs. Verlierer. Und deshalb war es so wichtig, dass wir einander hatten.

Der Schatten geheimer Träume

Fritz war älter als sein Taufschein es vermuten ließ. Er war 1981 vierzehn Jahre alt und auf eine ziemlich wilde Art & Weise hübsch. Er war muskulös und elegant wie ein Raubtier. Und er war sich dessen kein bisschen bewusst. Mich wunderte immer wieder, wie vollkommen uneitel er war, und wie ihm eine Rangelei unter Freunden wichtiger sein konnte, als einfach nur statuenhaft schön in der Gegend herumzustehen. Ich erklärte mir das damit, dass Fritz (noch) nichts von Sex wusste, und einfach noch nicht so weit war, die Verbindung herzustellen zwischen äußerlicher Attraktion und die Suche nach sinnlicher Nähe. Wie James Waller schrieb: Er war ein Pfeil auf dem Weg vom Kind zum Jungen.

Ich war um zwei Jahre älter und ich verdrängte die Träume, ihm nahe zu sein, wann immer sie auftauchten, und es war mir fast eine Erleichterung, als sich meine sexuelle Aufmerksamkeit im Sommer ´81 auf Walter Kroboth bündelte wie ein Lichtstrahl. So konnte ich weiter mit Fritz auf den Feldwegen herumziehen, um die Wette rülpsen und spucken, Kippenweitschnippen und Steine über die Oberfläche des Sees zu flippen, oder einfach nur seine Nähe genießen.
Er roch sogar im Winter nach Sommer. Nach Heu und Felder und nach Regen, nach Lagerfeuer. Ihm haftete auch dieser süße Naturwassergeruch an, wie Wassermelone. Möglich dass ich das mystifiziere, aber ich denke, man konnte an ihm seine asexuelle, raubtierhafte Jugendlichkeit riechen. Okay, das war jetzt übertrieben …
Damals nahm ich das nicht wahr, aber ich denke doch, dass Fritz und Yilmaz gekränkt waren, als ich immer öfter versuchte, Teil der Clique zu werden, zu der auch Walter Kroboth gehörte, weil er mich unwiderstehlich mit seiner irrlichternden, erotischen Schwerkraft anzog. So dachte ich damals nicht. Ich handelte nur, suchte Walters Nähe ohne wirklich zu verstehen, warum, und malte mir aus, wie es wäre, ihn zu küssen und ihm zwischen die Beine zu greifen und zu spüren, wie er hart wurde. Meine Ernte wären seine leidenschaftlichen Blicke. Das konnte Walter, mit seinen schweren, ungarischen Lidern.
Teenagerträume.
Auf irgendeiner Ebene verstand Fritz vermutlich sehr gut, was mit mir los war, aber er machte nie ein Thema draus.

Als wir einmal bei einem Treffen der Pfarrjugend mitmachten und eingeladen wurden, uns an einem Gemeinschaftsspiel zu beteiligen, stellten wir fest, dass wir beide aneinander dasselbe mochten: Keiner von uns machte sich über andere Menschen lustig. Wir verspotteten niemand. Wir waren jugendliche Pragmatiker, könnte man sagen. Da kam dann dieses Spiel, da wurde eine Linie auf den Boden gezeichnet und je zwei Jugendlichen sollten sich dieser Linie nähern, so, weit, wie sie meinen, sich der Person auf der anderen Seite nähern zu wollen oder zu können. Einmal spielten das Walter und ich. Ich ging bis zur Linie, Walter blieb einen Meter von der Linie weit weg stehen. Das war eine schallende Ohrfeige. Drei Runden später waren Fritz und ich dran, und unsere langsame Annäherung endete damit, dass wir beide an der Linie standen und sich unsere Nasen fast berührten.
Fast. Ich hätte am liebsten geheult. Heute denke ich, dass er gesehen hatte, wie sehr mich Walters Verhalten verletzt hatte und er mir Trost spenden wollte, ohne mit Worten herumkünsteln zu müssen.


Wie viele andere Jugendliche, die in kleinen Ortschaften aufwuchsen, oder ihre Teenagerjahre dort verbrachten, hatten wir nicht viel zu tun. Deshalb erinnere ich mich jetzt ganz besonders deutlich, was uns in dieser Zeit erfüllte – in diesem Jahr, bevor Sex, Mädchen, Lehrberuf und erste Träume vom eigenen Auto wichtig wurden. Es war die Nähe, die nichts verlangte und alles gab. Es war die Selbstverständlichkeit, dass wir da waren, die Vertrautheit, mit der wir den Atem des anderen kannten, das Herzschlagen und den Geruch vom Schweiß, den Geruch der Kleidung. Wir waren uns vollkommen vertraut – nach kürzester Zeit ineinander verschränkt, wie Bäume auf einem einsamen Feld, die ineinander verwachsen sind.

Wie ein hingekritzeltes Fragezeichen

Ich glaube, es war im Sommer 1983, da zog Fritz mit seiner Mutter aus Biedermannsorf weg in das Bundesland Burgenland. Im Herbst deselben Jahres wurde der Anbau des Borromäums geschliffen, in dem Yilmaz mit seiner Familie gelebt hatte und sie zogen nach Wien. Ich stand auf einmal allein da, ich meine, so richtig allein. In den vergangenen zwei Jahren hatte ich auch andere Jugendliche in Biedermannsdorf kennengelernt, mit denen ich mich gut verstand. Da gab es sozusagen eine andere Außenseiterclique, auch irgendwie verlorene Jungs, und gleichzeitig machte ich meine ersten Gehversuche in der elektronischen Musik. Ich hatte um mein erspartes Lehrgeld Synthesizer gekauft und einen Drumcomputer und ein Hallgerät und wir probten in der Nachbargemeinde Achau im Keller eines Familiehauses, wo wir während der Sessions, in denen wir den Stil von Klaus Schulze und Tangerine Dream kopierten, und wie die Weltmeister kifften. Das waren damals Klaus Giwiser, Reinhold Atlas und ich. Ich nahm beim jungen Kirchenorganisten Unterricht in Spieltechnik, Komposition und Harmonienlehre und stellte mich dabei nicht ganz dumm an.
Das alles hielt mich auf Trab und wenn ich in den Nächten im frühen Herbst von der Probe von der Achau nach Biedermannsdorf unter dem vollen Mond nach Hause ging, wünschte ich mir mit schmerzlicher Intensität Fritz und Yilmaz zurück, die wie Schiffe in der Nacht davongetrieben waren. Ich sang mit meiner krächzenden, vom Kiffen schiefen Stimme „Be my friend“ und manchmal blieb ich stehen, schlug die Hände vors Gesicht, kauerte mich in den Straßengraben, damit mich niemand sehen konnte, und weinte. Nur wegen des Kiffs, ja?

Das Fundament meiner Ideale

Walter Kroboth war die erste Liebe meines Lebens und die erste herbe Enttäuschung.
Fritz war das Fundament, auf dem ich meine Ideale für Freundschaft errichtete. Niemand konnte geben wie er, ohne dabei wie einer zu wirken, der gab oder sich etwas vergab. Er war unglaublich selbstlos.
Er war einfach da, war immer vollkommen da. Und deswegen wird mich die Erinnerung an ihn mein Leben lang begleiten.

Er hat mich geprägt.

Ein Monument für Walter K.

Im Sommer 1981 verliebte ich mich in den schönsten Jungen von Biedermannsdorf. Walter Kroboth war von einer geradezu tragischen, ungarischen Wildheit und Eleganz, ohne sich dessen bewusst zu sein. Vielleicht war er sich dessen bewusst, und wenn, dann auf einer ganz abstrakten Ebene.

Ich taumelte in diesen Tagen nach dem Tod meines Bruders wie ein angeschlagener Boxer durchs Leben, war im zweiten Lehrjahr in den Dekorationswerkstätten der Bundestheater und die aufwändigen Routinen gaben mir Halt und Orientierung. Ich stand jeden Tag um 04:45 auf, wusch mich, putzte mir die Zähne, trank kalten Kakao und fuhr mit dem Postbus um 05:19 von Biedermannsdorf nach Wien, Südtirolerplatz. Die Dekorationswerkstätten befanden sich im Arsenal (wo sie auch heute noch sind, glaube ich). Wirkliche Freunde, wie ich sie am Arbeitsplatz fand (Grüße an Roman, Alexander, Karl und Max) taten mir gut und halfen mir, den Umstieg vom Wiener Jungen, der einen Bruder verloren hatte,  zum “Neuen” in der Dorfjugend einer kleinen Gemeinde im Süden Wiens zu vollziehen.

Walter hatte ich schon im Sommer 1980 gesehen, konnte ihn aber nicht zuordnen. Meine Seelenfreunde in Biedermannsdorf wurden die beiden Außenseiter Fritz und Yilmaz. Fritz wohnte bei seiner Mutter in einem alten, heruntergekommenen Kutscherhof auf der Ortsstraße, Yilmaz wohnte mit seiner Familie in einem Anbau des verlassenen Borromäums, das später, ich glaube 1983 oder 1984 zu einer Mädchenschule wurde.

Mein Halt war also durch Freundschaften gegeben, die sich nicht berührten. da die Jungs, mit denen ich gemeinsam in die Lehre ging, und in Biedermannsdorf, das in der Sommerhitze dunstete und schwieg, Fritz und Yilmaz.

Dann, im Mai oder im Juni, als wir anfingen, jeden Tag, an dem es warm genug war, im Gemeindeteich von Biedermannsdorf zu schwimmen (und heimlich Zigaretten zu rauchen) erschien Walter. Es gab damals so eine Art Lieblingsplatz an diesem wilden Teich, wo sich die Jugendlichen trafen. Yilmaz und Fritz waren locker in die Dorfjugend eingebunden, aber eben nur locker. Walter war anders verankert; er wollte nicht nur der Fußballer sein, der er war, mit all seinem sportlichen und schauspielerischen Können (niemand konnte sich so dramatisch fallen lassen und sich das Schienbein halten wie Walter, wenn er im Spiel angerempelt wurde. Da staubte es und er sank mit einem wehen Schrei zu Boden und starb vor den zusehenden Mädchen und ich stand neben den Mädchen und war eifersüchtig darauf, wie sehr er sich um deren Interesse bemühte, wo ich es doch war, der ihm aufhelfen und ihn küssen wollte, bis die Sonne unterging), er wollte zur gehobenen Ortsjugend gehören.

Walter kam zum Teich und ich sah ihn zum ersten Mal in der schwarzen, knapp geschnittenen Badehose. Mir gefiel Walter ja schon in seinem Straßenoutfit: Er trug im Sommer ziemlich enge, ausgewaschene Jeans von Wrangler, High Tops von Adidas, weiße Tanktops und Jeansjacken. Walter war schon Anfang Mai brauner als wir anderen und sein abenteuerliches Lächeln zeigte perfekte, weiße Zähne. Er war biegsam und schnell in allem, was er tat und er war … sexy. Und jetzt stand er auf einmal eine Armlänge entfernt vor mir und alles an ihm war prall. Ich ertappte mich dabei, dass ich mich vor mir selbst schämte, weil ich den Blick von seinem Schoß nicht lassen konnte.

Ich war sechzehn und meine intimen Vorstellungen in jenen Tagen gingen nicht über ernste, tiefe und glückliche Blicke hinaus. Und ich wollte Walter küssen, ich wollte, dass er mich küsst und dass er mich ungeschickt umarmt und dass sein schiefes Grinsen nur mir gehört, ich wollte in seinem Geruch sein und ihn in meiner Hitze einfangen; sexuelle Wunschvorstellungen hatte ich noch nicht. Ich wollte einfach, dass wir uns beide in einem Glücksrausch auflösen und wieder zusammensetzen. Neu definiert und wild lachend vor Glück. Zwei Jungen, die rennen, schwitzen und schwimmen, sich umarmen und irgendwie miteinander zum Orgasmus kommen, ohne dabei den dunklen Wald der Unanständigkeit zu betreten.

Ich war so furchtbar idealistisch, was das betraf, und Walter wusste nichts von meiner Schwärmerei für ihn. Vielleicht spürte er es, vielleicht auch nicht. Aus seiner Sicht war ich nicht mehr, als ein anderer Junge aus Biedermannsdorf, ein Neuer, der sich mit zwei Außenseitern herumtrieb, während er darum bemüht war, Zugang zu den nobleren Kids zu finden, vor allem, weil dort die Mädchen waren. Walter war durch und durch hetero. Ich denke, der war so hetero, der wäre sogar vor Wut an die Decke gegangen, wenn ihm ein Bursche nach dem Fußballspiel in der Umkleide ein feuchtes Badetuch auf den Arsch geklatscht hätte. Er war nicht nur an Mädchen interessiert, und zwar sehr. Es war ihm auch wichtig, dass alle das sahen und wussten.

Walter liebte hymnische Musik; der Musikgeschmack der Biedermannsdorfer Jugend Anfang der Achtziger wurde intensiv von den Gebrüdern Lugerbauer geprägt. Da vor allem vom ältesten der Brüder, von Alfred: Yes, Mike Oldfield, Tangerine Dream, Rick Wakeman, Vangelis … Sein jüngster Bruder Ronny mochte Hard Rock und Heinz, der Mittlere der drei bevorzugte die psychedelische Schiene.

Walter mochte Hymn von Rick Wakeman aus dem Album 1984, und tanzte dazu wie ein wild gewordener Indianer

Und Hymn von Ultravox

Ein trauriges Lied, das uns beiden gut gefiel, war Be my friend von No bros. Der einzige Hit, den diese Gruppe aus Wien je hatte:

Und wenn wir trunken mit den anderen aus dem Ort nachts am Seeufer saßen, sangen wir Take the long way home von Supetramp

Man mag es nicht glauben, aber es gab jede Menge Hard Rock in unserem Leben in diesen Tagen. ich meine, im Herbst des letzten Jahres trugen wir zerfranste Jeans Gilets über Motorradlederjacken, hatten ausgebleichte Jeans und Bikerboots – ohne den dazugehörenden Bikes klarerweise.

Iron Maiden war so eine Knallertruppe für uns: Run to the hills

Dann wurde es August, die Tage heißer und so schwer wie Steine. Die Dekorationswerkstätten, in denen ich in die Lehre ging, hatten über die Sommermonate Juli und August geschlossen, ich lebte im ewigen Sommerurlaub, ging jeden Tag schwimmen, fuhr mit dem Fahrrad gemeinsam mit Yilmaz und Fritz zur Shopping City Süd, wo wir uns treiben ließen und, wenn wir genug Geld mit hatten, Cola kauften und uns wie die Herren der Welt fühlten.

An einem Samstag trafen Walter und ich uns eher zufällig in der Jubiläumshalle von Biedermannsdorf, setzten uns an einen Tisch und tranken Bier. Meine Sehnsucht dampfte mir aus allen Poren. Wir tranken noch mehr Bier und ich zerfloss vor Begierde, ihn zu berühren, eine intime und verbindliche Nähe herzustellen, die für alle Zeit Gültigkeit hatte. Natürlich griff ich ihn nicht an, aber er fragte mich, warum ich ihn so ansehe, und er fragte das so freundlich und kumpelhaft, dass ich den Mut fand und sagte, ganz leise, ein Hauch mehr als ein Flüstern: “Ich würde dich einfach gerne küssen, Walter! Ich steh total auf dich.” Etwas Originelleres fiel mir nicht ein. Ich war sechzehn, leicht betrunken und voll nervös, okay?

Er sah mich irritiert an, keineswegs feindselig, legte den Kopf schief und sagte in etwa: “Pfau Oida, über des muass i erst nochdenken!”

Er sagte nicht: „Geh scheißen, du warme Sau“. Er sagte nicht: „Bist deppert, Schwuler!“ Er sah mich nur durchs Bier milde gestimmt mit seinen schweren ungarischen Augen an und meinte, darüber müsse er erst nachdenken. Jedenfalls war damit das Thema vom Tisch, ich war erleichtert und trotzdem unter Strom – ich meine, er hatte nicht „Nein“ gesagt! Wir tranken noch ein Bier und als wir in der sternenklaren Dunkelheit über die Ortstraße gingen, sangen wir laut, falsch und mit Begeisterung “Shadow on the wall” von Mike Oldfield.

Die ganze nächste Woche ging ich wie auf Wolken, ich war ganz und gar glücklich, wirr und Regenbogen. Mein Schwarm wusste von meinen Gefühlen. Er hatte sich nicht abgewandt und gewürgt, so als ob er kotzen müsste, und er lief nicht im Ort herum und schrie, der Piero (das war mein Spitzname) ist ein Homo, der mir an den Schwanz will. Er behielt es für sich, und am Freitag bat er mich, ihn in der Halle zu treffen. Am selben Tisch wie vorige Woche. Ich duschte und benutzte teures Duschgel und rasierte meinen Bartflaum und verwendete etwa von Papas Irish Moos Aftershave, ich gurgelte und spülte den Mund mit Odol, gab Gel in meine halblangen Haare und zupfte daran herum, bis ich meiner Meinung nach wie ein verwegener, wilder Junge aussah. Dann stolzierte ich in meiner engsten Jeans, Tanktop und Jeansgilet in die Jubiläumshalle und da war Walter. Tanktop, enge, ausgewaschene Jeans, seine pechschwarzen, wuscheligen Haare fielen ihm über die Augenbrauen. Er war auf eine Art und Weise graziös wie ich es später nur noch bei einer anderen Person gesehen hatte, bei Thomas Haustein als Detlev im Film: Wir Kinder vom Bahnhof Zoo:

Jedenfalls war er voll nervös und alles, seine langen Wimpern zitterten, seine Lider flatterten und wir tranken Bier und rauchten und redeten über den Sommer und die Party, die für das übernächste Wochenende, das Letzte im August, auf der Lichtung bei den Bächen geplant war. Wenn er in diesem Moment seine Hand auf meine gelegt hätte, wäre ich vermutlich gestorben.

Und dann, so nach drei Bier und einer Handvoll Zigaretten, sagte er leise zu mir: “Du, wegen dem, was wir vorige Woche geredet haben, was du mich gefragt hast, ja? Ich kann das nicht, ich kann das wegen meiner Erziehung nicht. Reden wir nicht mehr drüber, okay? Können wir Freunde bleiben?”

Er sagte nicht, dass er das nicht will, oder dass er eben kein Schwuler ist, oder wenn er einer wäre, dass ich einfach nicht schön genug für ihn sei. Er sagte, er könne es nicht wegen seiner Erziehung, so, als hätte er über eine Antwort nachgedacht, mit der er mein Ansinnen ausschlagen konnte, ohne das Gesicht zu verlieren und ohne mich zu verletzen. Mir war in dem Moment zum Heulen zu mute und alles, was ich sagen wollte, zerfiel mir im Mund zu Asche. Ich glaube, er legte jetzt sogar ganz kurz seine Hand auf meinen Unterarm und vielleicht starb ich in diesem Moment ein wenig. Dann tranken wir weiter und Walter redete über etwas anderes, aber ich war taub, so als ob neben mir eine Granate explodiert wäre.

An diesem Abend gingen wir wieder gemeinsam über die Ortsstraße, wir sangen nicht und ich verbrannte neben Walter, der nach grünen Äpfeln roch, nach den Zigaretten, die er geraucht hatte und nach Bier. Ich brannte lichterloh, ging heim, legte mich ins Bett, holte mir einen runter und als es mir kam, drehte ich mich zur Wand und weinte.

Die ganze Woche wich ich ihm aus und trieb mich mit Fritz und Yilmaz herum, denen meine mürrische Art auch irgendwie den Tag versaute. Dann kam dieser Freitag, es wurde Abend und ich ging nach einigem Überlegen auf diese Party auf der Lichtung, wo der Ort endete, die Wildnis begann und zwei Bäche zusammenflossen. Irgendjemand hatte eine Gitarre dabei und Tablas und Bongos und als es dunkel wurde, sang jemand “The house of rising sun” und “morning has broken” und Fredl spielte Cavatina.

Walter tanzte trunken mit einer Flasche Bier in der Hand, der Mond leuchtete weich und alles schien okay zu sein. Ich meine, angesichts der Tatsache, dass ich eine Abfuhr bekommen hatte und meine Teenagerschwärmerei in sich zusammengebrochen war wie ein Sack voll morscher Knochen.
Werner Stadlmann war da und Hans Adam, die beide betrunken herumsteifbeinten, und Alfred Lugerbauer, der die Gitarre spielte wie ein Gott, Mädchen waren da, für die ich mich nicht interessierte, Walter wollte Susanne küssen und irgendwie (das erfuhr ich erst später), spuckte er ihr in den Mund und sie stieß ihn weg und er war fuchsteufelswild, kam zu mir, sah mich mit Wuttränen in den Augen an und schrie: “Kann einen denn niemand vor diesen Drecksschwuchteln schützen?”, und donnerte mir die Faust ins Gesicht. Ich sackte zusammen wie vom Blitz getroffen und wollte sterben und im Boden versinken. Mir war übel, ich war taub, blind und verwirrt und Walter stapfte davon und wälzte seine Schuldgefühle Susanne gegenüber auf mich ab, krächzte bittere Flüche und kämpfte mit sich und den Tränen. Ich war niemand, der je im Mittelpunkt stehen wollte, und jetzt sammelte ich den Rest meiner Würde auf, kämpfte mich auf die Beine zurück und zwei Jungs halfen mir, rein aus Solidarität mit dem Besiegten, und ich stand auf einmal ganz allein zwischen all den anderen und brannte wie auf dem Scheiterhaufen. Niemand fand ein tröstendes Wort, ein paar Mädchen kümmerten sich um Walter und ich ging allein und verdroschen durch die dunklen Gassen von Biedermannsdorf nach Hause.

Ich trug nicht einmal ein blaues Auge davon. Ich nehme an, dass Walter mich nicht wirklich in Grund und Boden prügeln wollte, sondern dass er seine persönliche Enttäuschung in Bezug auf Susi an mir entladen wollte und gleichzeitig eine moralische Rechtfertigung brauchte, um zuschlagen zu können. Damals sah ich das wesentlich enger und fokussierter: Walter hatte mich öffentlich gedemütigt und geschlagen, weil er mich hasste, weil ich schwul war und ihn damit … belästigt hatte. Ich war kein abgebrühter Halbstarker – ich wollte einer sein, aber Pustekuchen, ich war nur ein langer Schlacks, dünn und vom Leben verwirrt. Der Junge, den ich liebte wie eine Ikone, verprügelte mich, ich war quasi zwangsgeoutet worden, also wollte ich sterben.

Rückblickend war das vielleicht das Herzzerreißende, der Grund, warum ich jetzt so gut verstehen kann, warum verprügelte Ehepartner dort bleiben, wo sie sind. Weil man nicht einfach aufhören kann, zu lieben, nur weil es vernünftiger wäre. Liebe hat mit Vernunft nichts zu tun, man glaubt ja sogar, man kann geschützt durch Liebe, unter Wasser atmen.

Ich wusste nicht, wohin. Ich hatte niemand, mit dem ich drüber reden konnte oder wollte. Fritz und Yilmaz waren für mich vollkommen asexuelle Kumpel (obwohl Fritz Kling damals schöner war als ein Engel und das, was man einen echten Freund nennen kann – doch über Fritz will ich ein anderes Mal schreiben), und mit denen konnte ich über meine Schwärmerei für Walter nicht reden.

Eine Woche später, an einem Sonntag Anfang September, kaufte ich vier Flaschen Bier und eine Schachtel Ernte 23 Zigaretten, ging damit zum Teich, die Steigung nach oben zu den alten Betonplatten, die dort seit der Entstehung der Welt lagen, setzte mich hin und beschloss, mich zu betrinken und dann ins Wasser zu gehen, um zu ertrinken. Das war der Plan.

Und da saß ich nun und über mir wurde der Himmel dramatisch, Wind frischte auf und wehte Laub über das trockene Gras. Die Oberfläche des Teichs war rau wie eine Feile, ich trank Bier und rauchte und fing an zu reden. Zu niemand, zu mir selbst, zu Gott und den steinernen Wolken, die aneinander rieben und rumpelten. Das war mein Rapport ans Leben. Ich sagte dem Wind, dass es okay sei, dass ich schwul bin und dass ich deswegen keine Angst vor meinen Eltern hatte, und dass ich mich nur dafür fürchtete, zu lieben, zu lieben, zu lieben und abgewiesen und ausgelacht und weggedrängt zu werden. Ich sagte den Wolken, wie sehr es an mir zehrte, so zerbrechlich und schwach zu sein, zu stottern, wenn mich jemand scharf anging und wie dumm ich mich fühlte, weil ich Fantasiegeschichten über mich und meine Familie erzählt hatte, als wir hier 1980 einzogen, weil ich nach Aufmerksamkeit suchte. Ich erzählte dem Donner in der Ferne, wie sehr es mich traurig machte, wie meine Eltern sich bemühten, nach dem Tod meines Bruders Rudi die Familie zusammenzuhalten, sich selbst zusammenzuhalten und ich konnte nichts beitragen, nur da sein, und ich sagte den Gräsern zu meinen Füßen, ich denke, es ist zu wenig, dass ich da bin, ich bin nicht genug, um sie zu retten.

Ich trank noch ein Bier und redete mich in Rage. Ich verfluchte Walter, weil er mein Vertrauen niedergeprügelt hatte, weil er sich mir entzog, weil er trotzdem noch immer so schön war und noch immer alles in mir für ihn lichterloh brannte. Und ich redete weiter und krächzte heiser und weinte wieder ein wenig. Und dann brach die Sonne durch die Wolken. Ein goldener Vorhang aus Licht, und ich sagte: In Wirklichkeit, also es ist so, ich will leben. Und ich höre nicht auf, Walter zu lieben, nur weil er nicht schwul ist und selber gerade eine urschwere Sache durchmacht. Er ist okay, und ich bin okay, und das Bier ist alle.

Dann dachte ich so: Ich hab mich zum ersten Mal verliebt. So richtig bis in die Haarspitzen. Und für diesen einen kurzen Moment, als alles möglich schien, war es wunderschön. Ein sehnsüchtiges Ziehen im Hinterkopf, im Magen und in den Lenden. Ein zitterndes Hoffen. Und Regenbogen, Regenbogen, Regenbogen! Ich will mein Leben leben, so wie das Licht der tief stehenden Sonne durch die Wolken bricht. Jetzt will ich wirklich leben und aufhören zu heulen und ich will lachen und schreien und leben will ich. Ganz viel. Ganz fest.

Walter und ich wurden nie ein Paar. Wir hatten nie was und ich hörte auf, von ihm zu träumen. Wir näherten uns im Herbst wieder aneinander an und kamen miteinander aus. Im darauffolgenden Jahr zerfiel unsere kleine Gang aus Walter, Fritz, Yilmaz, Michael Szraly und einigen anderen, als ein paar der Jungs sich um Rudi Keller scharten, der in der Perlaszgasse ein Lokal einrichtete und sich die willige Arbeitskraft der Jungs sicherte, in dem er ihnen Freibier versprach. Walter gehörte zu ihnen. Ich fuhr an den Wochenenden immer öfter nach Wien, um Jungs kennenzulernen.

Das Leben trennte uns voneinander, Yilmaz zog nach Wien, Fritz mit seiner Mutter ins Burgenland und ich zog 1984 ebenfalls nach Wien. Von Walter hörte ich erst 1987 wieder, als meine Mutter mir erzählte, er sei bei einem Motorradunglück auf einer Serpentinenstraße tödlich verunglückt. Walter wurde auf dem Friedhof von Biedermannsdorf beigesetzt. Ich habe sein Grab nie besucht.

Wenn ich jetzt zurückdenke und mich zu erinnern versuche, sehe ich nur Schemen im Nebel, die sich bewegen. Manchmal treten sie deutlicher hervor, besonders dann, wenn meine Erinnerungen an sie mit starken Gefühlen verbunden sind. Walter, Fritz, Yilmaz, die Jägersberger-Brüder. Diese tiefe Verbundenheit und die Angst vor der Verbundenheit. Unsere Wildheit, die nirgendwohin konnte. Heimlich getrunkenes Bier im November, nächtliches Schwimmen im August, Langeweile im Februar. Nostalgie von Teenagern im Oktober, wie ich sie später in Kurzgeschichten von Ray Bradbury wiederfand. Ich hatte nie wieder im Leben solche Freunde wie in meinen Teenagerjahren in Biedermannsdorf, aber großer Gott, wer hat das schon?

Contact – Alienjäger

Contact – Die Alienjäger

Ich stelle mir das so vor. Da gibt es einen Ex-Militär und einen ausrangierten Investigativjournalist und einen Ex-Geheimdienstler. Die haben ihre Jobs gekündigt oder wurden entlassen, eventuell konnten sie finanziell vorsorgen aber sie finden keine Arbeit mehr. Scheiße, was tun? Da sitzen sie und scrollen gelangweilt im Internet herum, finden einander in Diskussionsforen und verabreden sich mal auf ein Bier oder zwei, in irgendeinem Truckstop, und ja, da sitzen sie dann und reden und kommen auf die Idee, wie sie ein Geschäftsmodell aufziehen können, und damit nicht nur Geld scheffeln, sondern auch so etwas wie Gurus werden können.

  • Sie suchen sich ein Quartier, das martialisch ausschaut, und stapeln dort technisches Equipment aufeinander. Alte Lager- oder Maschinenhallen bieten sich an. Dort tun sie dann so, als ob sie an ihren schicken MacBooks ernsthaft recherchieren. 70 % des eingespielten Bildmaterials geistert schon seit Jahren im Netz herum und sind entweder schäbige Fakes oder Dreck auf der Linse oder Lenseflares.
  • Sie suchen im Internet in diversen Verschwörungsforen nach aufregend klingenden Geschichten über UFO-Sichtungen und picken sich die Vielversprechendsten heraus.
  • Dann inszenieren sie sich als para-staatliche Untersuchungsorganisation mit Sonderbewilligungen und verschaffen sich eine Aura der Respektabilität durch ihre ehemaligen Jobs
  • Am Ort suchen sie Kontakt zu Augenzeugen und anderen, die die Geschichte irgendwie auffetten können, drehen mit Handkameras verwackelte Found-Footage-Videos, gerne auch mit Infrarot oder am Kopf fixiert mit Fokus auf das Gesicht des Forschers – Dramaturgie, check.
  • Sie geben es natürlich nie zu, aber es ist so: Sie finden nie etwas, sie können keine abschließende Erklärung abgeben. Das gehört zum Konzept: Es bleibt immer die Möglichkeit offen, dass eben doch etwas dahinter steckt und die mutigen Forscher von sinistren Kräften daran gehindert wurden, die letzte Tür zur allumfassenden Wahrheit aufzustoßen. Es bleibt immer ein hingehauchtes: «Und doch könnte es sein …»
  • Das gefilmte Material bieten sie, ähnlich wie Schriftsteller ihre Romane, unterschiedlichen Sendern an, und wenn dann mal ein Vertrag eingesackt ist, über sagen wir mal, drei Staffeln, haben die Leute ausgesorgt. Der Sender stellt den Sendeplatz zur Verfügung, finanziert den ganzen Spaß mit Werbung quer, das finanzielle Risiko liegt in erster Linie bei den Videoproduzenten.
  • All diesen Formaten ist gemein, dass sie mehr Fragen stellen als Antworten liefern, und dass sie zu 80 % aus Ankündigungsgetöse bestehen. Die restlichen 20 % der Sendezeit teilen sich Werbung und verwackelte Kamerabilder, die von dramatischer Media-Venture-Musik untermalt wird.
  • Sie berufen sich auf Erich von Däniken, und dass allein ist schon ein hochnotpeinlicher Offenbarungseid.
  • Und sie stellen sich niemals die Frage, niemals ernsthaft, welchen Grund eine außerirdische Zivilisation haben könnte, Lichtjahre in Generationenraumschiffen durchs All zu fliegen (Lichtgeschwindigkeit ist auch zehn Millionen Lichtjahre von der Erde weit weg noch immer ein Naturgesetz und die höchste Wirkungs- und Transportgeschwindigkeit), vielleicht sogar zwanzig oder dreißig Generationen lange zu reisen, um dann hier herumzugeistern, Schabernack zu treiben und Leute zu erschrecken, Kühe umzubringen und biedere Hausfrauen mit sexuellen Experimenten an den Rand des Herzinfarkts zu manövrieren.

Und was soll ich sagen? Es scheint zu funktionieren. Ich meine, echt jetzt! Das wird allen Ernstes diskutiert, was die an Fake-Material zusammenkleben und veröffentlichen. Längst widerlegte Annahmen und urbane Legenden, neu aufbereitet und wichtigmacherisch inszeniert, jedoch so hohl und unergiebig, dass man kotzen könnte. Man fühlt sich so richtig geil verarscht von denen. Na ja, nicht alle. Manche diskutieren, wie ich oben schrieb, mit heiligem Ernst darüber. Und selbstverständlich kommen sie in keiner ihrer Diskussionen zu einem Konsens, zu einer abschließenden Erkenntnis. Das ist ja auch gar nicht der Sinn hinter solchen Debatten. Hier soll nichts abgeschlossen werden, sondern sich weiter ewig im Kreis drehen, ein Karussell aus Vermutungen, Annahmen, Glaubensbekenntnissen und Freude an gänsehautfördernden Verschwörungstheorien.

Evidenzen

Contact – Die Alienjäger, Folge Unerwartete Nasa Präsenz

https://www.fernsehserien.de/contact-die-alien-jaeger/folgen/1×03-unerwartete-nasa-praesenz-1376906

Die «Alienjäger» gehen einer Legende von 2007 nach, als Milliarden Liter Wasser aus einem Stausee in den Bergen Chiles verschwanden. Sie gehen Geschichten nach, in denen behauptet wird, UFOs hätten das Wasser abgezogen. Sie stellen diese Geschichten nicht infrage sondern versuchen, sie zu beweisen.Wissenschaftlich erklärt sich das Thema mit dem verschwundenen Wasser wesentlich weniger aufsehenerregend: Ein Riss im Steinboden des Sees nach einem Erdbeben:

In dieser Folge wird dann fast gezwungenermaßen darauf eingegangen, dass der See, aus dem das Wasser verschwand, eine Kaldera, und dass die ganze Gegend vulkanisch ist. Das bedeutet aber nicht, dass sie die UFO-Geschichte fallen lassen. Denn dann kommen sie mit dem Spin, dass es vielleicht einen Zusammenhang gibt zwischen UFO-Sichtungen und vulkanischer Aktivität.In dieselbe Kerbe schlagen auch die Macher von Ancient Aliens. Da tut sich ganz besonders der Schweizer Autor Giorgio A. Tsoukalos hervor, der dem Grundsatz folgt: Flood the zone with shit. Nur Fragen, Mutmaßungen, Gerüchte, irreführende Beweise, und wieder aufgewärmte Rätsel, die schon lange wissenschaftlich gelöst wurden. Da helfen auch die scheinbar selbstironischen Postings auf seinem Instagram-Profil nichts. Der spielt einfach mit den Erwartungen, Hoffnungen und Träumen von Millionen von Menschen, die sich Informationen wünschen, die nach Dokumentation suchen und nicht nach an den Haaren herbeigezogenen Fake-Geschichten.

Bilder die wir nicht geschossen haben

Havanna im Wolkenbruch
Ein Mann auf der Straße
mit bloßem Oberkörper
wäscht sich im Regen den Kopf
Unter dem Wasserstrahl einer Regenrinne

Ein kleines Mädchen
mit orangenem Kleid
tanzt mit den Regentropfen
drei Jungs jagen sich
lachend über die Straße

Im Cafe Floridita
erwacht die Bronzestatue
von Ernest Hemingway
und prostet mir zu

Fotogene Jungs lächeln
sepiafarben in den Tag und
ziehen für niemand im speziellen
die T-Shirts hoch

Ein bartflaumiger Polizist bohrt
in der Nase und starrt Che Guevara an
Fidel erwartet die Heimat oder den Tod
und findet beides

Die Wolken ziehen weiter
der Regen darunter
wie ein nasses Kleid
schleift über die Inseln im Strom

Ent-Organisieren

Auf Twitter folge ich unter anderem den freundlichen Jungs und Mädchen von notion.so, weil ich deren Tool jetzt zur Selbstorganisation nutze. Das und die Beechmore Notizbücher. Das führt dazu, dass ich oft die Twitterbeiträge von Leuten lese, die ich nicht abonniert habe, und die in ihren Tweets auf Notion verweisen. Heute Abend las ich einen Blogeintrag eines Notion-Users, der beschreibt, wie er Papiernotizbücher und Notion parallel nutzt. Er geht sehr strikt vor, sehr durchorganisiert. Auf mich wirkt seine Selbstorganisation so, als würde er die Administration seines Lebens und seiner Arbeit zum Selbstzweck betreiben. Das heißt, er organisiert nicht, weil sein Alltag so viel Organisation braucht, sondern weil es ihm Spaß macht, sich zu organisieren.

Daran ist aus meiner Sicht nicht viel auszusetzen, außer, dass man damit die Zeit zukleistert, die man sich eigentlich durch gute Selbstorganisation freischaufeln wollte.

Ich versuche das einfach zu halten. Zuerst mal trenne ich strikt beruflich von privat. Für meine berufliche Tätigkeit stellt mir das Unternehmen, für das ich arbeite, Tools zur Verfügung, die ich bestmöglich nutze. Meine Hauptbühne ist hier OneNote.

Privat halte ich es so: Was privat ist, ist privat und bleibt auch privat. Also mit der Hand über die Füllfeder ins Notizbuch. Das, was ich veröffentlichen will, kommt in Notion und von dort dann zB hierher nach WordPress. Das mache ich deshalb so, weil ich ein Archiv haben will, in dem ich Texte sammle. Schreibe ich an einem Roman, kommen Ideen, Entwürfe, Grübeleien udgm ebenfalls ins Notizbuch. Und damit hat es sich. Ich habe keinen Zeitplan, wann ich was wohin schreibe, wie oft und zu welcher Gelegenheit. Ich lasse es gerne fließen, wie schon Ultravox so schön sang:

Das scheint mir oft die beste Lösung zu sein, wenn es irgendwo klemmt und hakt: Loslassen, zurücklehnen, Kaffee trinken und sich entspannen. Darin bin ich mittlerweile wirklich sehr gut – in Sachen Entspannen bin ich famos.

Also denkt dran Leute: Bei der Selbstorganisation ja nicht die Arschbacken zusammenkneifen. Ihr schreibt keine Bibel und nur die wenigsten Sätze, die man schreibt, entwickeln diese alttestamentarische Wucht, die man bei Hemingway fand, oder Gabriel Garcia Marquez. Nehmt das Schreiben einfach als das, was es für Stephen King ist: ein Akt des gewollten Verstehens.

Die Musik des kalten Universums

Immer wenn ich an einem Roman schreibe, egal wie lange, habe ich eine bestimmte Musik im Kopf, und je länger ich dran schreibe, desto mehr Musik sammelt sich an, die ich dann mal auf Deezer zusammensuche und zu einer Playlist umwandle. Soweit bin ich hier noch nicht, aber es gibt ein paar Musikstücke, die mich begleiten, wenn ich über die Handlung nachdenke. Das hier zum Beispiel ist aus dem Film First man, komponiert von Justin Hurwitz, als Piano Cover von Noud van Harskamp:

Für mich untermalt diese Musik die Szenen, in denen ich Ibrahim und Karim einführe; ihr ruhiges Leben in der französischen Provinz. Ein wenig langweilig, sehr melancholisch.

Das Musikstück, das für mich perfekt die Szenen der Landung der Außerirdischen untermalt, die Panik, Verwirrung und das Entsetzen, wurde von James Horner für den Film Deep Impact komponiert: Our best hopes

Direkt anschließend, als die Helden in eine der Fähren verfrachtet wurden und der Boden durchsichtig wird und sie die Erde unter sich schwinden sehen können, erklingt dann Max Richter mit dem Titel To the stars:

Als die getrennten Helden sich wiedersehen, auf einem Kriegsschauplatz, wo sich der Staub gerade senkt und der Rauch sich lichtet, hört man Cristo Retendor aus Fast Five von Brian Tyler:

Das Thema für die „Grauen“, eine genetisch erzeugte Hybridrasse, die geschaffen wurden, um schwere Arbeiten außerhalb der Schutzschirme durchzuführen, kommt von Craig Armstrong und ist auf der extended Version seines Albums It´s nearly tomorrow: The sun gets down in L.A.:

Es drückt perfekt die melancholische Verzweiflung dieser Kreaturen aus, denen man zwar die Fähigkeit mitgegeben hat, sexuelle Erregung zu empfinden, aber keine Organe, um Sex zu haben oder sich durch einen Orgasmus Befriedigung zu verschaffen …

Epische Musik wiederholt sich bei mir als Untermalungsmusik immer, und ich höre sehr oft Max Richter, Olafur Arnalds und Nils Frahm -man merkt schnell, dass mir die melancholische Zeitlupe einer tragischen Szene gefällt …

Sensivity Reader und Literaturbubble

Echt. Man muss nur auf Twitter ein bisserl abseits der üblichen Lesepfade schmökern, da trifft man auf Sachen, da denkt man, das gibts nicht. Ne. Echt jetzt? Aber es gibt sie, und nicht nur das. Der formale Anspruch dieser zum Teil merkwürdigen Phänomene wird völlig witzlos, bierernst und mit Zähnen und Klauen verteidigt.

Es beginnt schon damit: Ich dachte, Leute, dachte ich, wir schreiben uns frei und streben der Freiheitsbewegung der Sechziger nach, und am Ende haben wir eine Gesellschaft geschaffen, in der es nicht mehr nötig ist, ja sogar irritierend, über die Sexualität zu schreiben und zu reden. Niemand muss sich outen, niemand muss sich stellen, Frau und Mann sind an Rechten und Pflichten gleich und es interessiert keine Sau, ob Du schwul, hetero, lesbisch, trans, transgender, unbestimmt, was weiß ich nicht noch alles bist. Du bist Du und so wie Du bist, ist alles in bester Ordnung.

Ja Pustekuchen.

Weil mir die politischen Twittereien schon ziemlich auf den Arsch gingen, habe ich Twitter erlaubt, mich zu inspirieren: zeig mir, was Du sonst noch so hast! Schwerer Fehler. Nicht nur, dass ich als Schriftsteller lernen musste, dass es eine Literaturbubble gibt, ich musste auch noch lernen, dass die Leute in dieser Bubble ganz furchtbar humorlos sind, sauertöpfisch und in einem Zustand der „jederzeit zu erwartenden Beleidigung“ durch die Korridore ihres Lebens taumeln. In diesen Bubble geht es aber dann auch nicht wirklich um Literatur, denn das könnte ich ja noch verstehen. Gestaltungsspielräume, Perspektiven, Erzählebenen, Realitätsebenen, der innere Erzähler, der äußere, der unentschlossene Erzähler, der unzuverlässige Erzähler … ja, aber um das alles geht es da nicht, sondern um Formalismen und Administration.

Was den Leuten in dieser Literaturbubble gemein ist: Sie knallen ihre Sexualität in die Headline ihrer Twitterprofile: Him/His, She/Her – ja wozu haben sich Generationen von schwulen Literaturschaffenden jahrzehntelang aufreiben und zermürben lassen? Wieso diese Wahnvorstellung, es würde irgendwen interessieren, mit wem man züngelt und fickt? Und dann hatte ich es: Weil es diesen Autorinnen und Autoren nicht um Literatur geht, nicht um gesellschaftliche Öffnung, Anerkennung durch Toleranz, sondern rein nur um sich selbst. Junge, sendungsbewusste Menschen, die sich verzahnen und vernetzen und Literatur nur als Vehikel verwenden, um über sich selbst monologisieren zu können. Vierundzwanzig Stunden am Tag, sieben Tage in der Woche. Immer und ununterbrochen. Ich ich ich, mir mir mir, meins meins meins, tagein tagaus: Ich will über meinen Schmerz reden!

Ja macht das mal und segnet Euch gegenseitig. In einer Welt, in der Korrektheit wichtiger wird als Wahrhaftigkeit, wenn Ihr das so dringend wollt, werdet Ihr vielleicht noch erleben, wie es ist, von den eigenen geistigen Kinder bei lebendigem Leib gefressen zu werden.

Ich meine, da gibt es scheinbar eine neue Jobposition, den Sensivity Reader. Ist quasi eine Art Lektorat auf politisch korrekt. Man könnte sagen, eine Art Gedankenkontrolle der miesesten Art. Da geht es nicht mehr um Glaubwürdigkeit und Dramaturgie, da geht es darum, ob im Manuskript etwas geschrieben wurde, das von Lesern möglicherweise und vielleicht beleidigend, klischeehaft und wertend wahrgenommen werden könnte. Bitte ja keinen Rassismus, keine schwulen Klischees, wurscht, ob es die in Wirklichkeit gibt oder nicht. Sie wehren sich gegen Vorurteile und Rassismus, Bevormundung und exklusive Sprache, haben aber selbst kein Problem damit, ältere Menschen mit einem schnoddrigen „Okay, Boomer“ abzukanzeln. Muss man sich auch geben: Gerade die, die tränen- und rotzverschmiert für #LM und #FFF kämpfen und schreien und die Straßen besetzen und die Hörsäle und Twitterthreads, sie alle haben kein Problem damit, jemand in die Parade zu fahren, sie oder ihn, weil er alt ist, stummzuschalten, abzukanzeln, abzudrehen. Wenn Du dann nicht verstehst, was all diese Begriffe sollen wie cis-Mann, woke, cancel culture, ja dann hast Du eh ausgeschissen bis in die Eiszeit.

Sensivity Reader*in, das muss ich mal sacken lassen. Ne, geht nicht. Was hilft all ihre sprachliche Sensibilität, ihre Rücksichtnahme und Inklusion, wenn sie am Ende das Klo nicht finden? Literatur kann so einfach sein: Schreibt gute Geschichten. Keine korrekten. Der Rest ist akademisch verbrämte Hirnwichserei, die keiner lesen will.

Was ich sehe

Eine mechanische Spieluhr, rostig auf Wüstensand
Ein glitzernder Tropfen auf sonnenmüden Wimpern
schweißnasse Pferde unter einem titanischen Himmel
eine betende Frau und einen unrasierten Mann

Eine tote Katze mit staubigen Augen
aus deren Bauch eine Ratte kriecht
zwei schwarze Jungs, die es in der Morgenbrandung treiben

Die Spieluhr kratzt und spielt
alte Augen suchen die Weite ab
die Zeit flimmert, wo die Wüste endet
und das Meer beginnt

Ein Junge schleppt Seile
zusammengerollt den Bootssteg entlang
Wellen schlagen müde die Boote
Sand weht über einen Steinweg
die Wellen sind weiß und zerschlagen die Zeit

In meinem alten Moleskine von 2011 gefunden, geschrieben am 1.7.2011 in Havanna.

Moleskine 2011
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Farbspiele

Vorwort

Man muss bei mir nicht lange nachforschen und nachdenken, in welche Richtung ich politisch tendiere, aber für alle, denen man das nicht deutlich genug machen kann: Ich bin linkskonservativ. Ha. Schon mal gehört? Also gut. Ich komme aus einer katholischen Familie, in der nicht der Katechismus an oberster Stelle steht, sondern die gesellschaftlichen Werte des „guten“ Christentums. Ich bin mit den Werten aufgewachsen, die man nicht nur den christlichen, sondern auch den anderen abrahamitischen Religionen zuschreibt, und die unterschiedlich formuliert sind: Treue, Barmherzigkeit, Gerechtigkeit, Gastfreundschaft, Mildtätigkeit. Das, was man an mir linksliberal bezeichnen könnte, beruht auf einer durch und durch christlich.traditionellen Erziehung. Jesus war ein Linker, und wer heute das Christentum heranzieht, um rechtsnationale Werte zu verteidigen, finde ich, würde auch seine Mutter verkaufen, wenn es der Ideologie gefiele.

Achterbahn in Österreich

Als Linkskonservativer bin ich ein erklärter Gegner dieser Regierung, weil sie alles verhöhnt, was mir als Bürger und Mensch wertvoll und richtig erscheint: Diskretion, Ordnung, Seriosität, Weisheit, Voraussicht … all das ist den Leuten um Sebastian Kurz beim Arsch egal. Mildernd kann ich nur anführen, dass wir nach dem 2. Weltkrieg, aber spätestens nach Kreisky, fast nur noch Schönwetterpolitiker hatten. Die eingeschworene Riege um Kurz ist quasi die Slimfitversion des Schönwetterpolitikers, der, braungebrannt und klimatisiert, dem Typus des unendlich arroganten, mercedesschlüsselschwingenden Angebers entspricht, die ich schon als Jugendlicher zutiefst verachtete; diese Typen, die bei den ersten warmen Frühlingstagen in den Gastgärten der In-Lokale im 1. Bezirk sitzen und gleichzeitig billig und auftoupiert wirken, obwohl sie teuer und mysteriös wirken möchten und immer ganz auffällig zu ihren Autos rüberschauen – ob sie eh noch da sind. Und diese Schönwetterpolitiker, egal welcher Partei sie angehören, sie alle sähen in einer Regierung blass aus, wenn sie von einer solchen Epidemie überrollt würden.

Und über die Politik reden ja nicht nur Politiker sondern auch die Bürger und die Journalisten. Da auch die linksliberalen Grünen in der Regierung sind und unser UHBP Alexander van der Bellen ein ehemaliger Grüner ist, wird oft die Frage laut gestellt: „Was sagt denn der Herr Bundespräsident dazu, hä?“ Natürlich ist die Frage rhetorisch. Sie dient nur als Vehikel, um nicht nur die Regierung zu kritisieren, sondern auch dazu, den Bundespräsident die Frisur zu zerzausen. Und damit komme ich zu den Farbspielen.

Was tun?

Ja eben. Was? UHBP könnte die Regierung abberufen. Um damit was zu erreichen? Eine Übergangsregierung könnte die Verwaltung Österreichs übernehmen, das hat schon einmal sehr gut geklappt. Und was dann? Dann kommen Neuwahlen und es ist nicht von der Hand zu weisen, dass die Chancen sehr gut stehen, dass Sebastian Kurz samt seiner neuen Volkspartei erneut als stärkste Partei aus der Wahl hervorgehen. Ja und was dann? Folgerichtig wäre, dass UHBP Kurz mit der Regierungsbildung betraut. Dann würde ein Aufschrei durch halb Österreich gehen: „Deswegen sind wir wählen gegangen?!“ Betraut er jemand anderen, wie zum Beispiel Pamela Rendi-Wagner, geht ein Aufschrei durch die andere Hälfte: „Wir habens ja gewusst! Der hebt die linke Aushilfsärztin an die Spitze! SKANDAL!“ Eine Regierungskonstellation ohne der neuen Volkspartei wird es nicht spielen. Eine Neuauflage von Türkis-Blau? Wird wegen der Positionierung der FPÖ bezüglich Corona und EU gar nicht gehen. Mit den Türkis-Rot? Wenn die Roten einen Funken Anstand haben, würden sie ein solches Ansinnen von Kurz schallend lachend ausschlagen. Nochmal Türkis-Grün? Sorry, wie grausam kann man jemand ficken, bis er aufgibt? Ein Lösungsansatz wäre eine innere Revolution in der ÖVP, die Sebastian Kurz und seine Buben ins Ausgedinge schicken und die Spitze der Partei pragmatisch und österreichorientiert aufstellen. Dann wäre auch eine Annäherung mit der SPÖ möglich. Was wäre mit Rot-Blau? Würde sich wahlarithmetisch nicht ausgehen. SPÖ-FPÖ-NEOS? Das geht ideologisch nicht zusammen.

Was also soll UHBP tun, außer wütend zu schweigen? Abberufen kann er die Regierung nicht, weil es keine Alternative gäbe außer einer dauerhaften Übergangsregierung. Und das Gewissen der Nation kann er auch nicht geben und sie ermahnen. Die Türkisen schütteln sich ab wie nasse Hunde und machen weiter wie gehabt, und Österreich denkt bitter: „Ned Du Du sagen, Du Grüßaugust! Hau sie raus!“ Womit wir wieder bei Problem Nummer 1 angekommen sind: Was käme nach? Und würden wir das wollen, was da nach käme?

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Roman schreiben mit Microsoft 365

Ich verwende für das Rohmanuskript Papyrus Autor, bin aber derzeit in einer intensiven Phase der Überarbeitung mit meinem Lektor, und dafür nutzen wir WinWord. Ich habe Microsoft 365 abonniert und verwende davon in erster Linie Word, Excel und Outlook. Und zwar sowohl auf dem Desktop Rechner (Win10) als auch auf dem MacBook Air.

Ich habe vor etwa drei Wochen das CloudService gewechselt. Von Dropbox zu OneDrive – Hauptgrund ist, dass mir der Autosafe-Mode von OneDrive gefällt. Mehr Speicherplatz gibts dort auch.

Es gibt unzählige Apps und Tools, die man als Schriftsteller nutzen kann, um am PC oder MAC seinen Roman zu schreiben, und Papyrus Autor ist sicher der Bentley unter den Schreibprogrammen. Tatsache ist aber auch, dass man sehr gut mit WinWord Romane schreiben kann – und man erspart sich das Exportieren in ein allgemeineres Format, sobald man mal mit dem Verlag am Manuskript arbeitet. Anhänger von Dropbox Paper läuten schon das Ende des dokumentbasierten Arbeitens ein, was auf mich eher wie herbeigeschrieben wirkt, denn als logische Schlussfolgerung.

Grundsätzlich traue ich Lösungen nur wenig, die per se die Früchte meiner Arbeit in irgendeiner Form nur in der Cloud speichern, also nicht einmal mehr Daten erstellen (Paper oder Google Docs): Ich hab die Dateien eben lieber als Links, die auf irgendetwas verweisen, aber nicht direkt fassbar ist.

Würde ich beispielsweise mein nächstes Romanprojekt mit Microsoft 365 schreiben, würde ich auf alle Trödeln und Quasten verzichten, die Seite so konfigurieren, dass sich gerade 1550 Zeichen inklusive Leerzeichen auf einer Seite ausgehen, mit 1,8 Zeilenabstand und Constantia als Schriftart. Dann würde ich noch zwei Excelsheets erstellen, um die Timeline im Auge zu behalten und die Figuren grob zu skizzieren. Ich habe nie wirklich viele Personen in einem Roman, verwechsle aber gerne mal Augen- oder Haarfarbe, Alter, Herkunft und so weiter. Außerdem ist es eine Art entschuldbares Prokrastinieren, wenn ich an den Charaktereinträgen herumwurstle.

Die Charaktermappe hat auf dem zweiten Tab Werte eingetragen, die auf mich zugeschnitten sind, bzw auf meine Arbeitsweise. Das kann jederzeit geändert werden.

Es gibt natürlich tolle Programme wie zB Aeon Timeline, doch für mich tut es auch eine Tabelle, in der ich auf einen Blick sehe, wer was wann tut oder erlebt. Um ehrlich zu sein, ich würde schon gerne mit Aeon spielen, schrecke aber davor zurück, für Herumspielerei über 40€ auszugeben.

Ja und dann fangt man einfach an zu schreiben, macht Kapitelüberschriften, fügt Anmerkungen hinzu und ändert die Farbe der Absätze und Textstellen, die man eventuell kürzen will. Ich färbe zB hellgrau, was ich als kürzenswert ins Auge fasse. Wichtig ist mir, so unaufwändig wie nur möglich, keine Formatspielereien, linksbündiger Fließtext und passt. Immer im Kopf behalten: Ihr schreibt die Geschichte, daraus ein Buch zu machen, ist Aufgabe des Verlags.

Gehts genauer, bitte?

Ja, eh. Wenn man das alles nüchtern betrachtet und alle trödeln und Quasten beiseite lässt, dann ist ein Roman nicht mehr als eine Abfolge von Seiten, die mit Buchstaben gefüllt sind. Ein Auseinanderdividieren des Textes in Teil, Kapitel, Szenen, Absätze und Sätze erfolgt durch den Verfasser und dient entweder der leichteren „Administration“ des Textes, oder dessen Lesbarkeit. In irgendeinem der Bücher über das kreative Schreiben habe ich mal gelesen, dass die durchschnittliche Aufmerksamkeitsspanne eines Lesers nur ein paar Sekunden beträgt. Das bezieht sich auf die Länge eines Satzes. Ein Leser, der einen Satz liest, erwartet schon zu Beginn des Satzes, innerhalb einer ihm angemessen scheinenden Lesezeit einen Abschluss zu finden. Um zum nächsten Satz vorwärtszuschreiten. Deshalb ist es grundsätzlich gut, seinen Text zu segmentieren. Wie haben die das früher gemacht, ohne Winword oder überhaupt einem PC? Relativ simpel. Schreibmaschine: Du schreibst Deinen Text, nennst ihn Kapitel „Mein erstes Kapitel“. Dann nimmst Du ein leeres Blatt, schreibst „Mein erstes Kapitel“ drauf und benutzt es zusammengefaltet als Umschlag für die dreißig oder vierzig Seiten dieses Kapitels. Da der Zettel weitgehend leer ist, schreibst Du halt dann drauf, welche Schlüsselszenen drin vorkommen, welche Personen, was die Personen tun. Du kannst notieren, ob im Kapitel Fährten gelegt werden, ob es aktive Vulkane gibt (also Szenen, die die Handlung vorantreiben, oder passive Vulkane, die das Setting umschreiben und grundlegende Stimmungen erzeugen. Auf so einem Schmierzettel ist Platz, ehrlich.

Aber wir haben ja Computer, und am Wichtigsten bei der Administration der Schriftstellerei erscheint mir: Keep it stupid, simple! Lass das Blatt luftig sein: Dreißig Zeilen und sechzig Zeichen (ink. Leerzeichen) pro Blatt sind genug. Linksbündig, Flattersatz, einfach unterstrichene Kapitelbezeichnung. Auch wenn Programme wie WinWord oder Papyrus dazu verführen, weil sie so viel können: Was zählt, sind die Basics, die ein komfortables Arbeiten ermöglichen.

Funktionen

Was kann WinWord alles, was ich als Schriftsteller brauchen kann? Eigentlich fast alles:

  • Text aufnehmen
  • Text verwalten
  • Text formatieren
  • Korrigieren (Die neue Editor Funktion ist ziemlich sehr gut)
  • Markieren
  • Kommentieren
  • Strukturieren

Was Winword nicht beherrscht und dafür pipifein in Papyrus Autor gelöst ist, das ist die Verlinkung von Text zur Datenbank. Hier kann man Personen- oder Ortsnamen mit einem Eintragt in der Personen- oder Orte Datenbank verknüpfen. Heißt: Hast Du einen Charakter namens Peter in Deinem Roman, und Du schreibst den Namen im Manuskript, wird aus dem Wort ein Link, weil Papyrus intern einen entsprechenden Eintrag in der Datenbank gefunden hat. Hoverst Du nun über den Namen, geht ein Overlay auf und Du kannst eine Zusammenfassung des Charakters plus Foto sehen. Das tanzt Papyrus keiner nach. Derselbe Schmäh funktioniert auch bei Ortsnamen. Hast Du in der Datenbank Informationen über den Ort angelegt, wird der Ortsname zum Link und zack die Bohne, geht beim Drüberhovern ein Overlay auf.

Das ist an und für sich schon ziemlich geil, zwingt mich aber nicht, Papyrus zu verwenden, vor allem wenn man berücksichtigt, dass ich bis auf wenige Ausnahmen nur Romane schreibe, in denen es um wenige Menschen geht. ich bin nicht so der Epenschreiber, der zweihundert Charaktere verwalten muss plus riesige Landkarten einer erfundenen Welt.

Ich habe in den Entwicklerforen von Microsoft 365 schon öfter angeregt, einen engere Verzahnung zwischen WinWord oder Excel und OneNote einzubauen, so dass man beispielsweise in Kommentaren in WinWord auf eine bestimmte Seite in OneNote verlinken könnte – aber irgendwie stellen die sich stumm und taub. Wurscht.

WinWord zu nutzen, hat für mich auch etwas mit Ästhetik zu tun. Mir gefällt das flache, nüchterne Design sehr gut – irgendwie kommt mir vor, ich habe in WinWord mehr Raum, um zu schreiben. Okay, ich bin schon ein ziemlich eigener Typ …

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