Das mit der Ungenauigkeit

Ich weiß ja nicht, wie das in anderen Ländern so ist, aber mir als Wiener fällt schon auf, dass wir ein Volk der gepflegten Antipräzision sind. Genauigkeit ist nicht so unseres. Das kann mehrere Gründe haben. Einer ist gewiss die Scheu vor der Verbindlichkeit. Genaue Angaben zu machen, ist verbindlich.
„Wann kommst Du?“ „Na so um fünf herum!“
ist jedenfalls unverbindlicher als zu sagen: „Ich bin um 17:00 bei Dir!“

Eine weitere Ursache für die sprachliche Ungenauigkeit, abgesehen von der Tatsache, dass unsere Sprache das einfach erlaubt, ist, die Verantwortung abzugeben. Verantwortung ist nämlich auch nicht so das unsere. Man kann mit der Verantwortung an die Wand genagelt werden, und das mögen wir Wiener, die es gerne gemütlich haben, ja nun mal gar nicht.
„Kannst Du bitte ein Brot kaufen gehen?“ „Wo soll ich es denn kaufen?“ „Na irgendwo!“ „Und welches?“ „Na irgendeines. Kauf halt bitte irgendwo ein Brot.“
Ja und das machst du dann. Du gehst irgendwohin und kaufst irgendein Brot. Na mehr brauchst nicht, und wenn du heimkommst, hängt der Haussegen schief, denn: „Wo hast du denn das Brot gekauft? Das wollte ich doch gar nicht!“
Ach ja.

Vor etwa neunzehn Jahren arbeitete ich etwa neun Jahre auf der Bühne der Wiener Volksoper. Zuerst als Bühnenarbeiter, dann am Schnürboden. Der Unterschied ist nicht wesentlich. Beim Job als Bühnenarbeiter wird man von den Kollegen mehr gesehen und arbeitet mehr im Team, am Schnürboden, so war die landläufige Ansicht, war man aufgrund der Lage des Arbeitsplatzes in den Galerien hoch oben irgendwie auch versteckt; man stand daudrch aber auch stets im Verdacht, sich vor der schweren Arbeit unten auf der Bühne zu drücken. Und als wir damals die ganzen Bühnenlatten noch händisch bedienten (Deshalb Schnürboden), war das auch ein Knochenjob, denn man musste die in den Zuglatten verhängte Dekoration auf dem Gewichtsschlitten mit Gegengewicht austarieren. In manchen Fällen setzte man da als Gewichtsmann (Das war mein Job) bis zu eineinhalb Tonnen Gewicht um. Das war ganz besonders spannend, wenn eine Dekoration einer neuen Aufführung zum ersten Mal eingerichtet wurde und die Gewichtsangaben noch fehlten. Die Angaben des Bühnenmeisters beim Anheben der Dekoration durch den Mann am Seil jedenfalls waren legendär und wahre Spielwiesen der Wiener Ungenauigkeit:
„Geh den Siebzehner, der vertragt noch ein Tupferl, mit Gefühl, ja?“ „Passts jetzt so, Peppi?“ „Na, ein Äutzerl noch, ganz weich, a bissl was geht no, und guat is!“
Die Position wurde dann am Zugseil mit einem roten Terminband markiert – so ungefähr halt. Kleiner Insider: ein rotes Stoffband am rechten Obearm hatte die Bedeutung: Bin zu besoffen für Arbeit. Lasst mich alle in Ruhe!

Die Ursache für diese Ungenauigkeit ist dann der augenzwinkernde Schlendrian, der zwischen beruflicher Erfahrung, Jägerlatein und „Ist mir wurscht“ oszilliert.

Dasselbe gilt beim Stammwirt (als wir noch zu Wirten gingen, im Schanigarten saßen und im Sommer den Schatten der alten Bäume genossen). Ich trinke dort ganz gerne einen Gespritzten. In Deutschland nennt man das Weißweinschorle, soviel ich weiß, wobei ich den Begriff unglücklich finde. Ich kann mit dem Wortteil Schorle rein gar nichts anfangen. Wo kommt das her? Ein weißer Gspritzter ist eindeutig. Weiß steht für die Farbe des Weins, und gespritzt heißt, dass der Wein mit Sodawasser aufgespritzt wird. Und wenn du dann mit der Wirtin befreundet bist (Servus Bella!), zu der du schon lange gehst, die sich manchmal dazusetzt, um Schmäh zu führen, und du bestellst einen Gspritzten, dann kommt unweigerlich: „Sommergspritzter?“ Und ich dann so: „Naja, einen Tupfer mehr, weißt eh.“ „Jo eh Peter, ein Nagerl drauf, gell?“
Und ich nicke und fühle mich verstanden. Und wenn uns jemand dabei zuhört, sind wir als Volldeppen abgestempelt.Wir sagen nicht: Jemand ist dumm, wir sagen: „Na der hat aber Pech beim Denken!“ Wir sagen nicht: „Der hat keine Prinzipien!“ sondern, „Der ist situationselastisch.“

Und so geht das dahin mit der Ungenauigkeit der Wiener, die bei uns schon fast Prinzip ist. Und ohne Prinzipien kommt man in Wien nicht aus. Außer, man ist … ein bisserl elastisch.