Zeitungen

Zeitungen und Boulevard

Früher dachte ich, Zeitungen sind dazu da, zu informieren, was in der Welt geschieht. Wo man darüber informiert wird, was man nicht im eigenen Umfeld erfährt. Echte Zeitungen kommen diesem Anspruch wahrscheinlich sogar nach, der Boulevard aber driftet unter voller Besegelung ab. Ich denke, es war der Gründer der SUN, der postulierte, dass nicht der Leser der Kunde seiner Boulevardzeitung sei, sondern das Produkt. Der wirkliche Kunde sei der Werbekunde.

Der Leser ist das Produkt

Auf die Spitze wird dieses Geschäftsmodell mit den Online-Versionen der Tageszeitungen getrieben. Und ganz exemplarisch sticht dabei die Tageszeitung HEUTE hervor. Nachrichten findet man dort kaum noch, eher Bassenatratsch und Hörensagen, Gerüchte, Erfundenes und Irres. Und, das haben die bei HEUTE ganz geschmeidig geregelt, fast die Hälfte der Inhalte kommt von sogenannten Leser-Reportern. Das gibt es zwar schon länger, aber HEUTE hat das kultiviert – im negativen Sinn. Ein Leser-Reporter ist man, wenn man auf der Straße irgendetwas sieht, und, statt die Polizei zu verständigen, Fotos und Hinweise an HEUTE schickt. Mit viel Glück bekommt man dafür 50€. Damit wird das Geschäftsmodell geschliffen und abgerundet:

Leserreporter

Aufgeregte Bürger werden zu Leser-Reporter und berichten, das, was sie aufregt, für Menschen, die sich ebenso darüber aufregen, egal, wie bedeutsam das Berichtete ist, oder wie banal. Die Institution des Leser-Reporters fördert die Unkultur des Blockwarts und des Feiglings, der statt zu helfen, lieber berichtet und sich empört. Das führt dann zu Irrwitz wie zum Beispiel zu der Geschichte des Leser-Reporters, der auf der Mariahilferstraße einen Mann fotografierte, der angeblich junge Frauen heimlich fotografierte. Die Anschuldigung war nur behauptet und nicht belegt, doch das Foto des unbekannten Mannes erschien in der HEUTE und brachte dem anonymen Fotografen 50€. Wenn jemals Zeitungen dazu da waren, die Haltung und Moral der Menschen zu formen und zu stärken, so sind sie heute in erster Linie für die Kultivierung seiner absonderlichen Schäbigkeit zuständig. Es geht auch schon lange nicht mehr um den Informationswert einer Nachricht, sondern um seinen Empörungswert. Zeitungen wie HEUTE wollen nicht mehr informieren, denn das ist viel zu langweilig, kosten- und arbeitsintensiv und es interessiert keinen; HEUTE will empören, denn die Macher hinter der Zeitungen wissen genauso gut wie die Redakteure hinter der KRONE und ÖSTERREICH: Aufmerksamkeit generiert man über Verärgerung. Psychologen wissen das längst und haben in entsprechenden Funktionen die Programmierer von Facebook, Twitter und Instagram beraten. Nur das „Das darf doch alles nicht wahr sein“ Gefühl lässt einen Leser unermüdlich weiter nach unten scrollen, am rechten Bildschirmrand immer die Werbung.

Infantile Sprache

Um den Lesern griffige Floskeln an die Hand zu geben, die man später im Familienkreis oder im Wirtshaus nutzen kann, greifen immer mehr dieser Onlinezeitungen zu infantilen, dämlichen Begriffen. Da wimmelt es dann vor Messer-Männer und Krawall-Chaoten und Krawall-Männer. Und der Superlativ ist normale Lautstärke: In den sozialen Medien gibt es einen Riesen Wirbel, weil sich ein paar User über einen anderen User unterhalten, da eskaliert etwas völlig, es gibt nur noch Erdrutschsiege und explodierende Empörung, jeder Kritiker wird zum Wutbürger, und ältere Wutbürger, werden je nach Geschmack des Redakteurs, zur Wutoma oder zum Wutopa.
Waren Zeitungsredakteure früher einmal quasi Verwalter von Neuigkeiten, sind sie heute bestenfalls Regalbetreuer. Eine Branche demontiert sich selbst, geifert gegen die wenigen, noch existierenden Qualitätsmedien und suhlt sich wie eine Sau in der eigenen Scheiße, im Geschäftsmodell der Empörung.

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