Neue Freiräume

Die Medien nutzen die Corona-Epidemie wie eine Harfe. Alle Medien, seien sie nun sozial, digital oder akustisch, seien sie gedruckt oder was auch immer. Sie befassen sich nicht nur mit den Zahlen und der Politik rund um die Epidemie, sondern bis zu einem gewissen Grad auch damit, wie die Epidemie – oder besser gesagt, die Maßnahmen gegen die Epidemie durch die Regierung – sich auf uns Menschen auswirkt. Konzentrationsschwäche, Nervosität, Unruhe, Depressionen quer durch die Bank: Kinder, Jugendliche, Erwachsene, Frauen und Männer.

Das liegt meiner Meinung nach nicht nur an den Einschränkungen durch die Regierung, die in die Lebensgestaltung und in die höchstpersönlichen Freiräume der Menschen eingreifen, sondern auch an den sich widersprechenden Nachrichten, wo sich validierbare Informationen mit Willensbekundungen mischen, Annahmen auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse mit Verkettungen von Glaubensbekenntnissen und bürgerlicher Wut.

Die Boulevardmedien, die in Österreich von der Politik durch Werbung finanziell gefüttert werden, tragen das ihrige dazu bei, die Spannungskurve und den Frustrationspegel in der Bevölkerung hoch zu halten, und zwar aus mehreren Gründen:

  • Schlechte Neuigkeiten sind gut; sie binden den Leser
  • Das Dauergetrommel in Sachen Corona übertönt alles andere. Zumindest bis jetzt. In Österreich bahnt sich auf einem populären Nebenschauplatz ein Politikskandal an, den man gerne mit Corona-News zuscheißen würde. Das gelingt aber nicht
  • Entmutigte Bürger wenden sich zumeist dem zu, der im tiefsten Brustton der Überzeugung
    • Schuldige benennen kann
    • Erleichterung verspricht
    • In Aussicht stellt, dass die „alte“ Ordnung wiederhergestellt wird

Was mich verblüfft, ist, dass der bürgerliche Aufschrei nach der Wahrung persönlicher Freiräume vom verständlichen Bedürfnis zu einer Pose verkam. Verständlich, dass manche auf die Straße gehen und demonstrieren, noch verständlicher wäre es, wenn andere die Orte meiden, wo sie auf die Polizei treffen könnten, und meinetwegen im Wald campen, saufen und kiffen und Party machen.

Die Zahlen, mit denen die Vergehen gegen die Coronabestimmungen dokumentiert werden, sind irreführend, weil sie nur einen Teil der bürgerlichen Reizbarkeit abbilden. Es ist gut für die Politik und die angefütterten Boulevardmedien, dass Jugendliche dumm genug sind, auf dem Stephansplatz Fußball zu spielen, doch die Berichterstattung setzt uns Scheuklappen auf.

Statt darüber zu reden, wie krank es einen macht, in diesen Zeiten der „Cholera“ in seiner Beweglichkeit eingeschränkt zu sein, könnten die Leute doch darüber reden, wie sie sich selbst behelfen. Tun sie ja vielleicht auch, doch wenn, dann eher in kleinen Gruppen – was ja auch wieder ganz gut ist. Ziviler Ungehorsam ist edel, richtig und gut, wenn er nicht zum Schaden anderer gelebt wird. Sucht unattraktive Plätze und belebt sie; es hat wenig Sinn, die Freiheit darin zu suchen, am Samstagvormittag zum den Myrafällen oder zum Grünen See zu fahren.

Alles, was uns wegführt von der Meinungsplörre der sozialen Medien, ist gut, alles, was uns von der vermassten Meinung, die in den sozialen Medien breitgetreten werden, ist gut. Geht raus in die Wälder, folgt Thoreau´s Beispiel. Schaltet Handy und Tablet ab, lasst den Laptop zu Hause. Macht Euch unauffindbar, schreibt Gedanken in Notizbücher. Wir schafften das als Teenager in den frühen 80ern, und es war ein Teil unseres Selbstverständnisses, unauffindbar zu sein. Um sich neue Freiräume zu schaffen, die sich echt anfühlen, muss man zuerst einmal aus den virtuellen Freiräumen raus, die nur so tun, als ob. Das unselige zusammenwirken der bürgerlichen Selbstkontrolle via sozialer Medien einerseits und der Kontrolle durch den Staat wirken langfristiger und stärker, als man sich das vielleicht im Moment denken mag. Wir erstarren in der Befürchtung, gegen Regeln zu verstoßen, aus Angst, beobachtet zu werden. Neue Freiräume erobern bedeutet, sich unsichtbar machen.

Verlasst die sozialen Medien und werdet unsichtbar!