Rezension über Brandon Q. Morris – Die Störung

** von *****

Ein SF-Roman, oder, wie man jetzt genauer differenziert, ein Hard-SF-Roman. Das bedeutet für mich ein Gegenentwurf zur Weltraumoper, oder zum idyllisch-malerischen und manchmal gruseligen Weltraum eines Ray Bradbury. Hard SF nimmt für sich in Anspruch, den Inhalt des Romans an den wissenschaftlichen Erkenntnissen auszurichten, und diese auch zu thematisieren. Das gelang Kim Stanley Robinson mit seinem Roman AURORA ganz gut, auch, wenn er meiner Meinung nach um die Hälfte hätte gekürzt werden können.


Morris tritt in dieselbe Eposfalle: Das Bedürfnis des Erzählers, die Idee, die er hat, auf epische Größe (Seitenzahl) aufzublasen, egal, wie tragfähig die Idee ist. An und für sich wäre die Idee ja sogar sehr tragfähig, aber Morris weiß die Belastbarkeit seiner eigenen Idee nicht zu nutzen: Er überdehnt Nebenschauplätze, schafft keine Charaktere, die Bedeutung haben und verlässt sich auf den virtuellen Spannungsbogen: Was haben die gefunden?


Um was gehts? Ja eh eine schöne Idee: Wissenschaftler nutzen die Schwerkraft der Sonne, um durch die Gravitationslinse unseres Sterns in die Vergangenheit zu blicken. Sie wollen wissen, wie unser Universum entstand, sie wollen den Urknall dokumentieren. Dazu fliegt ein Raumschiff in den Raum außerhalb unseres Sonnensystems und baut dort mithilfe von sogenannten Dogs (Kontrollroboterraumschiffe) und Sheeps (Empfänger, die gekoppelt werden) eine Beobachtungsstation auf. Und das war es auch schon. Die Idee, Anfang und Ende des Universums zu sehen, wurde schon von anderen beschrieben, z.B. von Poul Anderson in seinem Roman UNIVERSUM OHNE ENDE. Auch der Mann scheiterte an seiner Unfähigkeit, eine gute Idee in einen guten Roman zu gießen. Die Gravitation der Sonne als Linse zu nutzen, beschrieb Cixin Liu im ersten Band der Solaris-Trilogie. Und zwar sehr beeindruckend.
Aber hier, im Roman DIE STÖRUNG, reisen uninteressante Leute in ein uninteressantes Universum, die Figuren entwickeln sich nicht (na ja schon, an einer Stelle wird erklärt, warum die Raumfahrer so gut harmonieren. Es wird erklärt, denn die Begründung fließt nicht sehr harmonisch in die Handlung ein)
Und als die Chefwissenschaftlerin herausfindet, was kurz vor oder während des Urknalls geschah und klar wird, dass die Störung, der sie sich ausgesetzt finden, mit Quantenverschränkung zu tun hat, wird klar, dass Morris eigentlich keinen Roman schreiben wollte. Vielleicht lag ihm daran, seiner Begeisterung für die neuesten Erkenntnisse der Wissenschaft breiten Raum zu geben, aber was dabei herauskam, ist kein Roman. Ich habe das Buch mehr aus Pflichtgefühl gelesen, als aus Begeisterung oder echtem Interesse.
Wir erfahren nicht, was die Chefwissenschaftlerin gefunden hat, und was daran so erschütternd ist, dass sie die Entscheidung trifft, sich selbst zu töten, in dem sie die Station in die Luft jagt, während ihre Kollegen in kleineren Raumschiffen unterwegs sind, um ihrer Arbeit nachzugehen. Vielleicht dachte der Autor, es sei nicht wichtig. Oder er dachte, es sei genug, dem Leser mitzuteilen, das Wissen könne die Zivilisation so erschüttern, dass sie in die Barbarei zurückfällt. Ich weiß es nicht. Im Grunde genommen geht es das ganze Buch lange um die Suche nach dem, was vor dem Beginn geschah und was den Urknall auslöste. Bestimmte Aspekte der Wissenschaft sind interessant, mehr aber auch nicht – sie sind keine Antreiber der Handlung. Sie sind Füllmaterial. Und so könnte man sagen, der Roman bestehe zu 90% aus Füllmaterial und 10% Ereignisse.