Wie steigt man auf analog um?

Natürlich meine ich damit, wie man von der Nutzung digitaler Solutions auf „offline“ umsteigt. Dazu habe ich das Web durchsucht, sogar auf Twitter. Ja, es gibt die feinen Bücher von Cal Newport und anderen, die sich mit digitalem Minimalismus befassen, aber sie zeigen kaum Strategien auf, wie man die digitale Kannenpflanze verlassen kann, und Routinen entwickelt, die einerseits erfüllend sind und andererseits auch sinnvoll.

Ein Denkfehler, der mich lange davon abgehalten hat, Notizbücher statt Apps zu verwenden, war, dass die Notizbücher chronologisch, geordnet, quasi durchsuchbar sein müssen – Hardcopies der digitalen Apps. Ich habe zu viel Zeit vertrödelt, eine „feine“ Anmutung zu finden. Und weil ich nicht wirklich weiterkam, hielt ich inne und tat, was ich am besten kann, nämlich nichts. Dachte nach, wog ab und fand, dass die Handhabung digitaler Notizbücher das kreative Kritzeln unterbindet. Den Zweizeiler, die Skizze, Wortfolgen ohne Sinn – Gekritzel. Ihr denkt, das ist gaga? Ray Bradbury hatte einen Notizblock und darauf notierte er Worte, die er in einem neuen Text verwenden wollte. Ich hab das ausprobiert und es klappt. Es öffnet Kanäle, stellt Verbindungen her, lässt die Synapsen flattern, samt Wetterleuchten und stummen Blitzen in Wolken, die aussehen wie Gehirne voller wahnsinniger Ideen. Es klappt.

Das Problem mit dem Notieren auf, bzw in digitalen Apps ist, dass zuerst immer die Form kommt, die Orientierung nach dem, was ordentlich ist. Die Erfassung der Notizen im Kontext, die Durchsuchbarkeit, Verlinkung – all das, um, wie die Entwickler der diversen Apps sagen, das Erfassen der Notizen so nahe wie möglich an das Denken des Users heranzuführen. Und ich sage Euch: Bullshit! Geht mal in Euer Notizbuch und schaut nach, wie viele Informationsleichen der herumliegen, wie viele Zombies herumlehnen. 30% der Notizen? 40%, mehr? Ich glaube, Newport schrieb, er hätte beim Übertragen der Notizen rund 70% der vorhandenen Notizen bedenkenlos löschen können. Mir ging es in etwas genau so.

Derzeit arbeite ich daran, mich an meinen Kalender aus Papier zu gewöhnen. Und Notizen mit der Füllfeder in ein Notizbuch zu schreiben. Das Adressbuch aus dem Smartphone zu transkribieren, wäre nun doch etwas tralala, aber darüber nachgedacht habe ich schon. Was ich auf jeden Fall festgestellt habe, ist, dass der reine Zeitaufwand enorm sinkt, wenn man mit der Hand in Notizbücher schreibt und auch den Kalender offline führt. Es ist so wie mit dem Rauchen: Zigaretten rauchen nimmt Zeit in Anspruch, es hilft, Zeit zu überbrücken, Zeit zu vertrödeln, das Warten erträglicher zu machen, oder Momente zu genießen. Hört man auf, sich mit Selbstadministration zu befassen, wird Zeit frei, die bislang mit Handlungströdel angefüllt war. Diese frei gewordene Zeit, die kann man nutzen. Man muss nicht produktiv sein, nicht einmal effektiv. Man kann die freigewordene Zeit zur Muße nutzen. Grübeln, zum Müßiggang. Oder sich einfach darüber freuen, dass man wieder einen von Momos grauen Männern in Morgendunst verwandelte. Das mag am Anfang zu innerer Unruhe führen und zu Nervosität. So ähnlich, wie es einem Raucher ergeht, der das Rauchen aufgibt. Glaubt mir, ich weiß, wie das ist. Ich habe selbst nach 40 Jahren die Zigaretten aufgegeben. Das Nikotin ist nicht so sehr das Problem wie das Suchen & Finden neuer Routinen. Der Vergleich mag unfair scheinen, vor allem aus der Sicht von Menschen, die davon überzeugt sind, dass die Benutzung von Apps sie produktiver macht und dazu beiträgt, sich gelungen selbst zu managen. Die freigewordene Zeit kann ein Gefühl wie Hunger auslösen. Vielleicht sogar Frust, weil die freigewordene Zeit das Gefühl von Untätigkeit vorgaukelt. Es hilft, die Zeit, die frei wird, weil man aufhört, zu verwalten, mit Nachdenken aufzufüllen. Mit Genießen. Mit Resonanz.

Für mich rückt die Bedeutung von Selbstmanagement immer weiter in den Hintergrund – ungefähr dorthin, wo ein Schriftsteller die Bedeutung der Hintergrundrecherche positioniert – ganz hinten.

Gelernte Lektion: Sich von Apps zu trennen, mit denen man seinen Alltag administrierte, sich selbst optimierte und managte, ist so ähnlich wie mit dem Rauchen aufzuhören.