Greenland – Filmkritik

Nach gefühlten Ewigkeiten habe ich nun wieder einen Film gesehen, der meine uneingeschränkte Aufmerksamkeit verdiente. Und zwar von der ersten bis zur letzten Minute.

Greenland gehört wohl in die Kategorie Katastrophenfilm, ist aber in Wirklichkeit ein gut erzähltes Familiendrama, das vor dem Hintergrund des herandräuenden Weltuntergangs in Szene gesetzt wird. Gerard Butler als Bauingenieur, der samt Familie in einer Art staatlichen Lotterie auserwählt wurde, das Ende der Welt durch Meteoreinschlag (Planetenkiller nett sich so ein Dings) – den mag ich ja sowieso schon mal gern. Gerard Butler kann spielen was er will, ich mag ihn in jeder Rolle. Seine Frau ist fast nur Beiwerk, quasi eine Art szenischer Stichwortgeber, aber das ist ungerecht. Die von Morena Baccarin gespielte Geradenochehefrau von Bauingenieur John Garrity ist dieser Typus Frau, die man im Alltagsleben nicht unbedingt mag, die aber in Notsituationen das zivilisatorische Makeup abwischt und das tut, was Mütter nun mal tun: Um ihr Kind kämpfen. Und da sind wir schon bei der dritten Hauptrolle, dem gemeinsamen Sohn des in Trennung lebenden Ehepaars: Nathan Garrity, gespielt von Roger Dale Floyd. Ein begnadeter Kinderdarsteller, der in seiner Rolle als zuckerkranker Junge zwischen Verzweiflung, Hoffnung, Kindlichkeit und Verantwortungsgefühl changiert.

In der Handlung lehnt sich der Film an den Katastrophenfilm Deep Impact an, ohne jedoch dessen Perspektive auf die Ereignisse einzunehmen: Wurde Deep Impact aus der Sicht hoher Politiker und Journalisten erzählt, die Zugang zu der hohen Politik haben, ist bei Greenland der Fokus auf eine Alltagsfamilie gerichtet, die nur das will, was alle wollen – überleben. Und obwohl es um Planetenkiller geht, größer noch als der, de die Dinosaurier wegräumte, geht es in dem Film nicht um sensationelle Aufnahmen, wie man sie vielleicht von Roland Emmerich erwarten würde. Die Aufnahmen der wenigen Einschläge, die man aus dramaturgischen Gründen zu sehen bekommt, sind fein abgestimmt, und von erschreckender Wucht, aber auch, wie im ersten Einschlag, der Florida beerdigt, distanziert durch die Nachrichtenperspektive.

Das, worum es wirklich geht, ist, mit einer Familie mitzufiebern, die mehr oder weniger schon das goldene Ticket zum Überleben in der Tasche hat und die wegen der Erkrankung des Sohnes zuerst vom Flug nach Grönland abgewiesen wird, und dann auch noch getrennt wird. Der Film befasst sich in erster Linie und den Hauptteil damit, zu zeigen, wie Frau und Kind einerseits, und der Familienvater andererseits, versuchen, zu überleben und zueinanderzufinden. Der geschickte Dreh des Films ist, dass sowohl die Frau samt Kind, wie auch der Vater, auf ihrer Reise und Suche auf Menschen treffen, die in Zeiten des Untergangs nicht die Menschlichkeit aufgeben. Es gibt die für diese Art von Katastrophenfilmen strategisch gut platzierten Vollarschlöcher, in diesem Fall ein bärtiger Ehemann, der sich den Sohn schnappen und nutzen will, um damit in ein Flugzeug zu kommen, und zwei Rednecks in einem Laster, die die Nationalistenkeule auspacken und dem Iren Garrity das Recht absprechen, dieses Band zu bekommen, weil er kein geborener US-Bürger ist.

Viel wichtiger für die Handlung jedoch sind die guten Menschen des Films, wie zB die Soldatin am Flughafen, die gezwungen ist, die Mitnahme des Jungen abzulehnen und gleichzeitig alles versucht, um Mutter und Kind weiterzuhelfen – obwohl sie selbst und 99% der Streitkräfte kein Ticket für Grönland haben. In der durchaus gelungenen hoffnungslosen Stimmung des Films, die hart am Fatalistischen schabt, sind diese Farbtupfer und Lichtstrahlen überlebensnotwendig. Das ist nämlich die Botschaft des Films, zumindest so, wie sie bei mir angekommen ist: Wenn wir unter Druck und möglicherweise am Ende des Lebens alle unsere Menschlichkeit verlieren, lohnt es sich dann überhaupt noch, überleben zu wollen? Wofür? Für mich gab es im Film zwei emotionale Slingshots, in denen sich die Botschaft des Films am deutlichsten zeigt: Die Katastrophe am Flugplatz, ausgelöst durch eine Massenpanik, und der großartige Auftritt von Scott Glenn als Dale, der Vater von Allison Garrity. In seiner Fähigkeit, loszulassen und seine Farm als das Stück Land zu sehen, wo er von Gott gefunden werden will, wenn der ihn holen will, ist ein klein wenig dick aufgetragen, aber dafür sehr, sehr rührend.

Ein dickes + bekommt der Film auch durch die Musik von David Buckley, die passagenweise an den Soundtrack von Der Marsianer erinnert – eine sehr ruhige und gleitende Musik, stark gitarrenlastig, ein Soundteppich mit Tupfern von Orchester und Drums. Die Elegie der Musik konterkariert oft dramatische Szenen und gibt ihnen ein emotionelles Gegengewicht.