Sensivity Reader und Literaturbubble

Echt. Man muss nur auf Twitter ein bisserl abseits der üblichen Lesepfade schmökern, da trifft man auf Sachen, da denkt man, das gibts nicht. Ne. Echt jetzt? Aber es gibt sie, und nicht nur das. Der formale Anspruch dieser zum Teil merkwürdigen Phänomene wird völlig witzlos, bierernst und mit Zähnen und Klauen verteidigt.

Es beginnt schon damit: Ich dachte, Leute, dachte ich, wir schreiben uns frei und streben der Freiheitsbewegung der Sechziger nach, und am Ende haben wir eine Gesellschaft geschaffen, in der es nicht mehr nötig ist, ja sogar irritierend, über die Sexualität zu schreiben und zu reden. Niemand muss sich outen, niemand muss sich stellen, Frau und Mann sind an Rechten und Pflichten gleich und es interessiert keine Sau, ob Du schwul, hetero, lesbisch, trans, transgender, unbestimmt, was weiß ich nicht noch alles bist. Du bist Du und so wie Du bist, ist alles in bester Ordnung.

Ja Pustekuchen.

Weil mir die politischen Twittereien schon ziemlich auf den Arsch gingen, habe ich Twitter erlaubt, mich zu inspirieren: zeig mir, was Du sonst noch so hast! Schwerer Fehler. Nicht nur, dass ich als Schriftsteller lernen musste, dass es eine Literaturbubble gibt, ich musste auch noch lernen, dass die Leute in dieser Bubble ganz furchtbar humorlos sind, sauertöpfisch und in einem Zustand der „jederzeit zu erwartenden Beleidigung“ durch die Korridore ihres Lebens taumeln. In diesen Bubble geht es aber dann auch nicht wirklich um Literatur, denn das könnte ich ja noch verstehen. Gestaltungsspielräume, Perspektiven, Erzählebenen, Realitätsebenen, der innere Erzähler, der äußere, der unentschlossene Erzähler, der unzuverlässige Erzähler … ja, aber um das alles geht es da nicht, sondern um Formalismen und Administration.

Was den Leuten in dieser Literaturbubble gemein ist: Sie knallen ihre Sexualität in die Headline ihrer Twitterprofile: Him/His, She/Her – ja wozu haben sich Generationen von schwulen Literaturschaffenden jahrzehntelang aufreiben und zermürben lassen? Wieso diese Wahnvorstellung, es würde irgendwen interessieren, mit wem man züngelt und fickt? Und dann hatte ich es: Weil es diesen Autorinnen und Autoren nicht um Literatur geht, nicht um gesellschaftliche Öffnung, Anerkennung durch Toleranz, sondern rein nur um sich selbst. Junge, sendungsbewusste Menschen, die sich verzahnen und vernetzen und Literatur nur als Vehikel verwenden, um über sich selbst monologisieren zu können. Vierundzwanzig Stunden am Tag, sieben Tage in der Woche. Immer und ununterbrochen. Ich ich ich, mir mir mir, meins meins meins, tagein tagaus: Ich will über meinen Schmerz reden!

Ja macht das mal und segnet Euch gegenseitig. In einer Welt, in der Korrektheit wichtiger wird als Wahrhaftigkeit, wenn Ihr das so dringend wollt, werdet Ihr vielleicht noch erleben, wie es ist, von den eigenen geistigen Kinder bei lebendigem Leib gefressen zu werden.

Ich meine, da gibt es scheinbar eine neue Jobposition, den Sensivity Reader. Ist quasi eine Art Lektorat auf politisch korrekt. Man könnte sagen, eine Art Gedankenkontrolle der miesesten Art. Da geht es nicht mehr um Glaubwürdigkeit und Dramaturgie, da geht es darum, ob im Manuskript etwas geschrieben wurde, das von Lesern möglicherweise und vielleicht beleidigend, klischeehaft und wertend wahrgenommen werden könnte. Bitte ja keinen Rassismus, keine schwulen Klischees, wurscht, ob es die in Wirklichkeit gibt oder nicht. Sie wehren sich gegen Vorurteile und Rassismus, Bevormundung und exklusive Sprache, haben aber selbst kein Problem damit, ältere Menschen mit einem schnoddrigen „Okay, Boomer“ abzukanzeln. Muss man sich auch geben: Gerade die, die tränen- und rotzverschmiert für #LM und #FFF kämpfen und schreien und die Straßen besetzen und die Hörsäle und Twitterthreads, sie alle haben kein Problem damit, jemand in die Parade zu fahren, sie oder ihn, weil er alt ist, stummzuschalten, abzukanzeln, abzudrehen. Wenn Du dann nicht verstehst, was all diese Begriffe sollen wie cis-Mann, woke, cancel culture, ja dann hast Du eh ausgeschissen bis in die Eiszeit.

Sensivity Reader*in, das muss ich mal sacken lassen. Ne, geht nicht. Was hilft all ihre sprachliche Sensibilität, ihre Rücksichtnahme und Inklusion, wenn sie am Ende das Klo nicht finden? Literatur kann so einfach sein: Schreibt gute Geschichten. Keine korrekten. Der Rest ist akademisch verbrämte Hirnwichserei, die keiner lesen will.