Rezension über Brandon Q. Morris – Die Störung

** von *****

Ein SF-Roman, oder, wie man jetzt genauer differenziert, ein Hard-SF-Roman. Das bedeutet für mich ein Gegenentwurf zur Weltraumoper, oder zum idyllisch-malerischen und manchmal gruseligen Weltraum eines Ray Bradbury. Hard SF nimmt für sich in Anspruch, den Inhalt des Romans an den wissenschaftlichen Erkenntnissen auszurichten, und diese auch zu thematisieren. Das gelang Kim Stanley Robinson mit seinem Roman AURORA ganz gut, auch, wenn er meiner Meinung nach um die Hälfte hätte gekürzt werden können.


Morris tritt in dieselbe Eposfalle: Das Bedürfnis des Erzählers, die Idee, die er hat, auf epische Größe (Seitenzahl) aufzublasen, egal, wie tragfähig die Idee ist. An und für sich wäre die Idee ja sogar sehr tragfähig, aber Morris weiß die Belastbarkeit seiner eigenen Idee nicht zu nutzen: Er überdehnt Nebenschauplätze, schafft keine Charaktere, die Bedeutung haben und verlässt sich auf den virtuellen Spannungsbogen: Was haben die gefunden?


Um was gehts? Ja eh eine schöne Idee: Wissenschaftler nutzen die Schwerkraft der Sonne, um durch die Gravitationslinse unseres Sterns in die Vergangenheit zu blicken. Sie wollen wissen, wie unser Universum entstand, sie wollen den Urknall dokumentieren. Dazu fliegt ein Raumschiff in den Raum außerhalb unseres Sonnensystems und baut dort mithilfe von sogenannten Dogs (Kontrollroboterraumschiffe) und Sheeps (Empfänger, die gekoppelt werden) eine Beobachtungsstation auf. Und das war es auch schon. Die Idee, Anfang und Ende des Universums zu sehen, wurde schon von anderen beschrieben, z.B. von Poul Anderson in seinem Roman UNIVERSUM OHNE ENDE. Auch der Mann scheiterte an seiner Unfähigkeit, eine gute Idee in einen guten Roman zu gießen. Die Gravitation der Sonne als Linse zu nutzen, beschrieb Cixin Liu im ersten Band der Solaris-Trilogie. Und zwar sehr beeindruckend.
Aber hier, im Roman DIE STÖRUNG, reisen uninteressante Leute in ein uninteressantes Universum, die Figuren entwickeln sich nicht (na ja schon, an einer Stelle wird erklärt, warum die Raumfahrer so gut harmonieren. Es wird erklärt, denn die Begründung fließt nicht sehr harmonisch in die Handlung ein)
Und als die Chefwissenschaftlerin herausfindet, was kurz vor oder während des Urknalls geschah und klar wird, dass die Störung, der sie sich ausgesetzt finden, mit Quantenverschränkung zu tun hat, wird klar, dass Morris eigentlich keinen Roman schreiben wollte. Vielleicht lag ihm daran, seiner Begeisterung für die neuesten Erkenntnisse der Wissenschaft breiten Raum zu geben, aber was dabei herauskam, ist kein Roman. Ich habe das Buch mehr aus Pflichtgefühl gelesen, als aus Begeisterung oder echtem Interesse.
Wir erfahren nicht, was die Chefwissenschaftlerin gefunden hat, und was daran so erschütternd ist, dass sie die Entscheidung trifft, sich selbst zu töten, in dem sie die Station in die Luft jagt, während ihre Kollegen in kleineren Raumschiffen unterwegs sind, um ihrer Arbeit nachzugehen. Vielleicht dachte der Autor, es sei nicht wichtig. Oder er dachte, es sei genug, dem Leser mitzuteilen, das Wissen könne die Zivilisation so erschüttern, dass sie in die Barbarei zurückfällt. Ich weiß es nicht. Im Grunde genommen geht es das ganze Buch lange um die Suche nach dem, was vor dem Beginn geschah und was den Urknall auslöste. Bestimmte Aspekte der Wissenschaft sind interessant, mehr aber auch nicht – sie sind keine Antreiber der Handlung. Sie sind Füllmaterial. Und so könnte man sagen, der Roman bestehe zu 90% aus Füllmaterial und 10% Ereignisse.

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Neue Freiräume

Die Medien nutzen die Corona-Epidemie wie eine Harfe. Alle Medien, seien sie nun sozial, digital oder akustisch, seien sie gedruckt oder was auch immer. Sie befassen sich nicht nur mit den Zahlen und der Politik rund um die Epidemie, sondern bis zu einem gewissen Grad auch damit, wie die Epidemie – oder besser gesagt, die Maßnahmen gegen die Epidemie durch die Regierung – sich auf uns Menschen auswirkt. Konzentrationsschwäche, Nervosität, Unruhe, Depressionen quer durch die Bank: Kinder, Jugendliche, Erwachsene, Frauen und Männer.

Das liegt meiner Meinung nach nicht nur an den Einschränkungen durch die Regierung, die in die Lebensgestaltung und in die höchstpersönlichen Freiräume der Menschen eingreifen, sondern auch an den sich widersprechenden Nachrichten, wo sich validierbare Informationen mit Willensbekundungen mischen, Annahmen auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse mit Verkettungen von Glaubensbekenntnissen und bürgerlicher Wut.

Die Boulevardmedien, die in Österreich von der Politik durch Werbung finanziell gefüttert werden, tragen das ihrige dazu bei, die Spannungskurve und den Frustrationspegel in der Bevölkerung hoch zu halten, und zwar aus mehreren Gründen:

  • Schlechte Neuigkeiten sind gut; sie binden den Leser
  • Das Dauergetrommel in Sachen Corona übertönt alles andere. Zumindest bis jetzt. In Österreich bahnt sich auf einem populären Nebenschauplatz ein Politikskandal an, den man gerne mit Corona-News zuscheißen würde. Das gelingt aber nicht
  • Entmutigte Bürger wenden sich zumeist dem zu, der im tiefsten Brustton der Überzeugung
    • Schuldige benennen kann
    • Erleichterung verspricht
    • In Aussicht stellt, dass die „alte“ Ordnung wiederhergestellt wird

Was mich verblüfft, ist, dass der bürgerliche Aufschrei nach der Wahrung persönlicher Freiräume vom verständlichen Bedürfnis zu einer Pose verkam. Verständlich, dass manche auf die Straße gehen und demonstrieren, noch verständlicher wäre es, wenn andere die Orte meiden, wo sie auf die Polizei treffen könnten, und meinetwegen im Wald campen, saufen und kiffen und Party machen.

Die Zahlen, mit denen die Vergehen gegen die Coronabestimmungen dokumentiert werden, sind irreführend, weil sie nur einen Teil der bürgerlichen Reizbarkeit abbilden. Es ist gut für die Politik und die angefütterten Boulevardmedien, dass Jugendliche dumm genug sind, auf dem Stephansplatz Fußball zu spielen, doch die Berichterstattung setzt uns Scheuklappen auf.

Statt darüber zu reden, wie krank es einen macht, in diesen Zeiten der „Cholera“ in seiner Beweglichkeit eingeschränkt zu sein, könnten die Leute doch darüber reden, wie sie sich selbst behelfen. Tun sie ja vielleicht auch, doch wenn, dann eher in kleinen Gruppen – was ja auch wieder ganz gut ist. Ziviler Ungehorsam ist edel, richtig und gut, wenn er nicht zum Schaden anderer gelebt wird. Sucht unattraktive Plätze und belebt sie; es hat wenig Sinn, die Freiheit darin zu suchen, am Samstagvormittag zum den Myrafällen oder zum Grünen See zu fahren.

Alles, was uns wegführt von der Meinungsplörre der sozialen Medien, ist gut, alles, was uns von der vermassten Meinung, die in den sozialen Medien breitgetreten werden, ist gut. Geht raus in die Wälder, folgt Thoreau´s Beispiel. Schaltet Handy und Tablet ab, lasst den Laptop zu Hause. Macht Euch unauffindbar, schreibt Gedanken in Notizbücher. Wir schafften das als Teenager in den frühen 80ern, und es war ein Teil unseres Selbstverständnisses, unauffindbar zu sein. Um sich neue Freiräume zu schaffen, die sich echt anfühlen, muss man zuerst einmal aus den virtuellen Freiräumen raus, die nur so tun, als ob. Das unselige zusammenwirken der bürgerlichen Selbstkontrolle via sozialer Medien einerseits und der Kontrolle durch den Staat wirken langfristiger und stärker, als man sich das vielleicht im Moment denken mag. Wir erstarren in der Befürchtung, gegen Regeln zu verstoßen, aus Angst, beobachtet zu werden. Neue Freiräume erobern bedeutet, sich unsichtbar machen.

Verlasst die sozialen Medien und werdet unsichtbar!

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Jugendliche, die Fußball spielen

Der Aufreger am Sonntag: HEUTE und KRONE berichten mit der ihnen angemessen erscheinenden Empörung und Betroffenheit davon, dass sich Jugendliche am Stephansplatz trafen, um Fußball zu spielen. In der KRONE wird die Information durch die Polizei bereitgestellt, in HEUTE, wie immer, ist es ein an Schnappatmung leidender Leser-Reporter, der mit dem Handy auf der Straße Leute fotografiert und dafür von der HEUTE Redaktion bezahlt wird. Die fünfzig Silberlinge sind ohne Wertverlust im Hier & Jetzt angekommen.
Warum finde ich die Geschichte erwähnenswert?
Wenn man sich die Kommentare der Leute unter den betreffenden Artikeln durchliest und dann einige der Kommentatoren auswählt, um deren Textbeiträge in der Vergangenheit zu lesen, ergibt sich ein seltsam zwiespältiges Bild.


Denn dieselben Leute, denen die Strafen für die angezeigten Jugendlichen nicht hart genug sein können, glänzen sonst vor allem als Gegner aller möglichen Corona-Lockdown-Maßnahmen. Kaum geht es um Jugendliche, können die Strafen nicht hart genug sein, da gehört mit dem Stahlbesen durchgefahren und es seien sowieso wahrscheinlich wieder nur diese Jugendliche mit schwarzen Jacken mit Pelzkragen, weißen Turnschuhen und Frisuren wie Vogelnester. Da wird dann auch gleich wieder der übliche rassistische Meinungsdünnschiss daraus, denn die hiesigen Jugendlichen würden ja so etwas nie tun, das sind immer nur die zukünftigen Raketenwissenschaftler und Pensionseinzahler!

Komisch. Wenn die dauerempörten Giftspritzen in den Süden reisen, um Urlaub zu machen, können sie gar nicht genug kriegen, von Jugendlichen und Kindern, die am Stadtplatz von Piran oder Udine, am Strand von Lignano oder am Lido, Fußball spielen. Beleben sie den Stephansplatz, ist Schluss mit lustig. da wird im Fieberwahn wieder die islamische Weltgefahr hochgewichst und mit der verstörenden Ernsthaftigkeit, wie sie Verschwörungsfans zueigen ist, rauf und runter diskutiert. Weil Jugendliche Fußball spielen.


Jugendlichen spielen auf öffentlichen Plätzen. Wir werden alle sterben, Österreich geht unter, Österreich, erwache! Gute Nacht, Österreich!
Was mich stört, ist die bewusste Stigmatisierung der Jugend durch die Medien, und das vollkommen überzogene Vorgehen der Polizei, die, vermutlich durch das Innenministerium instrumentalisiert, den Medien Futter liefern müssen, um von aktuellen Macheloikes der größeren Regierungspartei abzulenken.

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Zeitungen

Zeitungen und Boulevard

Früher dachte ich, Zeitungen sind dazu da, zu informieren, was in der Welt geschieht. Wo man darüber informiert wird, was man nicht im eigenen Umfeld erfährt. Echte Zeitungen kommen diesem Anspruch wahrscheinlich sogar nach, der Boulevard aber driftet unter voller Besegelung ab. Ich denke, es war der Gründer der SUN, der postulierte, dass nicht der Leser der Kunde seiner Boulevardzeitung sei, sondern das Produkt. Der wirkliche Kunde sei der Werbekunde.

Der Leser ist das Produkt

Auf die Spitze wird dieses Geschäftsmodell mit den Online-Versionen der Tageszeitungen getrieben. Und ganz exemplarisch sticht dabei die Tageszeitung HEUTE hervor. Nachrichten findet man dort kaum noch, eher Bassenatratsch und Hörensagen, Gerüchte, Erfundenes und Irres. Und, das haben die bei HEUTE ganz geschmeidig geregelt, fast die Hälfte der Inhalte kommt von sogenannten Leser-Reportern. Das gibt es zwar schon länger, aber HEUTE hat das kultiviert – im negativen Sinn. Ein Leser-Reporter ist man, wenn man auf der Straße irgendetwas sieht, und, statt die Polizei zu verständigen, Fotos und Hinweise an HEUTE schickt. Mit viel Glück bekommt man dafür 50€. Damit wird das Geschäftsmodell geschliffen und abgerundet:

Leserreporter

Aufgeregte Bürger werden zu Leser-Reporter und berichten, das, was sie aufregt, für Menschen, die sich ebenso darüber aufregen, egal, wie bedeutsam das Berichtete ist, oder wie banal. Die Institution des Leser-Reporters fördert die Unkultur des Blockwarts und des Feiglings, der statt zu helfen, lieber berichtet und sich empört. Das führt dann zu Irrwitz wie zum Beispiel zu der Geschichte des Leser-Reporters, der auf der Mariahilferstraße einen Mann fotografierte, der angeblich junge Frauen heimlich fotografierte. Die Anschuldigung war nur behauptet und nicht belegt, doch das Foto des unbekannten Mannes erschien in der HEUTE und brachte dem anonymen Fotografen 50€. Wenn jemals Zeitungen dazu da waren, die Haltung und Moral der Menschen zu formen und zu stärken, so sind sie heute in erster Linie für die Kultivierung seiner absonderlichen Schäbigkeit zuständig. Es geht auch schon lange nicht mehr um den Informationswert einer Nachricht, sondern um seinen Empörungswert. Zeitungen wie HEUTE wollen nicht mehr informieren, denn das ist viel zu langweilig, kosten- und arbeitsintensiv und es interessiert keinen; HEUTE will empören, denn die Macher hinter der Zeitungen wissen genauso gut wie die Redakteure hinter der KRONE und ÖSTERREICH: Aufmerksamkeit generiert man über Verärgerung. Psychologen wissen das längst und haben in entsprechenden Funktionen die Programmierer von Facebook, Twitter und Instagram beraten. Nur das „Das darf doch alles nicht wahr sein“ Gefühl lässt einen Leser unermüdlich weiter nach unten scrollen, am rechten Bildschirmrand immer die Werbung.

Infantile Sprache

Um den Lesern griffige Floskeln an die Hand zu geben, die man später im Familienkreis oder im Wirtshaus nutzen kann, greifen immer mehr dieser Onlinezeitungen zu infantilen, dämlichen Begriffen. Da wimmelt es dann vor Messer-Männer und Krawall-Chaoten und Krawall-Männer. Und der Superlativ ist normale Lautstärke: In den sozialen Medien gibt es einen Riesen Wirbel, weil sich ein paar User über einen anderen User unterhalten, da eskaliert etwas völlig, es gibt nur noch Erdrutschsiege und explodierende Empörung, jeder Kritiker wird zum Wutbürger, und ältere Wutbürger, werden je nach Geschmack des Redakteurs, zur Wutoma oder zum Wutopa.
Waren Zeitungsredakteure früher einmal quasi Verwalter von Neuigkeiten, sind sie heute bestenfalls Regalbetreuer. Eine Branche demontiert sich selbst, geifert gegen die wenigen, noch existierenden Qualitätsmedien und suhlt sich wie eine Sau in der eigenen Scheiße, im Geschäftsmodell der Empörung.

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Das mit der Ungenauigkeit

Ich weiß ja nicht, wie das in anderen Ländern so ist, aber mir als Wiener fällt schon auf, dass wir ein Volk der gepflegten Antipräzision sind. Genauigkeit ist nicht so unseres. Das kann mehrere Gründe haben. Einer ist gewiss die Scheu vor der Verbindlichkeit. Genaue Angaben zu machen, ist verbindlich.
„Wann kommst Du?“ „Na so um fünf herum!“
ist jedenfalls unverbindlicher als zu sagen: „Ich bin um 17:00 bei Dir!“

Eine weitere Ursache für die sprachliche Ungenauigkeit, abgesehen von der Tatsache, dass unsere Sprache das einfach erlaubt, ist, die Verantwortung abzugeben. Verantwortung ist nämlich auch nicht so das unsere. Man kann mit der Verantwortung an die Wand genagelt werden, und das mögen wir Wiener, die es gerne gemütlich haben, ja nun mal gar nicht.
„Kannst Du bitte ein Brot kaufen gehen?“ „Wo soll ich es denn kaufen?“ „Na irgendwo!“ „Und welches?“ „Na irgendeines. Kauf halt bitte irgendwo ein Brot.“
Ja und das machst du dann. Du gehst irgendwohin und kaufst irgendein Brot. Na mehr brauchst nicht, und wenn du heimkommst, hängt der Haussegen schief, denn: „Wo hast du denn das Brot gekauft? Das wollte ich doch gar nicht!“
Ach ja.

Vor etwa neunzehn Jahren arbeitete ich etwa neun Jahre auf der Bühne der Wiener Volksoper. Zuerst als Bühnenarbeiter, dann am Schnürboden. Der Unterschied ist nicht wesentlich. Beim Job als Bühnenarbeiter wird man von den Kollegen mehr gesehen und arbeitet mehr im Team, am Schnürboden, so war die landläufige Ansicht, war man aufgrund der Lage des Arbeitsplatzes in den Galerien hoch oben irgendwie auch versteckt; man stand daudrch aber auch stets im Verdacht, sich vor der schweren Arbeit unten auf der Bühne zu drücken. Und als wir damals die ganzen Bühnenlatten noch händisch bedienten (Deshalb Schnürboden), war das auch ein Knochenjob, denn man musste die in den Zuglatten verhängte Dekoration auf dem Gewichtsschlitten mit Gegengewicht austarieren. In manchen Fällen setzte man da als Gewichtsmann (Das war mein Job) bis zu eineinhalb Tonnen Gewicht um. Das war ganz besonders spannend, wenn eine Dekoration einer neuen Aufführung zum ersten Mal eingerichtet wurde und die Gewichtsangaben noch fehlten. Die Angaben des Bühnenmeisters beim Anheben der Dekoration durch den Mann am Seil jedenfalls waren legendär und wahre Spielwiesen der Wiener Ungenauigkeit:
„Geh den Siebzehner, der vertragt noch ein Tupferl, mit Gefühl, ja?“ „Passts jetzt so, Peppi?“ „Na, ein Äutzerl noch, ganz weich, a bissl was geht no, und guat is!“
Die Position wurde dann am Zugseil mit einem roten Terminband markiert – so ungefähr halt. Kleiner Insider: ein rotes Stoffband am rechten Obearm hatte die Bedeutung: Bin zu besoffen für Arbeit. Lasst mich alle in Ruhe!

Die Ursache für diese Ungenauigkeit ist dann der augenzwinkernde Schlendrian, der zwischen beruflicher Erfahrung, Jägerlatein und „Ist mir wurscht“ oszilliert.

Dasselbe gilt beim Stammwirt (als wir noch zu Wirten gingen, im Schanigarten saßen und im Sommer den Schatten der alten Bäume genossen). Ich trinke dort ganz gerne einen Gespritzten. In Deutschland nennt man das Weißweinschorle, soviel ich weiß, wobei ich den Begriff unglücklich finde. Ich kann mit dem Wortteil Schorle rein gar nichts anfangen. Wo kommt das her? Ein weißer Gspritzter ist eindeutig. Weiß steht für die Farbe des Weins, und gespritzt heißt, dass der Wein mit Sodawasser aufgespritzt wird. Und wenn du dann mit der Wirtin befreundet bist (Servus Bella!), zu der du schon lange gehst, die sich manchmal dazusetzt, um Schmäh zu führen, und du bestellst einen Gspritzten, dann kommt unweigerlich: „Sommergspritzter?“ Und ich dann so: „Naja, einen Tupfer mehr, weißt eh.“ „Jo eh Peter, ein Nagerl drauf, gell?“
Und ich nicke und fühle mich verstanden. Und wenn uns jemand dabei zuhört, sind wir als Volldeppen abgestempelt.Wir sagen nicht: Jemand ist dumm, wir sagen: „Na der hat aber Pech beim Denken!“ Wir sagen nicht: „Der hat keine Prinzipien!“ sondern, „Der ist situationselastisch.“

Und so geht das dahin mit der Ungenauigkeit der Wiener, die bei uns schon fast Prinzip ist. Und ohne Prinzipien kommt man in Wien nicht aus. Außer, man ist … ein bisserl elastisch.

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Leas Welt

Durch Zufall habe ich den Videokanal von einer Frau entdeckt, den sie Leas Einblick nennt. In diesem Kanal publiziert Lea selbst erstellte Videos mit einiger Professionalität und kommentiert in erster Linie politisches Tagesgeschehen mit recht offensichtlicher rechter Schlagseite.In einem der Videos berichtet sie von einem Brief von Youtube, in dem Youtube ankündigt, ab einem bestimmten Datum keine Videos mehr zuzulassen, in denen behauptet wird, die aktuelle Präsidentenwahl wäre durch Betrug und Fälschungen beeinflusst, zugunsten von Biden ausgegangen, da es für diese Vorwürfe keine Beweise gibt. Und die Behauptung von Beweisen ist einfach zu wenig. Genauer: Es ist nichts.
In einem anderen Video übersetzt sie die Befragung von Ted Cruz, einem republikanischen Politiker, der sich sehr unhöflich den Chef von Twitter zur Brust nimmt. Die Aufzeichnung hat etwas von Schauprozess und polemischen Gepolter. Cruz lamentiert angriffig, Twitter würde seine Macht nutzen und Zeitungen zensurieren, in dem sie deren Geschichten blockiert. Der Chef von Twitter, Jack Dorsey, versucht, pragmatisch zu antworten, und erklärt, die Blockade beruhe auf den AGBs von Twitter, zu denen jeder einwilligt, der Twitter benutzt. Er hätte jedoch anders antworten müssen, um sich gegen Cruz durchzusetzen, finde ich.
Nein, Twitter zensiert nicht die New York Post, nein, es schränkt nicht deren „Rede- und Meinungsfreiheit“ ein. Absolut nicht. Meinungsfreiheit stellt keine Verpflichtung dar, und zwar für niemand, irgendjemand eine Plattform zu bieten und diese Plattform uneingeschränkt zur Verfügung zu stellen. Jeder, der einen Account bei Twitter eröffnet, muss den Geschäftsbedienungen zustimmen. Das ist das eine, das andere ist, dass Twitter auf seiner eigenen Plattform sein Hausrecht nutzen kann. Die Größe ändert nichts an dem Grundsatz des Hausrechts. Nein, Twitter, Facebook, Youtube und Google schränken die Meinungsfreiheit nicht ein, wenn sie darauf pochen, dass die Benutzer sich an die Benutzerregeln halten. Gerade Politiker wie Ted Cruz, ein konservativer Formalist, sollte das verstehen und hoch schätzen.  Nein, es geht nicht um die Einschränkung der Meinungsfreiheit, es geht um den Verlust der zur Verfügung gestellten Reichweite. Auf Meinungsfreiheit hat man einen Anspruch. Jeder im gleichen Maße. Auf Reichweite gibt es keinen Anspruch.
Die geschassten Verschwörungsspinner und Weltuntergangsesoteriker spüren die Einschränkung der Reichweite, weil das die Währung ist, mit der sie wuchten: Reichweite. Und seitdem die sozialen Medien öfter und genauer hinsehen, was da gepostet wird, und Accounts löschen, wandern die Schwurbler und Hetzer rüber zu Telegram und vk.com, wo sie sich in Freiheit wähnen. Sie ziehen Publikum von den sozialen Medien ab, aber nicht so sehr, dass es ins Gewicht fällt. Sie selbst mögen sich auf Telegram beschränken, ihre Follower tun das nicht. Die brauchen nach wie vor das Gefühl, im Schutz der Menge nach Tauben treten zu können.


Meinungsfreiheit garantiert, dass jede und jeder die Möglichkeit hat, frei und ohne Furcht zu sprechen, Einstellungen, Kritik, Ängste oder Ideale zu äußern. Sie ist ebenso wichtig, um Fragen an jene zu stellen, die in Staat und Gesellschaft Macht und Einfluss haben.
Das Recht auf Meinungsfreiheit ist in Artikel 10 der Europäischen Menschenrechtskonvention geregelt. In Österreich ist die Menschenrechtskonvention Teil der Bundesverfassung. Dort wird garantiert, dass jeder Mensch Anspruch auf freie Meinungsäußerung hat. Das Recht sichert auch den freien Zugang zum Empfang und zu Mitteilungen von Informationen (in der deutschen Fassung: „Nachrichten“) und Ideen, ohne dass man den Eingriff durch staatliche Stellen fürchten muss, und ohne dass man dabei Rücksicht auf Staatsgrenzen nehmen muss. Artikel 10 ist damit auch Grundlage der Informationsfreiheit und der Medienfreiheit.

(Quelle: https://cutt.ly/Zjfl0og)

Da steht nirgendwo, dass jedem Mensch neben dem Recht auf freie Meinungsäußerung auch Anspruch auf größtmögliche Reichweite hat. Das verschweigt die gute Frau Lea in ihrem Videoblog. Warum? Weil es nicht in die Erzählung passt, die sozialen Medien und die Mainstream-Medien seien linksliberal durchwandert und würden die Meinungsfreiheit der Rechtskonservativen beschneiden. Man kann noch immer sagen, was man denkt und glaubt, ohne zensiert zu werden. Das müsste Lea auch daran merken, dass niemand daran denkt, ihre Videos vom Netz zu nehmen. Die Sache ist halt die: Man kann es niemand zur Pflicht machen, jedem eine Plattform mit nahezu uneingeschränkter Reichweite zur Verfügung zu stellen.   

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Meinungsfreiheit

In den Online-Diskussionsforen der Zeitungen haben sich zwei einander spinnefeind gegenüberstehende Gruppen herausgebildet, die unversöhnlich scheinen: Links & Rechts. In diese Metaebene wird eingeschlichtet, was der eigenen Erzählung dient. So ordnet sich rechts ein, das:

  • „uns“ gegen „die“ verdeutlicht
  • anständig und ordentlich und fleißig ist
  • inländisch, patriotisch und bedroht
  • brüskierend, feindselig und heimattrunken

während sich links einordnet, das

  • fortschrittlich und alternativ
  • künstlerisch und kreativ ist
  • metrosexuell und studentisch
  • liberal, human und langhaarig

Das ist natürlich überspitzt zusammengefasst, aber anders als überspitzt kann man das gar nicht zusammenfassen, denn die Leute, die in diesen Foren ernsthaft diskutieren, leben quasi von Übertreibung und Zuspitzung.

Ein immer wiederkehrendes Thema ist die Meinungs- und Deutungsdiktatur, die die Rechten sehr einseitig im Einflussbereich der linksliberalen Gutmenschen sehen. Dazu passt, dass Rechte sich oft um ihr Recht gebracht sehen, ihre Meinung frei zu äußern. Überall ist Zensur, Willkür und Unterdrückung durch linke Seilschaften, die alles bürgerliche, ordentliche, brave und patriotische austauschen wollen gegen Multikulti, Sozialstaat ohne Arbeit und die Herrschaft der Intellektuellen über die Arbeiterschaft. Was die Rechten eint und trennt zugleich, ist die Pose des Gefährdeten, des Ängstlichen: Der bedrohte Bürger stemmt sich gegen die eisigen Stürme linkslinker Zumutungen und gefällt sich in dieser Pose. Deswegen werden die linken Stürme, die in den meisten Fällen nur laue Lüftchen sind, so besessen herbeigeschrieben. Die Rechten gefallen sich auch sehr in der Rolle der unbeugsamen Supporter. Dazu benötigen sie Ikonen, wie Hungernde einen Bissen Brot: Salvini und Le Pen, Strache und Kickl und in den USA der Donald Trump … wobei diese Leute nicht unbedingt dadurch glänzen, wirklich patriotisch, ordentlich und bürgerlich zu sein, sondern eher durch brüskierende Gemeinheit, Großspurigkeit, unerträgliche Arroganz, Frechheit und Wehleidigkeit.
Seit einigen Jahren benutzen vor allem die Rechten die vorhandenen sozialen Medien wie Twitter und Facebook, um sich direkt und zensurfrei an ihre Wähler wenden zu können. Der Gedanke ist verführerisch: Da ist eine Plattform, auf der ich potenziell hunderte Millionen Wähler erreichen kann. Strache beherrschte das aus dem Effeff, Donald Trump nutzte Twitter; nicht unbedingt virtuos, aber doch andauernd laut und vulgär.

Zum Thema: Auffällig ist, dass vor allem die Rechten die Rede- und Meinungsfreiheit gefährdet sehen, wenn die Betreiber einer der sozialen Medien-Plattformen erkennen, das gewisse Meinungsäußerungen gegen die Richtlinien verstoßen und diese deshalb löschen. Bei häufigerem Zuwiderhandeln kann ein User auch gesperrt werden, und spätestens, wenn das eine Ikone des rechten Spektrums erwischt, dann brennt der Hut, wir rasen auf eine Meinungsdiktatur zu, in der die sozialen Medien die Erfüllungsgehilfen des zukünftigen Kontrollstaates sind, oder noch schlimmer, in Eigenregie die Meinungsfreiheit mutiger und braver Bürger auf beschämende Art & Weise beschneiden.
Nein, tun sie nicht, außer, man will sie mutwillig und extrem kontraproduktiv auf das Niveau der Staatsgewalt heben. Das sollte man nicht tun, gar nicht.

Die Meinungsfreiheit ist ein Grundrecht und Grundrechte binden stets nur den Staat, also Justiz, Verwaltung und Gesetzgebung. Eine unmittelbare Bindung von Privatpersonen, Unternehmen und Konzernen an Grundrechte kennt unser Grundgesetz hingegen nicht. Wer glaubt, deshalb bestünde nun eine Schutzlücke, die dadurch geschlossen werden müsse, dass man auch die Internetriesen unmittelbar der Achtung der Grundrechte verpflichtet, irrt sich: Um die Macht der Digitalkonzerne zu regulieren, ist eine solche verfassungsrechtliche Verrenkung nicht nur unnötig, sie wäre sogar ein wahrer Bärendienst an unserem modernen Demokratieverständnis.

Netzpolitik.org, Dr. Malte Engele

Grundrechte sind als Gegengewicht zur Macht des Staates formuliert, welche die Bürger durch Wahlen an die Regierenden übergibt. Wenn also die Meinungsfreiheit ein Grundrecht ist, dann stemmt sich dieses Recht auf freie Meinung gegen die Staatsgewalt und nicht gegen private Unternehmen. Dazu kommt, dass die Nutzung einer Plattform keinen Anspruch darstellt, dort grenzenlos frei und uneingeschränkt veröffentlichen zu können. Das Grundrecht verpflichtet den Staat, sich zu rechtfertigen, wenn er Gesetze verabschiedet, die den Grundrechten zuwiderlaufen. Ein Grundrecht ergibt sich nicht dadurch, dass man Benutzerrichtlinien zustimmt, um auf einer Plattform ein Profil einzurichten.

Grundrechte, wie in Wikipedia definiert: Grundrechte sind wesentliche Rechte, die Mitgliedern der Gesellschaft gegenüber Staaten als beständig, dauerhaft und einklagbar garantiert werden. In erster Linie sind sie Abwehrrechte des Bürgers gegen den Staat, sie können sich jedoch auch auf das Verhältnis der Bürger untereinander auswirken („Drittwirkung“).

Wikipedia

Wäre die Löschung eines Beitrags auf Basis der Benutzerrichtlinien tatsächlich eine Einschränkung der Redefreiheit, dann stellt sich die Frage, wie umfänglich die Meinungsfreiheit als Grundrecht war, bevor die sozialen Medien zu den Lieblingsplattformen der Politik wurden? Ein Grundrecht beginnt und endet nicht an und durch die Nutzung einer gratis zur Verfügung gestellten Plattform. Wenn man die möglichen Einschränkungen durch die sozialen Medien nicht dulden will, dann ist es ratsam, sie nicht zu nutzen. Es besteht kein Anspruch auf die Reichweite der sozialen Medien.

Wenn soziale Medien wie Facebook, Twitter oder Instagram ein Posting löschen oder einen Benutzer sperren, ist das durch deren AGBs gedeckt, da ein Grundrecht stets nur den Staat in die Pflicht nimmt, kann aus einem Grundrecht kein Anspruch entstehen, zum Beispiel, veröffentlicht zu werden. Das Gewähren einer Möglichkeit, auch auf längere Sicht, mündet nicht in einen Rechtsanspruch. Meinem Laien-Verständnis nach kann ein rechtlicher Anspruch des einen nur durch die Verpflichtung, die man jemand aufbürdet, gewährleistet werden.
Und das kann man im Sinne der Grundrechte nicht wollen.

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Notizen – offline oder online?

In meinem ewigen Hin & Her in Sachen Notizen habe ich kürzlich wieder die Marke Fieldnotes entdeckt, die in den USA produziert wird. Soweit sich mir die Geschichte des Unternehmens offenbart hat, produzieren die seit Jesus über das Wasser ging, kleine, für die Hosentasche geeignete Notizhefte, die als Werbegeschenke von Handelsvertretern an kleine Unternehmen verteilt wurden. Und weil oft Farmer die Empfänger dieser Notizbücher waren, die diese dann nutzten, um bei der Feldarbeit Notizen zu machen, entstand der Brand Fieldnotes.

Auf der Suche nach einem Händler, der die Notizbücher in Europa vertreibt, stolperte ich dann vorgestern über Heldbergs, die ich am liebsten leer kaufen würde. Wie dem auch immer sei, mit dem „Brand-Feeling“ von Fieldnotes kam ich abermals auf das Thema, ob ich meine Notizen nun offline oder online haben möchte und warum und wieso und überhaupt.

Ein denkbar einfacher Ansatz wäre: Alles, was privat ist, bleibt privat und kommt ausschließlich in Notizbücher aus Papier. Und das kommt in die Lade und geht nur mich was an. Alle Notizen, die ich später für eine Veröffentlichung brauche (Blogbeiträge, Recherchen für Blogbeiträge oder für Literaturprojekte) kann ich in Evernote ablegen. Evernote ist eh ein Allesfresser also von daher …

Früher habe ich gerne für Reisen alle möglichen Notizen online gesammelt (hier steht online für alles, was ich über eine App zusammentrage und auf das ich über mehrere Geräte zugreifen kann). Dann denke ich aber wieder: wozu? Die Reiseunterlagen habe ich als PDFs in Dropbox liegen. Was brauche ich noch? Telefonnummer des Vermieters? Kann ins Buch. Ausflugsziele? Kann ins Buch.

Es mag das Alter sein, aber mir wird immer wichtiger, das Gefühl zu haben, dass Notizen immer und ausschließlich rein privater Natur sind. Und dass Notizen, die Online verfügbar sind, nicht das Gefühl vermitteln, wirklich privat zu sein – auch wenn man sich um Datensicherheit bemüht.

Ich hab jetzt über Heldbergs zwei Dreierpacks Fieldnotes bestellt. Bis April werden die ja da sein, hoffe ich :-), denn dann geht es wieder los mit dem Reisen.

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Jeder ist die ganze Welt

Wir gingen Hand in Hand
durch Wüstensturm und Regen,
wir gingen Hand in Hand auf Pfaden
aus Gewitter Blut und Sturm
und wir gingen, bis wir an der Küste standen
und unser Hunger nach Leben uns verschlang

Wir atmeten Brust an Brust und
wir atmeten Kuss um Kuss, wir waren jeder
für den Augenblick die ganze Welt des Anderen:
Nie hatte das Meer einsamer und eifersüchtiger
an unseren Füßen gezogen als in diesem Moment,
nie rollte es kraftvoller, als es machtlos gegen Liebe war

Wir griffen in den Himmel und tranken uns
wir langten hoch in das wütende Grau
wir fassten die Metallkante des Horizonts
uns geschah nichts, und wenn unsere Hände bluteten
von der Schärfe der Welt mischten wir unser Blut
und unser Blut mischte sich mit dem Donner des Meeres

Wir kämpften uns zurück ins Land
durchwanderten Ebenen und furchtbare Wälder
kämpften uns hoch und höher,
bis wir in den Wolken verschwanden
und unsere Hüften miteinander kämpften im Geben und Nehmen

Das Tosen war um uns und in uns
und wir teilten es mit Himmel und Erde
wir teilten Nässe und Schamlosigkeit
das Gewitter packte uns wie eine Hand
und wir konnten nicht aufhören, Engel zu sein, die herrschten, um beherrscht zu werden

Wir blieben, bis unsere Augen vor Erschöpfung weinten
von der Liebe blind und erschlagen
zu Silber verwoben der Sturm von uns sang
mit dem Choral aus Wahrheit und Verlust und
all der Liebe die wir im Fallen verschenken konnten

Jeder die ganze Welt des anderen
jeder der ersehnte Atemzug
jeder der Puls der Sterblichkeit und
jeder die Brust die sich senkte und hob
jeder all die Leidenschaft und unvergessen
jeder nur ein Wimpernschlag Ewigkeit; Jetzt!

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Kein Produkt sein

Kann einen die Nutzung des Internet grantig machen? Grantig als wienerischer Ausdruck für verbitterte Unzufriedenheit? Und wenn das so sein sollte, wie machen die das, die T-Shirt tragenden Burschen in Silikon Valley? Darauf hat der Autor und Datenwissenschaftler Jaron Lanier einige sehr betrübliche wie einleuchtende Antworten gefunden.

Es mutet an wie Esoterik, denn bitte was sollen Inhalte im Internet mit meiner Laune zu tun haben? Doch es ist keine Esoterik, kein spiritueller Spleen, es ist ein Kompendium von Tatsachen, die nachprüfbar sind. Auf das Bauchgefühl Fremder gebe ich nicht viel – kommen sie mir jedoch mit Zahlen und Fakten und Studien und einer Argumentation, die auf dem Fundament von Fakten schlüssig und verständlich sind, denke ich zumindest drüber nach, was die mir erzählen wollen.

Zuerst mal: Es ist nicht das Internet, das uns betrübt. Es sind nicht die Abermillionen Websites, Solutions, Dienstleistungen, die uns verbittern. es sind in der ersten Linien die sozialen Medien, und da ist es nicht einmal, dass es sie gibt und die Funktionen, die sie anbieten, sondern das dem Wohlstand der Unternehmen zugrunde liegende Geschäftsmodell.

Im Buch ZEHN GRÜNDE, WARUM DU DEINE SOCIAL MEDIA ACCOUNTS SOFORT LÖSCHEN MUSST, geht Lanier in erster Linie auf Google, Youtube, Facebook, Twitter und Instagram ein. Und das aus gutem Grund.

Es ist nachgewiesen worden, dass es unter jungen Menschen noch nie so viele Depressionen gab wie seit der Zeit, da Facebook zum Leader der sozialen Medien wurde. Verstärkt wird das unter anderem durch Instagram. Der Grund dafür ist relativ leicht zu benennen.

Unzulänglichkeit: 99% der Menschen sind nun mal nicht so schön, jung und erfolgreich wie die aus Instagram hervorquellenden Models, die alle braun gebrannt und weit gereist, als Influencer Werbung für sich selbst und andere Produkte machen. Hübschen Influencern zu folgen, ist leicht verständlich und ungefähr dieselbe Gemütsverfassung, mit der man früher Filme wie Die blaue Lagune oder den neuesten James Bond ansah. Der Unterschied ist, dass die Influemcer so tun, als ob das Leben, dass sie zeigen, die Wirklichkeit abbildet, während man bei Bond oder der blauen Lagune wusste, dass all die Exotik und sexuelle Freizügigkeit inszeniert ist. Ein weiterer Grund, einem hübschen Influencer zu folgen, ist, weil man einfach scharf auf ihn oder sie ist – egal, für was die nun Werbung machen oder für welche Werte die stehen.

Influencer kokettieren zumindest am Anfang recht gerne mit Unanständigkeit und gewagten Posen, ihre Selbstinszenierung ist menschlich unbeholfen und berührend. Fließt jedoch das erste Geld, werden sie zu Schaufensterpuppen ohne Leben. Kann man sehr schön am Instagram-Profil von Elias Silitonga sehen. Ein bildhübscher Kerl, dessen Beliebigkeit mit dem Grad an Professionalität wächst; aus einem exotischen Jungen wurde eine beliebig verstellbare Schaufensterpuppe. Ähnlich ergeht es auch Jay Alvarez. Banal, langweilig, perfekt inszeniert. Und weit, weit ab von jeder Lebensrealität. Da schreit jedes Foto: Ich bin inszeniert. Ich habe mit echtem Leben nichts zu tun. Ich bin nur Werbung!

Aber die perfekte Banalität ist nur einer der Gründe, warum einen als User die sozialen Medien desparat machen. Der andere Grund, ist, wie schon erwähnt, das Geschäftsmodell.

Kurz und knackig

Depression durch soziale Medien

Für Facebook und Co ist der Benutzer die Ware, das Produkt, und der Werbetreibende, der die Dienstleistungen von Facebook, Google oder Instagram in Anspruch nimmt, ist der echte Kunde, denn der bringt Geld.

Oder hat irgendwer wirklich gedacht, die Infrastruktur, das Design, der Funktionsumfang aller Google Dienste und Facebook Dienste und Instagramm und Twitter, das zahlen die Macher alles aus der eigenen Tasche, weil sie einfach so saucoole Nerds sind?

Tja, jetzt müsst Ihr stark sein: Gratis bedeutet nicht umsonst

Quelle? Ich.

Facebook verkauft Dienstleistungen an Großunternehmen. Dazu gehört, über einen Algothitmus herauszufinden, was die User statistisch gesehen am meisten bewegt, wie alt sie sind, welches Geschlecht sie haben, woher sie kommen, wohin sie reisen, was sie beschäftigt und kränkt und ärgert. Welche Produkte sie möchten, welche Mode ihnen gefällt, womit sie sich die Haare waschen, wie sie politisch stehen und so weiter und so fort und es findet kein Ende.

Wichtig an dieser Stelle ist zu wissen, dass:

Die Hauptaufgabe von Facebook und Twitter und Instagram ist es, Euch zu zu animieren, so viel Zeit wie nur irgend möglich auf ihren Plattformen zu verbringen, denn das gewährleistet, dass die Werbung greift, die zwischen Euren Feeds immer wieder auftaucht. Es geht um die Aufmerksamkeit des Users. Das weiß man in der Werbebranche und in der Politik schon lange.

Jaron Lanier: Social Media macht Politik unmöglich – DER SPIEGEL – Netzwelt

Dem Geschäftsmodell von Instagram, Facebook, Twitter liegt ein Geschäftsmodell zugrunde und dieses Geschäftsmodell wird von einem Logarithmus gefeeded, der die Interaktion der User mit der Plattform ganz genau beobachtet und sich selbst adaptiert. Dieser Algorithmus hat herausgefunden, dass die Aufmerksamkeit der User steigt, wenn sie Nachrichten und News bekommen, über die sie sich aufregen. Dass ist dem Code im Prinzip wurscht wie nur was. Er sieht nur, dass Menschen häufiger Feeds lesen und liken und teilen, die sie beängstigend, bedrückend, ärgerlich oder zu wütend werden finden. In nichts anderem finden die Menschen so leicht zu einem Konsens wie durch ein Frustrationserlebnis. Der Code wertet nicht, er hat keine Moral.

Das bedeutet, dass der Code Euch immer mehr Feeds und News schickt, die aus seiner Logik heraus bei Euch bewirken, dass ihr länger am Ball bleibt und die Interaktion verstärkt.

Das ist nachweisbar, beweisbar und es ist belegt. Facebook, Twitter, Instagram, Google, Youtube – sie alle machen Euch wütend und frustriert, damit ihr länger auf der jeweiligen Plattform bleibt, damit ihr mehr Werbung seht, oder eine andere, durch Frust hervorgerufene Verhaltensmodifikation durch macht. Die Gurus aus dem Weltverschwörereck kennen diese Mechanismen und nutzen sie virtuos.

Deshalb kann es grundsätzlich gar nicht schaden, sich auszuklinken. Nicht ganz und gar auf die Annehmlichkeiten der IT verzichten, das meine ich nicht. Ich meine bloß, von der Demütigung Abstand zu nehmen, nicht perfekt zu sein, nur eine Ware zu sein, eine Drohne, aus der man Informationen absaugt. Natürlich kann man sagen: Ach was, mir wurscht, die Google Sachen funktionieren alle so leiwand, warum soll ich verzichten?

Aus dem selben Grund, warum uns Menschen viel an ihrem guten Ruf gelegen ist, am respektvollen Umgang miteinander. Wir sind keine Drohnen, wir sind keine Anbeter von Schaufensterpuppen und modifizierte Endbenutzer. Es gibt hervorragende Alternativen zu den Google Services im Web und auch wenn man dann etwas zahlen muss, dann weiß man wenigstens, das ist deren Geschäftsmodell: Du zahlst und sie liefern das, was Dir zugesagt wird. Beispiele gefällig?

Alternativen zu den Google Services

Für Facebook, Instagram und Twitter gibt es keine wirklichen Alternativen. Ich meine, was das Kerngeschäft betrifft, die Kernfunktion, die man uns Usern vorgaukelt – mit Familie und Freunden in Kontakt zu bleiben. Wie war das vor Facebook und Konsorten? Ruft Euch mal wieder an, schreibt Euch ne Mail, chattet über einen sicheren Chatservice.

Oder gebt Euch mal wieder der Sinnlichkeit hin, Eure Gedanken nur für Euch mit der Hand in ein echtes Notizbuch zu schreiben. Das wäre doch mal was, oder?

Wie auch immer Ihr Euch für Euch selbst entscheidet, was auch immer Ihr benutzen wollt, um in Kontakt zu bleiben und Euer Leben zu organisieren, bedenkt, dass alle Services im Internet, die kein Geld kosten, auf andere Weise Gewinn aus Euch ziehen. Und egal, ob das wehtut oder nicht – es ist ein Angriff auf die Integrität als Mensch, als Bürger.

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