Lagerfeuer

Wenn ich auf das Leben zurückblicke, dass ich bisher leben durfte, müsste ich große Dankbarkeit empfinden. Ich verbrachte meine Kindheit auf Campingplätzen, ich weiß wie aufregend es ist, nach Einbruch der Dunkelheit in wildem Wasser zu schwimmen. Lagerfeuer an Seeufern, eine Lichtung am See in einem tiefen Wald in Polen. Ich weiß, dass das Bier anders schmeckt, wenn man es im Schein von Feuer trinkt, ich weiß, wie wüst zusammengezimmerte Holzstege knauern und krachen, wenn man auf ihnen vor bis zur Kante geht, um ins Wasser zu hechten.

Ich kenne die größten Flughäfen der Welt und ich habe in Kuba am Malecon mit wüsten jungen Trinkern Rum getrunken und Tarara gesehen. Wie der pastellfarbene Nebel über idyllischen Talsenken aussieht, wenn man durch die Tschechei fährt, das weiß ich. Wie robust und abweisend die Kaparten sind, wie dunkel und tief.

Wie Freunde riechen, nach einer Verfolgungsjagd in der Kindheit, wie die Straßen hinter dem Markt nach verfaulendem Obst stinken, wie man auf die Dachstühle uralter Zinshäuser kommt und dort Dinge aus anderen Zeiten findet. Ich weiß, wie ein Gewitter in den Bergen klingt, und es klingt ganz anders als hier in der Stadt, oder draußen, am Flachland. Ich weiß noch, wie der Kuss des Jungen schmeckte, den ich als Dreizehnjähriger bei einer Fahrt in einer der Wiener Geisterbahnen umarmt und geküsst hatte. Bazooka Kaugummi und Hobby Zigaretten.

Heimliche Ausflüge in öffentliche Bäder nach Mitternacht, in der hohlen Hand gerauchte Zigaretten – ich sollte still und dankbar sein.

Doch in den letzten Wochen erlebe ich, wie meine Sehnsucht wächst, manches, wenn nicht alles davon neu zu erleben. Wieder zu erleben. Ich möchte wirklich gerne noch einmal mit Fritz und Michael und Ilmaz nach Einbruch der Dämmerung im Sommer am Ufer des Teichs von Biedermannsdorf sitzen und über UFO-Landeplätze in Südamerika reden, und darüber, was die Zukunft für uns bereithält. Ich möchte allein oder mit Freunden nachts in einem See schwimmen, mit nichts als dem Mond und den Sternen über uns. Mein Gott, ich bin fünfundfünfzig Jahre alt und ich höre das Ticken meiner Lebensuhr auf einmal deutlicher. Noch ist das Ticken angenehm wie das in einem Salon, aber es zeichnet sich ab, das es lauter und eindringlicher werden wird, und das die Zeit, die noch bleibt, langsam schwindet.

Ich wünsche mir nichts kompliziertes oder teures, ich wünsche mir nicht einmal meine Jugend zurück. Was ich wünsche, ist eigentlich sogar leicht zu erfüllen, leicht zu erleben. Aber ich bekomme den Arsch nicht mehr hoch. Es ist alles in meinem Leben, könnte man auf englisch sagen, set and done. Was ich noch tun kann, ist, in dem, was ich kann und tue, besser zu werden. Nicht für die anderen. Für mich.

Vielleicht erkennt man den Wert des Lebens wirklich erst dann, wenn man so viel davon gehabt hat, dass man sich erinnert, und ein nahezu vollständiges Bild erhält. Ein Bild aus Staunen und Freude, Wut und Liebe, Begehren und Verwirrung, Glanz und Wahn. Ein paar dieser Erinnerungen möchte ich nehmen und auffrischen. Nur ein paar. Ich fange klein an. Mit einem Freund und ein paar Dosen kaltem Bier am Ufer eines Sees sitzen und reden, während der Mond auf seiner Bahn dahinzieht. Das würde mir für den Anfang schon mal genügen.

Bücherleichen

So trivial benenne ich Bücher, die ich nicht zu Ende gelesen habe. Ein gelesenes Buch ist ein Buch, und ein ungelesenes Buch ist auch einfach nur ein Buch. Aber eines, das ich nicht zu Ende lesen konnte oder wollte, ist eine Leiche. Das ist wenig charmant, ich weiß. Und es gibt auch nicht sehr viele Leichen in meinen virtuellen und wirklichen Bücherregalen. Aber es gibt sie, und von ihnen geht ein übler Gestank aus. Ich muss zugeben, dass manche der Bücher nicht wirklich schlecht sind, und der Grund, warum ich sie nicht fertiggelesen habe, ist, dass sie mich zur falschen Zeit trafen oder ich sie unter einer falschen Prämisse zu lesen begann. Aber die meisten Bücherleichen sind deshalb Leichen, weil sie derart mies geschrieben sind, dass sie beim Lesen im Hirn immer größer wurden – so wie ein herzhafter Bissen einer Speise, die erst beim kauen ihren grauenerregenden Geschmack entwickelt und nicht und nicht geschluckt werden will.

Beispiel: Seit Ende vorigen Jahres schreibe ich an einem SF-Roman, in dem mehrere Handlungsebenen zusammenspielen (sollen). Ein gesellschaftspolitischer Teil, ein SF-Teil, in dem ich begründen will, warum es in Wirklichkeit keinen sinnvollen Zugang zu Science Fiction gibt, und eine Auseinandersetzung mit dem Fermi-Paradoxon. Um mich ein wenig in das Thema einzulesen, oder besser, um mich erneut einzulesen, nahm ich mir vor, einige SF-Romane aus der (für mich) Frühzeit der SF zu lesen. Bücher aus Vaters Taschenbuchschatz aus den Sechzigern. Dann eine Empfehlung auf Amazon. Beide Bücher klatschten mich traurig an die Wand, um mit Qualtinger zu reden.

Zuerst das Buch Universum ohne Ende von Poul Anderson. Ich meine, es ist ganz interessant zu lesen, wie sich ein Schriftsteller damals die Reise in Richtung Lichtgeschwindigkeit vorstellte. Die Lichtgeschwindigkeit als Grenze, die nicht überschritten werden kann, erscheint mir in SF-Romanen, die ernst genommen werden wollen, sowieso als Voraussetzung. Schon die Annäherung an die Lichtgeschwindigkeit erzeugt merkwürdige Effekte, spannende Differenzen zwischen der Zeit außerhalb und innerhalb des festen Körpers, der beständig beschleunigt wird. Aber einen Roman rund um einen Effekt herum aufzubauen, in dem sonst nichts passiert, als das sich die 25 besten Köpfe der Erde schon nach zwei Jahren in die Wolle kriegen? Echt jetzt? Das Buch habe ich so gelesen: 45 Seiten am Anfang, dann den Großteil der Mitte nur überflugsmäßig und dann das Ende. Das finde ich ja ganz nett – nur frustriert es mich auch ein wenig, weil da einer die Idee, mit der ich in meinem neuen Projekt hausieren gehen möchte, schon in den Siebzigern hatte.

Dann Aurora von Kim Stanley Robinson, ein eher neueres Buch (2016), das mir von der Prämisse her sehr gut gefiel: Die gewaltige Aufgabe, mit einem Generationenraumschiff von beeindruckender Größe zu einem Sonnensystem zu fliegen, wo man Planeten zu finden hofft, auf denen sich die Menschen ansiedeln können. Gut gefallen hat mir in dem Buch die Beschreibung des Lebens an Bord, das von der KI gehütete Geheimnis und der kleine, rotzfreche Freund der Hauptfigur: Eouan, der als junger Erwachsener einer der ersten ist, die auf den Planeten hinunter dürfen, der dort erkrankt und seine mögliche Antwort auf das Fermi-Paradoxon gibt – eine Antwort im Übrigen, die ich als Grundlage in meinen neuen Roman einfließen lasse.

Das Buch war nicht schlecht, zumindest nicht alles. Was ich erschöpfend fand und im Blindflug absolvierte, waren die Kapitel, in der die KI auf sich selbst referenzierend erklärt, wie sie Menschen wahrnimmt und wie sie versucht, das menschliche Verhalten, das Streben und Wollen in Sprachbilder zu fassen. Das, meine lieben Freunde, ginge auch um 300 Seiten kürzer.

Kurz: Hard SF, in dem es um technischen Machbarkeit und um das Verständnis des Universums geht. Gelernt habe ich durch diese Bücher, dass, wenn man die romantischen Ideale beiseite lässt (Wir müssen uns im Weltall ausbreiten, wir werden auf neue Zivilisationen stoßen, Blumengebinde oder Laserstrahlen austauschen, epische Schlachten schlagen oder schon zu Lebzeiten in den Geist des Universums aufsteigen, blablabla, …), ein wirklicher Kontakt zu intelligentem außerirdischen Leben im Grunde genommen für die, die sich damit politisch, gesellschaftlich, kulturell, technisch und wissenschaftlich befassen müssen, der reinste Horror sein muss.

Ein Action-Krimi, den ich nicht weiterlesen konnte, obwohl ich mir von ihm erwartet hätte, ein wenig den Unterbau von aktionslastiger Literatur zu verstehen, war Lee Childs erster Jack-Reacher Roman Größenwahn. Das ist sprachlich so banal, so abgegriffen und abgekaut, das ist zum fürchten. Bin bei 52% auf dem Kindle ausgestiegen.

Jetzt habe ich einen Gruselkrimifantasy-Roman begonnen, der mich schon nach den ersten zehn Seiten ziemlich gepackt hat und in den ich viel Hoffnung setze: Robert McCammons Boys Life – Die Suche nach einem Mörder. Das liest sich bis jetzt so, als hätten Ray Bradbury und Stephen King sich zusammengetan, einer im Himmel und der andere in Bangor, Maine, um einen Jugendroman zu schreiben, in dem die Kinder nicht einfach erscheinen, sondern wie Wirbelstürme, Waldbrände und Asteroiden aus der Nacht kommen, und wo es in jeder Gasse der Heimatstadt einen Zombie gibt, einen kopflosen Untoten, eine Wasserleiche am Ufer des Flusses, und wo die nächtliche Brise des Sommers nach Jasmin und erster Liebe duftet.

Vielleicht schafft es Robert, mich bis zum Ende zu tragen und sicher auf die andere Seite zu bringen 🙂

Fragmentiert das Denken!

Donald Trump hat Twitter vom Start weg zu seinem Medium erkoren. Vorgeblich, weil er dort direkt und ungefiltert zu „seinem“ Volk sprechen kann. Kein anderer Staatsmann nutzt Twitter so intensiv wie er. Der dem Volk zugewandte Vorwand, Twitter so intensiv zu nutzen, wirkt bei näherer Betrachtung hohl. Ihm ist jedenfalls daran gelegen, auf sein Volk wie einer zu wirken, der frank & frei schreibt und sagt, was er denkt. Ohne sich ein Blatt vor den Mund zu nehmen, ohne politische Korrektheit, ohne all den Trödeln und Quasten der Vorgänger, die auf Konsens aus waren und auf die Wahrung der institutionalisierten Demokratie.

Mir fällt aber noch ein Motiv ein, Twitter so intensiv zu nutzen: Neben Facebook und Instagram steht kaum ein Massenmedium so stark für die Fragmentierung der Aufmerksamkeit. Keine anderen Plattformen binden das Userinteresse so unverschämt durch Informations-Cookies wie die großen 3: Facebook, Instagram und Twitter. Trump dürfte sich für Twitter entschieden haben, weil es unmittelbarer ist, als zum Beispiel Facebook.

Man kann stundenlang durch die Timeline scrollen und bekommt doch nie mehr als Häppchen. Man bekommt Informationsfastfood, Krumen, die vom Tisch fallen, man bekommt Wut und Zynismus komprimiert, nie jedoch Hintergründe, Zusammenhänge, Analysen, denn dazu taugt das Medium nicht. Auf Twitter erklärt man nicht, man behauptet. Und je breitbeiniger man das tut, desto unhinterfragter wird die Behauptung zur Realität – vor allem, weil der Gebrauch von Twitter und anderen sozialen Medien nachweislich die Aufmerksamkeitsspanne des Users verkürzt. Und wenn es etwas gibt, das Trump nun mal so gar nicht brauchen kann, dann sind das aufmerksame, konzentrierte Bürger, die die Wahrheit erkennen, in dem sie sie lange und unerschrocken betrachten.

Twitter und die anderen taugen nicht für die Wahrheit – selbst wenn man sie dort zum Ausdruck bringt. Deshalb ist Trump ja auch so ein erbitterter Gegner von investigativem Journalismus. Nichts fürchtet der Wortführer mehr als die kritische Analyse.

Der Fluss

bringt alles wieder, heißt es doch in Siddharta, oder? Jetzt arbeite ich noch am Rohmanuskript meines SF-Romans, und inzwischen sammle ich Ideen und Informationen für meinen nächsten Roman. Der wird, aller Voraussicht nach, im November begonnen, wenn ich nicht einen Anfall bekomme und die Arbeit am aktuellen Projekt unterbreche. Jedenfalls schließt sich für mich erzählerisch ein Kreis, denn mit dem neuen Projekt nähere ich mich meinen Anfängen wieder und werde eine romantische, schwule Geschichte erzählen, in der niemand stirbt, niemand gefoltert, ermordet und/oder in die Twilight-Zone gebeamt wird.

Zwei Menschen, einer alt, der andere jung, beide verbittert vom Schierlingsbecher des Lebens, treffen sich in den Bergen einer Urlaubsinsel und geben sich Halt. Sie haben drei Tage.

Das ist der Fluss, der alles wieder bringt: Die Prämisse der Handlung schließt an Mark singt an: zwei Menschen, große Gefühle, wenig Zeit. Was sich ändert, ist, dass sie sehr unterschiedlich sind, nicht nur vom Alter. Und ich erzähle die Geschichte vermutlich mit der Kargheit eines Ernest Hemingway oder, so Gott will, einer Annie Proulx. Diese Art von Geschichte habe ich schon in Die Inseln im Westen erzählt, angereichert mit dem Donnerknall lateinamerikanischer Fantastik. Diesmal will ich mich ganz und gar auf diese zwei Menschen konzentrieren und erzählen, warum sie sind, wie sie sind, und warum sie es nicht schaffen, aus dem eigenen Schatten zu treten. Ganz ohne Trödeln und Quasten, ohne Magie und Geistern.

Das und die Hitze der Urlaubsinsel, die Stille der Berge, der Ozean am Horizont.

Ich freu mich drauf!

Ja hallo erst mal

Da bin ich wieder. Nach einigen Irrwegen, die durch mein „digital detox“ ausgelöst wurden, habe ich meine kleine Runde durch diverse Domainhoster und Mailprovider abgeschlossen und bin wieder da, wo ich angefangen habe.

Meine Idee, es müsse genügen, verlegt zu werden, hat sich als feuchter Knallfrosch erwiesen. Ganz ohne Präsenz im Internet scheint es nicht zu gehen. Ich habe ja sogar wieder Facebook und Instagram, hey! Wichtig ist mir diesbezüglich, dass ich nichts davon am Smartphone habe. Ich plane dafür Zeit am PC zu Hause ein, um nicht wieder in die Social-Media-Falle zu gehen, und endlos Zeit zu verscheißen.

Bei den Vorbereitungsarbeiten zu diesem Internetauftritt habe ich unter anderem einen alten Blog von mir aus dem Jahr 2010 gefunden. Aufgefallen ist mir, wie anders sich mein Schreibstil liest. Wuchtiger teilweise, hantiger und wütender. Komme ich also schon in das Alter, dem man Altersmilde zuschreibt? Ich denke nicht. Was ich möglicherweise an zukünftigen, verregneten Wochenenden machen werde, ist, die uralten Blogeinträge auszusieben und das, was mir bewahrenswert scheint, hier zu archivieren. Es zeichnet sich also ab, dass meine Internetpräsenz fogendermaßen auf Schiene gebracht wurde.

Es ist noch nicht alles aufeinander abgestimmt, aber daran arbeite ich noch.