Paradigmenwechsel

(…) the world’s finest word processor, a Waterman cartridge fountain pen … put me in touch with the language as I haven’t been in years.

Stephen King

Da gibt es diesen Lars Bobach, ein sehr umtriebiger, stets neugieriger und Neuem sehr aufgeschlossener Unternehmensberater. Er hat eine sehr informative Website im Internet und die kann ich ruhigen Gewissens jedem empfehlen, der sich für Selbstmanagement, Projektmanagement udgm interessiert.

Ich habe die Seite von Lars früher oft besucht, weil er auch immer über Apps und Tools schrieb, mit denen man sich selbst managen kann. Mir kommt vor, dass dieses „sich selbst managen“ oder diese Selbstoptimierung besonders in Kreisen von One Man Companies interessant ist. Kleine Startups, freie Berater, aber eben auch für Leute wie mich, die mit einem Arsch auf zwei Kirtägen tanzen: Einerseits Prozess Experte in einem sehr großen IT Unternehmen in Wien, andererseits Schriftsteller und Herumtreiber – in beliebiger Reihenfolge. Während ich im Unternehmen zB OneNote verwende, um mir Notizen in gewisse Themensilos zu kippen, verwende ich zu Hause lieber Evernote. Früher benutzte ich alle möglichen Arten von To-Do-List Managern. Angefangen hat der ganze Spaß mit Wunderlist, dann nutzte ich Google Tasks, Todoist, TickTick, Trello, AnyDo und wie sie alle heißen.

Zumindest was dieses Thema angeht, sind Lars Bobach und ich wie Schiffe, die sich in der Nacht begegnen. Selten, aber doch. Und Lars, der immer wieder mal was Neues probiert und darüber berichtet, unternahm nun einen Selbsttest. Er hat Ryder Carrols Buch über Bullet Journal gelesen und sich gedacht: Na das mach ich doch mal, so für Spaß! Nein, so wird er sich das nicht gesagt haben, aber die Gründe, die er dafür angibt, kommen mir seltsam vertraut vor: All die Tools lassen die Grenzen zwischen dem, was dringend ist und dem, was wichtig ist, verschwimmen. Die Listen werden länger und länger, das pöbelhafte Dringende drängt sich vor, nimmt breitbeinig Platz ein und spuckt einem die Timeline voll. Zwischen den Zeilen lese ich auf Lars Bobach Seite zum Experiment auch, dass sich bei ihm eine gewisse Ermüdung einstellt, dauernd durch die Verwendung der Selbstoptimierungsapps zur Selbstoptimierung getrieben zu werden.

Tatsächlich vermitteln all diese Apps mit der Zeit das Gefühl, man beschäftigt sich mit ihnen nicht, weil sie wirklich etwas bringen, sondern weil es professionell wirkt und fancy, sie zu benutzen. Ich meine, wie viel Selbstoptimierung braucht der Mensch, wie viel Selbstmanagement hält er aus? Und, ganz wichtig: Wie viel Zeit frisst die Selbstoptimierung, das Selbstmanagement pro Tag? Zeit, in der man einfach nur beschäftigt ist, aber nicht effizient? Ich habe ganz bewusst nicht das Wort „produktiv“ verwendet. Produktiv kann auch jemand sein, der pro Tag tausend Luftballons aufbläst.

Ja, und so kommts, dass der Guru der Optimierungsapps einen Schwenk Richtung Offline macht und seinen Tag und seine Produktivität mit einem Bulletjournal managt.

Bei mir zeichnet sich ab, dass ich im Unternehmen weiterhin auf OneNote setzen werde, vor allem, weil das am besten mit all den anderen Microsoft 365 Apps verzahnt ist, und weil es sich nun mal als Unternehmenstool anbietet. Privat beginne ich immer mehr daran zu zweifeln, ob ich mir etwas Gutes tue, wenn ich diese oder jene Apps verwende. Unlängst, beim Grübeln & Sinnieren habe ich bemerkt, dass ich Todoist nur noch auf dem Handy habe, um die Einkaufsliste reinzudaddeln. Ihr kennt meinen Mann Richard nicht. Wenn ich da etwas beim Hofer vergesse, haben wir zu Hause Achterbahn! Also! Nicht kichern!

Todoist habe ich nun gelöscht und verwende nur noch die Erinnerungen Funktion vom iPhone, um Tageswichtiges zu notieren. Bulletjournal habe ich versucht, dazu fehlt mir jedoch die nötige Disziplin, um dranzubleiben. Deshalb führe ich gleich zwei Notizbücher (Achtung Werbung: Beechmore Books), in denen ich jedoch (fast) nicht plane, sondern rekapituliere, meine Rapports an mich selbst, Peters Reflexionen, quasi … Das bedeutet auch, dass ich über kurz oder lang auch auf Evernote verzichten werde – vor allem, wenn sich mir nicht mehr entschließt, wozu ich es wirklich brauche.

Diesen Schwenk hin zum Analogen nehme ich in letzter Zeit häufiger wahr und ich vermute, dass dies mit einer Übersättigung zu tun hat, mit einem Völlegefühl allem Digitalen gegenüber. Mit der Hand auf Papier schreiben ist sinnlicher, echter und direkter. Es ist intimer, umfassender und vermutlich auch ehrlicher. Und – last but not least – ist es auch eine Haltung, eine sichtbar gemachte Abkehr vom digitalen Schein. Das ist bestimmt nicht weltumfassend und mystisch oder was weiß ich – aber es ist, es findet statt.

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Arbeitswelten

In Socken

Besonders seitdem ich mich mit dem Unternehmen NotionHQ befasst habe, geht mir auch immer wieder durch den Kopf, wie sich die Arbeitswelt ändert. Die jungen Leute in diesem Startup ziehen sich die Schuhe aus und arbeiten in Socken. Ich meine, das ist positiv. Geht zwar nicht überall und in allen Unternehmen, aber in modernen Startups, wo das Durchschnittsalter der Mitarbeiter*innen bei 25 Jahren liegt, ist das durchaus opportun. Ich finde das totschick! Die machen dort sogar Bunte Socken Wettbewerbe und ziehen nebenbei ein Unternehmen hoch, das inzwischen 800 Millionen Dollar wert ist. Geht doch!

Gut, wir haben jetzt Krise und alles, und wer von zu Hause aus arbeiten kann, soll das bitte auch tun. Für viele Chefs kleinerer Betriebe oder überschaubarer Abteilungen, die gerne Kontrolle ausüben und misstrauisch sind, ist es schwer, hier den nötigen Freiraum einzuräumen: Da hab ich sie ja nicht unter Kontrolle, dann machen sie, was sie wollen, dann machen die gar nichts, machen die, bügeln die Wäsche und spielen mit den Kindern oder sitzen schon zu Mittag besoffen am Balkon! Herrgott, wir werden alle sterben!

Der alte Schlag

Es sind diese Vorgesetzten des alten Schlags, die in modernen Unternehmen nicht den Funken einer Chance auf Einstellung hätten, die in der modernen Arbeitswelt die nötigen Anpassungen verhindern, verzögern und blockieren. Nicht, weil es ihre wirkliche Überzeugung ist, dass Änderungen am Konzept Arbeit zum Schaden des Unternehmens sind, sondern weil sie dadurch an Macht, Kontrolle und Einfluss verlieren. Und das können die ja nun mal gar nicht leiden, die schon oberlehrerhaft über den Rand der Brille blicken, wenn ein Mitarbeiter mal eine Minute früher geht. Auch die bestens vernetzten Obersekretärinnen, die unter dem Radar des Direktors ein Terror-Regime führen, das aus Abhängigkeiten und Gefälligkeiten besteht, aus Mobbing und Bullying, können die neue Selbstverantwortung der Mitarbeiter gar nicht ausstehen.

Das sind die Dinosaurier unserer Zeit, und die aktuelle Epidemie ist der Meteor, der für ihre Ausrottung sorgen wird.

Am Campus

Auch die Campusmentalität von Facebook, Microsoft, Google und wie sie alle heißen, hat im Grunde genommen ausgespielt. Sie wissen es nur noch nicht. Die Gründe sind dieselben: Mehr Homework, mehr Vertrauen, mehr Eigenverantwortung, eine Neuausrichtung der Firmenphilosophie, flache Hierarchien, der First Line Manager agiert auf Augenhöhe.

Da flossen gewaltige Vermögen in die Errichtung von Firmencampusse, und die stehen jetzt halb leer. Die Idee war ja nicht schlecht: Man baut einen Campus, wo nicht nur gearbeitet wird, sondern wo man auch Freizeit verbringen kann, einkaufen, Wellness, klapp und zu ist die Kannenpflanze. Es gibt keinen Grund mehr, nach Hause gehen zu wollen, man hat ja alles am Campus. Man kann unterm Sonnenschirm im Park arbeiten, man kann mit dem Laptop im Spielzimmer programmieren, man kann sich zwischendurch massieren lassen, einkaufen und lässig plaudern. Wozu noch nach Hause gehen? Und wer es doch tut – na, passt so jemand zu uns?

Dropbox macht es vor und der CEO Drew Houston bespricht sehr klug die Umgestaltung von Büroräumen in Studios:

Dropbox’s offices are turning into „Dropbox Studios,“ places people can go to meet or collaborate or just hang out with their colleagues (but most work will get done at home). This is a big change for Dropbox, which has had some of Silicon Valley’s coolest offices — complete with in-house karaoke bar, garden roof and screening room — and has long believed that workplaces should be somewhere people feel at home. There will be fewer individual desks and closed offices, and more conference rooms and group-hang spots. (And probably still an in-house karaoke bar.)

Menschen, für die Arbeit etwas war oder ist, zu dem man genötigt wird, das man zum Leben braucht aber das nicht wirklich zum Leben gehört, Menschen, die von „ehrlicher Arbeit“, von „Plackerei“ sprechen, die Anwesenheit mit Produktivität verwechseln, für die ist das alles nichts. Das kommt ihnen komisch vor.

Was nicht zuletzt am Bild liegt, dass wir uns von Arbeit machen: Arbeit macht keinen Spaß, muss sein, ist anstrengend, man muss sich unterordnen oder andere unterordnen, es hat was von Drill und Militär und von Pflichterfüllung. Man geht von zu Hause weg und ist nicht mehr Paul, der Hobbygärtner und Ehemann, sondern Herr Paul, der im Großraumbüro am Tisch 77 sitzt und nur dann aufs Klo geht, wenn er es nicht mehr aushält, weil die Chefsekretärin … strenger Blick, Ihr wisst, was ich meine.

Nur wer sich plagt und schuftet, bekommt Anerkennung, unabhängig davon, wie produktiv und effizient der Arbeitseinsatz ist. Ein ehrlicher Hackler ist heute noch immer mehr wert als ein hocheffizienter Arbeiter. Die Schere muss klappern und die Säge muss heulen, man muss am Platz sein und gesehen werden.

Home Work

Weil, zu Hause arbeiten, das ist kein Arbeiten. Da sitzt man ja nur vor dem PC, hört Radio, trinkt Kaffee. Ja, da habens die aber mal schön gemütlich, nicht? Die verstehen ja alle nichts mehr von harter, ehrlicher Arbeit, und wie wir uns damals den Arsch aufgerissen haben und geschöpft haben für die Familie und die Enkelkinder … Die wollen es alle nur noch schön gemütlich haben, daheim im Warmen sitzen, nicht?

Gegen diese und Millionen weiterer Vorurteile muss es sich nun durchsetzen, dass es viele, sehr viele Jobs gibt, die man von zu Hause aus erledigen könnte, wenn man die Leute nur ließe und wenn es sich auch gesellschaftlich verankert, dass Heimarbeit mehr ist als Herumwurschteln und Jogginghosetragen.

Was es braucht, ist einen Paradigmenwechsel in der Gesellschaft, wie Arbeit definiert wird, auch in Hinblick auf neue Berufe, besonders im Bereich der erneuerbaren Energie – der Paradigmenwechsel bezieht sich dann nicht nur auf das, was wir Arbeit nennen und wie wir es werten, sondern auch darauf, wie wir ganz allgemein mit Änderungen umgehen.

Denn Heimarbeit ist noch kein Schritt zur neuen Arbeitswelt, wenn der Chef in Ermangelung der persönlichen Kontrollmöglichkeiten, seine Mitarbeiter neun Stunden am Tag über Microsoft Teams oder Zoom überwacht.

Homework bedeutet auch nicht, die eingesparte Fahrzeit in Arbeitszeit umzudeuten. Es bedeutet auch nicht, noch um 21:00 Uhr für den Chef erreichbar zu sein, der nur noch schnell eine Tabellenauswertung braucht.

Es bedeutet, dass das Abdrehen der Apps, mit denen man arbeitet, einem Nachhausegehen gleich kommt.

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