Neue Freiräume

Die Medien nutzen die Corona-Epidemie wie eine Harfe. Alle Medien, seien sie nun sozial, digital oder akustisch, seien sie gedruckt oder was auch immer. Sie befassen sich nicht nur mit den Zahlen und der Politik rund um die Epidemie, sondern bis zu einem gewissen Grad auch damit, wie die Epidemie – oder besser gesagt, die Maßnahmen gegen die Epidemie durch die Regierung – sich auf uns Menschen auswirkt. Konzentrationsschwäche, Nervosität, Unruhe, Depressionen quer durch die Bank: Kinder, Jugendliche, Erwachsene, Frauen und Männer.

Das liegt meiner Meinung nach nicht nur an den Einschränkungen durch die Regierung, die in die Lebensgestaltung und in die höchstpersönlichen Freiräume der Menschen eingreifen, sondern auch an den sich widersprechenden Nachrichten, wo sich validierbare Informationen mit Willensbekundungen mischen, Annahmen auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse mit Verkettungen von Glaubensbekenntnissen und bürgerlicher Wut.

Die Boulevardmedien, die in Österreich von der Politik durch Werbung finanziell gefüttert werden, tragen das ihrige dazu bei, die Spannungskurve und den Frustrationspegel in der Bevölkerung hoch zu halten, und zwar aus mehreren Gründen:

  • Schlechte Neuigkeiten sind gut; sie binden den Leser
  • Das Dauergetrommel in Sachen Corona übertönt alles andere. Zumindest bis jetzt. In Österreich bahnt sich auf einem populären Nebenschauplatz ein Politikskandal an, den man gerne mit Corona-News zuscheißen würde. Das gelingt aber nicht
  • Entmutigte Bürger wenden sich zumeist dem zu, der im tiefsten Brustton der Überzeugung
    • Schuldige benennen kann
    • Erleichterung verspricht
    • In Aussicht stellt, dass die „alte“ Ordnung wiederhergestellt wird

Was mich verblüfft, ist, dass der bürgerliche Aufschrei nach der Wahrung persönlicher Freiräume vom verständlichen Bedürfnis zu einer Pose verkam. Verständlich, dass manche auf die Straße gehen und demonstrieren, noch verständlicher wäre es, wenn andere die Orte meiden, wo sie auf die Polizei treffen könnten, und meinetwegen im Wald campen, saufen und kiffen und Party machen.

Die Zahlen, mit denen die Vergehen gegen die Coronabestimmungen dokumentiert werden, sind irreführend, weil sie nur einen Teil der bürgerlichen Reizbarkeit abbilden. Es ist gut für die Politik und die angefütterten Boulevardmedien, dass Jugendliche dumm genug sind, auf dem Stephansplatz Fußball zu spielen, doch die Berichterstattung setzt uns Scheuklappen auf.

Statt darüber zu reden, wie krank es einen macht, in diesen Zeiten der „Cholera“ in seiner Beweglichkeit eingeschränkt zu sein, könnten die Leute doch darüber reden, wie sie sich selbst behelfen. Tun sie ja vielleicht auch, doch wenn, dann eher in kleinen Gruppen – was ja auch wieder ganz gut ist. Ziviler Ungehorsam ist edel, richtig und gut, wenn er nicht zum Schaden anderer gelebt wird. Sucht unattraktive Plätze und belebt sie; es hat wenig Sinn, die Freiheit darin zu suchen, am Samstagvormittag zum den Myrafällen oder zum Grünen See zu fahren.

Alles, was uns wegführt von der Meinungsplörre der sozialen Medien, ist gut, alles, was uns von der vermassten Meinung, die in den sozialen Medien breitgetreten werden, ist gut. Geht raus in die Wälder, folgt Thoreau´s Beispiel. Schaltet Handy und Tablet ab, lasst den Laptop zu Hause. Macht Euch unauffindbar, schreibt Gedanken in Notizbücher. Wir schafften das als Teenager in den frühen 80ern, und es war ein Teil unseres Selbstverständnisses, unauffindbar zu sein. Um sich neue Freiräume zu schaffen, die sich echt anfühlen, muss man zuerst einmal aus den virtuellen Freiräumen raus, die nur so tun, als ob. Das unselige zusammenwirken der bürgerlichen Selbstkontrolle via sozialer Medien einerseits und der Kontrolle durch den Staat wirken langfristiger und stärker, als man sich das vielleicht im Moment denken mag. Wir erstarren in der Befürchtung, gegen Regeln zu verstoßen, aus Angst, beobachtet zu werden. Neue Freiräume erobern bedeutet, sich unsichtbar machen.

Verlasst die sozialen Medien und werdet unsichtbar!

Du kannst mich gerne über Paypal unterstützen!

Zeitungen

Zeitungen und Boulevard

Früher dachte ich, Zeitungen sind dazu da, zu informieren, was in der Welt geschieht. Wo man darüber informiert wird, was man nicht im eigenen Umfeld erfährt. Echte Zeitungen kommen diesem Anspruch wahrscheinlich sogar nach, der Boulevard aber driftet unter voller Besegelung ab. Ich denke, es war der Gründer der SUN, der postulierte, dass nicht der Leser der Kunde seiner Boulevardzeitung sei, sondern das Produkt. Der wirkliche Kunde sei der Werbekunde.

Der Leser ist das Produkt

Auf die Spitze wird dieses Geschäftsmodell mit den Online-Versionen der Tageszeitungen getrieben. Und ganz exemplarisch sticht dabei die Tageszeitung HEUTE hervor. Nachrichten findet man dort kaum noch, eher Bassenatratsch und Hörensagen, Gerüchte, Erfundenes und Irres. Und, das haben die bei HEUTE ganz geschmeidig geregelt, fast die Hälfte der Inhalte kommt von sogenannten Leser-Reportern. Das gibt es zwar schon länger, aber HEUTE hat das kultiviert – im negativen Sinn. Ein Leser-Reporter ist man, wenn man auf der Straße irgendetwas sieht, und, statt die Polizei zu verständigen, Fotos und Hinweise an HEUTE schickt. Mit viel Glück bekommt man dafür 50€. Damit wird das Geschäftsmodell geschliffen und abgerundet:

Leserreporter

Aufgeregte Bürger werden zu Leser-Reporter und berichten, das, was sie aufregt, für Menschen, die sich ebenso darüber aufregen, egal, wie bedeutsam das Berichtete ist, oder wie banal. Die Institution des Leser-Reporters fördert die Unkultur des Blockwarts und des Feiglings, der statt zu helfen, lieber berichtet und sich empört. Das führt dann zu Irrwitz wie zum Beispiel zu der Geschichte des Leser-Reporters, der auf der Mariahilferstraße einen Mann fotografierte, der angeblich junge Frauen heimlich fotografierte. Die Anschuldigung war nur behauptet und nicht belegt, doch das Foto des unbekannten Mannes erschien in der HEUTE und brachte dem anonymen Fotografen 50€. Wenn jemals Zeitungen dazu da waren, die Haltung und Moral der Menschen zu formen und zu stärken, so sind sie heute in erster Linie für die Kultivierung seiner absonderlichen Schäbigkeit zuständig. Es geht auch schon lange nicht mehr um den Informationswert einer Nachricht, sondern um seinen Empörungswert. Zeitungen wie HEUTE wollen nicht mehr informieren, denn das ist viel zu langweilig, kosten- und arbeitsintensiv und es interessiert keinen; HEUTE will empören, denn die Macher hinter der Zeitungen wissen genauso gut wie die Redakteure hinter der KRONE und ÖSTERREICH: Aufmerksamkeit generiert man über Verärgerung. Psychologen wissen das längst und haben in entsprechenden Funktionen die Programmierer von Facebook, Twitter und Instagram beraten. Nur das „Das darf doch alles nicht wahr sein“ Gefühl lässt einen Leser unermüdlich weiter nach unten scrollen, am rechten Bildschirmrand immer die Werbung.

Infantile Sprache

Um den Lesern griffige Floskeln an die Hand zu geben, die man später im Familienkreis oder im Wirtshaus nutzen kann, greifen immer mehr dieser Onlinezeitungen zu infantilen, dämlichen Begriffen. Da wimmelt es dann vor Messer-Männer und Krawall-Chaoten und Krawall-Männer. Und der Superlativ ist normale Lautstärke: In den sozialen Medien gibt es einen Riesen Wirbel, weil sich ein paar User über einen anderen User unterhalten, da eskaliert etwas völlig, es gibt nur noch Erdrutschsiege und explodierende Empörung, jeder Kritiker wird zum Wutbürger, und ältere Wutbürger, werden je nach Geschmack des Redakteurs, zur Wutoma oder zum Wutopa.
Waren Zeitungsredakteure früher einmal quasi Verwalter von Neuigkeiten, sind sie heute bestenfalls Regalbetreuer. Eine Branche demontiert sich selbst, geifert gegen die wenigen, noch existierenden Qualitätsmedien und suhlt sich wie eine Sau in der eigenen Scheiße, im Geschäftsmodell der Empörung.

Du kannst mich gerne über Paypal unterstützen!

Leas Welt

Durch Zufall habe ich den Videokanal von einer Frau entdeckt, den sie Leas Einblick nennt. In diesem Kanal publiziert Lea selbst erstellte Videos mit einiger Professionalität und kommentiert in erster Linie politisches Tagesgeschehen mit recht offensichtlicher rechter Schlagseite.In einem der Videos berichtet sie von einem Brief von Youtube, in dem Youtube ankündigt, ab einem bestimmten Datum keine Videos mehr zuzulassen, in denen behauptet wird, die aktuelle Präsidentenwahl wäre durch Betrug und Fälschungen beeinflusst, zugunsten von Biden ausgegangen, da es für diese Vorwürfe keine Beweise gibt. Und die Behauptung von Beweisen ist einfach zu wenig. Genauer: Es ist nichts.
In einem anderen Video übersetzt sie die Befragung von Ted Cruz, einem republikanischen Politiker, der sich sehr unhöflich den Chef von Twitter zur Brust nimmt. Die Aufzeichnung hat etwas von Schauprozess und polemischen Gepolter. Cruz lamentiert angriffig, Twitter würde seine Macht nutzen und Zeitungen zensurieren, in dem sie deren Geschichten blockiert. Der Chef von Twitter, Jack Dorsey, versucht, pragmatisch zu antworten, und erklärt, die Blockade beruhe auf den AGBs von Twitter, zu denen jeder einwilligt, der Twitter benutzt. Er hätte jedoch anders antworten müssen, um sich gegen Cruz durchzusetzen, finde ich.
Nein, Twitter zensiert nicht die New York Post, nein, es schränkt nicht deren „Rede- und Meinungsfreiheit“ ein. Absolut nicht. Meinungsfreiheit stellt keine Verpflichtung dar, und zwar für niemand, irgendjemand eine Plattform zu bieten und diese Plattform uneingeschränkt zur Verfügung zu stellen. Jeder, der einen Account bei Twitter eröffnet, muss den Geschäftsbedienungen zustimmen. Das ist das eine, das andere ist, dass Twitter auf seiner eigenen Plattform sein Hausrecht nutzen kann. Die Größe ändert nichts an dem Grundsatz des Hausrechts. Nein, Twitter, Facebook, Youtube und Google schränken die Meinungsfreiheit nicht ein, wenn sie darauf pochen, dass die Benutzer sich an die Benutzerregeln halten. Gerade Politiker wie Ted Cruz, ein konservativer Formalist, sollte das verstehen und hoch schätzen.  Nein, es geht nicht um die Einschränkung der Meinungsfreiheit, es geht um den Verlust der zur Verfügung gestellten Reichweite. Auf Meinungsfreiheit hat man einen Anspruch. Jeder im gleichen Maße. Auf Reichweite gibt es keinen Anspruch.
Die geschassten Verschwörungsspinner und Weltuntergangsesoteriker spüren die Einschränkung der Reichweite, weil das die Währung ist, mit der sie wuchten: Reichweite. Und seitdem die sozialen Medien öfter und genauer hinsehen, was da gepostet wird, und Accounts löschen, wandern die Schwurbler und Hetzer rüber zu Telegram und vk.com, wo sie sich in Freiheit wähnen. Sie ziehen Publikum von den sozialen Medien ab, aber nicht so sehr, dass es ins Gewicht fällt. Sie selbst mögen sich auf Telegram beschränken, ihre Follower tun das nicht. Die brauchen nach wie vor das Gefühl, im Schutz der Menge nach Tauben treten zu können.


Meinungsfreiheit garantiert, dass jede und jeder die Möglichkeit hat, frei und ohne Furcht zu sprechen, Einstellungen, Kritik, Ängste oder Ideale zu äußern. Sie ist ebenso wichtig, um Fragen an jene zu stellen, die in Staat und Gesellschaft Macht und Einfluss haben.
Das Recht auf Meinungsfreiheit ist in Artikel 10 der Europäischen Menschenrechtskonvention geregelt. In Österreich ist die Menschenrechtskonvention Teil der Bundesverfassung. Dort wird garantiert, dass jeder Mensch Anspruch auf freie Meinungsäußerung hat. Das Recht sichert auch den freien Zugang zum Empfang und zu Mitteilungen von Informationen (in der deutschen Fassung: „Nachrichten“) und Ideen, ohne dass man den Eingriff durch staatliche Stellen fürchten muss, und ohne dass man dabei Rücksicht auf Staatsgrenzen nehmen muss. Artikel 10 ist damit auch Grundlage der Informationsfreiheit und der Medienfreiheit.

(Quelle: https://cutt.ly/Zjfl0og)

Da steht nirgendwo, dass jedem Mensch neben dem Recht auf freie Meinungsäußerung auch Anspruch auf größtmögliche Reichweite hat. Das verschweigt die gute Frau Lea in ihrem Videoblog. Warum? Weil es nicht in die Erzählung passt, die sozialen Medien und die Mainstream-Medien seien linksliberal durchwandert und würden die Meinungsfreiheit der Rechtskonservativen beschneiden. Man kann noch immer sagen, was man denkt und glaubt, ohne zensiert zu werden. Das müsste Lea auch daran merken, dass niemand daran denkt, ihre Videos vom Netz zu nehmen. Die Sache ist halt die: Man kann es niemand zur Pflicht machen, jedem eine Plattform mit nahezu uneingeschränkter Reichweite zur Verfügung zu stellen.   

Du kannst mich gerne über Paypal unterstützen!

Noch ein Stück

Manchmal ist das Leben wie ein überbelichteter Film, ein alter Film aus einer Lade, ein Film, an den man sich nicht mehr erinnert, bis man ihn einspannt und ansieht.
Manchmal ist das Leben ein Musikstück, das vor Sentiment trieft, aber das ist gut, es klingt nach Sommer in Italien und Milva und nach Ennio Morricone und nach La Califfa, es fühlt sich dann an wie eine Fahrt in einem Cabrio auf der Küstenstraße runter nach Portoroz. Die Sonne im Nacken, die Sonnenbrille auf der Nase, es riecht nach Meer und nach Basilikum und Wein.
Dort könnten wir stehenbleiben und einfach in die Landschaft schauen

ganz viel Landschaft da, sagte Hannes immer, bevor er seine letzte große Reise antrat …

und unsere Rücken durchstrecken. Wir können am Rad der Zeit nicht drehen, nur zusehen, wie es sich dreht, aber auch das ist okay, weißt Du? Es passt, so wie es ist, denn die Jahre haben unseren Geschmack am Leben verfeinert. Das Rohe haben wir hinter uns gelassen, und scheiß der Hund drauf, wenn sich nun etwas italienischer Kitsch aus dem Siebzigern einschleicht. Es ist ja nicht immer so, nicht die ganze Zeit.
Aber für gerade jetzt passts tadellos, findet Du nicht? Also ich finde, Milva klang nie wieder so gut wie auf dem Album, auf dem sie die Filmmusiken von Enno Morricone einsingt.

Wir steigen ein und fahren weiter, über diesen Hügel, an dem Rosenstrauch vorbei, da, links ist das Mittelmeer, die Strecke zwischen Triest und Miramare ist einfach so schön wie ein italienischer Song aus den Siebzigern oder so. Lass uns einfach noch ein Stück weiterfahren, bis zu der Steilküste bei Duino. Die Strada Costiera Triestina. Dort könnten wir eine rauchen, Fotos machen und in die Ewigkeit schauen – was der Tag halt so hergibt.

(Für Michael, meinen Trauzeugen! Bitte hör Dir Milva an, wenn sie Morricone singt!)

Zensur, Cancel Culture & Soziale Medien

Snowflakes vs Boomer
Ich benutzte Twitter und Instagram. Auf IG postete ich für einen kleinen Kreis von Freunden Urlaubs- und Reisefotos, auf Twitter folgte ich den Accounts von App-Herstellern, kleinen Startups und ein wenig der österr. Innenpolitik. Da habe ich zumeist Parteisprecher und Journalisten abonniert. 
Vor allem auf Twitter las ich recht oft, dieser oder jener hätte wieder einen wütenden Beitrag auf Facebook veröffentlicht, und, noch schlimmer, dieser Beitrag sei zensiert worden. Gelöscht, weg, oder mit einem Warnhinweis versehen. In diesem Zusammenhang lese ich immer öfter von einer *Cancel Culture*. Das meint, jemand, eine Person, eine Institution, eine politische Gruppe, würde sich durch Abwenden dem Diskurs entziehen, und somit dem Zurückgewiesenen (gecancelt) um die Möglichkeit bringen, sich auszudrücken, sich zu erklären, mitzuteilen. Oder noch schlimmer: Schreibt jemand etwas, das man nicht mag, wird die betreffende Person so lange geflamed, bis sie aufgibt, sich zurückzieht, alles verliert und / oder Selbstmord begeht.

Die Cancel Culture begann zumindest in den Sozialen Medien mit der #metoo Bewegung: Wenn sich jemand nicht entsprechend dem, was man in rechten Kreisen #politischkorrekt bezeichnet, benimmt, wird er quasi abgedreht, auf Twitter geblockt, ja, es werden angeblich sogar in Gruppen Listen ventiliert mit Usern, die man auf Twitter blocken sollte um die Timeline halbwegs sauber zu halten.
Die Reaktion der Geblockten ist in den meisten Fällen wütend, und zynisch. Und sie unterstellen denen, die sie blocken, in Anlehnung an das *Ok, Boomer*, sogenannte *Snowflakes* zu sein: *Ok, Snowflake*.
*Snowflake* meint die Generation der gerade 20-30 jährigen, die besonders sensibel sind, hyperkorrekt auf gendergerechte Sprache achten und in erster Linie über ihren Schmerz reden wollen.
Die einen versuchen also angeblich, alles Aufwühlende und Erschreckende von sich fernzuhalten, während die anderen steifbeinig den Diskurs einfordern und toben, wenn man ihnen den Diskurs nicht gewährt.

Zensur?
Ich sehe das ein bisserl anders: Dieser ganze Schlamassel von wegen Zensur in den Sozialen Medien war vor dreißig Jahren noch gar kein Thema und auch einem eifrigen Leserbriefschreiber, der wöchentlich an die Kronenzeitung schrieb, wäre nie eingefallen, die Selektion der Leserbriefe als Zensur und Beschneidung seiner Meinungsfreiheit zu bezeichnen.

Warhols berühmte fünf Minuten, die jeder Mensch hat, haben kann oder haben sollte, wurden quasi von der Kür zur Pflicht erhoben; jeder will Publikum, jeder will Reichweite, jeder will gehört werden – und wenn es nur ist, um den Zuhörern zu sagen, dass sie einen eigentlich am Arsch lecken können.
Gerade die Rechten haben um 2017 herum sehr deutlich gemacht, dass sie den Diskurs nicht suchen, sondern dass sie ihn zerstören wollen.

Unser Ziel ist nicht die Beteiligung am Diskurs, sondern sein Ende als Konsensform, nicht ein Mitreden, sondern eine andere Sprache, nicht der Stehplatz im Salon, sondern die Beendigung der Party.“
Götz Kubitschek, 2006

https://www.der-rechte-rand.de/archive/2678/nicht-mit-rechten-reden/

Ist er dann zerstört, empören sie sich, dass ihnen niemand mehr zuhört, dass man sie blockiert, weil aus deren Richtung sowieso immer nur Zorn, Zynismus und Parolen kommen. 

Ganz besonders die Freunde am rechten Ufer gehen am häufigsten in Saft, wenn man ihnen das Mikro abdreht und schreien, man würde gegen ihre Meinungsfreiheit verstoßen. Dazu sei so viel gesagt: Niemand nimmt Euch Eure Meinungsfreiheit. Das Recht auf Meinungsfreiheit bewirkt absolut keine Pflicht für irgendjemand, Euch eine Bühne zu bieten. Wenn Facebook Postings löscht oder hinter einer Wall verbirgt, wenn Youtube Videos markiert, dann ist das kein Anschlag auf die Meinungsfreiheit, sondern Hausrecht. Legt Euch bei einem der unzähligen Anbieter einen Blog an und schreibt, worüber Ihr auch immer schreiben wollt, niemand wird Euch hindern.

Meinungsfreiheit?
Nein, nein, Euch geht es nicht um Meinungsfreiheit sondern um die Wirkungsmacht der Bühnenausstattung, die Facebook gratis zur Verfügung stellt. Es genügt nicht mehr, sagen und schreiben zu können, was man will, und sagen oder schreiben *muss*, es muss auch ein Publikum garantiert werden, denn ohne Publikum wäre der ganze Zauber vollkommen sinnlos. Und jetzt ist der, der am Stammtisch beim Wirten das große Wort geführt hat und dem bestenfalls vier oder fünf Leute zuhörten, auf einmal in der Lage, Tausende zu erreichen, Zehntausende, ach quatsch: Hunderttausende!
Es geht nicht darum, dass irgendjemandes Meinung zensiert wird, sondern dass diese Leute fürchten, um ihre Reichweite gebracht zu werden, die sie sich nicht einmal selbst erarbeitet haben, sondern durch die Algorithmen von Facebook quasi zur Verfügung gestellt bekommen.

Unter diesen Umständen ist es gar nicht mehr gefragt, umfassend, klug und verständig zu argumentieren, denn Facebook und Twitter unterstützen die Emotionalität. Und wenn bestimmte Gruppen in den Sozialen Medien eines Begriffen haben, dann das: Emotion ist immer und in jedem Fall lauter und wirkmächtiger, als Intellekt. Da geht es nur noch um Sprachpresets, um markige Sprüche, die wiederverwertet werden können, um Astroturfs zu bilden: Die Meinung und Überzeugung vieler, gegossen in dieselben Sprachmuster, ständig wiederholt, bis die Massivität der Aussage sich ihren eigenen Wirklichkeitsanspruch errichtet: Fresst Scheiße Leute. 1 Milliarde Fliegen können sich nicht täuschen!

Und was ist nun mit *Cancel Culture*?
Die *Cancel Culture* ist keine neue Kultur, kein neues Phänomen und es ist keine *Gottseibeiuns* Diskursverweigerung, sondern etwas ganz anderes. Es ist nichts anderes als eine Ausformung der Meinungsfreiheit, ein Persönlichkeitsrecht. Es muss mir als Bürger überlassen bleiben, wem ich zuhören will, mit wem ich mich austauschen möchte. Das war vor Internetzeiten gang und gäbe: Ich will mit Dir nicht reden, ich will mit Dir über *dieses* Thema nicht reden. Lass mich in Ruhe. Geh weg! Jemand auf Twitter oder Facebook zu blocken, ist gelebte Meinungsfreiheit: *Ich meine, ich will von Deinem Scheiß nichts wissen*!
Ja und das verträgt der Rechte ja nun mal überhaupt nicht. Dass sich das Publikum umdreht und geht, während er auf dem Potest steht und donnert und polemisiert und alle mit Zynismus und Gehässigkeit übergießen will. 
Allein dastehen ist nicht so toll. 

Fragmentiert das Denken!

Donald Trump hat Twitter vom Start weg zu seinem Medium erkoren. Vorgeblich, weil er dort direkt und ungefiltert zu „seinem“ Volk sprechen kann. Kein anderer Staatsmann nutzt Twitter so intensiv wie er. Der dem Volk zugewandte Vorwand, Twitter so intensiv zu nutzen, wirkt bei näherer Betrachtung hohl. Ihm ist jedenfalls daran gelegen, auf sein Volk wie einer zu wirken, der frank & frei schreibt und sagt, was er denkt. Ohne sich ein Blatt vor den Mund zu nehmen, ohne politische Korrektheit, ohne all den Trödeln und Quasten der Vorgänger, die auf Konsens aus waren und auf die Wahrung der institutionalisierten Demokratie.

Mir fällt aber noch ein Motiv ein, Twitter so intensiv zu nutzen: Neben Facebook und Instagram steht kaum ein Massenmedium so stark für die Fragmentierung der Aufmerksamkeit. Keine anderen Plattformen binden das Userinteresse so unverschämt durch Informations-Cookies wie die großen 3: Facebook, Instagram und Twitter. Trump dürfte sich für Twitter entschieden haben, weil es unmittelbarer ist, als zum Beispiel Facebook.

Man kann stundenlang durch die Timeline scrollen und bekommt doch nie mehr als Häppchen. Man bekommt Informationsfastfood, Krumen, die vom Tisch fallen, man bekommt Wut und Zynismus komprimiert, nie jedoch Hintergründe, Zusammenhänge, Analysen, denn dazu taugt das Medium nicht. Auf Twitter erklärt man nicht, man behauptet. Und je breitbeiniger man das tut, desto unhinterfragter wird die Behauptung zur Realität – vor allem, weil der Gebrauch von Twitter und anderen sozialen Medien nachweislich die Aufmerksamkeitsspanne des Users verkürzt. Und wenn es etwas gibt, das Trump nun mal so gar nicht brauchen kann, dann sind das aufmerksame, konzentrierte Bürger, die die Wahrheit erkennen, in dem sie sie lange und unerschrocken betrachten.

Twitter und die anderen taugen nicht für die Wahrheit – selbst wenn man sie dort zum Ausdruck bringt. Deshalb ist Trump ja auch so ein erbitterter Gegner von investigativem Journalismus. Nichts fürchtet der Wortführer mehr als die kritische Analyse.