Fritz the cat

Fritz the cat

Sommer 1980

Der Junge auf dem Foto ist nicht „Fritz the cat“, sieht ihm aber ähnlich. Der Bursche auf dem Foto ist ein kanarischer Surfer, der von einem Fotografen namens Sinal am Strand von Las Palmas fotografiert wurde. Übrigens diente mir das Bild als Vorlage für die Charakterisierung von Arturo Gonzales aus meinem Roman „Die Inseln im Westen“.

Wenn es je einen Jungen gab, der den Spitznamen „Fritz the cat“ verdient hatte, dann Fritz Kling. Ich lernte ihn im Sommer 1980 am Rande des Fußballfeldes von Biedermannsdorf kennen, wo er im Schatten alter Bäume saß und in der hohlen Hand rauchte. Er war dreizehn Jahre alt, ich gerade 15.
Obwohl ich damals noch nichts vom Geschichten schreiben wusste oder davon, wie man Musik macht; obwohl ich eher reaktiv war als besonnen, löste er in mir den Wunsch aus, meine Gedanken und Gefühle ihm gegenüber festzuhalten. Was mir neben seiner beinahe engelhaften Schönheit besonders intensiv auffiel, war seine Ernsthaftigkeit in allem, was er tat, plante, vorhatte und empfand. Fritz blödelte gerne, er war närrisch und lebendig wie ein Blitzschlag. Aber wenn es um Dinge ging, die außerhalb des Jux & Tollerei Rahmens lagen, zeigte er eine geradezu alttestamentarische Ernsthaftigkeit, die mir fremd war und die mich ganz tief und ehrlich ansprach. Ich mochte ihn und ich wollte, dass er mich mochte. Was ihm besser gelang als mir selbst, war, durch meine Schutzmauer zu blicken und das zu sehen, was ich wirklich war: ein schlaksiger, verletzlicher Träumer und Narr. Einer, der unsicher war und neu im Ort. Ein Außenseiter, wenn es je einen gegeben hat.
Er nahm mich an, und seine Freundschaft war ebenso unaufdringlich wie still und ernst.

Yilmaz und Fritz the cat

Yilmaz war ein fünfzehnjähriger Junge, der bereits Haare auf der Brust hatte und sich rasierte, weil er nicht mit einem Vollbart herumrennen wollte. Er und Fritz trieben sich eigentlich immer im Freien herum. Sie hatten kein Geld für Lokalbesuche, oder um beim Greissler des Ortes Bier zu kaufen. Sie kratzten ihr Taschengeld zusammen und kauften sich Zigaretten: Hobby, Smart Export, Flirt. Das Billigste vom Billigen. Sie waren aus der Not heraus reine Naturburschen geworden, und als ich mich ihnen anschloss, ging das von einem Tag auf den anderen und völlig unprätentiös: Am Tag zuvor war ich noch allein und fand mich nicht zurecht, am nächsten hatte ich Freunde. Wir zogen über die Felder, halfen Fischern bei den Vösendorfer Ziegelteichen und verdienten uns so ein wenig Taschengeld dazu, mit dem wir Bier und Zigaretten kauften. Damit zogen wir uns in eine der Jägerhochstämme zwischen Biedermannsdorf und Achau zurück, kapselten die Bierflaschen auf, rauchten, und redeten oder schwiegen. Das war unser Geruch: Rauch von Lagerfeuer, gegrillte Maiskolben, Zigaretten und unendlich viel frische Luft.

Sie zeigten mir, wie man auf den alten Betonsilo klettern konnte, um dort unbeobachtet zu rauchen (… gibt immer alte Hexen, die zu viel reden, sagte Fritz gerne und wütend) wie man Biedermannsdorf auf den Feldwegen umrunden konnte, wo im wilden Unterholz beim Teich einmal ein sterbender Wolf gefunden worden war (was ich für eine Legende hielt). Sie zeigten mir im Waldstück zwischen Biedermannsdorf und Wiener Neudorf das alte, lange Seil, an dem man sich über das ausgetrocknete Bachbett schwingen konnte. Ich lud sie zu mir ein und meine Eltern machten verschnupfte Nasenlöcher, weil sie die Jungs irgendwie „gefährlich“ fanden. Wildlinge wie mein Vater sie bezeichnete. Nach einer Weile akzeptierten sie die beiden – vor allem wohl deshalb, weil wir im Grunde genommen nichts anstellten, nichts wirklich Blödes. Wenn wir Geld hatten, gingen wir in zu einem der drei Heurigen, die es im Ort gab und tranken Ribiselwein, und wer den schon mal getrunken hat, weiß, wie das Zeug einfahren kann. Betrunken zu werden war Anfang der Achtziger eine ziemlich billige Angelegenheit. Erinnere mich, als wir eines späten Abends nach einigen Gläsern Ribiselwein durch Biedermannsdorf storchstakten und sich ein Trockengewitter entlud und als es so nahe krachte, dass es mich unter dem Gelächter meiner Freunde auf den Arsch setzte. Das war ein Ray Bradbury Sommer, wir waren verlorene Jungs und das Trockengewitter hatte seinen Weg direkt aus einem alten Gruselfilm in die Wirklichkeit gefunden.

Fritz lebte allein mit seiner Mutter, sein älterer Bruder war im Gefängnis. Seine Mutter erschien mir stets abweisend, hart und lieblos. Yilmaz wohnte mit seiner Familie in einem Anbau des Borromäums. Sehr beengte Räumlichkeiten, große Familie, eine traurige Mutter und ein Vater, der mit der Couch verwachsen war. Wir waren, lange bevor es so etwas im Kino gab, verlorene Jungs. Verlierer. Und deshalb war es so wichtig, dass wir einander hatten.

Der Schatten geheimer Träume

Fritz war älter als sein Taufschein es vermuten ließ. Er war 1981 vierzehn Jahre alt und auf eine ziemlich wilde Art & Weise hübsch. Er war muskulös und elegant wie ein Raubtier. Und er war sich dessen kein bisschen bewusst. Mich wunderte immer wieder, wie vollkommen uneitel er war, und wie ihm eine Rangelei unter Freunden wichtiger sein konnte, als einfach nur statuenhaft schön in der Gegend herumzustehen. Ich erklärte mir das damit, dass Fritz (noch) nichts von Sex wusste, und einfach noch nicht so weit war, die Verbindung herzustellen zwischen äußerlicher Attraktion und die Suche nach sinnlicher Nähe. Wie James Waller schrieb: Er war ein Pfeil auf dem Weg vom Kind zum Jungen.

Ich war um zwei Jahre älter und ich verdrängte die Träume, ihm nahe zu sein, wann immer sie auftauchten, und es war mir fast eine Erleichterung, als sich meine sexuelle Aufmerksamkeit im Sommer ´81 auf Walter Kroboth bündelte wie ein Lichtstrahl. So konnte ich weiter mit Fritz auf den Feldwegen herumziehen, um die Wette rülpsen und spucken, Kippenweitschnippen und Steine über die Oberfläche des Sees zu flippen, oder einfach nur seine Nähe genießen.
Er roch sogar im Winter nach Sommer. Nach Heu und Felder und nach Regen, nach Lagerfeuer. Ihm haftete auch dieser süße Naturwassergeruch an, wie Wassermelone. Möglich dass ich das mystifiziere, aber ich denke, man konnte an ihm seine asexuelle, raubtierhafte Jugendlichkeit riechen. Okay, das war jetzt übertrieben …
Damals nahm ich das nicht wahr, aber ich denke doch, dass Fritz und Yilmaz gekränkt waren, als ich immer öfter versuchte, Teil der Clique zu werden, zu der auch Walter Kroboth gehörte, weil er mich unwiderstehlich mit seiner irrlichternden, erotischen Schwerkraft anzog. So dachte ich damals nicht. Ich handelte nur, suchte Walters Nähe ohne wirklich zu verstehen, warum, und malte mir aus, wie es wäre, ihn zu küssen und ihm zwischen die Beine zu greifen und zu spüren, wie er hart wurde. Meine Ernte wären seine leidenschaftlichen Blicke. Das konnte Walter, mit seinen schweren, ungarischen Lidern.
Teenagerträume.
Auf irgendeiner Ebene verstand Fritz vermutlich sehr gut, was mit mir los war, aber er machte nie ein Thema draus.

Als wir einmal bei einem Treffen der Pfarrjugend mitmachten und eingeladen wurden, uns an einem Gemeinschaftsspiel zu beteiligen, stellten wir fest, dass wir beide aneinander dasselbe mochten: Keiner von uns machte sich über andere Menschen lustig. Wir verspotteten niemand. Wir waren jugendliche Pragmatiker, könnte man sagen. Da kam dann dieses Spiel, da wurde eine Linie auf den Boden gezeichnet und je zwei Jugendlichen sollten sich dieser Linie nähern, so, weit, wie sie meinen, sich der Person auf der anderen Seite nähern zu wollen oder zu können. Einmal spielten das Walter und ich. Ich ging bis zur Linie, Walter blieb einen Meter von der Linie weit weg stehen. Das war eine schallende Ohrfeige. Drei Runden später waren Fritz und ich dran, und unsere langsame Annäherung endete damit, dass wir beide an der Linie standen und sich unsere Nasen fast berührten.
Fast. Ich hätte am liebsten geheult. Heute denke ich, dass er gesehen hatte, wie sehr mich Walters Verhalten verletzt hatte und er mir Trost spenden wollte, ohne mit Worten herumkünsteln zu müssen.


Wie viele andere Jugendliche, die in kleinen Ortschaften aufwuchsen, oder ihre Teenagerjahre dort verbrachten, hatten wir nicht viel zu tun. Deshalb erinnere ich mich jetzt ganz besonders deutlich, was uns in dieser Zeit erfüllte – in diesem Jahr, bevor Sex, Mädchen, Lehrberuf und erste Träume vom eigenen Auto wichtig wurden. Es war die Nähe, die nichts verlangte und alles gab. Es war die Selbstverständlichkeit, dass wir da waren, die Vertrautheit, mit der wir den Atem des anderen kannten, das Herzschlagen und den Geruch vom Schweiß, den Geruch der Kleidung. Wir waren uns vollkommen vertraut – nach kürzester Zeit ineinander verschränkt, wie Bäume auf einem einsamen Feld, die ineinander verwachsen sind.

Wie ein hingekritzeltes Fragezeichen

Ich glaube, es war im Sommer 1983, da zog Fritz mit seiner Mutter aus Biedermannsorf weg in das Bundesland Burgenland. Im Herbst deselben Jahres wurde der Anbau des Borromäums geschliffen, in dem Yilmaz mit seiner Familie gelebt hatte und sie zogen nach Wien. Ich stand auf einmal allein da, ich meine, so richtig allein. In den vergangenen zwei Jahren hatte ich auch andere Jugendliche in Biedermannsdorf kennengelernt, mit denen ich mich gut verstand. Da gab es sozusagen eine andere Außenseiterclique, auch irgendwie verlorene Jungs, und gleichzeitig machte ich meine ersten Gehversuche in der elektronischen Musik. Ich hatte um mein erspartes Lehrgeld Synthesizer gekauft und einen Drumcomputer und ein Hallgerät und wir probten in der Nachbargemeinde Achau im Keller eines Familiehauses, wo wir während der Sessions, in denen wir den Stil von Klaus Schulze und Tangerine Dream kopierten, und wie die Weltmeister kifften. Das waren damals Klaus Giwiser, Reinhold Atlas und ich. Ich nahm beim jungen Kirchenorganisten Unterricht in Spieltechnik, Komposition und Harmonienlehre und stellte mich dabei nicht ganz dumm an.
Das alles hielt mich auf Trab und wenn ich in den Nächten im frühen Herbst von der Probe von der Achau nach Biedermannsdorf unter dem vollen Mond nach Hause ging, wünschte ich mir mit schmerzlicher Intensität Fritz und Yilmaz zurück, die wie Schiffe in der Nacht davongetrieben waren. Ich sang mit meiner krächzenden, vom Kiffen schiefen Stimme „Be my friend“ und manchmal blieb ich stehen, schlug die Hände vors Gesicht, kauerte mich in den Straßengraben, damit mich niemand sehen konnte, und weinte. Nur wegen des Kiffs, ja?

Das Fundament meiner Ideale

Walter Kroboth war die erste Liebe meines Lebens und die erste herbe Enttäuschung.
Fritz war das Fundament, auf dem ich meine Ideale für Freundschaft errichtete. Niemand konnte geben wie er, ohne dabei wie einer zu wirken, der gab oder sich etwas vergab. Er war unglaublich selbstlos.
Er war einfach da, war immer vollkommen da. Und deswegen wird mich die Erinnerung an ihn mein Leben lang begleiten.

Er hat mich geprägt.

Was ich sehe

Eine mechanische Spieluhr, rostig auf Wüstensand
Ein glitzernder Tropfen auf sonnenmüden Wimpern
schweißnasse Pferde unter einem titanischen Himmel
eine betende Frau und einen unrasierten Mann

Eine tote Katze mit staubigen Augen
aus deren Bauch eine Ratte kriecht
zwei schwarze Jungs, die es in der Morgenbrandung treiben

Die Spieluhr kratzt und spielt
alte Augen suchen die Weite ab
die Zeit flimmert, wo die Wüste endet
und das Meer beginnt

Ein Junge schleppt Seile
zusammengerollt den Bootssteg entlang
Wellen schlagen müde die Boote
Sand weht über einen Steinweg
die Wellen sind weiß und zerschlagen die Zeit

In meinem alten Moleskine von 2011 gefunden, geschrieben am 1.7.2011 in Havanna.

Moleskine 2011
Du kannst mich gerne über Paypal unterstützen!

Jeder ist die ganze Welt

Wir gingen Hand in Hand
durch Wüstensturm und Regen,
wir gingen Hand in Hand auf Pfaden
aus Gewitter Blut und Sturm
und wir gingen, bis wir an der Küste standen
und unser Hunger nach Leben uns verschlang

Wir atmeten Brust an Brust und
wir atmeten Kuss um Kuss, wir waren jeder
für den Augenblick die ganze Welt des Anderen:
Nie hatte das Meer einsamer und eifersüchtiger
an unseren Füßen gezogen als in diesem Moment,
nie rollte es kraftvoller, als es machtlos gegen Liebe war

Wir griffen in den Himmel und tranken uns
wir langten hoch in das wütende Grau
wir fassten die Metallkante des Horizonts
uns geschah nichts, und wenn unsere Hände bluteten
von der Schärfe der Welt mischten wir unser Blut
und unser Blut mischte sich mit dem Donner des Meeres

Wir kämpften uns zurück ins Land
durchwanderten Ebenen und furchtbare Wälder
kämpften uns hoch und höher,
bis wir in den Wolken verschwanden
und unsere Hüften miteinander kämpften im Geben und Nehmen

Das Tosen war um uns und in uns
und wir teilten es mit Himmel und Erde
wir teilten Nässe und Schamlosigkeit
das Gewitter packte uns wie eine Hand
und wir konnten nicht aufhören, Engel zu sein, die herrschten, um beherrscht zu werden

Wir blieben, bis unsere Augen vor Erschöpfung weinten
von der Liebe blind und erschlagen
zu Silber verwoben der Sturm von uns sang
mit dem Choral aus Wahrheit und Verlust und
all der Liebe die wir im Fallen verschenken konnten

Jeder die ganze Welt des anderen
jeder der ersehnte Atemzug
jeder der Puls der Sterblichkeit und
jeder die Brust die sich senkte und hob
jeder all die Leidenschaft und unvergessen
jeder nur ein Wimpernschlag Ewigkeit; Jetzt!

Du kannst mich gerne über Paypal unterstützen!

Stricherelegie Op.1 a-moll

Dieser Text entstand ungefähr im Herbst 2002 und lag lange im Archiv – vergessen hatte ich ihn jedoch nie. 2016 herum wurde er zum Fundament des Romans Lucian im Spiegel, der als Hardcover im Verlag Grössenwahn erschien. Ab und zu werde ich diese kleinen Texte hier im Blog veröffentlichen, die später zu Romanen wurden oder mich dazu inspirierten, über ein gewisses Thema ausführlicher zu schreiben.

Wem von Euch bei unmoralischen Themen und küssenden Jungs blümerant wird, empfehle ich, den Text auszulassen. Hier geht es um Alkohol, Drogen und Strichjungen.

Jetzt bist Du es leid, allein zu sein und wappnest Dich für das Leben, das Du plötzlich in Dich dringen lassen willst. Du atmest mich an, während Du mir sagst, allein sein ist cool, aber cool sein ist nicht alles. Dein Atem riecht nach Minze, gut: Die Stadtgeräusche sind zwischen Dir und mir, das Licht der Welt ist ebenda und irgendwo bellt ein aufgeregter Hund.
Du senkst den Blick und denkst nach, ich gieße Wodka in die Pappbecher – Die Stadtgeräusche sind zu laut für uns, und wir gehen weiter hinaus zur Donau und nicht ins Flex wie wir ursprünglich vorhatten.
Du willst mit mir über Einsamkeit reden, und ich nehme Dich, ich nehme Dich beim Wort.
Denn Dein Wort ist mir heiliger als Du denkst Du clevere, kleine Hure. Gestern fühlten wir uns müde, Du & ich, und das Gespräch kam nicht in Gang. Ich weiß, Du wolltest etwas Wichtiges sagen, es brannte Dir auf den Nägeln, aber zwischen den Worten und unter dem blassen Mond auf der Promenade am Donaukanal, bist Du in meinen Armen eingeschlafen und ich habe Dich aufrichtig geliebt – wie schön Du bist im Zwielicht der Stadt, wie unschuldig für den Moment.


Heute sind wir in der Dämmerung raus aus der brütenden Innenstadt und durch den zweiten Bezirk über die Donau, um allein zu sein, zu rauchen, zu reden und vielleicht eine Chance aus dem Flitter des nächtlichen Himmels zu schütteln.
Ich werde Dich heute Nacht nicht mit Geschwurbel langweilen und auch nicht mit Vorschlägen, wo wir junge Türken finden, die sich billig geben, von Stricher zu Stricher, und die uns im Sinne der Völkerverständigung niederficken. Heute geht es nur um uns, und Du sagst noch mal: Allein sein ist echt cool. Aber irgendwie zu wenig.
Ich gebe Dir recht und schau in Deine Augen, suche das Unmögliche: Hab ich Dir je gesagt, dass Deine Blicke Gänsehaut verursachen, und mich völlig verstrahlt neben Dir zittern lassen? Du hast diesen glänzend feuchten Blick, der Schwänze versteift und Brustwarzen in Kiesel verwandelt.


Schön, mein Freund, heute ist die Stadt auf unserer Seite, sie umfasst uns zärtlich und streut verschwenderisch Katzengold aufs schwarze Wasser der Donau. Der frühe Herbst macht die Nächte kühl, Laub treibt auf dem Strom, wir werfen die Becher in einen Kübel und gehen auf der Promenade am Wasser entlang.
Du hakst Dich bei mir ein und lächelst, dass mir die Luft wegbleibt – Du hast so viel Magie in Dir. Obwohl wir beide Stricher sind und Junkies, ist Zauber in uns, und die Bereitschaft, Magie zu erkennen; so clever bist Du also gar nicht. Den Mann hinter dem Vorhang brauchen wir nicht, denn unsere Magie ist echt.
Du willst den magischen Moment mit besonders obszön hingerotzer Spucke überspielen, aber ich kenne Deine Tricks. Zu viel Bahnhof und komische Kunden in unserem Leben, na los, lächle bitte noch mal so wie eben.


Komm, sag ich, sei mein Freund. Nicht nur eine Zunge, die meine Lippen für Freier aufblühen lässt. Lass uns abhauen aus der Szene und ihren Routinen.
Konnten wir je die Stadt sehen wie sie sich uns heute zeigt? Konnten wir je nebeneinander gehen ohne anzüglich grinsend die Jeans über unsere knackigen Ärsche für potenzielle Kunden hochzuziehen, die Leibchen über den Bauch nach oben zu schieben? Heute gibt es keine Kunden, keine lästigen Schwestern, die es gratis wollen. Heute gibt es den launigen Mond, das Wasser und uns.
Wir bleiben stehen, schauen uns um. Dann setzen wir uns ans Ufer, und lassen die Stadt und ihren Sound außer Acht.
Du legst Deinen Kopf auf meinen Schoß und beginnst Sterne zu zählen, jetzt riecht Dein Atem nach Wodka, und er ist warm und macht mich süchtig.
Du sagst: Küss mich, und ich tu es. Blut rauscht in meinen Ohren, Du fasst in meine Haare und hältst mich fest – Dein Kuss ist gut, unsere Zungen sind wie Kinder in einem Märchenwald – ich glaube an Deine Aufrichtigkeit, wie perfekt sie auch sein mag.
Du bist müde, ich weiß, von all den Versprechen und weinerlichen Schwüren. Du bist erschöpft von den langen Nächten in Hotelhallen, Bars; und den echt miesen Nächten auf der Gasse oder in wanzenverseuchten Betten von Stundenhotels, ich weiß es, weil ich genauso fertig bin wie Du.
Ich bin nicht einfach nur allein, sagst Du, ich bin einsam. Und will das nicht mehr sein, hörst Du?

Wir küssen uns noch mal, so schläfrig, wir schlürfen einander wie Austern, so gut.
Ich ziehe die Knie an und lege mich auf den tageswarmen Beton, Dein Kopf auf meinem Schoß ist gut, echt gut sogar, der Joint pfeift rein wie ein Tornado, der Himmel ist weit wie schwarzer Samt voll Diamentenstaub – an Reichtum denken wir jetzt nicht.
Ich wuschle Dein Haar, Du leckst meine Hand und wir lachen
heiser.
Dann weinst Du kurz und ehrlich, trinkst Wodka aus der Flasche, und das bringt mich auch zum Weinen & so heulen wir beide & trösten uns Stirn an Stirn. Vielleicht stimmt es: Ein Vogel und ein zweiter zittern nicht mehr.

In dieser Nacht bist Du es, der mir Kuss um Kuss eine Revolution des Herzens vorschlägt.

Ja, sage ich, lass uns aufhören, cool zu sein. Das ist doch bloß Beschiss hoch vier, wenn Du mich lässt, will ich Dich lieben, bei Dir sein, komm, sei mein Freund.
Nimm mich jetzt unter diesem sturzbetrunkenen Mond, nimm mich und meine Worte, mein Lachen und meine Tränen, spann mich auf und atme mich an: Ich rieche ebenso noch Wodka wie Du, und alles und jedes wird gut. Alles und jedes wird gut.
Jetzt lächelst Du wieder, ich küsse Deine Tränen von den Wangen und ich sehe, dass der Mond in Deinen Augen schallend lacht und sich wegen uns freut.
Denn wie ich schon sagte: Heute ist die Stadt auf unserer Seite, mit all ihrem Sound und Glanz und Leben.

Und ab jetzt sind wir das auch.

In diesem Moment sind wir aus der Ferne zwei Zeichentrickfiguren, die zum großen Mond hin gehen.

Hand in Hand. Das ist gut.

Mit dem Geschmack von Küssen und Tränen im Mund.

Das ist besser.

Und Dein flinkes Lächeln schlägt Wurzeln in meinem Herz.

Das ist vielleicht das Beste.

In Jupiters nächtiger Sphäre

Kennt Ihr das? Ich meine, Du wachst auf, es ist tief in der Nacht, die Wolfsstunde und alles, und Du hast swinging nerves, weil das ein unglaublich intensiver Traum war, und Du hast noch das Gerüst und Du weißt, sobald Du jetzt aufstehst und pissen gehst, ist er weg, der Traum. Unwiederbringlich fortgeschwemmt aus der Nacht, aus dem Tiefschlaf raus und auf dem Friedhof der Träume, wo er in der feuchten Erde unter einem Grabstein ohne Namen vergammelt.

Aber manchmal rettest Du ihn hinüber und Du weißt, dass Du einen Roman schreiben musst, in dessen Kern dieser Traum steht, das Gefühl des Traums, die intensive Begegnung. So leise es geht, um Deine Frau oder Deinen Mann oder die Begegnung der Nacht nicht zu wecken, stehst Du auf und gehst in das andere Zimmer und machst Notizen, oder noch besser, Du öffnest Dein Textverarbeitungsprogramm und beginnst direkt zu schreiben. Denn auf dem Weg aus dem Schlafzimmer in den Raum mit dem Computer hast Du die Rahmenhandlung und Du weißt, wie Du die Geschichte anlegen willst, um den Leser in eine ähnliche Gefühlsnotlage zu treiben wie die, die Du empfunden hast, als Dich der Traum aus dem Bett warf.

So. Und nach rund 70 Seiten kommst Du drauf, dass der Traum nicht tragfähig ist. Er war intensiv und er war bemerkenswert und alles, ja? Aber er ist zu dünn und unstofflich, um die Handlung eines Romans zu tragen.
Aber Du hast schon siebzig Seiten geschrieben (bei mir waren es rund 145 Seiten) und Du willst den Roman nicht verlieren. Du lässt das Manuskript liegen und gehst wochenlang jeden Nachmittag im Wald spazieren, um in Dich lauschen zu können, Du kennst das, Ja?
Du spürst, wo in Deinem Erzähluniversum die losen Enden schlackern, Du spürst und begreifst, wo das Schiff im Meer versinkt. Du beginnst zu verstehen, dass Du den Roman verlierst, das ganze verdammte Ding, wenn Du nicht ein Kaninchen aus dem Hut zauberst, die Hacken zusammenschlägst und den Weg raus aus Kansas findest, in das Land, wo die Herzkönigin herrscht und Ray Bradbury mit Edgar Allen Poe ein Schwätzchen hält, wo Lovecraft in ewigem Grauen versunken ist und das Grauen, das Grauen flüstert. Du musst Dich beeilen, denn die Magie spreizt bereits die Schwingen und macht sich daran, das Feld zu verlassen.
Was tust Du?

Auf einmal, weil Du nachdenkst und Blut schwitzt und händeringend durch den Wald taumelst und Mein Roman, Oh Gott, mein Roman flüsterst und einsame Wanderer erschreckst. Und dann hast Du es. Du weißt, wo Du die Schere ansetzen musst, dass nur noch ein extremer, chirurgischer Eingriff das Buch retten kann. Es wird dadurch ein anderer Roman werden, das stimmt. Du wirst nicht mehr in die Sphären Jupiters eintauchen, aber Du wirst über seinem Antlitz schweben. Und wenn Du Deine Sache gut machst, dann wird Dein Flug über Jupiters nächtige Sphäre besser und intensiver sein, als Dein Traum davon, hinabzutauchen.

Wenn Du das kennst, dann weißt Du, wie ich mich gerade fühle.