Autorenseite bei Facebook

Ich habe mich nach einigem Hin & Her dazu durchgerungen, doch wieder eine Autorenseite bei Facebook einzurichten. Ausschlaggebend war, dass ich gerne ein wenig Hintergrundmaterial über meine Arbeit als Schriftsteller prsentieren möchte. Zum Beispiel, welche Orte mich inspirierten, welche Begegnungen, wie es zu diesen Begegnungen kan, welche Musik mich bewegte, als ich diese oder jene Szene schrieb, welche Software ich verwende und warum es für mich wichtig ist, manchmal mittendrin im Schreiben die Software zu wechseln.

Schriftsteller-Gossip also. Links zu Büchern und Musikstücken, Gedanken über Literatur und Hinweise und Andeutungen über laufende Projekte.

Besucht mich doch mal auf https://www.facebook.com/peternathschlaeger

Edle Gedanken

Erinnerte mich gerade wieder an unseren Aufenthalt auf Kuba im Februar 2011. Der blieb mir sowieso schon mal in Erinnerung, weil ich zu meinem Geburtstag ziemlich volltrunken in der Brandung am Strand von Santa Maria del Mar herumtorkelte und unanständige Wortspenden an Land feuerte.
Ich erinnere mich aber auch deshalb daran, weil ich während diesen Urlaubs die Autobiographie von Reinaldo Arenas zum zweiten Mal las (abwechselnd mit Borges unendlicher Bibliothek) und erneut tief berührt war über die Sehnsucht dieses unglücklichen Mannes, zu schreiben – koste es was es wolle, vielleicht sogar seinen Verstand, das Leben.
An einem Nachmittag kamen wir vom Strand zurück nach Havanna. Ich ging zum Hotel Presidente, das direkt neben dem Edificio Presidente liegt, um für einen Freund Zigaretten zu besorgen und um einen oder zwei Mojito zu trinken. Richard plante, ein Nickerchen zu machen, und ich wollte das Zeitfenster nutzen, mich ins Foyer des Hotels setzen und ein paar Gedanken aufschreiben. Es handelte sich dabei um ein paar Ideen, wie ich ein bestimmtes Thema bei meinem damals aktuellen Romanprojekt angehen kann. Die Einrichtung des Hotel Presidente ist dem Namen angemessen, sehr schön und edel eingerichtet. Es ist altmodisch und es gibt im Foyer keine Klimaanlage. Dafür weht eine stete Brise durch die Marmorhalle, streicht über die fein lackierten Kolonialmöbel und kühlt den Schweiß auf der Haut. Ich sitze auf einem der breiten Sofas, und da sind nur mein Herzschlag, das Kratzen des Stifts auf dem Papier und das Klimpern der Eiswürfel im Glas, während der Wind die Vorhänge bauscht. Als ich nach etwa zwanzig Minuten aufblicke, sehe ich an einem der runden, höheren Tische eine elegant gekleidete Dame (ein anderes Wort wäre unangemessen), die ebenfalls schrieb. Auch, wie ich, in ein Moleskin-Notizbuch. Aber meine Herren, war die edel. Alles an ihr strahlte nicht nur Stil und Würde aus, sondern auch das Wollen, edel und elegant zu wirken. Ihre Mundwinkel waren nach unten gezogen, die Lippen im Ansatz geschürzt, die Brille an der Goldkordel saß tief auf der Nasenspitze und ihre Locken waren silberblau getönt. Und da saß ich: Unrasiert, tiefbraun vom Strand, verschwitzt, mit feuchtem, ungebügelten T-Shirt und dem verwegenen Grinsen eines Wahnsinnigen, dem Mojitos und Literatur und Sonne das Hirn gegrillt hatten. Unsere Blicke trafen sich auf halben Weg, könnte man sagen. Vielleicht befürchtete ich, Verachtung in ihrem Blick zu sehen, aber wir grinsten uns an. Wir erkannten uns durch die Masken. Meine, verschwitzt, salzig und unrasiert, ihre, elegant, edel und dezent geschminkt. Ich dachte, während wir uns für eine Sekunde freundlich ansahen, dass wir tun können, was wir wollen. Wir werden beim Schreiben nie wie unsere Vorbilder aussehen, wir werden dabei nie edel sein oder elegant, nie verwegen und abenteuerlich. Wenn wir schreiben, werden wir immer nur Süchtige sein, die sich von ihren Geistern reiten lassen. In ihrem Blick erkannte ich dasselbe, alte Wissen, der Blickkontakt riss ab und wir widmeten uns wieder unseren Zeilen. Unsere Vorbilder und literarischen Ahmen wussten von den Geistern, und wie man sich von ihnen reiten lässt. Und in dieser bedienungslosen Hingabe liegt vielleicht das Geheimnis aller großen, guten Texte vergraben.

Bitterkeit

Hab gerade einen Artikel in der TAZ gelesen, in dem es um ein Asyl für verfolgte Schriftsteller, Karikaturisten und alle anderen Intellektuellen geht. Allein schon, dass es so etwas gibt, ein Asyl für Schriftsteller im Herzen von Mexico City, Mann! Ein Iraner lebt dort. Und ein Afrikaner, und andere Menschen, die für das, was sie schrieben und schreiben, verfolgt wurden. Sie schrieben nicht Beliebiges, Fades und Austauschbares, sie schrieben etwas, wofür sie verfolgt wurden und werden. Das, was sie schrieben, hat Bedeutung.

Irgendwann, wenn man schreibt, kommt man in das Zimmer der Fragen. Und zwar jener Fragen, denen man sich stellen muss, um glaubwürdig weiterschreiben zu können. Warum schreibe ich? was habe ich mitzuteilen? Habe ich denn irgendetwas mitzuteilen? Wie lange kann ich mich mit der Ausrede motivieren, ich will doch nur unterhalten?
Schreiben ist, wenn ich Stephen King glauben will, nichts anderes, als ein Akt gewollten Verstehens. Glaube ich Mario Vargas Llosa, ist Schreiben ein Akt der Unzufriedenheit mit dem was ist. Man spiegelt, verzerrt und macht dadurch deutlich.   
Gemein scheint den Autoren, die ich mag, zu sein, dass sie stets in größter Not schrieben, fliehen mussten für das, was sie schrieben, und dass sie genau deshalb ihre Spuren in der Geschichte hinterließen oder hinterlassen. Ernest Hemingway war ein unglücklicher Mann, der statt zu weinen, große Prosa schrieb. Reinaldo Arenas versteckte sich vor seinen Häschern auf Kuba auf glühend heißen Dächern, wo er schwitzte und Zeilen in die Maschine brüllte, oder er schrieb im Schein der Parklaternen im Leninpark. Poe ertrank in Worten und Alkohol, Juan Rulfo wird totgeschwiegen, obwohl man weiß, dass er mit seinen beiden Büchern den lateinamerikanischen magischen Realismus begründete. Stephen King kämpfte gegen Kokain und Alkohol, er ließ sich von seinen Geistern reiten und schüttelte sie alle ab bis auf die paar, die er braucht, um weiterschreiben zu können. 
Was tun wir? Was tue ich? Egal, wie sehr ich es liebe, Geschichten zu schreiben, nichts von dem, was ich schreibe, hat Bedeutung. Es bewegt nichts, es ist kein Drama mit der Entstehung der Geschichten verbunden, und ich kann nichts Intellektuelles zu irgendetwas beitragen. Ich kann nicht einmal einen Diskurs führen über das, was mir wichtig ist, weil ich die schmerzhafte Lektion gelernt habe, nichts wichtig zu finden, um nicht verletzt zu werden.
Ich bin, wie es scheint, gerade nach den letzten sehr produktiven Monaten im Zimmer aus Fragen und Bitterkeit angekommen, ein Zimmer voller Rasierklingen, einem Raum ohne Antworten. 
Die großen Geister ziehen an den Geschichten vorbei, und nichts von dem, was ich geschrieben habe, löst in ihnen das Gefühl von Verbindlichkeit aus. 
Die Reaktion der Welt auf mein Schreiben gibt es nicht. Sie lässt zu, dass ich schreibe, und so bin ich nicht mehr oder weniger wie alles andere, das in der Gnade der Welt leben und atmen darf. 
Solche Fragen wecken den Wunsch, ein Schriftsteller zu sein, der so wichtig ist, dass er fliehen muss, einer von denen zu sein, für die andere ein Asyl schaffen. So zu fühlen ist dumm und unsensibel das ändert jedoch nichts daran, dass ich so empfinde. Ich schreibe ja nicht einmal gegen eine Wand an, denn die würde zumindest ein Echo zurückwerfen. Das, was ich tue, was meine Geschichten bewirken, ist vielleicht zu vergleichen mit dem echolosen Geschrei eines Mannes, der durch die Wüste wandert und dabei verrückt wird.
All das ist Gejammer auf hohem Niveau, denn mir geht es gut. Erstens habe ich Freude am Schreiben. Die Freude ist immer da, unverbrüchlich, wild und feurig. Und meine Geschichten finden ihre Leser. Manche schreiben mir und berichten, dass es mir gelungen ist, zu ihnen durchzudringen. Durch Zeit, Raum und Zeilen. 
Es geht mir nicht um Erfolg. Erfolg ist die größte aller Huren. Mir geht es um Bedeutung. Sie zu erlangen, wäre ein Ziel, aufs Innigste zu wünschen, um mit Shakespear zu reden.

Neuveröffentlichungen einiger Kurzgeschichten

Einige Ausgaben der E-Book-Reihe Gegen Unendlich werden nun auch im Verlag p.machinery als Hardcopys herausgegeben. Und da finden sich für den Anfang zwei meiner Kurzgeschichten, die ziemlich unheimlich sind und mit denen ich dem mexikanischen Schriftsteller Juan Rulfo zu ehren versuche.

In Das Dorf der anderen geht es um eine Familie, die nach einer nicht näher beschriebenen Apokalypse auf einer Jacht den Amazonas befahren und eines Tages ein Dorf erreichen, in dem alles viel zu schön ist, um wahr zu sein, und aus dem vor allem der Sohn vollkommen verändert aufs Boot zurückkehrt.

In Menschen im Fels erzähle ich die Geschichte von zwei peruanischen Jungen, die eines Tages auf dem Llano, einer felsigen Hochebene, Lebende und Tote finden, die in den Felsen gefangen sind, bis zu den Hüften in Stein eingesunken und die Lebenden flehen um Hilfe. Die Jungen holen die Dorfgemeinschaft, und ab da wird es wirklich übel …

Politische Korrektheit

Im Grunde genommen handelt es sich bei politischer Korrektheit um nicht mehr oder weniger, als um den Willen, durch Sprache, Gestik und Mimik allen Menschen grundsätzlich das gleiche Maß an Würde, Ehrerbietung und Freundlichkeit zuteil werden zu lassen. Für Bürger, die sich dadurch definieren, dass sie Sprachcodes, Symbole und Manierismen entwickeln, um andere Menschen gering zu schätzen, mag allein schon der Wille, alle in der Kommunikation und Ausdrucksform gleich gut zu behandeln, wie ein Affront sein. Gleich erschallt da der vielstimmige Ruf, man würde Denkverbote erteilen, den Menschen einen Maulkorb umhängen oder die Meinungsfreiheit mit Füßen treten, denn immerhin sei die Meinungsfreiheit, das Recht zu sagen, was man denkt, Teil der europäischen Kultur, die es zu schützen gilt.
Spielen wir das doch einmal anhand eines Beispiels durch. In einer geselligen Runde im Fischerbräu sagte einmal einer, den ich zu meinen Freunden zählte, er müsse nun einen Neger abseilen gehen. Gekicher am Tisch, ein Klaps aufs Handgelenk von der Ehefrau, die aber auch grinste. Ach mein Mann, was für ein prächtiger alter Witzbold. Bei einer anderen Gelegenheit sagte er, als er sich zum selben Anlass vom Tisch verabschiedete, er ginge nun, einen Neger ins weiße Haus setzen.
Wenn ich in Gesellschaft bin, und ich denke, so geht es sehr vielen Menschen, ist mir wenig daran gelegen, die anderen am Tisch, die vielleicht auch noch gerade essen, darüber aufzuklären, warum ich nun aufstehe, wohin ich nun gehe und was ich dort mache, wenn ich angekommen bin und die nötigen Vorbereitungen getroffen habe. So weit ich das beurteilen kann, sagt man das auch nicht, um die Anwesenden darüber aufzuklären, dass man nun ginge um den Darm zu entleeren, sondern um alle Anwesenden mehr oder weniger originell auf die eigene, politische Gesinnung hinzuweisen. Es ist meiner Überzeugung nach keine Einschränkung der Meinungsfreiheit, wenn ich sage: „So etwas sagt man nicht. Das ist unanständig und widerlich!“ Mit nur einem Hauch guter Erziehung entschuldigt man sich, wenn man aufsteht, um irgendetwas allein zu tun, sei es, eine rauchen zu gehen oder wenn man sich erleichtern muss. Es ist zum besseren Verständnis nicht nötig zu sagen, man gehe nun scheißen. Oder, um beim vermeintlich witzigen Bild zu bleiben, man ginge, um einen Neger abzuseilen oder einen Neger ins weiße Haus zu setzen. Denkt man das Beispiel konsequent zu Ende, sieht man vor dem inneren Auge einen Neger, dessen äußere Beschaffenheit wie Scheiße ist, die aus dem behaarten Arsch eines Mannes gedrückt wird. Man setzt Menschen mit einer bestimmten Hautfarbe mit Kot gleich und tut dies mit dem Recht auf Meinungsfreiheit.
Ein anderes Bild prägte ein etwa siebzehnjähriger KFZ-Lehrling, der unter ein Foto von einem syrischen Mädchen, das im Hochsommer durch einen Sprühstrahl Wasser aus Feuerwehrschläuchen lief und glückselig lachte, Flammenwerfer wären besser gewesen. Auch gedeckt durch die Meinungsfreiheit. Politisch korrekt wäre es gewesen, zu schweigen, anständig wäre gewesen, so etwas nicht einmal zu denken. Zu sagen, dass man so etwas nicht sagt oder schreibt, führt aber gleich wieder zu dem Aufschrei, man versuche, die Meinungsfreiheit einzuschränken, Denkverbote zu erteilen, man dürfe nicht einmal mehr sagen, was man denkt, in unserem von Ausländerhorden bedrohten Europa.
Meine Vermutung ist die, dass gerade die, die sich am meisten über mögliche Denkverbote erregen, über Maulkörbe und dergleichen mehr, in Wirklichkeit nur eines wollen, nämlich zu sagen, was sie sagen wollen, ohne dafür mit Kritik belästigt zu werden. So wie es vielleicht noch in den Siebzigern war, als der Mann, das Oberhaupt in der Familie, sagte, was richtig und was falsch war, und zwar, ohne mit Kritik rechnen zu müssen.
Möglicherweise waren diese Menschen spießbürgerlicher als wir, und vielleicht auch moralisch absurder, aber sie hätten vermutlich nicht geduldet, dass einer kleine Mädchen mit dem Flammenwerfer bearbeitet oder schwarze Menschen mit Scheiße gleichsetzt.
Besonders verwerflich am Beispiel mit der Gleichsetzung von Schwarzen mit Scheiße ist, dass gerade die, die sich solcher witziger Herrenmenschen-Bonmots bedienen, absolut nichts dagegen einzuwenden hätten, mit einer hübschen Schwarzen oder einem schönen Neger im Bett zu landen und zu ficken, bis die Geschlechtsorgane glitschen und das Bettzeug nach Proteinen und Orgasmus riecht. Denken wir das wieder zu Ende, wenn auch nur für den Moment. Die Menschen, die sich vor Meinungsverboten, Denkverboten und der Diktatur der politischen Korrektheit fürchten, suhlen sich in der Vorstellung, mit Scheiße geilen Sex zu haben, weil die von ihnen durchaus begehrten Schwarzen in ihrem Sprachgebrauch Scheiße gleichgesetzt werden.
Politische Korrektheit war im Grunde genommen nie mehr, als der Versuch, das, was man als anständig umschreibt, zu beschreiben. Es sind keine Gesetze, es sind Best practice Vorschläge, die uns allen helfen sollen, gut und richtig miteinander umzugehen.
Wenn ich mit Freunden am Tisch sitze, wenn wir Bier oder Wein trinken, lachen und scherzen oder uns auch mal lautstark über ein Thema ereifern, dann interessiert mich kein politisches Commitment, und es interessiert mich auch nicht, ob nun einer aufsteht, um scheißen zu gehen, zu pissen oder draußen eine zu rauchen.
Die Menschen, die sich so vor dem Diktat der politischen Korrektheit fürchten, sehen darin eine Methode, um ihnen die Möglichkeiten aus der Hand zu nehmen, zu protestieren, Stellung zu beziehen. Das ist nicht wahr. Es geht viel tiefer. Die Ansätze der politischen Korrektheit beruhen im Grunde genommen auf dem, was wir uns als Gesellschaft in vielen Jahrzehnten der Entwicklung als gut, anständig, ordentlich und gedeihlich erarbeitet haben. Diese selbst ernannten Warmer und Rufer, die Neger mit Scheiße gleichsetzen oder kleine Kinder mit Flammenwerfern bearbeiten möchten, geben vor, die europäische Kultur vor dem Einfluss hereinströmender, kulturloser Unmenschen bewahren zu wollen.
Erlaubt mir bitte die Frage: Wie kann man Menschen, die kleine Mädchen verbrennen, oder mit Scheiße Sex haben möchten, denn für sie sind Neger Scheiße, und kleine Mädchen Ungeziefer, das verbrannt gehört, als Bollwerk zum Schutz der europäischen Kultur sehen?

Digitale Nomaden

oder: Warum ich ihnen nicht glaube…

Über das Thema mit den Digitalen Nomaden stolperte ich vergangenen Juni, als ich einen Bericht las über Backpacker und wie man seinen Koffer ordentlich packt. Mit so wenig wie möglich zu reisen und am besten überhaupt nur noch mit Handgepäck. Das geht; sollte man nicht glauben, aber geht echt. Einige dieser Berichte kamen von Leuten, die man unter dem Überbegriff Digitale Nomaden zusammenfasst. Das hört sich interessant an und die Jungs und Mädchen sind zumeist sehr selbstsicher und kommunikativ. Trotzdem tat sich für mich ein Graben auf, als ich ein wenig auf deren Blogs las, wie sie ihre Reisen, ihre Beweglichkeit finanzieren und wie sie über die Runden kommen.
Der Begriff des Nomaden ist für mich noch immer aufgeladen mit Eigenschaften, die mit Wildheit, Freiheit, Grenzenlosigkeit zu tun haben, aber auch mit Ungebundenheit, Heimatlosigkeit, Verlorenheit. Und ich sehe vor meinem geistigen Auge Wanderer, die durch völlig menschenleere Landschaften ziehen, um das unentdeckte Land zu finden.
Dabei sind Digitale Nomaden mehr noch als alle anderen von Infrastruktur abhängig, denn sie verdienen ihr Geld unterwegs mit elektronischem Equipment: Laptop, Tablet, Smartphone. Sie sind örtlich eingeschränkt ungebunden, das stimmt, aber sie sind nicht frei von Zivilisation und Andockmöglichkeiten. Die Digitalen Nomaden arbeiten im Marketing, als Übersetzer oder betreiben andere Geschäfte im Internet, wie zum Beispiel die Flug- und Reisesuche für Privatpersonen und/oder Unternehmen, die nicht selbst suchen wollen und Alternativen zu herkömmlichen Reisebüros suchen.
Der Begriff des Nomaden beschönigt, dass es sich um Menschen handelt, die zumeist von der Hand in den Mund leben und obwohl sie so tun als ob sie frei wären, niemals von der Zitze der Internetverbindung getrennt werden können. Sie sind Nomaden im digitalen Kuhstall, könnte man sagen, und der Großteil von ihnen lebt dabei nicht wirklich gut. Natürlich kann man das beschönigen und frei nach Thoreau sagen, dass der Ärmste der Reiche ist, den sein Hab & Gut an einen Ort binden, und wirklich reich ist der, der alles, was er hat, mit sich führen kann, doch das ist eine Lüge gegen sich selbst. Die Freiheit des Nomaden beinhaltet auch immer Hunger und die Sehnsucht, nach Hause zu kommen. Nicht jetzt, später vielleicht, aber irgendwann einmal doch.

Jay Alvarez
Ein Digitaler Nomade (und so nomadig ist der gar nicht), der es geschafft hat, ist Jay Alvarez. Der gebürtige Hawaianer brachte es mit seinen hedonistischen Fotografien und Videos zum Millionär, das heißt, er kann sich seine Reisen überallhin sehr wohl finanzieren. Im Rücken hat er eine sehr relevante Anzahl von Unternehmen, die ihn als Werbeträger sponsern. Alles, was er veröffentlicht, sieht mühelos aus, versprüht Lebensfreude und Sorglosigkeit. Allerdings ist Jay die absolute Ausnahme. Seine Voraussetzungen waren und sind ideal: Er kommt aus einer exotischen Gegend, sieht sehr gut aus und ist extrem zeigfreudig. Die deutschen Digitalen Nomaden hingegen, über die und von denen ich gelesen habe, dampfen die Suche nach Einkommensmöglichkeiten geradezu aus. Und das zertrümmert den Eindruck vom langhaarigen, bärtigen Nerd, der femininen, selbstständigen Frau, die mit dem Smartphone und Laptop durch die Landen ziehen und frei sind.
Und mir scheint es nicht frei, wenn man einen erheblichen Teil seiner Zeit aufwenden muss, um Einkommensmöglichkeiten zu finden, von verdienen rede ich noch gar nicht. Da verbringe ich lieber meine Arbeitszeit an einem mir vertrauten Ort und wenn ich auf Reisen gehe, konzentriere ich mich allein auf die Reise selbst, auf das “dort” sein. Und nicht darauf, den nächsten Accesspoint zu finden, um Business zu machen.

iPhone & W.S.Burroughs

Vor vielen Jahren las ich den Roman The Western Lands von W.S.Burroughs, und ganz abgesehen davon, dass der Roman ziemlich verrückt ist und durchwegs homoerotisch, gibt es darin auch ein Kapitel, in dem Burroughs die Modesucht der Großstadtmenschen in den Fünfzigern und Sechzigern aufs Korn nimmt. Nicht, dass sich viel geändert hätte seit dem der Roman erschien, aber die ironische Überzeichnung in diesem Kapitel in Western Lands lässt mich an iPhones denken.
In Western Lands kommt der Reisende mit seinem Begleiter Neferti in eine Stadt, vermutlich meint er Tanger, in der Mode alles ist. Man könnte sagen, dass die Menschen dort it nichts anderem beschäftigt sind, als den Modeströmungen zu folgen und in ununterbrochener Angst und Verzweiflung leben, denn das, was man heute als hochmodisch kauft, ist zwei Stunden später schon wieder Schnee von gestern, altbacken und peinlich. Ununterbrochen beobachten die Bewohner der Stadt nicht nur die Modeströme und Präsentationen, sondern auch mit Argusaugen die Modeverfehlungen von Freunden und Nachbarn. Man kann sch dem ununterbrochenen Druck nicht entziehen, wenn man nicht gesellschaftlich geächtet werden will, und so sind die Bewohner der namenlosen Stadt schizoid, permanent selbstmordgefährdet und besessen von Mode.
Und das lässt mich wirklich an iPhones denken. Die Smartphones von Apple waren für mich früher nie ein Thema. Als ich noch bei UPC arbeitete, beantragte ich mal in Wien ein iPhone 4, weil das meine Kollegen in Amsterdam auch hatten, und wurde brüsk abserviert. Das iPhone 4 steht nur leitenden Managern zu. Dafür bekam ich ein Samsung Galaxy S III. Erst bei der Erstegroup IT bekam ich ein iPhone 5s und war damit zufrieden, und weil ich zufrieden war, interessierte ich mich auch für das Drumherum, las Berichte über Apps und auch all den Gerüchtequatsch, den sich Leute so antun, um die Zeit zwischen den Versionsreleases zu überstehen. Im Dezember bekam ich ein iPhone 7, und weil ich von dem Smartphone doch begeistert war, las ich noch ein wenig mehr über all das Lifestyle-Zeugs rund um die Burschen und Mädels in Cupertino. Was mich an Burroughs und seine Western Lands denken ließ war die Werbestrategie von Apple. Ich bin davon überzeugt, dass die Releaseleaks durchaus gesteuert sind und kein Zufall, ich glaube, dass die Brodelei in der Gerüchteküche über Apple Produkte durchaus gewollt und unterstützt wird, um die “Gier” der Leute auf Appleprodukte am Köcheln zu halten. Doch das bewirkt burroughs´sche Dauerunzufriedenheit: Wenn man nicht gerade so wie ich ein iPhone als Diensthandy kriegt sondern kaufen muss, wie muss man sich da fühlen, wenn man vor dem Applestore kampierte, um einer der Ersten zu sein, um das neueste iPhone zu kriegen, also in diesem Fall das iPhone 7, und wenn man nach Hause kommt und das berühmte Unboxing zelebriert, schreiben sich die ersten Blogger schon wieder die Finger wund, was für ein Wunderding das iPhone 8 erst werden wird. Wie fühlt man sich da? Grad was-weiß-ich, 700, 800 oder gar 900 € für ein iPhone ausgegeben, weil das ja auch irgendwie Lifestyle ist, ein Identifikationsfaktor und alles, und dann reden die Leute schon wieder vom nächsten iPhone? Ich käme mir verarscht vor. Und zwar von oben bis unten.

Wider dem Dogma Show don´t tell

In den meisten Literaturforen wird unsicheren und neuen Autoren eingeimpft, dass Um & Auf des Schreibens ließe sich auf die Aussage: show, don´t tell eindampfen. Zeigen, nicht erzählen. Szenisch statt narrativ.
Das führt so weit, dass an an und für sich gut geschrieben Texten herumgemäkelt wird, in ihnen sei zuviel tell und zuwenig show. Dass show don´t tell ein ebenso bescheuertes Dogma ist wie die plakative Verachtung von Veröffentlichungen, die nicht in herkömmlichen Verlagen stattfinden, liegt, wenn man Abstand wahrt, auf der Hand. Es ist Dogmen zueigen, dumm und stumpfsinnig zu sein. Ich werde hier keinen Stab brechen für Publikationen, für die der Autor bezahlte oder die er in Eigenregie über eine der unzähligen Publikationsplattformen selbst vornahm. Aber ich spreize mich ganz gehörig gegen Show don´t tell.
Aus mehreren Gründen: Würde ein Dogma von allen angenommen, gäbe es nur noch eine Form des Erzählens in der Literatur und alles Überraschende, Eigenwillige und Neue wäre begraben. Die Einhaltung eines bestimmten Erzählmodus macht ein Werk vielleicht übersichtlicher, aber auch ganz gewiss langweiliger. Show don´t tell ist mühsam – für den Leser, der ein Buch liest um zu imaginieren und nicht, wie in einem Kino, zu den visuellen Informationen und dem Dialog vermittels Filmmusik vorgeschrieben bekommt, wie er eine Szene einzuordnen hat. Kurz: show don´t tell ist langweilig – wenn es in einem Werk durchgängig eingesetzt wird.
Gerade der Wechsel zwischen Erzählen, Berichten und Zeigen, ungebunden von Erzählzeit, Perspektive und Position des virtuellen Erzählers, macht aus einem reinen Ereignisablauf ein literarisches Werk. Das Eigentliche bleibt ungesagt, wird aber so deutlich, dass man den Kern des Eigentlich erahnt, so wie man aus dem Nichtgesagten in einem Gespräch Schlüsse ziehen kann.
Die Entscheidung, um die man sich drückt, wenn man sich rein auf show don´t tell verlässt, ist die Entscheidung, wann es notwendig ist für das bessere Verständnis des Erzählten, zu zeigen. Und wann es besser ist, darüber zu erzählen.
Darum, liebe Schriftsteller, lasst Euch von den Literaturforenweisen nicht ins Boxhorn jagen und show don´t tell als alleinseligmachende Lösung weismachen. Es gibt unzählige Möglichkeiten, eine Geschichte zu erzählen, viele davon sind erfasst und im Kanon der Stiltechniken und literarischen Methoden eingebettet. Alles ist erlaubt, wenn es zum besseren Verständnis dient, originell ist und schlicht und einfach funktioniert.
Vergessen wir nie Mario Vargas Llosas weise Worte: Ein Roman ist gut erzählt, wenn das Was mit dem Wie untrennbar verbunden ist.

Eine kleine Polemik gegen Schreibratgeber

Unlängst wieder mal beim Drüberzappen irgendeine dieser erzieherischen Sendungen auf einem der RTL/Pro7/VOX/Kabel 1 Sender gesehen und kopfgeschüttelt. Diese Sendungen verkleiden sich als Infotainment, dienen aber längst nur noch zweierlei: Der Erziehung der einfach gestrickten, und nur manchmal aufmüpfigen Bevölkerung, und der Befriedigung primitiver Neidgelüste. Eine Sendung beispielsweise, in der gezeigt wird, wie Reisende, die in Deutschland am Flughafen ankommend, vom Zoll gerupft werden (mit wie absichtlich eingestreuten Fehlinformationen wie zum Beispiel, dass bei der Einreise auch Inhalte von Digitalkameras kontrolliert werden, denn es könnte ja, ach Du meine Güte …) Hier kann sich der, dem jede Reise zu teuer scheint, genüsslich zurücklehnen und stolz denken: Mir kann sowas nicht passieren, dat sind ja lauter Idioten, sind dat.

In anderen Eriehungssendungen wird am laufenden Band gezeigt, wie Menschen von Angestellten des Kontrollamts betreten werden, und natürlich zuerst laut und selbstbewusst, immer kleiner werden, bis sie samt Hut und Stock unter der Bordsteinkante verschwinden, so winzig sind die auf einmal.

Daneben gibt es Ratgebersendungen en masse  für jede Lebenslage – Da gibt es die: Wie findet man einen Partner, Wie erzieht man Kinder, Wie nimmt man ab, Wie wird man ein Star, Wie wehrt man sich im Urlaub gegen was weiß ich, Wie schlichtet man einen Familienstreit, Wie wird man jung und schön und begehrenswert, Wie kriegt man einen hoch, und Wie kriegt man ihn wieder runter, wenn er dauersteht … das Fernsehen suggeriert, dass wir alle inzwischen zu einem satt brabbelnden Volk von lebensunfähigen Dauerkonsumenten verkommen sind, eine graue Plörre dummgrinsender Erdnusslocken und Bier vertilgenden Idioten, die dankbar sind für jede Lebenshilfe in unserer herzverfettenden Passivität.

Genau den gleichen Scheiß gibts auch in der Schriftstellerei: Es gibt unzählige Bücher zum Thema, wie man Schriftsteller wird, wie man Texte überarbeitet, wie man Gedichte schreibt, wie man einen verdammt guten Roman schreibt, wie man Selbstmarketing betreibt, wie  man einen Stil entwickelt, den die Leser mögen, wie man einen Bestseller schreibt – Freunde, dass ist alles Onanie und Schalmei!

Keiner der abgedrehten Zeilenschinder, die einen dieser Ratgeber schrieben, hat je selbst ein literarisch bedeutsames Werk verfasst, und diejenigen, die literarisch bedeutsame Werke verfassten und verfassen, haben in ihrem Leben weder je einen Literaturratgeber gelesen, noch einen verfasst. Die Sehnsucht und die verquere Logik zu glauben, man könne gut schreiben, wenn man sich an bestimmte Anweisungen hält, deckt sich mit der obszönen, selbstzufriedenen Brustwarzendreherei der Bürger, die sich die Ratgebersendungen im Fernsehen ansehen, weil sie längst den Schritt vom Leben zum Dahinvegetieren vollzogen haben. Dieser Ratgeberszene liegt eine verschlagene Faulheit zu Grunde, die Erfolg verspricht, wenn man gehorcht.

Manche Tipps in den Schreibratgebern sind so schlecht auch wieder nicht, aber ungefähr so selbstverständlich wie der Rat des Vaters an seinen Sohn, im Freien nicht gegen den Wind zu pissen, da verliert man immer. Jeder Nutzer und Leser und Konsument von Ratgebern will den bequemen Weg gehen, den widerstandslosen Weg, den anspruchslosen Pfad wählen – dahin schlendern wo andere sich plagen, um am Ende der Schlenderei erfolgreich und berühmt zu sein. Kurz und knackig: Wer mehr Schreibratgeber liest als Romane, wird eines Tages auch nicht besser schreiben können als der Schreibratgeber dies tat, als er seine zusammengepfriemelten Weisheiten aufs Papier warf.

Schreiben jenseits der Ratgeberei hat auch sehr viel mit Mut zu tun, und mit Arbeit. Mut, auch mal zu scheitern, sich festzuschreiben, zu verzagen, aber nicht aufzugeben. Schriftsteller müssen in Nächten, in denen keine Sterne am Himmel sind, nach denen sie sich richten können, wackere Herzen haben, die unverdrossen weiterschlagen – Laufen lernen, indem man stürzt und aufsteht und weiterläuft. Etwas, dass in den Schreibratgeberbiotopen irgendwie regelmäßig untergeht und bestenfalls pro forma erwähnt wird.

Neuer Roman – geschrieben in MD

Von Zeit zu Zeit packt es mich und ich stoße ein laufendes Romanprojekt um oder parke es in der Lade. das bedeutet nicht, dass es tot ist, aber es schläft tief und fest. In diesen Phasen, wenn ich mich dazu durchringe, ein Projekt wegzulegen und ein anderes zu beginnen oder einzuschieben, sehe ich mir auch immer die aktuellen Schriftstellerprogramme an. Das ist nicht wirklich nerdig; ich tu´s oft, um Zeit totzuschlagen und auch, weil mich nunmal als Schriftsteller interessiert, welche Werkzeuge es gibt, um den zu schreibenden Text zu verfassen, zu organisieren und abzugeben.

Die letzten Projekte verfasste ich mit Scrivener und Papyrus Autor, und seitdem es Scrivener auch für iOS gibt, ist die Versuchung groß, das nächste Projekt auch wieder in Scrivener zu verfassen. Doch dann stolperte ich über Ulysses for iPad, das eigentlich nicht mehr ist, als ein gut angezogener Texteditor, der Markdown kann. Am besten funktioniert Ulysses, wenn es mit iCloud gesynct wird; einige Funktionen scheinen nicht zur Verfügung zu stehen, wenn man einen anderen Clouddienst verwendet. Man kann Notizen, Bilder und Zielvorgaben verwenden, und es gibt eine geballte Ladung an Exportfunktionen.

Deshalb habe ich mich dazu entschlossen, die Geschichte einer unmöglichen Freundschaft zwischen einem ausländerfeindlichen Witwer und einem schwulen, irakischen Flüchtling, in Ulysses zu verfassen … So wie übrigens auch dieses Blogpost 🙂