Digitale Nomaden

oder: Warum ich ihnen nicht glaube…

Über das Thema mit den Digitalen Nomaden stolperte ich vergangenen Juni, als ich einen Bericht las über Backpacker und wie man seinen Koffer ordentlich packt. Mit so wenig wie möglich zu reisen und am besten überhaupt nur noch mit Handgepäck. Das geht; sollte man nicht glauben, aber geht echt. Einige dieser Berichte kamen von Leuten, die man unter dem Überbegriff Digitale Nomaden zusammenfasst. Das hört sich interessant an und die Jungs und Mädchen sind zumeist sehr selbstsicher und kommunikativ. Trotzdem tat sich für mich ein Graben auf, als ich ein wenig auf deren Blogs las, wie sie ihre Reisen, ihre Beweglichkeit finanzieren und wie sie über die Runden kommen.
Der Begriff des Nomaden ist für mich noch immer aufgeladen mit Eigenschaften, die mit Wildheit, Freiheit, Grenzenlosigkeit zu tun haben, aber auch mit Ungebundenheit, Heimatlosigkeit, Verlorenheit. Und ich sehe vor meinem geistigen Auge Wanderer, die durch völlig menschenleere Landschaften ziehen, um das unentdeckte Land zu finden.
Dabei sind Digitale Nomaden mehr noch als alle anderen von Infrastruktur abhängig, denn sie verdienen ihr Geld unterwegs mit elektronischem Equipment: Laptop, Tablet, Smartphone. Sie sind örtlich eingeschränkt ungebunden, das stimmt, aber sie sind nicht frei von Zivilisation und Andockmöglichkeiten. Die Digitalen Nomaden arbeiten im Marketing, als Übersetzer oder betreiben andere Geschäfte im Internet, wie zum Beispiel die Flug- und Reisesuche für Privatpersonen und/oder Unternehmen, die nicht selbst suchen wollen und Alternativen zu herkömmlichen Reisebüros suchen.
Der Begriff des Nomaden beschönigt, dass es sich um Menschen handelt, die zumeist von der Hand in den Mund leben und obwohl sie so tun als ob sie frei wären, niemals von der Zitze der Internetverbindung getrennt werden können. Sie sind Nomaden im digitalen Kuhstall, könnte man sagen, und der Großteil von ihnen lebt dabei nicht wirklich gut. Natürlich kann man das beschönigen und frei nach Thoreau sagen, dass der Ärmste der Reiche ist, den sein Hab & Gut an einen Ort binden, und wirklich reich ist der, der alles, was er hat, mit sich führen kann, doch das ist eine Lüge gegen sich selbst. Die Freiheit des Nomaden beinhaltet auch immer Hunger und die Sehnsucht, nach Hause zu kommen. Nicht jetzt, später vielleicht, aber irgendwann einmal doch.

Jay Alvarez
Ein Digitaler Nomade (und so nomadig ist der gar nicht), der es geschafft hat, ist Jay Alvarez. Der gebürtige Hawaianer brachte es mit seinen hedonistischen Fotografien und Videos zum Millionär, das heißt, er kann sich seine Reisen überallhin sehr wohl finanzieren. Im Rücken hat er eine sehr relevante Anzahl von Unternehmen, die ihn als Werbeträger sponsern. Alles, was er veröffentlicht, sieht mühelos aus, versprüht Lebensfreude und Sorglosigkeit. Allerdings ist Jay die absolute Ausnahme. Seine Voraussetzungen waren und sind ideal: Er kommt aus einer exotischen Gegend, sieht sehr gut aus und ist extrem zeigfreudig. Die deutschen Digitalen Nomaden hingegen, über die und von denen ich gelesen habe, dampfen die Suche nach Einkommensmöglichkeiten geradezu aus. Und das zertrümmert den Eindruck vom langhaarigen, bärtigen Nerd, der femininen, selbstständigen Frau, die mit dem Smartphone und Laptop durch die Landen ziehen und frei sind.
Und mir scheint es nicht frei, wenn man einen erheblichen Teil seiner Zeit aufwenden muss, um Einkommensmöglichkeiten zu finden, von verdienen rede ich noch gar nicht. Da verbringe ich lieber meine Arbeitszeit an einem mir vertrauten Ort und wenn ich auf Reisen gehe, konzentriere ich mich allein auf die Reise selbst, auf das “dort” sein. Und nicht darauf, den nächsten Accesspoint zu finden, um Business zu machen.

iPhone & W.S.Burroughs

Vor vielen Jahren las ich den Roman The Western Lands von W.S.Burroughs, und ganz abgesehen davon, dass der Roman ziemlich verrückt ist und durchwegs homoerotisch, gibt es darin auch ein Kapitel, in dem Burroughs die Modesucht der Großstadtmenschen in den Fünfzigern und Sechzigern aufs Korn nimmt. Nicht, dass sich viel geändert hätte seit dem der Roman erschien, aber die ironische Überzeichnung in diesem Kapitel in Western Lands lässt mich an iPhones denken.
In Western Lands kommt der Reisende mit seinem Begleiter Neferti in eine Stadt, vermutlich meint er Tanger, in der Mode alles ist. Man könnte sagen, dass die Menschen dort it nichts anderem beschäftigt sind, als den Modeströmungen zu folgen und in ununterbrochener Angst und Verzweiflung leben, denn das, was man heute als hochmodisch kauft, ist zwei Stunden später schon wieder Schnee von gestern, altbacken und peinlich. Ununterbrochen beobachten die Bewohner der Stadt nicht nur die Modeströme und Präsentationen, sondern auch mit Argusaugen die Modeverfehlungen von Freunden und Nachbarn. Man kann sch dem ununterbrochenen Druck nicht entziehen, wenn man nicht gesellschaftlich geächtet werden will, und so sind die Bewohner der namenlosen Stadt schizoid, permanent selbstmordgefährdet und besessen von Mode.
Und das lässt mich wirklich an iPhones denken. Die Smartphones von Apple waren für mich früher nie ein Thema. Als ich noch bei UPC arbeitete, beantragte ich mal in Wien ein iPhone 4, weil das meine Kollegen in Amsterdam auch hatten, und wurde brüsk abserviert. Das iPhone 4 steht nur leitenden Managern zu. Dafür bekam ich ein Samsung Galaxy S III. Erst bei der Erstegroup IT bekam ich ein iPhone 5s und war damit zufrieden, und weil ich zufrieden war, interessierte ich mich auch für das Drumherum, las Berichte über Apps und auch all den Gerüchtequatsch, den sich Leute so antun, um die Zeit zwischen den Versionsreleases zu überstehen. Im Dezember bekam ich ein iPhone 7, und weil ich von dem Smartphone doch begeistert war, las ich noch ein wenig mehr über all das Lifestyle-Zeugs rund um die Burschen und Mädels in Cupertino. Was mich an Burroughs und seine Western Lands denken ließ war die Werbestrategie von Apple. Ich bin davon überzeugt, dass die Releaseleaks durchaus gesteuert sind und kein Zufall, ich glaube, dass die Brodelei in der Gerüchteküche über Apple Produkte durchaus gewollt und unterstützt wird, um die “Gier” der Leute auf Appleprodukte am Köcheln zu halten. Doch das bewirkt burroughs´sche Dauerunzufriedenheit: Wenn man nicht gerade so wie ich ein iPhone als Diensthandy kriegt sondern kaufen muss, wie muss man sich da fühlen, wenn man vor dem Applestore kampierte, um einer der Ersten zu sein, um das neueste iPhone zu kriegen, also in diesem Fall das iPhone 7, und wenn man nach Hause kommt und das berühmte Unboxing zelebriert, schreiben sich die ersten Blogger schon wieder die Finger wund, was für ein Wunderding das iPhone 8 erst werden wird. Wie fühlt man sich da? Grad was-weiß-ich, 700, 800 oder gar 900 € für ein iPhone ausgegeben, weil das ja auch irgendwie Lifestyle ist, ein Identifikationsfaktor und alles, und dann reden die Leute schon wieder vom nächsten iPhone? Ich käme mir verarscht vor. Und zwar von oben bis unten.

Wider dem Dogma Show don´t tell

In den meisten Literaturforen wird unsicheren und neuen Autoren eingeimpft, dass Um & Auf des Schreibens ließe sich auf die Aussage: show, don´t tell eindampfen. Zeigen, nicht erzählen. Szenisch statt narrativ.
Das führt so weit, dass an an und für sich gut geschrieben Texten herumgemäkelt wird, in ihnen sei zuviel tell und zuwenig show. Dass show don´t tell ein ebenso bescheuertes Dogma ist wie die plakative Verachtung von Veröffentlichungen, die nicht in herkömmlichen Verlagen stattfinden, liegt, wenn man Abstand wahrt, auf der Hand. Es ist Dogmen zueigen, dumm und stumpfsinnig zu sein. Ich werde hier keinen Stab brechen für Publikationen, für die der Autor bezahlte oder die er in Eigenregie über eine der unzähligen Publikationsplattformen selbst vornahm. Aber ich spreize mich ganz gehörig gegen Show don´t tell.
Aus mehreren Gründen: Würde ein Dogma von allen angenommen, gäbe es nur noch eine Form des Erzählens in der Literatur und alles Überraschende, Eigenwillige und Neue wäre begraben. Die Einhaltung eines bestimmten Erzählmodus macht ein Werk vielleicht übersichtlicher, aber auch ganz gewiss langweiliger. Show don´t tell ist mühsam – für den Leser, der ein Buch liest um zu imaginieren und nicht, wie in einem Kino, zu den visuellen Informationen und dem Dialog vermittels Filmmusik vorgeschrieben bekommt, wie er eine Szene einzuordnen hat. Kurz: show don´t tell ist langweilig – wenn es in einem Werk durchgängig eingesetzt wird.
Gerade der Wechsel zwischen Erzählen, Berichten und Zeigen, ungebunden von Erzählzeit, Perspektive und Position des virtuellen Erzählers, macht aus einem reinen Ereignisablauf ein literarisches Werk. Das Eigentliche bleibt ungesagt, wird aber so deutlich, dass man den Kern des Eigentlich erahnt, so wie man aus dem Nichtgesagten in einem Gespräch Schlüsse ziehen kann.
Die Entscheidung, um die man sich drückt, wenn man sich rein auf show don´t tell verlässt, ist die Entscheidung, wann es notwendig ist für das bessere Verständnis des Erzählten, zu zeigen. Und wann es besser ist, darüber zu erzählen.
Darum, liebe Schriftsteller, lasst Euch von den Literaturforenweisen nicht ins Boxhorn jagen und show don´t tell als alleinseligmachende Lösung weismachen. Es gibt unzählige Möglichkeiten, eine Geschichte zu erzählen, viele davon sind erfasst und im Kanon der Stiltechniken und literarischen Methoden eingebettet. Alles ist erlaubt, wenn es zum besseren Verständnis dient, originell ist und schlicht und einfach funktioniert.
Vergessen wir nie Mario Vargas Llosas weise Worte: Ein Roman ist gut erzählt, wenn das Was mit dem Wie untrennbar verbunden ist.

Eine kleine Polemik gegen Schreibratgeber

Unlängst wieder mal beim Drüberzappen irgendeine dieser erzieherischen Sendungen auf einem der RTL/Pro7/VOX/Kabel 1 Sender gesehen und kopfgeschüttelt. Diese Sendungen verkleiden sich als Infotainment, dienen aber längst nur noch zweierlei: Der Erziehung der einfach gestrickten, und nur manchmal aufmüpfigen Bevölkerung, und der Befriedigung primitiver Neidgelüste. Eine Sendung beispielsweise, in der gezeigt wird, wie Reisende, die in Deutschland am Flughafen ankommend, vom Zoll gerupft werden (mit wie absichtlich eingestreuten Fehlinformationen wie zum Beispiel, dass bei der Einreise auch Inhalte von Digitalkameras kontrolliert werden, denn es könnte ja, ach Du meine Güte …) Hier kann sich der, dem jede Reise zu teuer scheint, genüsslich zurücklehnen und stolz denken: Mir kann sowas nicht passieren, dat sind ja lauter Idioten, sind dat.

In anderen Eriehungssendungen wird am laufenden Band gezeigt, wie Menschen von Angestellten des Kontrollamts betreten werden, und natürlich zuerst laut und selbstbewusst, immer kleiner werden, bis sie samt Hut und Stock unter der Bordsteinkante verschwinden, so winzig sind die auf einmal.

Daneben gibt es Ratgebersendungen en masse  für jede Lebenslage – Da gibt es die: Wie findet man einen Partner, Wie erzieht man Kinder, Wie nimmt man ab, Wie wird man ein Star, Wie wehrt man sich im Urlaub gegen was weiß ich, Wie schlichtet man einen Familienstreit, Wie wird man jung und schön und begehrenswert, Wie kriegt man einen hoch, und Wie kriegt man ihn wieder runter, wenn er dauersteht … das Fernsehen suggeriert, dass wir alle inzwischen zu einem satt brabbelnden Volk von lebensunfähigen Dauerkonsumenten verkommen sind, eine graue Plörre dummgrinsender Erdnusslocken und Bier vertilgenden Idioten, die dankbar sind für jede Lebenshilfe in unserer herzverfettenden Passivität.

Genau den gleichen Scheiß gibts auch in der Schriftstellerei: Es gibt unzählige Bücher zum Thema, wie man Schriftsteller wird, wie man Texte überarbeitet, wie man Gedichte schreibt, wie man einen verdammt guten Roman schreibt, wie man Selbstmarketing betreibt, wie  man einen Stil entwickelt, den die Leser mögen, wie man einen Bestseller schreibt – Freunde, dass ist alles Onanie und Schalmei!

Keiner der abgedrehten Zeilenschinder, die einen dieser Ratgeber schrieben, hat je selbst ein literarisch bedeutsames Werk verfasst, und diejenigen, die literarisch bedeutsame Werke verfassten und verfassen, haben in ihrem Leben weder je einen Literaturratgeber gelesen, noch einen verfasst. Die Sehnsucht und die verquere Logik zu glauben, man könne gut schreiben, wenn man sich an bestimmte Anweisungen hält, deckt sich mit der obszönen, selbstzufriedenen Brustwarzendreherei der Bürger, die sich die Ratgebersendungen im Fernsehen ansehen, weil sie längst den Schritt vom Leben zum Dahinvegetieren vollzogen haben. Dieser Ratgeberszene liegt eine verschlagene Faulheit zu Grunde, die Erfolg verspricht, wenn man gehorcht.

Manche Tipps in den Schreibratgebern sind so schlecht auch wieder nicht, aber ungefähr so selbstverständlich wie der Rat des Vaters an seinen Sohn, im Freien nicht gegen den Wind zu pissen, da verliert man immer. Jeder Nutzer und Leser und Konsument von Ratgebern will den bequemen Weg gehen, den widerstandslosen Weg, den anspruchslosen Pfad wählen – dahin schlendern wo andere sich plagen, um am Ende der Schlenderei erfolgreich und berühmt zu sein. Kurz und knackig: Wer mehr Schreibratgeber liest als Romane, wird eines Tages auch nicht besser schreiben können als der Schreibratgeber dies tat, als er seine zusammengepfriemelten Weisheiten aufs Papier warf.

Schreiben jenseits der Ratgeberei hat auch sehr viel mit Mut zu tun, und mit Arbeit. Mut, auch mal zu scheitern, sich festzuschreiben, zu verzagen, aber nicht aufzugeben. Schriftsteller müssen in Nächten, in denen keine Sterne am Himmel sind, nach denen sie sich richten können, wackere Herzen haben, die unverdrossen weiterschlagen – Laufen lernen, indem man stürzt und aufsteht und weiterläuft. Etwas, dass in den Schreibratgeberbiotopen irgendwie regelmäßig untergeht und bestenfalls pro forma erwähnt wird.

Neuer Roman – geschrieben in MD

Von Zeit zu Zeit packt es mich und ich stoße ein laufendes Romanprojekt um oder parke es in der Lade. das bedeutet nicht, dass es tot ist, aber es schläft tief und fest. In diesen Phasen, wenn ich mich dazu durchringe, ein Projekt wegzulegen und ein anderes zu beginnen oder einzuschieben, sehe ich mir auch immer die aktuellen Schriftstellerprogramme an. Das ist nicht wirklich nerdig; ich tu´s oft, um Zeit totzuschlagen und auch, weil mich nunmal als Schriftsteller interessiert, welche Werkzeuge es gibt, um den zu schreibenden Text zu verfassen, zu organisieren und abzugeben.

Die letzten Projekte verfasste ich mit Scrivener und Papyrus Autor, und seitdem es Scrivener auch für iOS gibt, ist die Versuchung groß, das nächste Projekt auch wieder in Scrivener zu verfassen. Doch dann stolperte ich über Ulysses for iPad, das eigentlich nicht mehr ist, als ein gut angezogener Texteditor, der Markdown kann. Am besten funktioniert Ulysses, wenn es mit iCloud gesynct wird; einige Funktionen scheinen nicht zur Verfügung zu stehen, wenn man einen anderen Clouddienst verwendet. Man kann Notizen, Bilder und Zielvorgaben verwenden, und es gibt eine geballte Ladung an Exportfunktionen.

Deshalb habe ich mich dazu entschlossen, die Geschichte einer unmöglichen Freundschaft zwischen einem ausländerfeindlichen Witwer und einem schwulen, irakischen Flüchtling, in Ulysses zu verfassen … So wie übrigens auch dieses Blogpost 🙂

Abris und Nibis Amida

Am Ende des zweiten Bandes der Inseln im Westen Bücher, Weltendämmerung, gebären Rosalia und Saarí ihre Söhne Nibis Amida Rabenreich und Abris Gonzales. Sie sind die Kinder der Protagonisten Daniel und Rosalia Rabenreich und Arturo und Saarí Gonzales. Daniel und Rosalias Sohn Nibis Amida hat seinen Namen von den beiden, sich umkreisenden Welten Nib und Amid, der Wolken- und der Wasserwelt.

Abris Gonzales ist der Sohn eines Menschen (Arturo Gonzales, ein halbwüchsiger Canario) und einer Nibianerin, Saarí. Abris hat seinen Namen vom Zwerplanet Abrastos, in dessen Orbit, in den Eiskristallnebeln schwebend, Arturo und Saarí sich liebten.

10955303_10203099813175268_8529029980427177183_nDaniel Rabenreich, der im ersten und zweiten Buch eine Hauptrolle spielt, gibt es wirklich, auch, wenn sein Schicksal frei erfunden ist: nach einem tragischen Arbeitsunfall, bei dem er seinen rechten Unterschenkel verliert, reist er seinem väterlichen Freund nach, um in seiner Nähe auf Gran Canaria ein neues Leben als Frühpensionist zu leben. Sein Vorbild ist Daniel H., den ich seit 2005 kenne, als wir wöchentlich gemeinsam mit der U3 zeitig am Morgen von Ottakring zum Westbahnhof fuhren. Über die Jahre haben wir uns angefreundet und wenn sich die Gelegenheit ergab, lange und wuchernde Gespräche über Gott & die Welt & eh alles andere auch geführt. Gerade das Spannungsfeld, zwischen einem jungen Mann, der gar nicht genug Bewegung haben konnte und nun durch seine behinderung eingeschränkt ist, und einem älteren Mann, der nach dem Tod seines Lebensgefährten geradezu gelähmt ist, trägt viel zur Grundstimmung der ersten beiden Bücher bei.

gc-101Arturo Gonzales ist der fünfzehnjährige Sohn eines prominenten Wirten in Las Palmas de Gran Canaria. In seiner Freizeit hilft er den Eltern im Betrieb und so oft es geht, nimmt er seinSurfbrett und sucht mit seinen Freunden Hotspots, die mehr oder weniger unzugänglich, und deshalb wenig besucht sind. Im Roman wird Arturo Gonzales, der freiheitsliebende, impulsive aber loyale Bursche, zu einer Galeonsfigur einer heraufbeschworenen Revolution, und im weiteren Verlauf zum Vater von Abris. Arturo ist ein blonder Ur-Canario, und wie man auf dem Foto sehen kann, scheint es ihn zumindest in einer anderen Realität wirklich zu geben. Am Ende des zweiten Buches verlässt Arturo seine junge Familie, weil er mit dem Erlebten nicht fertig wird, und lebt, wie ich im aktuellen Projekt schreibe, für Jahre allein auf einem Boot auf dem künstlich geschaffenen Wasserplanet Canarias. Er hat eine traurige Rolle, eine ernste Rolle, vor allem, weil er viel zuschnell erwachsen werden, und harte Entscheidungen treffen musste, und großes Leid und wirre Grausamkeiten miterlebte.

Ihre Söhne Nibis Amida Rabenreich und Abris Gonzales wachsen in einer künstlichen Sphere auf, die von den fünfzehn Millionen Bewohnern auch Das rasende Nest genannt wird. Sie werden tragische und große Helden quer durch die Bandbreite der Realitäten. Sie werden an den Rand des Wahnsinns getrieben und großes Leid erfahren. Aber vielleicht sind gerade diese tragischen Schicksalsschläge das Feuer, in dem Helden geschmiedet werden?

Drogen, Sex und der richtige Mann

drogen-sex-und-der-perfekter-mann-web-coverDie Kurzgeschichte Leere Türen erschien zuerst in der Anthologie Liebe und andere Schmerzen, ausgewählt von Jannis Plastargias, im Verlag Größenwahn. Den Titel hatte ich mit Bedacht gewählt – vor allem aus dem naheliegenden Grund, weil es in der Geschichte um Türen geht, die sich öffnen aber nirgendwohin führen, oder irgendwohin, von wo man nicht mehr zurückkehren kann, sosehr man sich das auch wünschen mag.

Mit der Änderung des Titels hatte ich also nichts zu tun, nehme es aber dem Verlag auch nicht wirklich übel, dies ohne meine Zustimmung oder in Abstimmung mit mir gemacht zu haben.

Jetzt jedenfalls erscheint die Kurzgeschichte als E-Book, ein Appetithäppchen des Verlags und ich lege sie jedem ans Herz, der die Melancholie der Einsamkeit kennt, das Gefühl der Irritation, wenn man neben jemand aufwacht, an den man sich nicht erinnern kann oder der, im Moment des Aufwachens, eine beunruhigende Transformation durchmacht – und nicht nur er, sondern die ganze Welt, in die er einen mitgenommen hat.

Es ist eine Geschichte ohne Trost und ohne moralisch erbauliches Ende, und so ist sie, ganz ohne moralischer oder sittlicher Botschaft, wie sich das Leben manchmal zeigt: trügerisch, doppelbödig und verheerend.

Die Inseln im Westen, Band 1: Nebelgeister

Die Inseln im Westen – Band 1 NebelgeisterSo. Am 1.9.2016 erscheint also der erste Band des zweiteiligen Romans Die Inseln im Westen im Himmelstürmerverlag, Hamburg als Hardcover Luxusedition. Die Auflage ist klein gehalten und für die Sammler und langjährigen Fans meiner Romane gedacht. Zeitgleich erscheint der erste Band auch als E-Book in allen gängigen Formaten. In den nächsten Wochen werde ich ein paar Beiträge über diesen Roman schreiben und auch darüber, wie die Geschichte weitergehen könnte. Oder wird.

In den Beiträgen möchte ich ein wenig die Hintergründe des Romans beleuchten, vor allem in Bezug auf frühere Publikationen, in welchen Universum sich das alles ereignet und wie einzelne Romane von mir untereinander verknüpft sind. Soweit es mir möglich ist und sinnvoll erscheint, werde ich auch darüber schreiben, welche Menschen mich inspirierten – denn es gibt einige Charaktere, die es wirklich gibt …

 

Raspail – Das Heerlager der Heiligen

61eT01meiWL._SX300_BO1,204,203,200_Bisher habe ich immer die Meinung vertreten, dass Oscar Wilde recht hatte als er sagte, es gäbe keine moralischen Bücher sondern nur gut oder schlecht geschriebene. Das war auch in so gut wie allen Diskussionen über Literatur stets mein Credo und ich habe mich nun ertappt, dass ich davon abwich, in dem ich einen Roman, den ich noch nicht gelesen hatte, als Schundroman bezeichnete, weil er von der von mir aus gesehen falschen Richtung Applaus kam und hochgejubelt wurde.

Um das Buch wirklich beurteilen zu können, werde ich es lesen müssen, soviel ist klar. Die Frage ist, ob ich es lesen will. Dabei geht es mir gar nicht darum, ich könnte mit „unangenehmen Wahrheiten“ und „Dingen, die man so nicht schreiben darf“ konfrontiert zu werden. Herrgott, ich habe W.S.Burroughs weinerlich-selbstgefällige Drogenprosa ausgehalten, in der er einerseits die Pose des literarischen Revolutionärs und linken Allesverstehers einnimmt, in Wirklichkeit aber bewies, dass er ein schwules, chauvinistisches Arschgesicht war, für den halbwüchsige Mexikaner und Marokkaner nur einen Lebenszweck hatten, nämlich ihn zu vergöttern und im Bett bei Laune zu halten – wenn er nicht gerade zu dicht für diese Art der Vergnüglichkeiten war. Er unterschied sich in dieser Haltung in keinster Weise von den Großgrundbesitzern in den Südstaaten, die genau jene Schwarzen fickten, denen sie jegliche Menschlichkeit absprachen.

Nein, Moral und Sittlichkeit haben für mich noch nie ein Buch definiert. Was mich tatsächlich stört, ist der Applaus der falschen Seite, die Vereinnahmung eines literarischen Werkes durch Menschen, mit denen ich neverever auf ein Bier gehen würde, weil ich andauernd den Eindruck hätte, dass sie mich missionieren wollten. Und natürlich schmeckt mir die generelle Ausrichtung des Verlags nicht mit seiner Sammlung verschwörungs-salbungsvoller-rechtsnationaler Literatur. Und dass sie den elenden Pirincci im Programm haben, der sich durch nichts mehr von dem Rotz unterscheidet, den er auf die Literatur spuckt.

Ich werde Jean Raspails Buch lesen, und sei er noch so monarchisch-katholisch-alteuropäisch. Wenn es gut geschrieben ist, werde ich meine Freude daran haben.